Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1913-02-28 · 9 (28.2.1913) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438432-2438441--3464-2443231
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nr. 9 werden ohne Zweifel einerseits zum engsten Bündnis Ungarns mit Oesterreich, anderseits zu weitgehenden nationalen Konzessionen an die ungarischen Slawen, insbesonde Kroatien führen. Diesen Tatsachen werden auch die ungarischen Juden ernstlich Rechnung tragen müssen. Daß man sich damit allmählich vertraut macht, zeigt der Umstand, daß man in jüdischen Kreisen dafür Propaganda zu machen beginnt, die slawischen Sprachen zu erlernen und sich auch dem rumänischen Sprachunterricht zuwendet, von der Meinung ausgehend, daß als das Ergebnis der Verhandlungen der ungarischen Regierung mit den ungarisch-rumänischen Abgeordneten eine erhöhte Bedeutung der rumänischen Sprache im ungarischen Staatsleben resultieren werde.“ In Oberungarn, die eine Hauptdomäne der klerikal-antisemitiscuen magyarischen Volkspartei bisher war, macht die Kenntnis des Slowakischen unter den Juden große Fortschritte und ist überhaupt in vielen Orten eine Annäherung, insbesondere zwischen der jüngeren Generation der Juden und Slowaken zu konstatieren, indem bei beiden Volksstämmen stark die sozialistische Strömung anwächst, anderseits machen sich schon bei ersteren die Spuren jüdisch-nationalerzionistischer Tendenzen, bei letzteren die Propaganda der slowakischen Schüler Professor Massaryks geltend. Aber auch in den rein magyarischen Gegenden Ungarns hat die Bewegung für das allgemeine, gleiche, direkte Wahlrecht eine vollständige Umwälzung in den Köpfen der breiten Volksmassen sämtlicher Nationalitäten. Konfessionen und Klassen hervorgerufen. Die alten Schlagworte von 1S67 und 1S48 — von wirtschaftlicher und politischer l rennung der beiden Reichshälften sind verblaßt und ganz Ungarn durchbraust nur der eine Schlachtruf: Weg mit der Klassenherrschaft und dem Privilegienreichstag, heraus mit dem allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrecht. Und diejenigen, die am lautesten darnach rufen, sind nebst der Arbeiterschaft — Juden. Die jüdischen Demokraten unter Führung des Pester Abgeordneten Dr. V a s z o n y entfalten nicht nur in Pest, sondern in ganz Ungarn Propagandaversammlungen für das allgemeine Wahlrecht, auch der offene Brief des aus der nationalen Arbeitspartei ausgetretenen — jüdischen Reichsratsabgeordneten Paul Sandors an Tisza, welcher die Gefühle der jüdischen Kaufleute Pests und deren Abkehr vom Pseudoliberalismus mit markanten Worten zum Ausdruck bringt, ist ein Bekenntnis für das allgemeine Wahlrecht. — Ungarn und die ungarischen juden stehen an der Bahre der alten Gentryherrschaft und Pflicht der ungarischen Zionisten ist es, nun an die Nationalisierung der ungarischen Juden zu schreiten. Der Moment hiezu ist gekommen! K. Stalistiidies. Die jüdische Bevölkerung in den Städten Galiziens 1881—1910. Unser geschätzter Mitarbeiter Dr. Max Rosenfeld (Drohobvez) veröffentlicht unter diesem Titel eine Studie in dem letzten Heft der Zeitschrift für jüdische Statistik auf Grund der Ergebnisse der letzten Volkszählung. Ueberall zeigt sich ein starkes Fallen der Relativzahlen der jüdischen Bevölkerung in den Feuilleton. Die Bedeutung der j'emenitischen Juden für die Entwicklung Palästinas.