Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 10 Die Osmanen sind kein Volk von Kolonisatoren, die . ein so lange vernachlässigtes und entwaldetes Land, wie Palästina, wieder verjüngen könnten; sie sind auch selbst an Zahl viel zu schwach im Lande — nur eine kleine Beamtenschicht — um etwas in dieser Hinsicht leisten zu können. Die Juden jedoch, die aus aller Herren Länder dort zusammenströmen, und deren Zahl sidi bald mit den wachsenden Erwerbsmöglichkeiten verdoppeln wird, die, ausgerüstet mit den Kenntnissen und Erfahrungen aller Nationen, vor allem aber mit der Anpassungsfähigkeit und Zähigkeit ihrer 'Rasse daran gehen, das Land aufzuforsten und zu beackern und industriell und kulturell zu entwickeln, scheinen dem alten Kulturlandc, in dem sie altneue bodenreformerische und genossenschaftliche Prinzipien, die eine gesunde Entwicklung gewährleisten, zu befolgen denken, eine neue Zukunft zu verbürgen.“ Rundschau. Der Albanerkongreß. Vier Tage lang haben Vertreter der unseren Offiziösen so eng ans Herz gewachsenen Albaner in Triest einen Kongreß abgehalten. Man erfuhr aus ihren Beratungen eigentlich herzlich wenig. Wenn man’s genau betrachtet, so äußerten sie nur den Wunsch nach Unabhängigkeit und möglichster Freiheit von Europa, wozu man sie herzlichst beglückwünschen kann. Denn das Beispiel der Türkei, der die braven Großmächte zu dem letzten Kreuzzug verh'olfen haben, und Chinas, an dem Europa zur Zeit einen finanziellen Ritualmord versucht, wirkt sicherlich auch auf die Albaner. Jeder gesittete Mitteleuropäer also wird den Albanern seine Sympathie nicht versagen, zumal sie noch immer an dem prachtvollen biblischen „Aug um Aug und Zahn um Zahn“ festhalten. Und wenn der Berliner Vertrag der Albaner und Kutzowalachen wegen revidiert werden soll, so kann niemand etwas dagegen sagen. Audi wir nicht. Wenngleich wir wissen, daß diese .Revision vor den Juden halt machen wird. Die Judenfrage nämlich ist immer eine innere' Angelegenheit des beklagten Staa'es. Siehe. Rumänien. Bei der Silistriafrage, bei Saloniki bekommt diese Ausrede ein Loch. Aber die europäischen Botschafter haben schon schwierigere Kisten geschoben. Sie werden also finden, dab diese Angelegenheiten der näheren Vereinbarung der interessierten Staaten anheimgestellt bleiben müssen. Und so werden die Juden in Silistra und jene in Saloniki unter der einmütigen Assistenz der Kreuzzugkiebitze betrogen werden. Judenschicksal! Soweit, nicht wahr, lieber Leser, wäre alles in schönster Ordnung. Uns interessiert aber noch etwas anderes. Was tut die sogenannte Judenpresse? Sie hat da vier Tage lang mit betäubendem Applaus den Reden aut dem Albanerkongreß gelauscht. Sie überfließt alltäglich von blutigen Tränen über die Schrecken des Krieges. Sie weint über die finanzielle Krise, über die Familien der Reservisten. Sie begreift und verteidigt in den süßesten Molltönen die nationalen Rechte der Kutzowalachen, Albaner, Mazedonier, Zinzaren usw. Und Ipeck, Prizrend und Skutari sind ihr so ans Herz gewachsen wie etwa der deutsche Besitzstand in Trebnitz und Windisch-Feistritz. Bios von den Juden weiß diese Presse nichts. Ueber allen Wipfeln spürest Du kaum einen Hauch. Nicht wahr, lieber Leser? Nun, lieber Leser: Warum liest und abonnierst Du eigentlich diese Presse? * * * Ruthenen und Juden. Die Verhandlungen der ruthenischen und polnischen Parteien im galiziscben