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Jüdische Zeitung · 1913-03-07 · 10 (7.3.1913) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 jüdische zettung Seite 3 zu Gunsten der Jemeniten 10. März 1913 im Festsaale des Hotels „Bayrischer Hof" Pflicht eines jeden Juden ist es, mitzubauen an den Heimstätten für unsere Brüder aus dem Jemen. Karten ä K 5, 3, 2, 1 im Büro des Jüdischen Nationalfondes II, Karmeliterplatz 1, Tür 10. Jede Karte ein Baustein! habe, den Reichsratsabgeordneten Dr. Wilhelm Neumann zu bestimmen, in dieser Versammlung das Wort zu ergreifen. Dr. Neumann wies in der Besprechung, die er mit Herrn Schlesinger in dieser Angelegenheit hatte, darauf hin, daß er mit Rücksicht darauf, daß jiuch christlichsozial Gesinnte unter seiner Wählerschaft sich befänden, nicht in der Lage wäre, in einer Versammlung des Vereines Freie Schule oder hei ähnlichen antiklerikalen Veranstaltungen in die Oeffentlichkeit zu treten. Als Herr Schlesinger bemerkte, daß diese Haltung des Herrn Abg. Dr. Neumann den Intentionen des freiheitlichen Teiles der Wählerschaft des Reichsviertels gewiß nicht entspreche, lmeinte Herr Dr. Neumann, daß er mit Rücksicht auf sein Mandat es unbedingt unterlassen müsse, in einer Versammlung der Freien Schule zu sprechen. Herr Schlesinger, dessen Mitteilung von der-Versammlung mit großem Erstaunen und mit lebhaften Kundgebungen gegen diese Haltung des Abg. Dr. Neumann aufgenommen wurde, sprach im Namen des Ausschusses sein lebhaftes Bedauern darüber aus, daß ein Abgeordneter, der im schärfsten Kampfe. gegen einen Klerikalen gewählt wurde, jetzt „Rücksichten“ nehme. Sekretär Speiser fragte, ob sich wohl ein klerikaler Abgeordneter weigern würde, in einer Versammlung des Katholischen Schulvereines zu sprechen. Die Taktik, wie sie jetzt dem Herrn Dr. Neumann beliebe, sei es, die immer wieder die Erfolge der Klerikalen, die immer rücksich slos kämpfen, vorbereite und die freiheitlichen Wähler und insbesondere die freiheitlichen Agitatoren .entmutige -und zu.-unseliger .Abstinenzpolitik führe. Dies «ei nicht der Weg, auf dein freiheitliche Mandate erhalten oder erobert werden können. Die freiheitliche Wählerschaft und insbesondere die 1200 in der Ortsgruppe Innere Stadt organisierten Mitglieder der Freien Schule werden sich für die fernere Haltung dieses Abgeordneten gewiß lebhaft interessieren.“ — Ein bischen Schadenfreude läßt sich schwer unterdrücken. Die „freiheitlichen“ Parteien haben immer das jüdische Taufgesindel mit offenen Armen aufgenommen. Vielleicht -werden sie in Zukunft doch begreifen, daß die Verräter am eigenen Stamme nicht gerade die treuesten Wortführer der freiheitlichen Sache sind. * * * * , Geschmacklosigkeiten. Die Wiener Sozialdemokratie fand keinen Geeigneteren, der Schuhmeier die Gedenkrede halten konnte, als den Herrn Ellenbogen. Auch im „Kampf“ wußte kein anderer über Schuhmeier zu schreiben, als gerade er. Wir wissen nicht, ob die Ottakringer Arbeiter sonderlich entzückt davon waren, als Herr Ellenbogen ihren „Franzi“ feierte, der ihnen so oft verächtlich von den jaden sprach. Wir halten es für eine grobe Geschmacklosigkeit von Herrn Ellenbogen, daß er sich bei dieser traurigen Gelegenheit so in den Vordergrund schob. Denn der Antisemitismus Schuhmeiers war ihm nur allzu wohl bekan.’t. Im „Kampf“ schreibt er selbst darüber, daß dies ein „Ottakringer Atavismus, aber innerlich längst überwunden“ war. „Seine leidenschaftlichsten Liebhaber sind immer die Juden gewesen“. Es ist ja bekanntlich nichts Neues, daß einem Antisemiten die Juden nachlaufen, bei Lueger wars ebenso, aber d i e Logik, daß ein Antisemit kein