Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1913-02-28 · 9 (28.2.1913) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438432-2438441--3463-2443230
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 9 des Judentums die religiöse Verjüngung bezeichnete. Nach Dr. Birnbaum hielt Perez, enthusiastisch begrüßt, eine Rede über die „Jüdische Renaissance“. Perez ist ein guter Sprecher, doch waren seine Ausführungen viel zu einseitig, als daß man das in ihnen liegende Kredo ohne weiteres akzeptieren könnte. Dem Dichter Perez wird die jüdische Geschichte ein ehrenvolles Gedenkblatt weihen, 'der Redner und Politiker Perez sind, um aufrichtig zu sein, von untergeordneter Bedeutung.; In seiner Rede bekannie sich Perez zu einein* national-jüdischen Chauvinismus, den wir Zionisten, an deren Nationalbewußtsein man wohl nicht zweifeln kann, ablehnen müssen. Auch die am Schlüsse seiner Rede von Perez vertretene Ansicht, daß wir berufen sind, der Welt weiterhin verschiedene Ideale, wie Gerechtigkeit usw. zu vermitteln, erinnert uns zu sehr an die Ausführungen liberaler Reformrabbiner, als das wir sie ernstlich in Erwägung ziehen sollten. Der zweite Teil des Abends war der Vorlesung einzelner Erzählungen aus Pereh Werken gewidmet. Professor G r e g o r i las zuerst in deutscher Uebersetzung vier Stücke, von denen namentlich „Bonze Schweig“ stürmische Begeisterung hervorrief. Der Ruhm des Schriftstellers Perez ist zu fest begründet, als daß wir nötig hätten, hervorzuheben, daß die zum Vortrage gebrachten Schöpfungen Meisterwerke von unvergänglichem Werte sind. Der herzliche Beifall, mit dem sowohl Gregori für seine Vortragskunst, wie auch Perez als Schöpfer der vorgetragenen Stücke belohnt wurden, war eine deutliche Manifestation echter Bewunderung. Am Schlüsse las Perez selbst vor. Die Beifallskundgebungen wollten schier kein Ende nehmen. Nach dem Abend fand ein zahlreich besuchter Kommers statt, welcher bis in die frühen Morgenstunden währte. Es wurden viele Reden gehalten, in denen Perez von seinen Bewunderern gefeiert wurde. * Juden als Mord»-. In der Zahl der in der letzten Zeit in Wien vorgekommenen Morde und Mordanschläge' befindet sich auch ein tragischer Vorfall, in welchem Juden als Verbrecher und Opfer eine traurige Rolle spielen. Die Tatsache, daß mehrere antisemitische Zeitungen dieses Ereignis zum Anlaß genommen haben, Ausfälle gegen die Juden zu unternehmen und die Juden als Mordgesindel zu bezeichnen, hätte uns nimmer bewegen können, auf diesen tragischen Vorfall zurückzukommen. Es sei nur an eine bekannte Anekdote erinnert, welche in treffender Art solche antisemitische Angriffe widerlegt. Als einmal der Begründer des Bankhauses Rothschild, Anselm Rothschild mit einem christlichen Geschäftsfreunde durch die Straßen Frankfurts ging, bemerkten sie, daß gerade ein Jude am Pranger stand. Der Christ ließ es sich nicht nehmen, zu bemerken, daß die Juden Verbrecher sind. Darauf wandte sich Rothschild an seinen Begleiter mit der Frage: „Glaubts ihr so was ist nur für Enk?“ Das Vorkommen eines Mörders oder auch vieler Mörder, besagt noch nidit, daß die Gemeinschaft, welcher diese Verbrecher entstammen, verbrecherisch sein muß. Immerhin ist zu bemerken, daß die Juden bis in die neueste Zeit sehr wenige Mörder aufzuweisen hatten. Ein Blick in die sorgfältig nach Konfessionen geführten Kriminalstatistiken genügt, um sich davon zu überzeugen, daß der Prozentsatz der jüdischen Totschläger und Mörder im Verhältnis zum Gesamtperzentsatze der Juden zu den Nichtjuden ein verschwindend geringer ist. Aehnlich war es auch um die jüdischen Selbstmorde bestellt. Diesbezüglich haben sich jedoch die Verhältnisse geändert. Die