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Jüdische Zeitung · 1913-03-07 · 10 (7.3.1913) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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S888E .ff.™!; drehn 3SSH fl Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenautnahme: Wien, II., Kanneliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- — ™ relch-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. * ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telefon 22.075. fl Nr. 10. Wien, Freitag, den 7. März 1913 VII. Jahrgang I. Wiener Jüdischer Turnverein IX., Liechtensteinstraße 20 Der I. Wiener Jüdische Turnverein veranstaltet Sonntag, den 9. März, sein diesjähriges Schauturnen in den Sofien-Sälen. Beginn des Schauturnens 91/- Uhr, Beginn des Tanzes 1114 Uhr abends. Eintrittskarten ä K 2.—, Studentenkarten (gegen Legitimation) ä K 1.—, sind im Turn- Iokale, (X., Liechtensteinstraße 20, im Cafe Adler, L, Schottenring 15, Cafe Herz, Marienbrücke, Cafe Jägerhof, IX., Porzellangasse 22, Cafe Maria Theresia, L, Hohenstaufengasse, bei sämtlichen Vereinsmitgliedern, sowie an der Abendkassa der Sofien-Säle erhältlich. „Bar-Kochfca“, Vereinigung jüd. Hochschüler aus Galizien. Dienstag, den 11. März 1913 findet im Festsaale des Hotel Continental (II., Taborstraße) ein Vortrag des Herrn Adolf Stand, Mitglied des großen AC. über „Zehn Zionistenhongresse“ Rückblick und Ausblick statt. Beginn 8 Uhr abends. Ein unpapfeiiFdies Urteil über die zionistifdie Arbeit. Das führende Finanzorgan Deutschland» „Plutus“ (Berlin), welches naturgemäß dem Zionismus völlig ferne steht und dessen Interessentenkreis, soweit er jüdisch ist, überwiegend antizionistisches Gepräge trägt, bringt einen Artikel „Palästina“ von Goslar, aus welchem wir einiges reproduzieren. „Ueberschaut man rückwärtsblickend die Entwicklung, die das noch vor 30 Jahren im Vergleich zu heute öde und verwahrloste Land seit dieser Zeit genommen hat, so sieht man, daß ihr Beginn zusammenfällt mit dem Einsetzen der j ü d i s ch e n 'Einwanderung, zunächst aus Rußland, die ihm im Laufe der Dezennien große Massen arbeitwilligen und strebsamen Menschenmaterials zugeführt hat. Die jüdische Bevölkerung Palästinas, die heute zirka 100.000 bei einer Gesamtbevölkerung von nur 700.000 beträgt, ist zum weitaus größten Teil innerhalb dieses Zeitraumes eingewandert. Besonders schwer ins Gewicht fällt bei Bemessung des Wertes dieser neueren jüdischen Einwanderung, daß es sich hier nicht nur, wie in früherer Zeit, um ältere und zum guten Teil erwerbsunfähige Leute handelt, die ihre letzten Tage im gelobten Land verbringen und dereinst in geweihter Erde bestattet sein wollen, bis dahin aber von wohltätigen Gaben auswärtiger Glaubensbrüder ihr Dasein fristeten. Vielmehr wanderten unter dem Einfluß der kolonisatorischen Bestrebungen einmal des Pariser Baron v. Rothschild, dann aber auch, besonders in den letzten Jahren, der zionistischen Organisation kräftige im Erwerbsleben stehende, oft auch bemittelte Menschen ein, die zum Teil landwirtschaftliche Siedlungen ins Leben riefen und große Landstriche des bis dahin unter der Wirtschaft der türkischen Beamtenschaft brach liegenden Bodens zu fruchtbaren Kolonien machten. Diese jüdischen Kolonien! deren erste Anfänge bis in die Achtzijjerjahre des vorigen Jahrhunderts zurückreicheh, zählen in ihren über ’ das ganze Land verbreiteten Siedlungen schon zirka 12.000 Seelen, während es die ebenfalls musterhaft geleiteten und gut reüssierenden deutschen Templerkolonien auf nicht mehr als 1750 Köpfe gebracht haben. Die jüdische Einwanderung, deren außerordentlich nachhaltigen Einfluß auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes auch, die in der ersten Zeit recht mißtrauischen türkischen, Behörden wiederholt offen anerkannt haben, hat aber nicht nur in. der Landwirtschaft Erfolge gezeitigt; von'großer Bedeutung für das Kreditwesen des ganzen Landes ist zum Beispiel auch die Anglo Palestine Company geworden, das Bankinstitut, das die zionistische Organisation zur finanziellen Förderung und Durchführung des Ans;edMtn*werlves er-richtet» ' hat. Wie von maßgebender türkischer Seite vor nicht allzu langer Zeit z u g e g e b e n wurde, hat die Ban k,' die straffe europäische Zahlung s-' nt e t h o d e n e i n f ü h r t e, revoltierend auf den gesamten Kredit- und Zahlungsverkehr gewirkt. Der Kreditsuchende war in der Zeit vor dem Einsetzen der Tätigkeit europäischer Banken vielfach dem Wucher ausgesetzt; ungeheuerliche Zinssätze bildeten die Regel. Mußte doch der Fländler, der März-April-Gerste, die er zum Juli-Augiist-Termin verschiffte, kaufte und