rechter Antisemit war, weil ii'.iu die Juden den Hof gemacht hatten, kann nur ein Jude aufbringen, der selbst so ein Nachläufer war. Wir glauben vielmehr, daß in einem solchen Verhältnis die Juden, welche den Antisemiten verehren, eine schmähliche Rolle spieen, insbesondere, wenn Sie dann noch verurteilt werden, ihrer. Heros , zu preisen und ihn vom Vorwurf des Antisemitismus rein zu waschen. Uebrigens, zeigt der Artikel Ellenbogens im „Kampf“, welcher Sinnesart so ein roter Assimilant ist, auch noch in anderer Weise . Im Rahmen einer Lobhudelei Werden Schuhmeier so viel Fehler nachgesagt, daß man wirklich nicht weiß, ob der Artikel nicht eher geschrieben wurde, um seine Persönlichkeit zu verkleinern. In der bekannten Antithesenform „er war zwar das und das n i c h t, dafür aber . . . .“ wird dem so tragisch ums Leben Gekommenen vorgeworfen, daß er ein begeisterter Liebhaber materieller Genüsse, daß er nicht stark genug war, sein Leben nach einem festen Plan aufzubauen, daß er ein Mann des Augenblicks, der nicht immer die Grenze des Geschmacks einhielt, gewesen ist, daß er seine rednerischen Erfolge auf Kosten der Tiefe erzielte, daß er von der Theorie nichts verstand, ja daß :er den Marx nicht gelesen hatte, sondern seine ßildung aus Brochuren schöpfte, „was für seine persönliche Mission ausreichte“, daß sein Antiklerikalismus zu stark war, daß er nicht organisieren konnte, von politischer Taktik nichts verstand, daß er jeder Massenstimmung nachgab, politische Fehler machte, daß ihm der Verkehr in bourgeoiser Gesellschaft schmeichelte u. s. w. Wahrlich, für einen Lobesartikel von 3 Seiten sind genügend Fehler des Gefeierten hervorgehoben. Und wenn dies ein Arbeiter liest, muß ihn nicht der Gedanke packen, daß das ein „neidischer Jude“ sei, der so etwas geschrieben habe! Wir selbst müssen gestehen, daß auch uns die roten Assimilanten im höchsten Grade unsympathisch sind und die Verengung ihrer Seelen, von der dieser Artikel Ellenbogens nur ein neuer Beweis ist, zeigt, in welch schiefer, unwahrer, haltloser Position sie sich unter der antisemitischen Sozialdemokratie befinden. * * * Romanow-Feier und Ritualmord-Prozeß. Die russische Zarenfamilie und der russische Staat begehen jetzt die Feier des 300jährigen Bestandes der Romanow-Dynastie. Aus diesem JS NESTLE KINDERMEHL II ährles f»R0BED0SE VERSENDET GRATIS:! » Satje, der Fischer*). Von J. L. Perez. ln Holland, in einem halb verfallenen Häuschen am Strande des Meeres, wohnte eine stumme Seele, ein jüdischer Fischer. Er hieß Satje; vielleicht nach irgendeinem Urahnen Saadja. Doch hatte er keine Kenntnis davon, wie er überhaupt nur sehr wenig von „Jüdischkeit“ wußte. Schon seine Vorfahren waren Fischer gewesen, die Familie war die einzige jüdische unter Nichtjuden. Und alle Tage und Jahre auf dem Meere: wie hätte er Etwas wissen sollen? Er fing seine Fische, sein Weib strickte Netze und besorgte das Haus, die Kinder spielten im Sand und suchten nach Bernstein. Und brach ein Sturm los, wenn er auf dem Meer war, so daß er in Gefahr geriet, dann konnte er nicht einmal das „Höre, Israel!“ beten. Und seine Leute zu Haus konnten es auch nicht. Dann sah er nur stumm zum Himmel hinauf, das Weib daheim raufte sich die Haare oder schleur derte gar noch dem bösen, finsteren Himmel einen bösen Blick zu und die Kinder warfen sich auf den Sand und schrien mit den anderen Kindern zusammen: Heilige Maria! Heilige Maria! Wie hätten sie mehr wissen sollen? Zu Fuß wars nach der nächsten Gemeinde zu weit. Und zum Fahren waren sie zu arm. Sie hatten ja kaum, was sie brauchten. Und dann ließ sie ja auch das Meer nicht los. Satjes Vater, Großväter