unverhältnismäßig große Zahl von jüdischen Selbstmördern beweist, daß durch die Zerrüttung def festgefügten jüdischen Familie, durch das Eintreten der Juden in die modernen Wirtschaftsbeziehungen das jüdische Volk Schaden genommen hat. Diese Vorkommnisse sind oft eine Frucht der inneren- Haltlosigkeit infolge der Flucht aus der jüdischen Gemeinschaft. Dieser Umstand hat sehr oft eine Ausschaltung vieler ethischer Hemmungen zur Folge. Wir wollen nicht behaupten, daß die Assimilation oder die Judentaufe eine Vorschule des jüdischen Verbrechens sind, aber auffallend ist es doch, daß die meisten jüdischen Verbrecher von ihrem Volke losgelöst sind. Gerade der letzte Fall, um den es sich handelt — wir meinen die Tragödie der Brüder Berger — illustriert genau, aus welchem Milieu sich die haltlosen und innerlich verkommenen Existenzen ä la Altmann rekrutieren. Der Mörder Altmann ist schon vor längerer Zeit konfessionslos geworden. Daß der Austritt eines Juden aus dem Judentum in den wenigsten Fällen mit der Religion,- zumeist jedoch mit dem Charakter zu tun hat, ist längst erwiesen. Der entjudete Altmann gelangte überdies in die Gesellschaft jener großstädtischen Glücksritter. Hasardspieler und problematischen Existenzen, weiche »unserer gesamten Kultur zur Schmach gereichen. Altmann verlor jeden sittlichen Halt und wurde ein Mörder, ein jüdischer Mörder. Als Mörder ist er ein entarteter Mensch, als jiddischer Mörder ist er aber auch ein entarteter Jude. » Galizische Landtagswahlreform und die Juden. In den letzten Tagen beriet der Wahlreformausschuß des galizischen Landtages über die zu schaffende Wahlreform. Aus den Verhandlungen geht hervor, daß die von uns vor einigen Wochen angedeuteten Richtlinien der Wahlreform tatsächlich beobachtet werden. Ruthenen und Polen werden sich ■ wahrscheinlich doch einigen und diejenigen, welche die Zeche bezahlen, sind die Juden. Das Projekt des Wahlreformausschusses sieht für sechs galizische Städte: Tarnow, Tarnopol, Stanislau, Kolomea, Drohobycz und Przemysl je ' "zwei Mandate vor. Gegen diese Doppelmandäte wandte sich der sogenannte jüdische Vertreter ,L.ö w e n s t e i n. Wir haben seinerzeit darauf hingewiesen, daß die Doppelmandate Gewähr bieten, eine wenn auch verschwindende Zahl von jüdischen Abgeordneten in den galizischen Landtag zu wählen. Da bei allgemeinem Wahlrechte die Wahrscheinlichkeit der Wahl eines Zionisten vorhanden ist, sah sich der Abgeordnete von Löwenstein veranlaßt, gegen die Doppelmandate Stellung zu nehmen. Seit zwei Jahren werden die Verhandlungen über die Wahlreform geführt. Löwenstein ist vom ersten Tage an Mitglied des Wahlreformausschusses. Die ganze Zeit aBer hat er geschwiegen und sich fast nie an den Beratungen des Ausschusses beteiligt. In dem Augenblicke aber, wo die Möglichkeit durchschimmerte, daß die demokratische Richtung der galizisch-jüdischen Politik, nämlich die zionistische, einen wenn auch geringen Erfolg erzielen könnte, war er flugs zur Stelle. Es ist ein Zustand tiefster Verkommenheit, wenn ein von Juden gewählter, auf Grund jüdischer Stimmen einflußreicher Politiker wie Löwenstein, in ruchloser Weise seine egoistischen Interessen über die allgemeinen jüdischen Interessen stellt. Ohne D.oppelmandate ist es fast ausgeschlossen, daß in Galizien ein jüdischer Abgeordneter in den Landtag aus den allgemeinen Wahlen hervorgehe. Nichtsdestoweniger Wenden sich Löwenstein und seine Clique gegen die Doppelmandate, weil sie Angst haben, es könnte um einen Teil, ihres persönlichen Einflusses geschehen sein. Sobald der Wahlreformausschuß mit seinen Arbeiten fertig sein wird, soll der galizische Landtag einberufen. und das Reformprojekt