*) Wollte man die Juden aller Länder nach ihrer Liebe zu Palästina klassifizieren, so müßten die jemenitischen Juden wohl die erste Reihe einnehmen. Die Anhänglichkeit und die Verehrung für Palästina als ein 'heiliges und den Juden von Gott zugewiesenes Land ist ja im allgemeinen ein Grundzug der jüdischen Üeberlieferung, scheint aber im Jemen besonders tiefe Wurzeln gefaßt zu haben. Oder haben die Juden des Jemen all die Jahrhunderte des Elends hindurch instinktiv gefühlt, daß nur von Palästina ihr Heil kommen würde? Die erste größere Einwanderung jemenitischer Juden in Palästina .geschah ■ vor 30 Jahren, im Jahre 1882. Nicht wrenigcr als sieben Monate dauerte die Reise, da man große Umwege machen mußte. Als der I rupp in Jerusalem anlangte, yvaren die jüdischen Vorsteher der damals noch kleinen Gemeinde,., die überdies noch über keine Wohlfahrtseinrichtungen verfügte, ganz ratlos. Monatelang mußten die Jemeniten im Freien übernachten, und es verging einegeraume Zeit, bis sie sich den neuen -Verhältnissen anpaßten. Aber durch ihren Arbeitseifer sowie durch ihre Anspruchslosigkeit zeigten sie, daß- *) In Anbetracht der jetzt inaugurierten jemenitenaktion veröffentlichen wir folgenden Auszug aus der von dem (Hauptbüro des J. N. F. herausgegebenen Broschüre „Die Jemenitischen Juden“ von Joschua Feldmann (Jaffa). galizischen Städten, trotz absoluter Vermehrung. Was Westgalizien betrifft, so ist in Krakau die Zahl der Juden relativ von 30.7 Prozent im jahre 1SS0 auf — 21.3 in 1910 gefallen. In 11 größeren Städten Westgaliziens mit Magistraten fiel die Relativzahl von 3-1 Prozent auf 31.2 Prozent, in 56 kleineren Städtchen von 32.2 Prozent auf 30 Prozent. Durch das starke Abströmen der Juden vom Lande in die Städte ist trotz der Auswanderung in einigen Städten die jüdische Bevölkerung mehr gestiegen als in den Städten. In Ostgalizien machen die Juden 13.3 Prozent der Bevölkerung aus. Hievon leben 60 Prozent in Städten und 40 Prozent in Dörfern und Gutsgcbieten. In Lemberg ist die Relativzahl wenig gesunken, von 28.2 auf 27.8 Prozent, dagegen in den kleineren Städten viel stärker. Die Emigration veranschlagt Rosenfeld für die Jahre Westgalizicn Ostgalizien Insgesammt 1880—1890 mit 23571 13089 36660 1890 1900 „ 25700 88330 114004 1900-1910 „ 14125 71719 85843 Von 19 Städten Ostgaliziens haben nur 10 eine relativ jüdische Majorität. Eine absolute Majorität haben nur mehr Brody (67 Vs Prozent) und Buczacz (5-1. i Prozent). Seit 1SS0 haben die absolute Majorität verloren: Zolkiew, Stanislau, Tarnopol, Kolomea, Drohobycz. Als Ursachen dieser relativen Abnahme der jüdischen Bevölkerung in den galizischen Städten trotz fortwährender starker Abwanderung der Juden vom Lande in diese, bezeichnet Roscnfeld das rapide Wachstum der autoehthonen polnischen und ruthenischen Bevölkerung, ferner ökonomische Konkurrenz, nationalen Handel, wodurch die Auswanderung rapid anwächst und den Bevölkerungszuwachs der juden konsumiert, ln naher Zeit wird das Reservoir der Juden am Lande versiegen und die Juden w-erden in den galizischen Städten überall nur Minoritäten sein. jüdischer Landbesitz Ln Palästina. Zufolge einer genauen Aufstellung, welche in Jaffa von genauen Kennern der Landesverhältnisse besorgt wurde, betrug der jüdische außerstädtische Landbesitz in Palästina anfangs 1012 439.1C2 Dunam (40.344 ha), ln dem russischjüdischen Kalender „Kadimah“ finden sich folgende mehr ins Detail gehende Daten. Diesen zufolge betrug der Landbesitz in Judäa (15 Kolonien und Besitzungen) 107.102 Dunam, in Samaria (7 Kolonien und Besitzungen) 89.822 Dunam, in Unter-Galiläa (13. Kolonien und Besitzungen) 