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Jüdische Zeitung · 1913-02-14 · 7 (14.2.1913) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
7 (14.2.1913)
Date
1913-02-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHE. ^lElTUNG ^eitt 3 Nr. 7 Offener Brief. An die „Organisation für hebräische Sprache und Kultur“, Berlin. Sehr geehrte Freunde! Nicht weniger als drei Jahre sind seit der Gründung Ihrer Vereinigung verflossen. Mit freudiger Hoffnung haben wir alle, die wir die Renaissance der hebräischen Sprache als wichtigstes Element der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes angesehen, diese Gründung begrüßt. Kurz darauf ward uns die frohe Kunde, daß Ihnen von großherzigen Freunden die Mittel zur Verfügung gestellt wurden, deren Sie bedürfen, um fruchtbare Arbeit zu leisten. Seither haben wir von Ihrer Tätigkeit wenig, sehr wenig gehört. Ich will keine Kritik an Ihren Leistungen üben, denn ich weiß, wie schwierig Ihre Aufgaben sind und wie leicht es ist, Vorwürfe zu erheben. Worauf ich nur Ihre Aufmerksamkeit wiederholt lenken möchte — ich habe es vor einem Jahre in Berlin mündlich getan — ist, daß ich es als Ihre wichtigste Aufgabe ansehe, die Behelfe zustande zu bringen, ohne die eine Verbreitung der Kenntnis der hebräischen Sprache, namentlich in ihrer modernen Form, unmöglich ist. Ich wüßte tatsächlich nicht, welch andere Aufgabe Ihnen dringender erscheinen könnte, als die, den Westjuden die Möglichkeit zu bieten, die hebräische Sprache soweit erlernen zu können, daß sie die moderne hebräische Literatur — einschließlich der in Zeitschriften verstreuten theoretischen — verfolgen können. Soll die zionistische Idee der nationalen Einheit schon jetzt zur Wirklichkeit werden, so kann dies einzig und allein nur auf geistigem Gebiete geschehen. Der Zustand, daß alle geistigen Schöpfungen unseres Volkes, sowie die in Druck niedergelegten Lebensäußerungen der jüdischen Siedler Palästinas, der Träger der Volkszukunft, quasi mit Ausschluß der westjüdischen Oeffentlichkeit erscheinen, weil es in Westeuropa keine Möglichkeit gibt, die neuhebräische Sprache zu erlernen, ist ein für Zionisten unerträglicher. Wir Westzionisten wollen und müssen, was in hebräischer Sprache erscheint, verfolgen können, sollen wir nicht außerhalb des geistigen Lebens des jüdischen Volkes bleiben und trotz unseres zionistischen Bekenntnisses und Willens doch nur auf den geistigen Verkehr mit nichtjüdischen Völkern angewiesen sein. Feuilleton. Die liebe Provinz*) Von Sch. G o r e 1 i k. Selbst wenn man schon dreiunddreißig alt geworden ist und die Erdkugel schon mehrmals nach allen Richtungen bereist hat, selbst wenn schon im Barte die ersten Silberfäden schimmern, und das Kopfhaar schütter zu werden beginnt, selbst wenn sich schon zarte Runzeln, von tiefen, nicht immer lustigen Gedanken herrührend, in den verschiedenen Winkeln des Gesichtes verstecken und doch wieder nicht verstecken, sondern eigentlich laut von den Stürmen des Lebens erzählen, braucht man noch immer kein Menschenfeind zu werden. Braucht man sich noch immer keine dänische Dogge zu halten. Man kann dann, im Gegenteil, bei einiger Mühe das Leben noch immer interessant finden. Sind auch die Menschen nicht so, wie man sie haben möchte, so ist es dennoch ganz schön, des Morgens aufzustehen, die Fensterläden weit zu öffnen, sich an den Sonnenstrahlen' zu laben, im kalten Wasser zu baden und irgendwo in den Bergen aus einer frischen Quelle zu trinken. Hauptsache, die Großstadt von sich zu tun, und in der Provinz sich niederzulassen, in einem Städtchen von ein paar tausend Einwohnern, mit einstöckigen Häusern und baumbesetzten Gassen. Das Feld ist nicht weit und noch näher sind die Windmühlen. Da bilden sich Persönlichkeiten, da wachsen Gefühle, Ideale. . . . Aber die jüdischen Jünglinge und Mädchen lassen sich vom Glanze der Großstadt blenden. *) Der „Jüdische Verlag“ hat soeben in der Sammlung „Vom alten Stamm“ eine Auswahl zarter, lyrischer Erzählungen von Sch. Gorelik erscheinen