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Jüdische Zeitung · 1913-03-07 · 10 (7.3.1913) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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tfeite 4 Anlasse sind große Vorbereitungen getroffen worden. Ungefähr eine halbe Milliarde Rubel soll ausgegeben werden, um dieses Jubiläum äusserst glanzvoll zu gestalten. Des russischen Zarenthrones allergetreueste Stützen, die Huligans und Pogromleute, das ganze eklige Gewürm der berüchtigten Schwarzen-Hundertmänner geben sich die größte Mühe, Väterchen Zar anläßlich des Jubiläums nach echt russischer Manier zü~ ehren. ln Petersburg, Moskau und in anderen Städten wird von diesem Abschaum der Menschheit Propaganda für einen Jubiläumspogrom gemacht. Die russische Justiz kann, wo alles sich patriotisch betätigt, nicht Zurückbleiben. Sie gedenkt also zur Ehre Gottes und dem Zar zu Gefallen, den bereits eingeschlafenen Ritualmord-Prozeß des bedauernswerten Kiewer Juden Beilis aufs Neue aufzunehmen. Dieser Tage hat der Kiewer Staatsanwalt die Anklageschrift fertiggestellt. Beilis ist des Ritualmordes angeklagt; überdies wird der Beweis zu erbringen versucht, daß der Ritualmord eine jüdische Einrichtung sei. Nichtsdestoweniger werden alle Zeitungen der Erde voll von Berichten über die großen Feierlichkeiten anläßlich der Romanow-Feier sein. In dem Trubel des Jubiläums der russischen Zarendynastie wird die Klage von Millionen unterdrückter, gepeinigter und verleumdeter Juden, ungehört verhallen und das arme Opfer der russischen Justiz, Beilis, wird weiter im Kerker schmachten. * Ein weißer Rabe. Rumänien will den Bulgaren aus irgend einem politischen Vorwand ein Stück Landes entreißen. In diesem Territorium wohnen aber viele Juden, welche heute die freie Verfassung Bulgariens genießen, während sie als rumänische Untertanen rechtlos würden. Sie sträuben sich daher energisch gegen die Annexion durdi Rumänien, und haben an alle Großmächte ein Memorandum gerichtet, worin sie bitten, sie nicht an diesen judenfeindlichen Staat auszuliefern. Die Großmächte, diese „würdigen alten Damen“, die sich so furchtbar angestrengt haben, um deg_von ihnen garantierten Berliner Vertrag, der den rumänischen Juden alle staatsbürgerlichen .Reihte zusichert, durchzuführen, werden natürlich einen ähnlichen Eifer entwickeln, um sich der bedrohten Juden von Silistria und Umgebung; «anzunefrmen. Auch die „großen Juden“ aller Länder schweigen mäuschenstill, bis auf eine rühmliche Ausnahme:'Luigi Luzzatti, der ehemalige italienische- Ministerpräsident, ein jftblSCHE ZEITUNG Jude, geniert sich nicht, im bedeutendsten Blatte Italiens, im „Corriere della Sera“ für die Rechte der Juden des rumänischen Annexionsgebietes einzutreten. Ehre, wem Ehre gebührt! Es ist ein mutiges, ehrliches und anständiges Vorgehen, das dieser alte Demokrat bekundet und es soll ihm von jüdischer Seite nicht vergessen werden! „Herzl-Klub“, Wien, II., Leopoldsgasse 31. Samstag, den 15. März 1913 Grobes Purim-Nasben-Ecst :im Festsaale des Hotel Continental, II., Taborstraße 4. Musik: Regimentsmusik des k. u. k. Infanteriereg. Nr. 82. Tanzarrangement: Herr Prof. Jacques Löw. Beginn 9* l/-> Uhr abends. Entree im Vorverk. K 2.—, an der Kassa K 2.50 Kostüm, Soiree- oder Sommertoilette. Karten erhältlich: Bei allen Komiteemitgliedern, [in allen gesinnungsgenössischen. Cafes und in 'der Redaktion der „Jüdischen Zeitung“, 11., Karmeliterplatz 1. Die 3udenhefse in Polen. ln der „Frankfurter Zeitung“ erschien an Reitender Stelle über diesen Gegenstand ein sehr [interessanter Artikel, in welchem es unter anderem heißt: j Was heute in Polen geschieht, ist für die ^russischen Juden vielleicht schlimmer als ein of- Tener Pogrom, der wie ein verheerender Sturm i;vorübergeht. Der wirtschaftliche und soziale 'Boykott aber vergiftet seit Monaten jede Lebensfäußerung der Gesellschaft in ganz Polen und muß, selbst wenn seine jetzige scharfe Form Igebroclien werden kann, auf Jahre hinaus unheilzeugend nachwirken. Eine Chronik des Boykotts würde vom Lächerlichen bis zum Grauenhaften alle Stufen durchlaufen. Nur einige, durchaus bezeichnende Erscheinungen tseien