für vier Monate Geld benötigte, hiefür einen Zinssatz von 20"" pro vier Monate gleich 60"" pro Jahr zahlen! Höhere Sätze kamen ebenfalls vor. Die Anglo Palestine Bank gewährt dagegen diese Kredite zu dem für dortige Verhältnisse spottbilligen Zinssätze von 9 bis 10"" und eröffnet damit dem Handel ganz andere Arbeitsmöglichkeiten Die Bank, die mit einem eingezahlten Kapital von 2 Millionen Mark arbeitet, verwaltet über 4 Millionen Mark Depositengelder und konnte in den letzten vier Jahren regelmäßig Dividenden von 4> zahlen. Sie bevorschußt schwimmende Waren, verkauft Schecks auf europäische Plätze und diskontiert Wechsel zum Satze von ungefähr 8 bis 9n». Ihre Haupttätigkeit aber liegt in der Gewährung von Agrarkrediten und in der Unterstützung der städtischen Bautätigkeit, die der Behebung der empfindlichen Wohnungsnot dienen soll. Die Gewährung von Agrarkrediten geschieht derart, daß sich in den ländlichen Siedlungen Gruppen von meist in gleichen Vermögensverhältnissen befindlichen Kolonisten zusammenfinden, die für die gewährten Darlehen solidarische Haftung übernehmen, so daß der Kredit sich als Genossenschaftskredit charakterisiert. In derselben Form vollzieht sich die Kriditgewährung an städtische Baugesellschaften, nur daß hier 'meist das Darlehen erst nach 18 Jahren zurückzuzahlen ist. ln jüngster Zeit ist in Jaffa und Haifa der Bau ganzer jüdischer Stadtviertel, die in hygienischer und architektonischer Beziehung zu dem Besten.' bisher in Palästina geschaffenen gehören, durch die Mitwirkung der Bank ermöglicht worden. Eine andere Institution der zionistischen Organisation, die an dem Aufschwung Palästinas nicht unbeteiligt ist, ist der über ein Kapital von über 3 Millionen Mark - das jedoch im ständigen Wachsen durch freiwillige Spenden begriffen ist - verfügende jüdische Nationalfonds. Ihm fiel die Aufgabe des Bodenerwerbes, der Amelioration, Parzellierung und Weiterverpachtung an jüdische Einwanderer, die sich der Landwirtschaft widmen wollen, zu. Gegenwärtig bereitet er eine Transaktion vor, die für die jüdische landwirtschaftliche Siedelung in Palästina von sehr großer prinzipieller Bedeutung ist: die nach mehreren Tausend Familien zählenden Juden der arabischen Provinz Yetnen schicken sich, infolge der unmenschlichen Verfolgungen, denen sie in ihrer Heimat ausgesetzt sind, zur Auswanderung nach Palästina a n, nachdem eine größere Anzahl von Familien schon jetzt dort ansässig ist. Da sich der jemenitische Jude als, bedürfnisloser und -zur landwirtschaftlicher Arbeit sehr geeigneter Menschenschlag schon jetzt vieler Sympathien erfreut; setzen die Kolonisten, die bisher unter starkem Arbeiterinangei zu leiden hatten, in die Einwanderung große Hoffnungen. Ungelöst ist nur die Frage der Unterkunft der Yemeniten. Hiezu müßten mit sehr erheblichem Kostenaufwand eine große Anzahl kleiner Häuschen mit Gartenland errichtet werden; eine Schwierigkeit, die der Nationalfonds gegenwärtig durch Einleitung von speziellen Sammlungen Herr zu werden sucht. Es ist selbstverständlich, daß es nicht ausschließlich jüdische Arbeit gewesen ist, die die neue Wirtschaftsperiode Palästinas eingeleitet hat; ist doch auch die Tätigkeit, welche englische, amerikanische, französische und deutsche Institute, sowie die deutschen Kolonisten und Banken, wie die Deutsche Palästina-Bank, entfaltet haben, hoch zu veranschlagen. A her kein anderes Bevölkerungselement ist aus Gründen mannigfacher Art für die praktische Arbeit in Palästina derart prädestiniert, wie die Juden. Berücksichtigt man, daß sic nicht nur bedeutende Kraftaufwendungen zur Hebung der Landwirtschaft und zur Industrialisierung des Landes machen, daß sie hygienische Institute begründen, Aerzte und Krankenschwestern zur Bekämpfung der Malaria und der ägyptischen Augenkrankheit entsenden, daß ferner die großen jüdischen Organisationen durch Gründungen von Kindergärten und Schulen, des Technikums und des hebräischen Gymnasiums in Haifa ihr möglichstes zur kulturellen Hebung der . Bevölkerung tun, und durch Errichtung von Kunstgewerbeschulen die Heimarbeit auf eine gesunde Basis stellen, so liegt die Schlußfo'gerung nahe, daß ein ständiges Anwachsen der jüdischen Einwanderung, wie es bei andauernd toleranter und entgegenkommender Haltung der türkischen Regierung in Aussicht steht und, bei genügender Vorbereitung des Landes, die Ablenkung großer Auswanderermassen, die heute aus den russischen und rumänischen Ghettis nach Amerika flüchten, das mit jüdischen Einwanderern schon heute übersättigt ist, dorthin nur im ureigenen- Interesse der Türkei -liegenkann.

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