Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438432-2438443--3488-2443257- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. il JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Bus der zionistifdien Bewegung in Ungarn. Am 8. und 9.. d. M. feierte die Vereinigung zionistischer Hochschüler „Makkabäa“ in Budapest ihr 20-semestriges Stiftungsfest. Unter reger Beteiligung der Alten Herren, die aus allenT eilen des Landes herbeieilten, zion. Führer und des Publikums, fanden die Festlichkeiten statt. Sie be-i gannen mit einer internen Veranstaltung am Samstag - Abend. Hierbei sprachen Dr., Josef Schonfeld und Dr. Bernhard Eisenberg, Bei dieser Gelegenheit wurde unter den Alten Herren eine Sammlung zugunsten der Jemenitenaktion eingeleitet, die am selben Abend 1500 K eintrug. Sonntag vormittag fand im Festsaale der Pester isr. Kultusgemeinde ein Festkonvent statt. Nach der' Eröffnungsrede des derzeitigen Präses der Makkabäa, Dr. Viktor Jordan, er-r griff Dr. Nisson Kahan das Wort zur Festrede, in der er den Werdegang der „Makkabäa“ schilderte. Hierauf erfolgten die Begrüßungen. Es sprachen u. a„ David Wofffsohn, Dr. Ph. Korngrün (für das Er Ai C;), Ludwig B a 16 (Zionistischer Landesverband für Westösterreich), Dr. Hugo Spitzer (Südslawischer Zionistenverband), ferner die Vertreter, zahlreicher Studentenkorporationen, darunter von den aus Wien gekommenen: Schindler (Kadipiah), Grünbaum (Zephira) und Dr. -Weil (Theodor Herzl). Zwei Dichter, Josef Patai und Avigdor Feuerstein, trugen ihre der „Makkabäa“ gewidmeten ungarischen, bezw. hebräischen Oden vor. — Mit einer Ansprache des Mitpräses Ludwig Simon endete der Konvent, dem ein zahlreiches Publikum beiwohnte. Nachmittags fand im Sitzungssaale des Alten Parlaments ein Massenmeeting statt. David Wolffsohn erläuterte in beredten Worten die Grundwahrheiten des. Zionismus, nach ihm sprach Benjamin Beregi, Präsident der ungarländishcen Zionistenföderation. Das Meeting endete mit Annahme einer zionistischen Resolution. Am Abend fand ein Fesfkommers statt, der einen äußerst animierten Verlauf nahm. Es sprachen außer den früheren - Ing. ■ Johann - K r e m en zk v, Dr. O.e.sterreicher, Dr. Dömeny, Ing: Bisse 1 i ch e s u. a. m. Alles in allem bedeutet das Fest, das vorzüglich organisiert war, einen Erfolg nicht nur für die „Makkabäa“, sondern auch für den ungarischen Zionismus. Keim unharmonisches Wort ertönte während der Festlichkeiten, nichts, was auch nur den Gedanken aufkommen ließe, daß die ungarischen Zionisten etwa weniger nationaljüdisch gesinnt wären als die Zionisten anderer Länder. Im Gegenteil: diese Feier bewies, daß sich die ungarischen Zionisten organisch in die große national-jüdische Volksbewegung einfügen. „Herzl-KIub“, Wien, II., Leopoldsgasse .31. Samstag, den 15. März 1913 Grobes Eurim-Mastten-Eest im Festsaale des Hotel Continental, II., Taborstraße 4. Musik: Regimentsmusik des k. u. k. Infanteriereg. Nr. 82. Tanzarrangement: Herr Prof. Jacques Löw. Beginn 9% Uhr abends. Entree im Vorverk. K 2.—, >an der Kassa K 2.5Q Kostüm, Soiree- oder Sommertoilette. Karten erhältlich: Bei allen' Komiteemitgliedern, in allen gesinnungsgenösSischen Cafes und in der Redaktion der „Jüdischen Zeitung“, II., Karmeliteiplatz 1. Blodi and Rohling oder: (Oie iidi Oie Zeiten ändern. Dr. Blocks Oesterreichische Wochenschrift empfiehlt antisemitische Literatur. Unter diesem 'Titel schreibt unser Prager Bruderorgan „Selbstwehr“: „Vor einigen Wochen ist ein antisemitisches Machwerk „Der Talmud“ erschienen, für dessen Verbreitung der Verlag unter allen Juden eine ausgebreitete Propaganda gemacht hat. Schwindelhafte' Anpreisungen hoben die objektive Darstellung des Buches hervor, das in Wirklichkeit eine Zusammenstellung aus den antisemitischen' Schriften Rohlings, bringt. In zwei Artikeln haben' wir'den'Schwindel aufgedeckt. Wir haben‘die Juden darauf aufmerk- : merksam" gemacht, . daß I:itenanjitA'‘ antisfcmiti- - sehen Betrug zum Opfer" fällen,’ wenn sie das Buch kaufen. Wir haben — wie