1C6.219 Dunam, in Ober-Galiläa (5 Kolonien und Besitzungen) 80.S14 Dunam und im Haurau und Djolan (unbearbeiteter Boden) 56.000 Dunam. Durchschnittlich betrug eine jüdische Besitzung in Judäa 7.140 Dunam, in Samaria 12.832 Dunam, in Unter-Galiläa S.171 Dunam und in Ober-Galiläa 16.163 Dunam. Die größten jüdischen Kolonien in Palästina sind: Rosch- Pinah mit 3S.649 Dunam, Chederah mit 31.335 Dunam, Petach-Tikwah mit 23.357 Dunam und Jemma mit 23.290 Dunam. Die kleinsten Kolonien sind: Moza mit 1095 Dunam, Chulda mit 1973 Dunam, B’er-Jakob 2040 Dunam und Ben Schemen mit 2350 Dunam. Das Gesamtgebiet Palästina wird im Kalender „Kadimah“ mit 36.400 kmangegeben. Diese Juden in Jerusalem auch ohne die Unterstützung der Chaluka leben können. Während nun bis vor drei Jahren die einwandernden Jemeniten ausschließlich Jerusalem oder Jaffa zum Ziele hatten, ist seit drei Jahren darin ein Wechsel eingetreten. Vor drei Jahren nämlich traf in Jaffa ein Trupp von ca. 300 Seelen ein. Wohl hatten auch :sie, als sie ihre Heimat verließen, die Absicht, sich in einer Stadt Plästinas niederzulassen. Als sie jedoch in Jaffa anlangtcn, tauchte die Idee auf, mit ihnen einen Versuch landwirtschaftlicher Siedlung zu machen. Besonders nahm sich die Arbeitervereinigung „Hapoet Hazair“ dieses Trupps an. Sic wurden darauf nach den Kolonien Rischon le Zion und Rechoboth gebracht, wo sie eine brüderlich« Aufnahme fanden. Dieser erste Versuch, die jemenitischen Juden zur landwirtschaftlichen Arbeit in den jüdischen Kolonien zu verwenden, ist vollständig gelungen. Wenn man bedenkt, in welchem Zustand die Jemeniten vor drei Jahren in Palästina eintrafen und damit ihre jetzige Lage vergleicht, traut man seinen Augen nicht. Besonders angenehm berührt das jemenitische Viertel in Rechoboth. Die 25 Häuschen, die sich gegenwärtig dort befinden, sind zwar größtenteilsäußerst primitiv und hygienewfdrig, denn ihre Erbauer hatten nur wenig Geld und sparten deshalb am Notwendigsten. Baugrund und Höhe der Wände sind beinahe bis an die Grenze des Möglichen beschränkt. Nichtsdestoweniger ist der gesundheitliche Fortschritt der jemenitischen Bewohner auffallend. Man braucht sie nur den neuen Einwanderern gegenüberzustellen, um den krassen Unterschied zu bemerken. Alle diese Häuschen sind mit Gemüsegärten umgeben, die Zahl ist aber nur annähernd richtig. Der jüdische Landbesitz (allerdings zumeist fruchtbarer und kultivierter Boden, während in Palästina weite Gebiete brachliegen) beträgt somit 1,11'.. der Gesamtfläche. In welchem Verhältnis der fruchtbare und kultivierte jüdische Landbesitz zur Gesamtfläche des kultivierten Bodens in Palästina steht, ist leider nicht genau ermittelt. Rus dem pifAen Reden. Eine antisemitische Aktion gegen die ausländischen Juden an der Prager Universität. Die Hetzkampagne gegen die russisch-jüdischen Studenten an manchen reichsdeutschen Universitäten ist noch nicht zu Ende. Einigemal berichteten wir über die Haltung der deutschen Oeffentlichkeit sowie der meistbeteiligten Kreise, der Professoren und Studenten. Es ließ sich leider feststellen, daß auch die freisinnigsten Hochschullehrer entweder ganz schwiegen oder lendenlahme Erklärungen abgaben, in welchen sie dafür eintraten, — daß in Rußland die Prozentnorm fallen gelassen werde. Der Ruhm der deutschen Antisemiten erscheint nunmehr — einer Meldung unseres Bruderorganes „Selbstwrehr“ zufolge — den Antisemiten in Prag so erstrebenswert, daß auch an der Prager deutschen Universität antisemitische