Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZElTÜNG Nr. 7 rissen. Das Schicksal der Annen aus Ichtip, die, 7)0 an der Zahl, in der Talmud-Thora in Saloniki .und in der Hirsch-Schule dort uutergebracht sind, ist außerordentlich bejammernswert. Saloniki. Saloniki hat 140.000 Einwohner, darunter 70.000 Juden. Eine ungefähre Uebersicht über die Berufe der Juden ergibt folgendes Bild: In freien Berufen ^beschäftigt 430 Personen. Ferner 1105 selbständige größere und kleinere Kaufleute inkl. Bankiers, 1200 Krämer und Budenbesitzer, 2000 Handwerker der verschiedensten Art, S000 kaufmännische Angestellte, Kommis usw., S000 Arbeiter und Arbeiterinnen in verschiedenen Fabriken und in der Tabakindustrie. 500 Droschkenkutscher, Lastwagenführer u. dgl., 600 Hamals (Lastträger), 400 Bootsarbeiter, Auslader, Bootsdienstleute u.' dgl., 150 Zollagenten, 2000 Bedienstete, Kaffeehausangestellte, Restaurationsangestellte und Straßenhändler. Saloniki hat schon lange vor Ausbruch des Balkankrieges schwer gelitten. Der türkisch-italienische Krieg wirkte sehr lähmend auf den Handel und schädigte besonders die jüdische Gemeinde dadurch, daß gerade die Reichsten, die italienischen Untertanen sind, ausgewiesen wurden, deren Geschäfte infolgedessen stark zurückgingen. Ferner hatte die Gemeinde eine schwere Choleraepidemie zu bekämpfen (September bis Oktober 1911). Durch den Balkankrieg und die Eroberung Salonikis durch die Griechen wurde Saloniki auf das allerschwerste betroffen. Die Ereignisse, die sich in den ersten Tagen nach der Okkupation abspielten, sind öffentlich bekannt geworden. Wir wollen in diesem vorläufigen kurzen Bericht auf sie nicht eingelten. Wir wollen nur feststellen, daß wir Ausschreitungen gegen die Juden, die Diebstähle und Erpressungen und Plünderungen, die gemeldet worden sind, und auch einige Mordtaten, daß wir das alles bestätigt fände n. Der Handel liegt brach, und es fehlt an Arbeitsmöglichkeiten. Mehr als 2000 Familien mit etwa 5200 Personen sind infolge des Krieges völlig mittellos. Die Zahl wird täglich größer, da viele von ihren letzten Sparpfennigen leben, die bei der völligen Stockung des Handels und bei dem Mangel an jeglicher Arbeitsgelegenheit bald aufgezehrt sind. Serres, von Bulgaren besetzt, hat unter 35.000 Einwohnern 325—350 jüdische Familien mit 1800 Seelen; die Juden sind Kaufleute, kleine Händler, Handwerker. Am 1. Oktober 1912 explodierte in Serres eine Bombe, von da an begann das Geschäft zu stocken. Zu der allgemeinen Not kam noch eine Ueberschwemmung, ‘der IS Häuser zum Opfer fielen. Nach Einzug der Bulgaren fand unter den Mohammedanern ein Massacre statt. Die Juden wurden vor allem dadurch vor Gewalttätigkeiten geschützt, daß unter den Bulgaren sich auch jüdische Soldaten befanden, die für ihre Glaubensgenossen eintraten. In allergrößter Not befinden sich 47 Familien mit 140 Köpfen. M o n a s I i r. Monastir hat unter 65—70.000 Einwohnern 6000 Juden, ist also die viertgrößte jüdische Stadt (nach Konstantinopel, Saloniki, Adrianopel) aut dem Kriegsschauplätze. Monastir hat besonders schwer gelitten, weil zu verschiedenen Zeiten vor und hinter Monastir schwere Kämpfe slattfanden; nach Florina zu mit den Griechen, nach Prilep zu mit den Serben. Auf der Fahrt nach Monastir sieht man die zerschossenen, zerstörten und noch menschenleeren Dörfer, in denen auch viele jüdische Magazine sich befinden. In Monastir