lassen, die sich wie Gedichte in Prosa lesen. Der Autor schickt seinem Werke die hier abgedruckte Einführung voran, die wir als Probe seines hervorragenden Talentes bringen. (Zu beziehen durch die „Jüdische Zeitung“.) Ich will Ihnen nur diese eine Seite der geistigen Not der Westzionisten vor Augen führen. Daß ohne Kenntnis der hebräischen Sprache ein Versenken in die Schätze der jüdischen Vergangenheit unmöglich ist, brauche ich wohl nicht näher zu erörtern. Zur Erlernung speziell der neueren hebräischen Sprache fehlen aber heute noch alle und jede Lehrbehelfe. Dort, wo nicht die Möglichkeit vorliegt, bei einem der trefflichen Lehrer, wie sie in Rußland, Galizien und Palästina ausgebildet werden, zu lernen, dort, wo man, wie dies der häufigste Fall ist, auf Grund einiger Vorkenntnisse sich allein weiterbilden will, scheitert jeder solche Vorsatz an. dem Mangel von geeigneten Lehrbehelfen. Es fehlt eine gute Schulgrammatik, es fehlt ein deutsch-hebräisches Uebungsbuch, es fehlt eine Chrestomatie mit Stücken von stufenweise zunehmender Schwierigkeit, es fehlen größere Wörterbücher, von Unterrichtsbriefen gar nicht zu reden. Es fehlt mit einem Worte jeder nach pädagogischen und philologischen Gesichtspunkten verfertigte Lehrbehelf. Im Namen vieler, die gleich mir diesen Mangel schmerzlich empfinden, richte ich an Sie das Ersuchen und die Aufforderung, Ihre Kräfte und Ihre Mittel vor allem zur Schaffung solcher Lehrbehelfe einzusetzen. Ich glaube, daß es für Sie keine wichtigere und dringendere, aber auch keine dankbarere Aufgabe geben kann. Ich hoffe, daß Sie diese Anregung in ernsteste Erwägung ziehen werden, und empföhle mich Ihnen Mit Zionisgruß Adolf Böhm, Wien. Dp., Stern tär Oie OeMliAheit der Kultusuopstanössitzungen. Eine Reminiszenz. Bekanntlich haben die zionistischen Mitglieder des Wiener Kultusvorstandes einen Antrag" eingebracht, die Geschäftsordnung derart zu reformieren, daß die Oeffentlichkeit der Vorstandssitzungen grundsätzlich gewährleistet werde. Durch die Annahme dieses der Würde unseres Gemeindevorstandes allein entsprechenden Antrages, würde jener Zustand herbeigeführt werden, der in allen europäischen Gemeindevertretungen, so auch im Wiener Gemeinderate, den doch die bösen „reaktionären“ Christlichsozialen beherr- Voll Hoffnungen, mit dem ganzen Enthusiasmus der Naivität streben sie, fliegen sie hsin, um verbrüht, das Feuer der Augen erloschen, getäuscht, müde, gedrückt zurückzukommen. Dann stimmen sie so gut zum Herbst, der gerade dort so melancholisch schön ist, dort, in der Provinz, in den kleinen Kreisstädten. . . . Die Provinz bleibt immer zurück. Sie trägt die Moden, die die Großstadt schon längst abgetan hat, alte, abgelegte Kleider- und Ideen- Moden. Aber gerade dieses Zurückbleiben ist ja ihre Schönheit. Während in der Großstadt dank den Pornographien, den Kabarets, dem schrecklichen Wurm Nihilismus die Liebe zum reizenden Flirt geworden ist, herrscht in der Provinz noch Romantik. Das junge jüdische Mädchen, das der Geliebte verläßt, erlebt noch eine echte Katastrophe. Ihre Mutter ringt noch die Hände und weint leise in einem Winkelchen über die unglückliche Tochter, die immer stiller und bleicher wird .... In der Provinz singt man noch die alten, ganz alten Romanzen. Da und dort findet ihr sogar noch irgend ein altes Instrument . . . Wenn in der Großstadt eine Idee schon längst ausgeglüht ist. flammt sie in der Provinz noch lichterloh. Und während irgend ein großstädtischer Robespierre sein „Es gibt keinen Gott“ deklamiert, betet noch die ganze Provinz. Und gerade wegen dieser ihrer Langsamkeit, wegen ihres Zurückbleibens, liebe ich sie so sehr. Gerade deshalb, weil man dort erst in zwei oder drei Jahren das Chantecler-Kleid tragen wird. Die Provinz glaubt, begeistert sich. Kommt einmal einer von uns jüdischen Schriftstellern hin, so wird er mit Fragen bestürmt. Er rührt mich einfach, der junge Mann, der mir nicht glauben will, daß ich mit Perez bekannt bin und schon einige Male mitihm sprach. „So, so, Sie haben ihn wirklich gesehen?