Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 10 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 nochwenig zahlreichen Großindustriellen, dann aber auch immer bewußter das der Industriearbeiter die utopischen Pläne zurück. An deren Stelle trat nun eine Parallelerscheinung zum russischen Nationalismus, nämlich das bewußte Streben, die Westgebiete, die einst dem Königreich Großpolen angehörten, kulturell zu p olonisigren. Ueberall setzte die Bewegung ein. Am schärfsten aber wandte sie sich sofort gegen die Juden, das stärkste der fremden Elemente, das in den Städten überall einen Bestandteil von mindestens 30 Prozent, vielfach aber die Hälfte und bis über drei Viertel der Einwohner umfaßt. Bezeichnenderweise ist heute die einzige polnische Partei, die das antisemitische Kesseltreiben nicht mitmacht, die Sozialdemokratie, nicht aus rein idealen Erwägungen — die Lehre Marx’ vermag sie in den Ländern mit ausgesprochenem Nationalitätenkampf nirgends vor der nationalistischen Ansteckung zu schützen — sondern darum, weil das Arbeiterproletariat unter dem Wettbewerb der Juden wenig zu leiden hat. Die Zuspitzung aller nationaler Fragen im russischen Reich hat auch das jüdische Selbstgefühl gewaltig gesteigert und der Zionismus tritt hier als starke politische Partei auf. Selbst sprachlich suchen sich die Juden selbständig zu machen und neben der Verbreitung des Russischen werfen ihnen die Polen auch die Pflege des jüdischen Jargons vor, dessen periodische Literatur sich rasch entwickelt. ' -Da man die» Juden nicht allesamt totschlagen kann, möchten die Polen sie wenigstens zur Auswanderung zwingen. Es handelt sich um einige Millionen Menschen, die man zu diesem Zweck in allen ihren Lebensäußerungen poch ärger einzuschränken, noch boshafter zu quälen sucht, als bisher. Neben dem wirtschaftlichen Boykott — ein gesellschaftlicher bestand schon lange — will man auch politisch die Juden verdrängen, ln der dritten Duma verunstalteten gerade die polnischen Abgeordneten der verhältnismäßig fortschrittlicheren Gruppen den Regierungsentwurf über die polnische Städteordnung, der in Polen eine abgeschwächte Form kommunaler- Selbstverwaltung ermöglichen soll.- durch antisemitische Anträge. Sie beantragten, für die Gemeinderäte überall eine Prozentnorm festzusetzen, über die hinaus die Zahl jüdischer nicht gehen soll. Natürlich ist sie wesentlich niedriger als die Verhältniswahl der jüdischen Bevölkerung in den allermeisten Städten oder gar der Steuerertrag, den die Juden leisten. Die Juden, die infolge der kapriziösen Wahldas zerrissene Meer. Und er arbeitet wieder mit aller Kraft. Plötzlich sieht er, wie von der Seite Etwas an das Boot 'heranschwimmt: ein menschlicher Körper; ein .Ertrunkener; ein Weib. Er sieht die . Haare ganz nah vor sich, schwarze Haare Sein. Weib hat solche Haare. Unter den Haaren lugen weiße Hände hervor . . . Sein Weib hat solche Hände. Und eine Stimme ruft: •„Rette michj“ Das ist die Stimme seines Weibes, der. Mutter seiner Kinder. . . . Sie ward ihm auf dem zweiten Boot .nachgefahren sein. Sie ertrinkt, sie ruft ihn um Hilfe an. . . . Er dreht das Boot nach rechts, will auf die ertrunkene Gestalt zu, das Meer hindert ihn. Wellen türmen sich auf. Der Sturm rast und heult; aber er hörte ihre Stimme durch den Sturm: „Rette mich, rette mich, Satje, rette mich!“ Die letzten Kräfte bietet er auf, um an sie zu kommen. Nun ist er nicht mehr weit von dem weißen Fleck. Die Haare sieht er nicht mehr, nur das schwimmende, untergehende Kleid. Schon reicht er mit dem Ruder hin. Aber da erhebt sich wieder eine Welle zwischen ihm und ihr und sie wird nach einer, das Boot nach der anderen Seite getrieben. Ihm fällt ein,- daß es ihm mit dem goldenen Fisch nicht besser ging. Ein Blendwerk, denkt er wieder. Und da er unwillkürlich nach der Küste blickt, sieht er, daß in dem Fischerhäuschen schon Licht gemacht ist. . Jom Kippur! Er erinnert sich und läßt das Ruder aus den Händen. „Tue mit :«mir nach deinem Willen!“ schreit er zum Himmel hinauf. „Aber am Jom Kippur rudere ich nicht!