haben besonders viele Requisitionen durch die Türken stattgefunden, viele leider ohne Quittung. Ferner wurden am Tage nach dem Einzug der Serben schwere Plünderungen verübt, bei denen zahlreiche Juden ganz erheblich zu Schaden gekommen ‘sind, ln der näheren Umgegend von Monastir haben die Juden aus Monastir in den Dörfern Magazine gehabt, die völlig verbrannt und ausgeraubt worden sind. Der so entstandene Schaden ist sehr beträchtlich. Wir behalten uns vor, im endgültigen Bericht auf alle Einzelheiten der Schädigungen und Geschehnisse in Monastir (wie auch in den anderen Orten) näher einzugehen. C a s t o r i a. Die Sadt zählt etwa 25.000 Einwohner, darunter 2000 Juden. Die Juden sind alle größere oder kleinere Händler, die die umliegenden Flecken und Dörfer, sei es, daß sie dort Warenlager unterhalten oder einfach hausieren, mit Waren versorgen. Beim Einzug der Griechen sind tast alle Juden erbarmungslos geplündert worden, viele Warenmagazine auch in den zerstörten Dörfern wie in Belichte (10 Magazine), in Nastitsche (5 Magazine), ferner in Ekchison, Soro witsch und E m b o n a wurden ausgeraubt. C a v a 11 a. Cavalla mit 30.000 Einwohnern, darunter 2500 Juden, ist eine aufblühende Stadt mit lebhafter Tabakindustrie. Bekannt sind die entsetzlichen Massacres, die nach dem Einzug der Bulgaren hier wie in De'deagatsch gegen die Mohamedaner und besonders gegen die Pomaken (mohamedanisierte Bulgaren, die hauptsächlich' in den Dörfern wohnen) stattfanden. Von Massacres blieben die Juden glücklicherweise verschont, doch wurden von den bulgarischen Banden und ihrem Chef Tschernobjew schwere Erpressungen an den Juden verübt. Die sieben angesehensten Juden wurden von den Banditen unter der Anschuldigung, sie hätten eine Landung der Oesterreicher in Cavalla veranlassen wollen, verhaftet, ins Innere geschleppt und erst nach 9 Tagen und nach Zahlung eines Lösegeldes von 215.000 Francs an Tschernobjew wieder freigelassen. 0 Kaufet nur bei unseren 0 # - . Inserenten. — # Strumitza. Unter 15.000 Einwohnern 650 Juden (125 Familien), Stadt von Bulgaren besetzt. Am Tage nach der Besetzung fingen die bulgarischen Banden an, zu morden, zu plündern und die Häuser zu zerstören. Zwei Jude n sind ermordet worden, fast alle Läden und Häuser ausgeplündert, für etwa 500.000 Francs Waren sind den Juden geraubt und vernichtet worden. Von einem Manne (Barouch A. Saltiel) wurden unter Todesdrohungen 5000 Francs erpreßt. Die Juden von Strumitza, denen es bisher verhältnismäßig gut ging, sind völlig ruiniert. Strumitza liegt nicht an der Bahn. Die Bahnstation, die wir passieren, ist Oudowo. Auch dort wohnen 2 jüdische Familien, Kaufleute, deren Läden vollständig ausgeplündert worden sind. Vor dieser Station ist noch die Station Negotni zu erwähnen, mit etwa 8000 Einwohnern und 5 jüdischen Familien. Auch hier wurde ein Laden vollständig ausgeplündert. U e s k ü b. Uesküb zählt unter 60—65.000 Einwohnern 2000 Juden. Bereits vor dem Kriege haben die Juden unter der Revolution der Albanier wirtschaftlich sehr stark gelitten. Der Krieg hat diese Schädigungen außerordentlich verstärkt. Etwa 60—65 jüdische Soldaten, von denen die meisten mittellose Familien zurückgelassen haben, wurden ins türkische Heer eingereiht. Seit der Albanierrevolution und noch mehr seit dem Kriege, sind die vereinzelt in den umliegenden Dörfern wohnenden Juden mit ihren,Familien nach Uesküb geflüchtet