“ „Ja, natürlich,- mein Lieber.“- „Und Bialik' kennen Sie auch?“ „Gewiß, auch Bialik.“ sehen, als Selbstverständlichkeit besteht und sich bewährt. Die Vorentscheidung über den zionistische Antrag hat nun der engere Ausschuß des Kultusvorstandes: das Vertreterkollegium zu treffen. In dieser intimen kontrollosen Tafelrunde herrscht der Herr Kultuspräsident Dr. Stern noch unumschränkter als im Vorstandsplenum. Deshalb erscheint es wohl am Platz, die Erinnerung des Herrn Präsidenten auf jene schöne Zeit zurückzulenken, da er als stürmischer Reformer an der Spitze seiner Getreuen in den Kultusvorstand einzog, um dem „patriarchalischen Schlendrian“ des damaligen Kultuspräsidenten, Herrn Emanuel Baumgarten ein frühes Ende zu bereiten. So weiß Bloch-, seit je der Herold Dr. Sternscher Taten, über die konstituierende Sitzung des Wiener Kultusvorstandes vom (>. Jänner 1SSQ, wie folgt, zu berichten: „Herr Kultusvorsteher Dr. Maximilian Steiner stellte den Antrag, es mögen sämtliche Vorstandssitzungen mit Ausnahme solcher, welche ausschließlich Personalangelcgenheiten gewidmet sind, öffentlich a b g e h a 1t e n werde n. In formeller Beziehung wünschte der Redner seinen Antrag zur Vorbereitung einem Komitee von 5 Mitgliedern zugewiesen zu sehen. Die Herren Vorsteher D r. Stern, Baurat Stiaßnv und Theodor Goldschmidt u nterstützen den Antrag. Demgemäß wurde der Antrag einem Komite zugewiesen." Herr Dr. Stern erreichte rasch sein Ziel. Erst machte er dem Herrn Kultuspräsidenten Baumgarten den Garaus und dann, da die Reformen jetzt keinen Zweck mehr hatten - der Oeffentlichkeit der Vorstandssitzungen. Als Referent für die Fassung tles Kultusstatuts samt Geschäftsordnung hat Herr Dr. Stern das Prinzip der Geheimtuerei kodifiziert. Findet er es nicht an der Zeit, zu den Idealen seiner Jugend zurückzukehren?! Dr. Egon Z w e i g. Die diristlidie Befpeiungsaebeit am Balfcan. Ueber das Wüten des feigen Mordgesindels, welches unter dem Zeichen des Kreuzes und der Patronanz der europäischen Großmächte am Balkan fromm wütet, gibt nachstehender Auszug aus dem Berichte des Delegierten des Hilfsvereines der deutschen Juden ein skizzenhaftes Bild. Es sind nur jüdische Verhältnisse berücksichtigt. Seine Augen glühen. Er rückt aufmerksam näher, er wartet, ich werde ihm doch wohl noch mehr sagen. Die liebe, naive Provinz! Sic ist es ja eigentlich, die uns mit Abonnenten speist, die es manchmal auch zuwege bringt, wegen eines Zeitungsfeuilletons eine Versammlung zu veranstalten. Und der arme Schriftsteller hat das Feuilleton vielleicht gar nicht aus innerem Drange geschrieben, sondern weil er unbedingt Miete zahlen mußte. . . . Ich gehe durch die breite, staubige Gasse der Provinzstadt und begegne einem Mädchen mit kurzgeschnittenem Haar und einem sympathischen, intelligenten Gesichtchen. Sie schleppt einen großen, schweren Korb. Da sind Früchte und andere Eßwaren drin, die das Frauen-Komitee der Stadt jeden Sonntag für die „Politischen“ einkauft, und die sie nach dem Gefängnisse bringt. Ich erinnere mich, daß in der Großstadt die Mode der „Politischen“ längst vorüber ist, und dort die Korbträgerin von einstmals fleißig den „Skating Rink“ besucht und ihre Freundin beneidet, die den Mann betrügt. Und wäeder freue Ich mich darüber, daß die Provinz zurückbleibt. Dann und wann ereignet sich eine Katastrophe, — ■ eine von jenen, über die die russischen Zeitungen mit einigen wenigen Worten berichten. Ein Mensch, der sich das Leben nimmt, und niemand weiß warum? Ein schreckliches Geheimnis. Nach dreijährigem Studium war Mirjam aus Kiew als Zahnärztin zurückgekommen. Aber was war aus ihr, der früher so Heiteren und Beweglichen geworden! Einen Abend vorher, ehe das Unglück geschah, w^ar die Mutter zu ihr ins Zimmer getreten: „So geh doch ein bischen spazieren! Es ist so schön draußen. Warum sitzest du denn fortwährend am Fenster, ganze Tage am Fenster?“ „Gut, Mutter, ich werde ausgehen, ja, ja.“ Wer sollte da ahnen."

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