itn Plenum beraten werden. Den übrigen jüdischen Abgeordneten im galizischen Landtage wird somit Gelegenheit gegeben sein, für die jüdischen Forderungen einzutreten. Es ist aber mehr als wahrscheinlich, daß all diese Herren schweigen und zur vollständigen Vernichtung des jüdischen Einflusses im Lande ja und Amen sagen werden. Die ungarifdien Juden am Scheidewege. Die gewaltige Umwälzung, welche sich am Balkan vollzogen hat, ist nicht ohne Einfluß auf die ungarische Nationalitätenpolitik und speziell auch auf die ungarischen Juden geblieben. Jn allen Teilen Ungarns und Siebenbürgens macht sich die nichtmagyarische Nationalitätenbewegung der Deutschen^ Slaven und Rumänen in einer nie früher vorhandenen Intensität geltend, die derartige Furcht den Budapester herrschenden Kreisen einflößt, daß viele am liebsten von jeder Wahlreform absehen würden. Aiag diese wie immer ausfallen, sie wird nicht verhindern können, daß der magyarischnationale Charakter des ungarischen Staates endlich als Fiktion sich darstellt und daß durch die im ungarischen Reichstage erscheinenden deutschen, slowakischen, ruthenischen, rumänischen, serbischen und kroatischen Abgeordneten die gesamte ungarische Nationalitätenfrage und das kroatische Problem in seinem ganzen Umfange aufgerollt werden wird. Das beginnen nun die ungarischen Juden auch zu erkennen, bei denen allmählich auch der magyarische Chauvinismus abzuflauen beginnt, wofür gerade in den jüngsten Wochen mehrere Symptome zu Tage träten. Den Hauptgrund der Ernüchterung bildeten die traurigen Erfahrungen, welche die ungarischen Juden während der Koalitionsära machten,,. wo parallel mit dem Chauvinismus und staatsrechtlichen Separatismus ganz unverhüljt — in noch nie vorhandenem Maße — der Antisemitismus sich breit machte. Eine Hauptsäulc desselben war der Exjustizminister P o 1 o n y, der nun im Begriffe ist, eine neue antisemitische Partei in Ungarn zu gründen, was aber verschiedene antisemitische Zeitungen nicht abhält, immer von neuem Polony als — Judenstämmling hinzustellen. Den Anlaß zu dieser neuen Parteigründung bietet Polony „die stets fortschreitende Ver-. judung von Pest, welche sich in der Wahl Dr. Hejtuis zum Oberbürgermeister von Budapest“ dokumentiert. Es ist dies bekanntlich.' derselbe Dr. Heltai, der unbeschadet seines „Judäomagyarentumes“ sich vor kurzem mit dem deutsch-radikal-antisemitischen K. H. Wolf gegen die —-Slawen verbrüderte. Diese Verbrüderung wurde nicht nur von den demokratisch gesinnten Elementen unter den Deutschen und Magvaren abgelehnt, sondern auch der vernünftigere Teil der Juden, der in demokratische Bahnen einzulenken beginnt, findet keinerlei Gefallen an der Slawenhetze. So sagte mir vor einigen Tagen einer der führenden Männer der Leopoldstäater Budapester Juden, ein Regierungsmann : „Die letzten Ereignisse am Balkan Ein Schwarzer nach Tisch »acht munter und frisch 1 Die Untersuchungen von Professor Hollingworth haben erwiesen, weshalb es so ist Wenn Sie sich dafür interessieren, wie man der Ermüdung nach den Mahlzeiten entgeht, so lesen Sie die kleine Broschüre: „Winke für Feinschalecker“ Gratis erhältlich in allen Geschäften der Firma £ X fx JULIUS MEINL Gegr. 1862. LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais.—Dersidiertes Kapital zirba 380 Millionen. — Prämienreseroe zirba 113 Millionen. — Billigste Prämien und Kulanteste Bedingungen. Engagiert jederzeit tüihtige, leistungsfähige Agenten gegen höbe Bezüge. BBSbünfte erteilt die Ceneralagentsihalt Bien, l.t Hspernplatz 1 (Leiter: David Hebenzahl). Eür Ostgalizien u. Euhouina: Subdirehtion höbt Taubes, Hemberg. NIEDERLÄNDISCHE

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.