erwähnt. In Warschau hat man vor rdie jüdischen Läden' Wachen gestellt, die je-;dem Kunden, den sie für einen Christen halten, einen beschimpfenden Zettel auf den Rücken kleben. ln vielen polnischen Städten gingen -christliche Schulkinder -auf; den Markt und beschmierten im Vorübergehen die von jüdischen .Händlern zum Verkauf gestellten Lebensmitteln mit Petroleum. Polnische Zeitungen veröffentlichen Verzeichnisse von Hausbesitzern, die Juden;als Hausmeister und Hausknechte beschäftigen, Nr. 10 um deren Entlassung zu erzwingen. Polnische Vertreter derjenigen Gewerbe, die bisher vorzugsweise von Juden ausgeübt wurden, vereinigen sich im ganzen Lande zu Genossenschaften und erhalten von den Warschauer Banken billiges Kapital. Die Hypothekenbank in Warschau hat beschlossen, die Juden in ihrer Verwaltung nicht mehr nach dem Verhältnis ihrer Beteiligung an den Geschäften zuzulassen, sondern nur noch nach einer bestimmten,- viel niedrigeren Prozentnorm; um diesen wahrscheinlich ungesetzlichen Beschluß bestätigen zu lassen, wurde eine eigene Abordnung nach Petersburg gesandt, wo sie jetzt die maßgebenden Regierungskreise zu bearbeiten sucht, ln Lodz ist es sogar zu offenen Angriffen gekommen. Endlich muß verzeichnet werden, daß zehn polnische Aerzte der jüdischen Wohltätigkeitsgesellschaft „Linas Hazedek“ erklärten, sie würden künftig die Behandlung jüdischer Kranker verweigern; d. h. nur die von jüdischen Krankenkassenangehörigen, während sie die gut bezahlenden Kranken der jüdischen Oberschicht gern auch weiter behandeln werden. Wenn aber auch Hunderte solcher Einzelfälle aneinandergereiht würden, so gäben sie kein rechtes Bild. In Polen wird ein Kampf um Sein oder Nichtsein gekämpft, in den Rußland, das heute notgedrungen die Juden vor den ärgsten Folgen schützt, die beiden Parteien hineingetrieben hat. Die russische Judenpolitik riiuflte unausbleiblich zu einer Krise führen, sie muß mit einer Katastrophe enden, wenn nicht rechtzeitig noch ein Ventil der Sicherung geöffnet wird. Bis 1905 war in Polen der Antisemitismus eine Parteiangelegenheit der klerikalen Reaktion. Die fortschrittlicher Gesinnten kümmerten sich nur um die politische Selbständigkeit des Landes, :die sie in verhältnismäßig naher Zukunft erreichen zu können meinten. Die Haltung der liberalen russischen Bourgeoisie während der Revolution öffnete ihnen die Augen. Die Autonomie rückte mit einem Schlage in weite Ferne; selbst wenn es gelang, im russischen Reich einen wirklichen, nicht nur scheinbaren Systemwechsel herbeizuführen, war einstweilen die Errichtung eines 'halb selbständigen “Polen aussichtslos. " Gegen eine völlige Lostrennung von’ Rußland, die nur durch utopische Neubegründung des polnischen Reiches oder durch eine Angliederung an Oesterreich zu erzielen war, jedenfalls nicht ohne weltgeschichtliche Erschütterungen vor sich gehen konnte, sprachen aber auch immer stärker wirtschaftliche Erwägungen. : So drängte das Interesse der einstweilen »spritzt. Den Fisch muß er fangen. Den hat ihm Gott gesandt, der seinen Verdruß sah und seinen heißen Wunsch, das fromme Werk zu tun. Und jer steuert wieder herum und jagt dem Fisch inacli. Das Meer ist nun ganz unruhig. Immer;höher heben sich die Wellen. Schon ist die halbe Sonne von einer Wolke bedeckt, hinter;der ein Bündel weißer Strahlen schräg hervorfälit. Und der Fisch schwimmt über die Wogenkämme und Satjes Boot ihm nach, nach. Plötzlich verschwindet er. Eine Woge, die der Wind jaufgescheuclit, aufgeblasen hat, türmt sich zwischen ihm und dem Boot. I Ein Blendwerk, denkt Satje und will wieder lierumsteuern und zurüczkfahren. Schon aber sinkt die Woge und der Fisch ist wieder dg,, kommt fast bis ans Boot herangeschwommen und •sieht Satje mit seinen großen Augen an, als bäte jer ihn: Fange mich, fange mich; laß mich Dir jdienen für das fromme Werk, das' Du vorhast, t Da steuert Satje wieder herum; aber schon 'ist der Fisch wieder verschwunden. Wieder hat jsich eine Woge zwischen ihn Und das Boot geschoben. Der Zorn des Meeres hat wieder zu [toben begonnen. Es singt kein süßes Lied mehr, Sondern ein grimmes: Wie dreist, jetzt auf ihm [fahren, jetzt seine Wellen