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Jüdische Zeitung · 1913-02-28 · 9 (28.2.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JS88S -JfUKK p.™ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnähme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr.'"l. Sprechstunden ■ I _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — AbonnemeijJspreise: Für Oester- _ > * ™ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für: Deutschland: Ganzjäbr. Mk. 10.—, halbJähK■■Mk. 5.—, Vierteljahr/;“^ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telefon 22.075. ■ ' . -ÄT'* Nr. 9. Wien, Freitag, den 28. Feber 1913 v. j .. : VH. Jahrgang " .. und Mir --G‘"l"„fnienite'1 — ""U I lllullUIIIIU im Festsaale des Hotels „Bayrischer Hof“ Pflicht eines jeden Juden ist es, mitzubauen an den Heimstätten für unsere Brüder aus dem Jemen. Karten ä K 5, 3, 2, 1 im Büro des Jüdischen Nationalfondes leae Karte ein Baustein! ,, Hungersnot in Galizien. Durch die krisenhafte äußere politische Lage ist ganz Oesterreich in furchtbare Mitleidenschaft gezogen worden. Ganze Zweige der Industrie haben fast nicht mehr gutzumachenden Schaden gelitten. Die Kaufmannswelt und die Gewerbetreibenden beklagen den Verlust von ungezählten Millionen. Die Arbeitslosigkeit hat erschreckenden Umfang angenommen und die allgemeine Notlage lenkt nunmehr die Aufmerksamkeit der gesamten öffentlichen Meinung auf sich. Namentlich sind jedoch die östlichen Provinzen—unserer. .Monarchie,.- Galizien- und die Bukowina schwer betroffen worden. Ihre Grenzlage gegen Rußland, die in diesen Ländern ohnehin mißlichen wirtschaftlichen Verhältnisse haben die allgemeine Krise zu einer Katastrophe gestaltet. Von den in Oesterreich lebenden Völkern haben jedoch die Juden am meisten gelitten, denn sie stellen zum Kaufmanns- und Gewerbestande einen hohen Prozentsatz, ln manchen Gegenden sind die Juden fast die einzigen Kaufleute und Gewerbetreibenden; sie mußten daher naturgemäß am stärksten unter der Krise leiden. So haben in Galizien und in der Bukowina hauptsächlich die Juden die Zeche der politischen Krise bezahlen müssen. Diese kapitalsarmen Provinzen, welche auch1 in friedlichen Zeiten vom Wohlwollen des. \vestlichen Kapitals abhängig sind, gerieten durch die herrschende Geldknappheit und durch die Entziehung der ihnen gewährten Kredite in eine entsetzliche Situation. Die meisten Kaufleute mußten Konkurs ansagen; die Gewerbetreibenden leiden unter dauernder Beschäftigungslosigkeit. Handel und Wandel stocken. Die-Kauflust ist ganz verschwunden. Ein weites Leichenfeld wirtschaftlicher Existenzen ist das Fazit des letzten Jahres österreichischer auswärtiger Politik. Zur allgemeinen Krise gesellte sich aber in Galizien noch der wirtschaftliche Antisemitismus, der auch während der letzten krisenhaften Zeit in blindwütender Weise sein Mütchen an den Juden kühlte. Während die christlichen Kreditgenossenschaften und die christlichen Gewerbetreibenden mit Hilfe der Landesinstitute über Wasser gehalten wurden, überließ man die wirtschaftlich schwachen Juden ihrem Schicksale. Vergebens waren die vielen Interventionen bei der Zentralregierung, vergebens der Appell an die Wiener,. Bänken, vergebens waren die vielfachen Schritte zur Linderung der Not. Von keiner Seite kam Hilfe. So geschah es, daßin den letzten Tagen aus Galizien eine furchtbare Kunde :kommen konnte: Die; Hungersnot hat . Einzug gehalten und fordert ihre Opfer. Die ländliche und kleinstädtische Bevölkerung Galiziens hat in bewunderungswürdiger Ruhe all die schweren Schicksalsschläge ertragen, welche die letzten Monate ihnen zugefügt haben. Nunmehr können diese Bevölkerungsschichten nicht -mehr ruhig bfeiBenr* £n£~'5rbeitsbereite Hand des kleinstädtischen jüdischen Handwerkers ist zur Ruhe verdammt. Der kleine Krämer hat weder. Ware noch