Studenten für die Ausschließung der „ausländischen“ Juden von der medizinischen Fakultät agitieren. Die „Selbstwenr schreibt hiezu: „Hoffentlich wird im Notfall die wirklich fortschrittlich gesinnte Bevölkerung geschlossen gegen alle Versuche protestieren, die russische judenpoiitik bei uns einzuführen. Die liberalen Zeitungen allerdings werden voraussichtlich aus Angst vor dem deutsch-nationalen Radikalismus dem Vertreibungssystem Handlangerdienste leisten. Wir machen die Oeffentlichkeit heute schon darauf aufmerksam, daß es reiner Antisemitismus ist, der die deutsche Studentenschaft zum Protest treibt. Es ist eine Schmach, daß die freisinnige „liberale“ „Lese- und Redehalle der deutschen Studenten“ — vermutlich in genauer Kenntnis der eigentlichen Tendenzen jener Aktion — an ihrer Vorbereitung und Durchführung mithilft. Ein erfreulicher Zusammenbruch. Die Prager „Selbstwehr“ schreibt: Das gemeinste Zeitungsorgan, das jemals bei uns sein Wesen getrieben hat, das schöne Blatt des Herrn Myslivec, der „XX. Vek“, ist nun nach einem Jahr und sechs Wochen zusammengebrochen. Als Tagblatt hat der „XX. Vek“ mit Ende der letzten Woche zu erscheinen aufgehört und wird sich nur noch eine Zeit lang als Wochenblatt weiterschleppen. Dieser Zusammenbruch des rohen antisemitischen Hetzblattes ist bemerkenswert, da der Russe Brabec gegen 100.000 Kronen an den Versuch gewendet hat, russische Methoden nach Böhmen zu verpflanzen. Trotz dieser verzweifelten Unterstützung kann sich also das arme russisch-tschechische Antisemitenorgan nicht halten. Der Antisemitismus verlangt in Böhmen — das ist die Lehre für die russischen Exporteure — andere, feinere Methoden, um sich auszuzahlen. Selbst die wenigen jüdischen Inserenten haben den „XX. Vek“ nicht über mit einem wahren Bienenfleiß bearbeitet werden. Zumeist sind auch Nutz- und Zierbäume angepflanzt, die den Häuschen ein gefälliges Aussehen verleihen. Diejenigen, die für den Bau des Häuschens eine Anleihe erhielten, haben die Zahlungstermine pünktlich eingehalten. Ja, es gibt sogar nicht wenige unter den vor drei Jahren ins Land Gewanderten, die in kurzer Zeit bereits Ersparnisse gemacht haben. Alles arbeitet, der Mann im Garten und Feld, die Frau wäscht und backt bei den Kolonisten, und auch die Kinder finden lohnende Beschäftigung. Einige, die von Beruf Handwerker waren, üben diesen auch in der Kolonie aus. Auffallend ist, daß sie für das Krämerwesen, das doch 50"" der osteuropäischen Juden naheliegt, kein Interesse bekunden. So gibt es in einer größeren Kolonie, in der 150 Jemeniten leben, zwei arabische Krämer, während die Jemeniten nur als Taglöhner lind Handwerker tätig sind. Zu bedauern Js|, daß bis jetzt für die Erziehung des jemein|ßchen Nachwuchses noch nichts geschehen ist, und daß er schon im schulpflichtigen Alter zur Lohnarbeit heran^ezogen wird. Jedoch ist die günstige Einwirkung der palästinensischen Verhältnisse gerade bei der Jugend zu merken, und ohne viel die Schule zu besuchen, spricht sie doch ein klassisches Hebräisch und lernt es. Begreiflicherweise haben die guten Erfahrungen, die die Jemeniten in Rischon le Zion und Rechoboth machten, ihren Eindruck auf die Juden im Jemen nicht verfehlt. Ein lebhafter Briefwechsel zwischen den Jemeniten Palästinas und den im Jemen zurückgebliebenen setzte ein. Dazu kam, daß gerade in letzter Zeit die Verfolgungen und der Druck immer schlimmer wurden. So hat denn seit einem Jahre eine Einwan-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.