und fallenetwa 50 an der Zahl der Gemeinde zur Last. Von Flüchtlingen befinden sich weiter alle jüdischen Einwohner aus K u m a n o w a, wo der schwerste Kampf zwischen Serben und Türken stattfand (15 Familien), Und ebenso alle aus Bojanowtsche, etwa 20 Familien, in Uesküb in meist völlig mittellosem Zustande. Ichtip. Ichtip hat etwa 25.000 Einwohner, darunter 800 Juden. Die Stadt ist militärisch von den Serben besetzt, doch ist die serbische Besatzung außerhalb der Stadt in der Kaserne. Die Stadt selbst ist in den Händen der Bulgaren und ursprünglich der bulgarischen Banden. Die jüdische Bevölkerung hat hier am allerschwersten gelitten. Die Bulgaren rückten am 11. Oktober (a. St.) ein. Die Haltung der bulgarischen Einwohner hatte die Juden veranlaßt, 2 Tage vorher sämtlich die Stadt zu verlassen, nur 6 Greise, darunter der kranke Rabbiner, der 2 Tage nach dem Einzug der Bulgaren starb, und 2 junge Leute blieben zurück, ln Ichtip hausten die bulgarischen Banden in entsetzlicher Weise. Unter den Mohammedanern, namentlich in der Umgegend, fand ein Massacre statt, 700—S00 wurden getötet. Auch von den zurückgebliebenen jüdischen Greisen wurden zwei ermordet. D i e jüdischen Häuser wurden sämtlich geplündert und demoliert. Zwei Brände, die sicherlich böswillig angelegt worden sind, zerstörten die Synagoge, 24 jüdische Häuser und 6 Magazine. Die Banden hatten überdies die Synagoge entweiht und beschmutzt und die Thorarollen zer¬ Tags darauf Wird die ganze Stadt sie zur ewigen Ruhe geleiten. Der junge Rabbiner wird auch dabei sein. Man wird nur ganz leise sprechen, — aus Achtung vor dem großen Geheimnisse, das alle fühlen. Und wrenn der Leichenzug an meinem Hause vorübergehen wird, werde ich auch hinausgehen und mich ihm anschließen. Später wird wohl der hebräische Lehrer, den man für dumm hält, auf mich zukomtnen und mich bitten, ich möge mit ihm zu den Mühlen spazieren gehen. Er sei so trüb gestimmt, das Herz sei ihm so schwer, und er hätte niemanden, vor dem er es erleichtern könnte. Er wird dann aber die ganze lange Zeit über sclnveigen Und erst vor dem Abschied sagen: „Wissen Sie, was idi denke?“ „Was?“ „Daß das Leben ein großes Geheimnis ist.“ Ich sehe ihm nach, wie er sich langsam, langsam entfernt, nach Hause geht, in sein einsames Zimmer. Er wird diese Nacht nicht gut schlafen. * . * Still das Feld. Still die Gasse. Die Flügel der Windmühle ruhen. Der große, kluge Mond schaut von oben herab, — eine kalte Sonne. * •* * Und ich werde vor einem Hause stehen bleiben, aus dem eine wehmütige Romanze klingt, wie sie nur noch da, in der kleinen Stadt, gesungen wird. Bezaubert von der zarten Frauenstimme, werde ich lange stehen bleiben, und verstehend dem hoffnungslosen Kummer lauschen, der dem traurigen Lied entquillt. Von einem kahlen Baum singt es, einem tief gebeugten, dessen schwere Zweige heiße Tränen weinen. Es tröstet ihn. Der Sommer werde wiederkommen, und er wieder da stehen in grüner Pracht Das Menschenherz aber werde der Sommer nicht heilen können. Das müsse gebrochen bleiben. Und ich kenne die Sängerin. . . . * * Ich fühle mich wohl in meiner kleinen Stadt, in allen Jahreszeiten. Da lerne ich die Weisheit des Zuhausesitzens, da lese ich gute Bücher mit mehr Liebe und Aufmerksamkeit. Ich bin mit jedermann bekannt, und kleine Kinder rufen mich beim Namen. Ich höre mir alle Geschichten an, kenne alle Ereignisse, und w'enn ich