Käufer. Die vielen tausende Agenten, Vertreter — dieses große Heer von Luftmenschen — haben seit Monaten nichts mehr verdient. Die Lebensbedürfnisse, die ohnehin nie exorbitant waren, wurden auf das kaum denkbarste Minimum eingeschränkt. Und doch griff und greift die Hungersnot mit ihrem unerbittlichen Arm in diese an Not und Leid gewöhnte Massen und wandelt die loyalsten und treuesten Staatsbürger in Empörer. Die kleinen Gemeinden haben weder die Möglichkeit noch die Mittel, helfend einzugreifen. Eine Deputation aus Galizien wandte sich darum direkt an die Zentralregierung um Hilfe. Der österreichische Ministerpräsident tat ganz erstaunt und setzte sich mit der galizischen Statthalterei in telephonische Verbindung und verlangte Auskunft. Die Statthalterei hatte es bis jetzt sträflicherweise unterlassen, auf die furchtbare Notlage aufmerksam zu machen. Jetzt mußte sie zugeben, daß die Klagen der Vertreter der notleidenden Kreise, welche mit Umgehung der galizischen Behörden sich direkt an die Zentralregierung gewendet haben, den Tatsachen entsprechen. Der Ministerpräsident versprach Abhilfe, welche im Wege der politischen Behörden Galiziens geleistet werden soll. Nach unseren Erfahrungen können wir leider behaupten, daß der helfende Arm der österreichischen Regierung keinen Juden erreichen wird. Die Hungersnot in Galizien bedeutet eine Schmach für Oesterreich, sie bedeutet aber auch eine Schmach für diejenigen offiziellen Juden, welche es bisher unterlassen haben, ihren galizischen Stammesgenossen zu helfen. Vor einigen Jahren ist hauptsächlich von Zionisten eine Hilfsaktion angeregt worden. Die assimilatorischen und offiziellen Juden griffen die Anregung auf und übernahmen es, das Hilfswerk zu organisieren. Es fanden Konferenzen statt, es wurden Beratungen gepflogen und die kreissenden Berge gebaren den Verein „Selbsthilfe“, an dessen Spitze die Herren Schmelke Horowitz, Vertreter der lca und andere mächtige und reiche Juden stehen. Wir fragen diese Herren an, was sie zur Linderung der jüdischen : Not beigetragen, wir fragen sie, was sie aus dem Gedanken „Selbsthilfe“ ge- " macht” haben. Der‘ Augenblick ist zu ernst, als daß man Parteidifferenzen zur. Austragung bringen sollte. Die Not ist aber zu groß, als daß man stillschweigend über die Verbrechen und Unterlassungssünden der Großjuden und der politischen Führer der galizischen Judenschaft hinweggehen könnte. Im gegebenen Augenblicke wissen wir nur einen Rat: Aus der Mitte der Leidenden und Hungernden muß die Hilfsaktion ihren Ursprung nehmen. An den wirklichen Volksführern der galizischen Judenschaft liegt es, sich der ernsten Zeiten und der schweren Aufgaben würdig zu erweisen. Rundschau. Per«: - Abend. Lieber Veranlassung des allgemeinen jüd. Arbeitervereines „Poale Zion“, sowie des Hoclischülervereines „Cheruth“ fand am 21. d. M. zu Ehren des bedeutendsten Schriftstellers in jüdischer Sprache, J. Leib P e r e z, ein literarischer Abend statt. Der äußerst zahlreiche Besuch bewies, daß Perez auch dem Westjudentum nicht unbekannt ist: echtes Können setzt sich durch und erringt dem betreffenden Künstler allgemeine Anerkennung. Die einleitende Conference hielt Dr. Natan Birnbaum aus Berlin. Wir behalten uns vor, auf den Inhalt seiner Ausführungen zurückzukommen. Vorläufig sei bemerkt, daß Dr. Birnbaum nach einer kurzen Würdigung des Ostjudentums und der jüdischen Sprache, die einzelnen Phasen im Schaffen des Dichters besprach. Dr. Birnbaum ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, in seiner temperamentvollen Weise allzu einseitige Urteile zu fällen. Besonders überraschend oder eigentlich — wenn man die Wandlungsfähigkeit des Dr. Birnbaum in Betracht zieht - nicht überraschend war der Schluß seiner Rede, in welchem er als das Heil 3245

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