wir wissen, mit Erfolg — das antisemitische Manöver der Wiener Buchhandlung vereitelt. Fast alle jüdischen Zeitungen wurden durch unsere Aufsätze gewarnt und warnten dann auch ihre Leser. Es war und ist daher mit Recht anzunehmen, daß kein Jude, der irgend ein jüdischer Organ liest, durch die Bestellung des von Wien aus angepriesenen Buches ein gemeines antisemitisches Hetzunternehmen unterstützt hat. In der am 28. Februar 1.913 erschienenen Nummer von „Dr. Blochs Oesterreichischen Wochenschrift“ finden wir nun folgendes Inserat: ln unserem Verlage ist erschienen: „Der Talmud“ in deutsch. Übersetzung herausgegeben v. Alfons Szentesy. Preis K 6.— Es existiert kein zweites Buch auf dem deutschen Büchermarkt, das in das Wesen des Talmud besser, schneller u. verlässlicher einführen könnte, als diese tieffliche und verdienstvolle Ausgabe. Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder direkt durch die Th. Mattern’sche Verlagsbuchhandlung Wien, X., Keplerpl. 3. Blochs Wochenschrift besorgt also, wie man sieht, die Geschäfte der Ritualmordpropaganda. Jeder Kommentar ist überflüssig. „Ein technisches Versehen“ kann natürlich nicht als Entschuldigung angenommen werden. In eine jüdische Zeitschrift dürfen um keinen Preis Inserate antisemitischer Druckschriften aufgenommen werden. Mit welchem Recht dürften sich dann die Juden beschweren, wenn nichtjüdische Zeitschriften antisemitische Werke als „verläßlich, trefflich und verdienstvoll“ rühmen? Es ist von einer gewissen Pikanterie, daß Bloch, der sich immer, mit Recht, seines Kampfes gegen Professor Rohling rühnjt, einige Jahrzehnte später ein Werk in seinem Organ rühmen läßt, das sich ganz auf Rohling stützt. NESTLE MS m PROBEDOSE VERSENDET GRAUS: ■ JjEWWNgßÄjBIBgSjR^^i ouäm/L Feuilleton. Chaimki Hunds letzter Tag*). Von S. M. Melamed (London).' Chaimki Hund, ein weit und breit bekannter Lump und gefürchteter Mensch, war der Sohn eines armen Thorarollenschreibers. Er hatte in. seiner Jugend bessere Tage gesehen. Mit lö jah-: ren schickte ihn sein Vater nach Amerika'. Chaimki; War, wie viele seiner Schicksalsgenossen,' in keine Matrikel eingetragen und daher Staat und Gemeinde offiziell : eine unbekannte ' Existenz, obwohl ihn:jeder in der Stadt kannte. Sein Vater,' fürchtete, der Sohn könnte für den Mi itärdienst; eingezogen werden, was in seinen -Augen eine; Schmach -bedeutete, er hatte deshalb der Be-: hörde seine ’ Existenz verheimlicht. Aus diesem; Grunde konnte Chaimki Hund keinen Reisepaß; -erhalten, und gleich vielen anderen wagte er es,' •die Grenze heimlich zu schwänzen. Er wurde jedoch von den Grenzsoldaten bemerkt, ange-; schössen und von den auf den Alarmruf herbeigesprungenen Grenzwächtern blutüberströmt auf der Erde liegend aufgefunden. Er wurde nach dem nächsten Spital -gebracht, wo ihm beide Beine amputiert werden mußten. Chaimkis Vater, der auf diese Weise um seihen „amerikanischen“ Ernährer gekommen war, nahm sich die Sache' so zu Herzen, daß er bald darauf •starb, seinen ungeratenen Sohn einem ungewissen Schicksal überlassend. -Seit dem Tode seines Vaters bettelte Chaimki. Auf seine jämmerlichen Holzkrücken gestützt, schleppte er - sich die engen, ungepflasterten Straßen entlang,' blieb vor jeder' Tür stehen und streckte seine Hand nach einem Almosen öder nach einem Stück Brot aus.'Chaimki hatte nie etwas gelernt, ' in der Stadt hieß es sogar, er könnte nicht einmal „dawnen“. Allein dieser Krüppel hatte ein Paar wild blinzelnde, ausdrucksvolle Augen, ein intelligentes Gesicht und eine hohe, „rabbinische“ Stirn. Seiner Mundfertigkeit wegen war er gefürchtet und ge¬ *) Aus S. M. Melamed „Gestalten und Schatten“. Verlag Louis Lamm, Berlin. Zu beziehen durch die „Jüdische Zeitung“, Wien, II/3. haßt; er sagte den Menschen die Warheit in der gröbsten'Form ins Gesicht, ja es machte ihm Spaß, die „Frommen“ und die „Gerechten“ einer Lüge oder einer gemeinen Handlung zu überführen. Er kannte alle Familien-Intimitäten und wußte oft ein Almosen zu erpressen. Die Leute gaben ihm hin und wieder ein paar Groschen,; eine alte Hose oder ein Stück Brot, nicht aud Erbarmen, sondern aus Angst vor seinem Mundwerk, das — wie die alten' Weiber meinten — „Berge und Wände auseinänderbringen kann.