“ Der Sturm tobt, die Wellen werfen das Boot' von Schlund zu Schlund. Und Satje sitzt ruhig da, blickt mit weit geöffneten Augen bald zum verschlossenen Himmel empor, bald .in das schäumende, tosende Meer hinab. „Tue mit mir, wie du willst, Gott. Dein Wille geschehe!“ gesetzgebung und der polnischen Nachlässigkeit die Mehrheit im Wählerkollegium in Warschau erhielten, wollten,' entgegen der Ansicht einiger Zionisten, keinen Juden als Vertreter der polnischen Hauptstadt entsenden, aber sie forderten von dem Kandidaten, dem ihre Stimmen zufallen sollten, daß er in der Duma nicht gegen die Juden rede. Nur schweigen sollte er, keine positive Verpflichtung zum Eintreten für die jüdischen Rechte wurde von ihm gefordert. Nicht einmal diese Bedingung wollten die bürgerlichen Polen anerkennen. Die Wahl des Sozialisten beantworteten sie mit dem Boykott, der ausgesprochenen Kriegserklärung. Wie lange sich die wirtschaftlichen Feindseligkeiten hinziehen, vermag niemand vorauszusehen. Die Juden werden sich wehren. Selbst wenn die russische Regierung die in der Hast gefaßten antisemitischen Beschlüsse der polnischen Kreditanstalten bestätigt, was noch keineswegs sicher ist, werden die Juden ihre wirtschaftliche Lage durch eigene Banken verteidigen können. Aber die Ursachen, die zum jetzigen Boykott geführt haben, wirken einstweilen weiter, auch wenn dem Konflikt seine äußerste Schärfe genommen wird. Je starrer sich die Polen gegen Rußland abzuschließen suchen, desto bewußter werden die Juden ihre Stütze in Moskau suchen. Dennoch wird man damit rechnen müssen, daß der Boykott die Auswanderung der Juden abermals beschleunigt. Schon darum hat das Ausland ernste Gründe, der polnischen Judenfrage seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Scharen armer, ungebildeter, kulturell vernachlässigter Juden, die Rußland jedes Jahr nach dem Westen und nach Amerika schickt, bilden in mehr als einer Hinsicht eine bedenkliche Erscheinung. ln Deutschland muß man sich außerdem darauf gefaßt machen, daß der polnische Haß, der allem Deutschen gegenüber ebenso unerschöpflich ist wie gegen die Juden, die wirtschaftlichen Interessen der Deutschen mit ähnlichen Mitteln bekämpfen kann. Jede Verschärfung der nationalen Gegensätze in Polen muß aber das Tempo dieser polnischen Politik beschleunigen, gegen die nur großzügige soziale" Maßnahmen helfen können.“ Dohtor Maximilian Steiner. Am 2. d. M. verschied in Wien Doktor Maximilian Steiner in seinem S1. Lebensjahre. Er war seit dem Jahre 1SS6 Mitglied des Wiener Kultusvorstandes. Als ein Mann von Und plötzlich kommt ihm die Melodie eines Liedes in den Sinn, das er in der Synagoge, in der Stadt, vom Chor singen, von der Orgel spielen hörte. Und er fängt an, die Melodie nachzusingen. Die stumme Seele! Hat nur diese einzige Sprache, um mit Gott zu reden. Der,Himmel wird schwärzer und schwärzer. Noch wütender bläst der Sturm. Die Wogen wachsen, schleudern das Boot in die Höhe, stürzen es in den Abgrund. Eine wirft es der zweiten zu. Eine entreißt ihm das Ruder, eine zweite kommt von hinten; jagt ihm mit offenem Rachen nach .... Wie tausend Wölfe, so heult der Sturm. Und in all diesen Lärm hinein singt Satje die Melodie von „Mi jonuach umi jonua“, ganz so, wie der Chor sie singt, während ihn die Orgel begleitet .... Die Woge stürzt über das Boot. Satje möchte singend sterben. Das Boot kippt um. Doch Satje ist der Tod nicht beschieden. Zwei weiße Gestalten, wie aus Nebel gewebt, mit aufgelösten Haaren und leuchtenden Augen, schreiten, an den Händen sich haltend, barfuß übers Meer. Und da jetzt Satje ins Wasser fällt, kommen sie heran, heben ihn auf, nehmen ihn in ihre Mitte, fassen ihn an den Armen, wandeln über die Wellen mit ihm, wie über Wiesen und Hügel und führen ihn ruhig durch Sturm und Getümmel. Er sieht sie an und will sprechen, will fragen. Doch sie sagen ihm: „Sing doch lieber, Satje, sing! Dein Gesang wird den Zorn des Meeres besiegen.