Landtagswahlreformausschusse fanden Donnerstag, den 27. Februar duren die intransigente Haltung der Polnisclikonservativen einen jähen Abbruch. Doch ist das Reformwerk nicht arg gefährdet. Es ist wahrscheinlich, daß sich die streitenden Teile verständigen werden*. Eine Tatsache jedoch bleibt besteheii; Die QOO.OOO galizischen Juden sind bei Schöpfung der Wahlreform in ganz rücksichtsloser Weise übergangen worden. Daß die Polen, unbekümmert um ihre Parteistellung, sich nicht entblödeten, (einer Bevölkerung von fast einer Million Seelen den politischen Todesstoß zu versetzen, kann denjenigen, welcher die Entwickelung der polnischen Politik in den letzten Jahrzehnten Aufmerksam verfolgt hat, nicht Wunder nehmen. Umsomehr, als die jüdisch-assimilatorischen Ohrenbläser den polnischen Führern die zweckdienlichsten Ratschläge erteilten, auf welche Weise die jüdische Bevölkerung am meisten bedrückt und rechtlos gemacht werden könnte. Auffallend aber ist das Verhalten der Ruthenen. Die Führer dieses um seine eigene Freiheit ringenden, national in vielen Belangen noch unterdrückten Volkes, in dessen Mitte mehr als zwei Drittel aller galizischen Juden leben, beobachten jetzt eine ebenso unkluge, nie folgenschwere Haltung. Denn die Auslieferung von 600.000 in Ruthenisch-Galizien lebenden Juden an die polnischen Machthaber birgt für die Ruthenen große Gefahren in sich. Die Statistik beweist, daß die Polen in Ruthenisch-Galizien eine starke innere Kolonisatoin betreiben und einen von Jahr zu Jahr steigenden Perzentsatz der Gesamtbevölkerung bilden. Namentlich gilt das für die ostgalizischen Städte. Werden nun die Juden den Polen ausgeliefert, respektive durch die ganz unvernünftige Haltung der ruthenischen ' Politik dazu gedrängt, bei den Polen Anlehnung zu suchen, so ist der polnisch-nationale Charakter der Städte in Ostgalizien für Jahrzehnte hinaus festgelegt. Ohne daß wir unser Wohl von der Gunst der Ruthenen abhängig halten würden — die Haltung der Ruthenen in 5der ‘‘ letzten' Zeit verbietet' es den Jüdischnatiörialen, Hoffnungen in die Ruthenen zu setzen — müssen wir doch auf das nachdrüdk’ichste hervorheben, daß eine Revision der Beziehungen zwischen Juden und Ruthenen auf das allerdringendste not tut. Vorläufig sind die Juden, nicht zu-'etzt ‘in Folge der verräterischen Haltung der ihnen aufgezwungenen assimilatorischen Wortführer iso’iert und entrechtet. Daraus folgt, daß sie vorderhand nur auf sich selbst angewiesen sind. Im Laufe der Zeit wird sich aber doch ein Zusammengehen mit den wirklich demokratischen und freiheit'ichen Gruppen sowohl der ruthenischen als auch der polnischen Nation ergeben. Denn zur Ehre vieler aufrichtiger demokratischer Elemente der politischen Partei in Galizien iipuß es gesagt werden, daß langsam die Erkenntnis bei ihnen aufdämmert, daß die jüdisch-nationale Partei in Folge der in ihr schlummernden Kräfte ein nicht zu veri I achtender Faktor ge>vorden ist, dessen Gegnerschaft oder Freundscjhaft den einzelnen Parteien nicht gleichgültig bleiben kann. * * * Der Anwalt der Spieler. Schon oft wurde in diesen Blättern auf die verderbliche Wirkung des Turf- und H a s a rdspieles auf weite'Kreise des jüdischen Mittelstandes hingewiesen. Die traurige Tatsache, daß das große Kontingent von Spielern hauptsächlich von der jüdischen Gesellschaft gestellt wird, daß gerade in jüdischen Kreisen die Spielwut die meisten