“ Chaimki roch nach, erstickten Skandalen, nach Familien-Zwisten, er intrigierte gegen die Leute und konnte zmveilen wochen- und monatelang einem, im Keime unterdrückten Skandal auf die Spür gehen, um — später ein Stück Brot oder eine alte Hose erpressen zu können. Bei diesem wenig sauberen Geschäft bekundete _ er die Ruhe eines Gelehrten und den Scharfsinn; und die Kombinatiönskraft eines amerikanischen Detektivs. Seine an den Tag gelegte Geistesarbeit und Intelligenz hätten ausgereicht, um aus ihm einen bedeutenden Gelehrten zu machen. Er bereitete oft den Großen und Reichen Unannehmlichkeiten — aber auch den kleineren Leu-; ten in der Stadt riß er die Maske vom Gesicht. Er hatte eine unsägliche Freude, die Leute zu entlarven, sie zu ärgern, in die Verzweiflung zu treiben. Man nannte ihn deshalb „Hund“, weil, er immer bellte und zu beißen wußte. " Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang hielt er sich im oder um den Hekdesch auf; am Tage schleppte er sich von Haus zu'Haus, bettelte, forschte die Kinder aus, roch nach Skandalgeschichten, oder'zankte mit den; Leuten auf der Straße. Seine Bewegungen waren flink, wie die eines gehetzten'Wildes, sein Blick eindringend, und sein ganzes Aussehen verriet die verwahrloste Intelligenz. Seitdem er als „geheilt“ aus dem Spital entlassen war, verließ er die Stadt nicht mehr. Im"'Laufe der Jahre hatte er den Haß aller Menschen auf sich gezogen; er war jedem unbequem, man hatte ihn satt Und niemand wollte von ihm etwas wissen.' Ein Tier hätte mehr Mitleid erwecken können, als dieser Lump mit dem verkrüppelten Körper, den man lange, lange Jahre auf Krücken sich hafte schleppen sehen. Schließlich hätte Chaimki es so weit getrieben, daß der Haß der Leute gegen ihn in eine Verfolgung ausartete. Als er sich am Morgen nach Jom-Kippur in seine Krücken gesetzt hatte und die ers^e Straße, die vom Hekdesch nach der Stadt führte, abzuklappern begann, — riefen ihm die Juden und alten Weiber zu: „Mach4, daß du fortkommst, Intrigant, Lump! Mach*, daß du fortkommst!“ Er antwortete mit ein paar bissigen ' Bemerkungen, daß die Leute erröteten, fluchte, spuckte vor ihnen aus und schleppte sich auf seinen Krücken weiter. In der nächsten Straße empfing man ihn ebenso. So hatte er fast alle Straßen abgeklappert, ohne nur ein Stück Brot bekommen zu haben. Die Einen gaben ihm nichts mehr, weil sie eine förmliche Wut auf ihn hatten und sich an ihm rächen wollten, die Anderen, meistens alte Weiber, hielten ihn für einen Schwindler, sie sagten: „Jetzt bettelt er schon seit Menschen Gedenken; er gibt nie einen Groschen aus und verkauft sogar den Hirten sein Brot, also muß er doch gesammeltes Geld haben und braucht nicht zu betteln.“ Seit mehreren Tagen hatte er nichts mehr gegessen und in der ganzen Stadt auch nichts bekommen. Die Juden und die Weiber hatten sich vörgenommen, von ihm sich nicht mehr erpressen zu lassen. Wenn er aber nicht mehr erpressen konnte, war er dem Hungertode ars'gesetzt. Es blieb ihm daher nur noch ein Ausweg: den katholischen Pfarrer aufzusuchen. Er hatte schon oft von ihm etwas bekommen, ja sogar vveiße Hemden.... Aber der katholische Pfarrer wohnte außerhalb der Stadt, neben dem1 christlichen Friedhof. Er mußte also noch einen Weg von 3 Kilometern machen. Er fühlte sich zwar sehr matt und gebrochen, aber dennoch entschloß er sich, den Gang zu unternehmen. Draußen war es kalt und regnerisch. Der Himmel war dicht bewölkt, eiskalte Nordwinde peitschten durch die Lüfte und heulten durch die herbstlichen Femen. Aber Chaimki Hund kroch auf seinen Krükken weiter. Sein Gesicht war verzerrt vor Schmerz und Zorn, in seinen Augen spiegelte sich die ganze verzweifelte Wut eines Schwachen wieder. Unter Anstrengung aller seiner Kräfte schleppte er sich im Kot fort, bald1 dumpf ver-