und Urgroßvater waren Alle im Meer umgekommen. Das ist schön so Sie Kraft des Meeres:1 es ist des Menschen gefährlichster Feind, *) Aus dem Band „Volkstümliche Erzählungen“, derim. Jüdischen Verlag in Berlin erscheint oft ein tückischer Feind und doch liebt man es und läßt sich von ihm anlocken. Man kann nicht los von ihm, will auf ihm leben und in ihm untergehen. Nui eine jüdische Ueberlieferung war der Familie verblieben: Jom Kippur, der Tag der Versöhnung. Schon am Morgen des Tages vor dem Fest wählten sie den größten Fisch aus. Dann gingen sie in die Stadt und überbrachten ihn dem Schlächter, bei dem sie vor und nach dem Fasten zu essen pflegten. Den Tag selbst verbrachten sie in der Synagoge, lauschten dem Gesang des Chors, dem Spiel der Orgel, dem Gebet des Kantors. Natürlich verstanden sie kein Wort, sondern blickten nur zur Heiligen Lade hin, auf den Prediger mit dem goldenen Käppchen. Erhob sich das goldene Käppchen, dann standen auch sie auf. Ließ es sich nieder, dann setzten auch sie sich. Manchmal nickte Satje vor Müdigkeit ein; dann stieß ihn wohl ein Nachbar mit dem Ellenbogen an, wenn es wieder Zeit war, sich vom Sitz zu erheben. Satje ahnte nicht, daß der Versöhnungstag ein Tag des Gerichtes ist, vor dem alle Kreatur erzittert, ein Tag großen Geschehens im Himmel. Ihm war er nur der Tag, den man fastend in der Synagoge verbringt und mit einem Abendbrot beim Schächter beschließt. Viel mehr wird übrigens der Schächter selbst nicht gewußt haben ... Und niemals blieben Satje und die Seinen länger, als unbedingt nötig war. Kaum war der schwarze Kaffee getrunken, standen sie schön auf, verabschiedeten sich von den Schächtersleuten, tauschten Glückwünsche mit ihnen aus und machten sich auf den Weg nach dem Meer. „Nach dem Meer“ sagten sie, nicht „nach Haus“. Von Uebernachten war keine Rede. Sie ließen sich nicht .zurückhalten. Vergebens be-, mühen sich der Schächter und die Schächterin, Satje zu überzeugen. „Ihr habt ja nicht einmal die Stadt besehen.“ „Die Stadt!“ wiederholt Satje - mit geringschätzigem Lächeln. Satje ist kein Mann der vielen Worte. Das Meer lehrt schweigen. Doch die Stadt haßt er. Eng sei sie, ohne Luft und ohne Himmel. Ein Streifen nur zwischen Dach und Dach. Das Meer aber sei weit, so weit . . . Man könne atmen. „Es ist ja Euer Feind, Euer Tod!“ „Ja, aber ein guter Tod!“ Er wünscht sich das Ende seines Vaters und Großvaters: als Gesunder vom jWeer verschlungen zu werden. Nicht lange kränkeln, nicht lange im Bett mit dem Tode ringen, nicht hören müssen, wie die anderen weinen, nicht begraben, nicht in harte Erde hineingelegt werden. Brr! Es fröstelt ihn, wenn er an ein Begräbnis denkt . . . Und sie gehen zu Fuß nach Haus, nach dem Meer. Gehen eine ganze Nacht. Und wenn der Morgen graut, wenn der sandige Strand in goldigem Glanz aufschimmert und bald der Spiegel des Meeres heller aufblitzt, dann freuen sie sich, klatschen in die Hände. Sind glücklicher als Brautleute. Und Jahr um Jahr immer von Neuem . . . * Es war nun einmal, am Tag vor dem Versöhnungsfest, früh am Morgen. Im Osten begann sich der Himmel zu röten, leise erwacht das Meer, atmet noch kaum, noch hört man kaum sein Brausen, noch liegt es schlaff und im Traum versunken da. Hier und da flattert ein weißes Flügelpaar in der Luft, kreischt ein Vogel auf; stille Schimmer fliegen über das Meer, goldene Flocken gleiten über den gelben Sand. Noch sind die Schifferhäuschen am Strande geschlossen. Da knarrt eine Tür. Satje verläßt sein Haus. Seih Gesicht ist fromm und ernst. Still leuchten seine Augen. Er geht,, -ein frommes ^466

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