treten zu wollen! Und : die Sonne versteckt sich hinter die Wolke, als [wäre sie vor dem Meer erschrocken. Der Wind aber hat wohl nur darauf gewartet. Nun ist er 5frei und läßt in entfesseltem Zorn sich gehen, peitscht das Meer wie mit Ruten und reizt es noch mehr auf. Und das Meer braust und kracht, als ob tausend Baßgeigen in seinem Innern, tausend Kesselpauken in seinen Wellen spielten. Zurück! Zurück! Satjes Herz klopft. Er zieht das Netz ein, faßt das Ruder mit stärkerem Griff und arbeitet mit aller Kraft, daß ihm fast die Adern an den Armen bersten. Wie eine Nußschale hüpft das Boot hin und her auf den Wassern, der Himmel ist schwarz, zornig, braun Werk zu tun* den Fisch für den Versöhnungstag will er fangen. Und eilt ans Boot, faßt die Kette, mit der es ans Ufer gebunden ist. Die Kette klingt und rechts und links ertönen Stimmen: „Nicht doch!“ So rufen ihm die Nachbarn zu, die die Köpfe aus den kleinen Fenstern ihrer Häuschen herausgesteckt haben. Weithin' still liegt das Meer, fließt mit dem Saum des lachenden Morgenhimmels zusammen. Es atmet kaum, runzelt sich kaum am Strand und wie bei einem guten Großmütterchen, so tanzt ein leuchtendes Lächeln zwischen den Runzeln. Und murmelt Etwas, erzählt den Felsenklippen ein Märdien, streicht ihnen lädielnd und spielend über ihr langes Algenhaar. Aber die Fischer kannten das Meer besser und trauten ihm nicht. „Nicht doch!“ Bald wird der leuchtende Spiegel brechen. Aus stillem Spiel wird Ernst, aus leisem Brummen ein mächtiges Brausen werden. Und aus den Großmutter-Runzeln werden gewaltige Wogen, erstehen, die werden Schiffe und Boote verschlingen, wie der Leviathan der Judensage die kleinen Fische . . . „Nicht doch!“ Und ein barfüßiger alter Mann, ohne Hut, mit flatternden grauen Haaren, mit einem verrunzelten Gesicht wie das Meer, nur ohne das falsche, süße Lächeln des Meeres, kommt aus einem der Häuschen heraus, geht auf Satje zu, legt ihm die Hand auf die Schulter und spricht: „Sieh doch!“ Und zeigt ihm einen kleinen schwarzen Punkt, den nur ein Fischerauge sehen kann, am Saum des Himmels. „Daraus iwird eine Wolke . . .“ werd’ noch früher zurück sein,“ antwortet Satje, „ich Will nur einen Fisch fangen.“!Und ernster wird das Gesicht des alten Nachbarn: „Hast Weib und Kind, Satje!“!‘.;,Und einen Gott im Himmel!“ antwortet Satje■ zuversidhtlich. Er geht ja, um sein frommes ,-Werk zu tun. Stößt das Boot ab und springt hinein. Und wie eine Feder, so leicht sdiwebt Satzes Boot über das Meer hin, und das Meer wiegt jesj süße Liedchen summend, und umsäumt es .-mit den schönsten Perlen, die es besitzt. Der "alte Fischer aber steht am Strand und 'murmelt:;„HeiIge Maria!“ . Leicht schwebt Satjes Boot über das Meer hin. Geschickt wirft er sein Netz aus und »das Netz wird immer schwerer und schwerer. jMit aller Kraft Kann er es kaum herausziehen,;‘Aber: kein einziger Fisch ist drin. Nichts als «Wasserpflanzen und Seesterne. J Der alte Fischer am Strand hat das Boot Ischon längst aus den Augen verloren. Satje «zieht schon zum dritten und zum vierten Mal;das Netz aus den Fluten. Nicht leicht ists, [denn allerlei Wasserpflanzen haben sich drein 'verflochten. Nur kein Fisch, kein einziger Fisch.? Und das Meer wogt immer stärker und [stärker , und die Sonne ist schon zum Himmel semporgestiegen. Doch feucht ist ihr Glanz; eine [trübselige Sonne. Und der kleine schwarze Punkt 1 jam Saum des Himmels hat sich inzwischen unter ähr hingezogen, wie eine braune Schlange; die [wird dunkler und dunkler und rückt ihr immer •näher. | Schon ist Mittag; und noch immer fährt [Satje auf seinem Boot, versucht noch immer sein Glück. j Gott will wohl nicht, daß idi in diesem Jahr mein frommes Werk tue, denkt er. Nun, so muß ich zurück. Und ihm -wird gar traurig •zu Mut. Er muß sich wohl gegen Gott versündigt haben, daß er heuer kein Opfer von ihm haben will. Mit festem Griff faßt er das Ruder und will das Boot zurücksteuern. Im selben Augenblick aber spritzt ihm Gischt ins Gesicht, er wendet sich um und sieht einen großen goldenen Fisch, der spielend über das Meer schnellt und mit seinen Schwanzflossen um sich

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