eine Woche lang keine Zeitungen gelesen habe, merke idi nicht, daß mir was fehlt. Ich bin der Provinz so innig dankbar für ihre Stille, dafür, daß sie mich so lange und in Einsamkeit sinnen läßt, — in ihren freien, befreienden Einsamkeit, — nicht in jener schweren, die man im fünften Stock eines Großstadthauses in seinem engen Zimmerchen um sich fühlt. Ich langweile mich niemals. Immer ist einer da, mit dem man reden kann, wrenn man Lust dazu hat. Und überkommt mich doch einmal etwas w;ie Sehnsucht nach „Europa“, nach der „großen Welt“ da draußen, dann gehe ich nach dem Bahnhof und erwarte den Kurierzug aus Kiew' ... In der Saison, im Sommer, bringen uns die Züge mehrmals am Tage unsere paar Studenten und Studentinnen heim. Aus Charkow und aus Kiew, aus Moskau und aus Petersburg. Die Provinz wird lebendig. Die langen, bis spät sich hinziehenden Spaziergänge beginnen, — im Stadt-. garten, am Flusse, neben der Stadtschule. Lufthungrig ist die jüdische Jugend aus der großen S.tadt zurückgekommen. Die Mütter sind vergnügt und wünschen, daß ihre envaqhsenen Kinder, die Ausgehungerten und Abgemagerten recht viel Milch trinken. Man lacht Und" läuft barfuß über den Sand. Man badet. Sommerpoesie einer kleinen Provinzstadt, Sommerabend-Poesie, wenn der Staub sich gelegt hiat und die Leute vor der Türe sitzen und Gitarretöne klingen. Sommerliches Flüstern in den dunklen Alleen, das Herz ist offen und verspricht ewige, ewige Liebe. Dann kommt eine Schauspieler-Truppe .... Man ruft sich über die Gasse zu: „Sie gehen wohl heute ins Theater?“ Und man geht in großen Gesellschaften und freut sich und fühlt sich so wohl in der Holzbude. So vergeht die Zeit mit Baden, mit Rudern, mit Spazieren außerhalb der Stadt, mit Singen una Geschichtenerzählen. Und w'enn man vom Theater geht, wird man mit dem Erzählen nicht fertig. „Gehen wir doch aufs Feld hinaus!“ „Wie, für die ganze Nacht?“ Und draußen im Feld stellt man sich hin, bespricht das Erlebte, disputiert. Oder plötzlich versteckt sich einer hinter einen Baum und schreckt die andern. Diese lachen, schreien. Ja, so vergeht die Zeit . . . Bis es Herbst wird . . . Zw'ei Mädchen begegnen einander auf der Straße: „Weißt du, Mine schreibt mir, daß sie anfangs nächster Woche nach Moskau fährt. Wann fährst du?“ In einigen Häusern packt man schon die Körbe und Kisten. Man läuft oft zum Schneider, ist wirklich stark beschäftigt. Und mit dem ersten wrelken Blatt, das vom Baume fiel, fährt eine Droschke die erste Studentin zum Bahnhof. Und nun ziehen trübe, schwere Tage heran für die, die nicht fahren kann. Schon mehrere Jahre rüstet sie dazu und muß doch immer wieder bleiben. Später, nach dem ersten Fröst, wird sie ja daran vergessen haben. Aber jetzt fühlt sie es so schwer. Sie wird alle Freundinnen zum Bahnhof begleiten, wird sie bitten,, daß sie ihr schreiben, wird lachen, und sie werden sich küssen. Aber wenn sie die letzte begleiten wird, w'ird sie sich nicht mehr zurückhalten können und wird bitterlich W'einen. _ Sie w'ird traurig, den Kopf ein wenig gesenkt, heimgehen, und vor dem Hause den hebräischen Lehrer treffen, den man für dumm hält: „Ich bringe Ihnen das versprochene Buch“ w’ird er sagen. Und sie wird leise antworten: „Treten Sie doch ein bischen ein! Ein so trauriger Abend!“ Herbst in der Provinz. Regentage und lange, finstere Nächte. Die Stadtverwaltung hat die vier Gaslaternen anzünden lassen ....