Opfer fordert, läßt sich nicht aus der Welt schaffen. Daher muß jede Maßregel, welche direkt oder indirekt die Turf- und-Hasardspielerei einschränkt, gerade von jüdischer Seite sehr lebhaft begrüßt werden. Eine Gelegenheit hiezu ergab sich vor wenigen Tagen. Dem parlamentarischen Finansausschusse wurde ein Regierungsantrag vorgelegt, welcher eine hohe Besteuerung des Wettspieles beim Buchmacher und Totalisateur beinhaltete. Ganz abgesehen davon, daß es nur zu billigen ist, wenn nicht allein die ehrlichen Arbeiter,, sondern auch die spekulierenden Faulenzer zu Steuerleistungen herangezogen werden, muß jeder Einsichtige den Antrag, dessen Annahme eine gewisse Einschränkung des Turfspieles bedeuten würde, gutheißen. Aber der Antrag fand im Ausschüsse erbitterte Gegner, allen voran den Abgeordneten des jüdischen Wahlkreises Wien I., den Herrn K u r a n d a. Herr Kuranda ist sonst unentwegter Regierungsmann, nie hat er es gewagt, den Machthabern entgegenzutreten. Und gerade bei diesem Anlasse hat er seinen steifen Nacken entdeckt. Er hat eine flammende Protestrede gegen den Regierungsantrag gehalten und das Lob des Turfs in allen Tonarten gesungen. Er hat das Wettrcnnspiel als einen Segen fürWi engepriesen! Daß diesem verruchten Schwindel, jährlich Hunderte von Existenzen insbesondere des Mittelstandes zum Opfer fallen, geniert Herrn Kuranda nicht! Als strammer Voikstribun schätzt er die Interessen der Turfwucherer, Kuppler. Kokotten, Nachtlokalbesitzer, Wagentürlauf rnacher etc. Der Wählerkreis der inneren Stadt nennt sich mit 'Stolz den intelligentesten von Oesterreich. Doppelt schmachvoll, daß gerade sein Abgeordneter sich als Beschützer'des unlautersten Gesindels aufspielt und sowohl die freiheitlichen als auch die spezifisch jüdischen Interessen schwer schädigt. Wir Jüdischnationale haben die jüdischen Wähler vergebens vor der liberalen Klique gewarnt. Es ist aber berechtigte Hoffnung vorhanden, daß solche fälle uns die Aufklärungsarbeit erleichtern werden. * * * Ein feines, liberales Bürschchen! . Im Juni .1911. _sind bekanntlich, unter, . der Parole „Nieder mit den Klerikalen und Christlichsozialen!“ etliche Wiener liberale Abgeordnete gewählt worden. Wie sich diese freiheitlichen Maulhelden nunmehr im Besitze von Mandaten benehmen, beleuchtet folgende, den getauften Juden Dr. Neu mann betreffende Zeitungsnotiz. Das Organ „Freie Schule“ schreibt: „A b g. D r. Wilhelm N e u m a n n und ■ seine Wähler. In der am 24. Februar 1913 in Tischlers Restauration stattgefundenen Generalversammlung der Ortsgruppe Innere Stadt teilte der Berichterstatter des Ausschusses, Bankbeamter Gustav Schlesinger mit, daß der Ausschuß leider vergeblich den Versuch gemacht Prüfet alles! Han sollte auch den Malzkaffee, wenn man solchen verwendet, prü' fen. Lassen Sie sich, bitte, zum Ver« gleich mit anderen Erzeugnissen in einer meiner Filialen ein Gratis-Kostmuster Halz'Kaffee verabred eben. JULIUS MEINL Gegr. 1862. LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. In eigener Salais. —Versilbertes Kapital zirka 380 tlillionen. — Prämienpesepue zirka 113 Hillionen. — Billigste Prämien und kulanteste Bedingungen. Engagiert jederzeit tflditige, leistungsfähige Agenten gegen bofie Bezüge. Auskünfte erteilt die 6eneralagentsdiaft Idien, I., Bspernplalz 1 (Beiter: David Hebenzahl). Eflr Qsfgalizien u. Bukowina: Subdirektion Böbl Taubes, Bemberg.