“ Sie führen ihn; und Satje hört, wie sein Boot ihm fefigt. Er sieht sich um: Jm Boot ist das Netz und im Netz der goldene Fisch! Am Ufer verlassen sie ihn. Er geht nach Haus und trifft dort den Schächter und die Schächterin. In der Stadt war eine Feuersbrunst. Da sind sie zu ihm zu Gast gekommen . . . Den Fisch aber ließ man sich gut schmecken. Und es blieb beim alten Brauch .... o o reichem Wissen, großer Energie, jugendlicher Begeisterungsfähigkeit, von leidenschaftlicher Liebe fürs Judentum erfüllt, war er in der Kultus-« Stube eine auffallende Erscheinung. Sein Name ist mit einer außerordentlich großen Anzahl von Wohl fahrts vereinen verknüpft. In den letzten Jahren seines Lebens widmete er sich mit dem Feuereifer eines Jünglings der Reform des jüdischen Religionsunterrichtes an den obersten Klassen der Mittelschulen. Er verfaßte einen äußerst umfangreichen Reformentwurf, dessen Realisierung er infolge der passiven Resistenz eines Teiles der Lehrer und der Teilnahmlosigkeit des Kultusvorstandes nicht erleben sollte. Aus jeder Zeile dieses Entwurfs spricht der begeisterte, aufrechte Jude. Von dem Grundsatz ausgehend, daß „nicht durch die Menge des Wissens, sondern nur durch die Gediegenheit des Charakters dem Indifferentismus und dem Abfall gesteuert werden kann“, verlangt er bei der Reform der Unterrichtsmethode : Die Abschaffung des Auswendiglernens und Examiniere ns. die Einführung der freien Diskussion zwischen Lehrer und Schüler, die Belehrung und Aneiferung der Schüler durch fakultative Zutaten und die Förderung des Gemeinsinns der | Schulen durch Errichtung sogenannter Schulgemeinden. Er hat auch eine genaue Instruktion für die Lehrer ausgearbeitet, welche er bescheidenerweise als „Andeutungen für den Lehrer“ bezeichnet. Deren Inhalt läßt sich im Rahmen dieser Zeilen leider nicht einmal auszugsweise wiedergeben. Von welchem Geist diese „Andeutungen“ erfüllt sind, zeigt beispielsweise folgende zu den „Geschichtsbildern aus der neuesten Zeit“ gemachte Bemerkung: „Sowie bei den religiösen Ausführungen der apologetische Ton, so ist beim Geschichtsunterricht der falsch verstandene Patriotismus und die erheuchelt e Loyalität zu vermeiden. Die Lage der Juden in früheren Zeiten und die auch derzeit fortdauernden Rechtsbeschränkungen und Demütigungen sind wahrheitsgemäß, ohne Schönfärberei darzustellen. Eine ungeschminkte Darstellung der Verhältnisse braucht die Liebe zur Heimat, die Achtung vor den Gesetzen, die treue Pflichterfüllung keineswegs zu beeinträchtigen. Der Schüler soll sich auf den Standpunkt erheben, daß er berechtigt sei, seiner Pflichterfüllung gegenüber auch den Vollgenuß der Rechte zu fordern und sich zur Wehr zu setzen, wenn ihm diese Rechte verkümmert werden.“ Nach dem Angeführten kann es nicht überraschen, daß Steiner auch dem Zionismus gegenüber einen durchaus gerechten und freundlichen Standpunkt einnimmt. Er verlangt, daß die Schüler über den Zionismus aufgeklärt und für eine Verständigung zwischen den rein jüdischnationalen und den religiösen Kreisen des Judentums vorbereitet werden.. Er begrüßt freudig die neue jüdische Siedlung in Palästina, anerkennt die Wirksamkeit des hebräischen Gymnasiums in Jaffa und der anderen neu geschaffenen Institutionen. Er bemerkt an dieser Stelle: „W esentliche Verdienste sind »lern Zionismus zu danken.Der Boden Palästinas ist ein heiliger Boden, auf demselben kann in harter Arbeit eine jüdische Wiedergeburt vorbereitet werden. Hunderttausende sind auf dieses Programm eingeschworen; das sollte weder verspottet noch angefeindet werden... Die Tausende, welche seit Herzl das Hebräische kultivieren, sind wackere Kämpfer für den Fortbestand des Judentums.“*) Doktor Maximilian Steiner hat mit seinen Unterrichtsreformvorschlägen der Wief) Diese Worte eines vom Judentum nicht lebenden Mannes empfehlen wir insbesondere gewissen dummen Hetzpfaffen zur Lektüre, welche sich mit ihren Verunglimpfungen des Zionismus im „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ lächerlich machen und aus der biblischen Schöpfungsgeschichte den Nachweis erbringen, .daß die deutschnationafe Betätigung der Juden ein gottgefälliges Werk sei.