Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 7 dabei, daß sioi kein j üdisclicr Dichter gefutiden hat, welcher das heroische Judentum der Vergangenheit oder der Gegenwart — auch Tschirikow ist Christ — dramatisch dargestellt hat, obzwar wir genug jüdische Dichter haben in deutschen Landen. Aber diese wissen nur Salonerotik oder geistreiche Plaudereien auf die Bühne zu bringen. Am Ende werden wir auch noch aut einen arischen Dichter warten müssen, der es unternimmt, das heroische Leben unserer Palästinapioniere dramatisch zu gestalten! enC Krieg und kein Ende. Wegen einer kleinen Differenz zwischen de* Anbot der Türkei und den Wünschen der Baljtanstaaten, ist der Krieg aufs neue ausgebrochen. Das bedeutet auch für die Juden des Balkans eine Fortsetzung ihrer Leiden, die mannigfacher Art sind. Nicht nur die direkten Schäden, die sie ertragen müssen, wie alle anderen Völker des Balkans, kommen in Betracht, sondern noch außerdem die wirtschaftlichen. Während Balkanvölker und Türken zum überwiegenden Teil Bauern sind, die nach Beendigung des Krieges wieder ihre Felder bestellen werden, stellen die ca. 150.000 Juden ‘des Balkans (Rumänien nicht mitgezählt) vor allem eine handeltreibende Schicht dar, die vollkommen ruiniert wird. Und dies nicht nur wegen des Stillstandes von Handel und Wandel, der Zahlungseinstellungen usw., welche Begleiterscheinungen des Krieges sind, sondern infolge der völligen Aenderung, welche durch die verschiedenen Okkupationen in die Handelswege und Absatzgebiete gekommen ist. Ein Beispiel ist Saloniki. Während es bisher eine blühende Stadt war, welche ein großes Hinterland, Mazedonien und Albanien hatte und für 'die ganze europäische Türkei den Haupthafen bildete, würde Saloniki im griechischen Besitz, jedes Hinterland entbehren, für Griechenland, an dessen äußersten Nordostecke es läge, hätte es gar keine Handelsbedeutung und die 80.000 Juden Salonikis würden dadurch ruiniert. Mit Adrianopel ist es nicht viel anders. Während die makedonischen und thrakischen Bauern, die unter das Regime der Baikanstaaten kommen .werden, große Vorteile Von den’ besseren Steuergesetzgebungen haben werden,-• gehen die Juden in den anektierten Landstrichen und Städten einer völligen Aenderung ihrer wirtschaftlichen Lage entgegen. Nur die ungemeine Anpassungsfähigkeit und Energie der Juden wird es ihnen ermöglichen, im Laufe der Zeit sich der neuen Lage anzupassen, was natürlich nicht ohne langdauernde Krisen möglich sein wird. Abdul Hamids Tagebuch. mond hat zu allen Zeiten den ihrer Religion und ihrer politischen Ansichten wegen Verbannten eine sichere Zufluchtsstätte geöffnet.“ — Von großem Interesse ist die Ansicht des Ex-Sultans über die Kulturarbeit Englands in Aegypten. Er beklagt es, daß den Aegyptern die europäische Zivilisation als die -alleinseligmachende erscheine, und daß sich diese bestreben, sie mit ihrer eigenen zu verschmelzen. „Aber lassen sich zwei so grundverschiedene Weltanschauungen, wie die des Islams und die des •Christentums je vereinen?“ 'm#9T ' F.* m Deutsche Judendörfer? Verführung von Juden zur Landwirtschaft ifTder Diaspora ist eine als eine notwendige, gleichzeitig aber als eine äußerst schwierig durchzuführende Sache erkannt worden. Wie sollen Juden, die ausnahmslos zu städtischen und geistigen Berufen disponiert sind und denen sich zu solchen in der Diaspora genügend Gelegenheit findet, zur Landwirtschaft gebracht werden? Und wie könnten sie als Bauern in einer christlichen Dorfgemeinde leben? Allerdings, so zugespitzt muß die Frage nicht werden. Einerseits gibts noch viele „Landjuden“, die, im Dorf autgewachsen, eine große Vertrautheit mit den ländlichen Berufen haben und deren Kinder sehr gerne zu solchen greifen würden, andererseits gibt es landwirtschaftliche Berufe, wie Gärtnerei und Gemüsebau, die ganz gut von einzelnen Juden auch in Vorstädten betrieben werden können. Seit Jahren bestehen auch in Deutschland einige jüdische landwirtschaftliche Schulen. Neuestens ist jedoch die Frage der Schaffung g es c h 1 o s s e n e r jüdischer B a u e r n Siedlungen aufs ernsteste erwogen 'worden. Am 2. Feber tagte im Saal der Jüdischen Gemeinde in Berlin, der Bodenkulturverein: Gesinnungsgenosse Hepner, Rittergutbesitzer, besprach jene Frage. Er sagte, daß es möglich wäre,' Moorgegenden, wie sie jetzt überall in Deutschland in Kultur gezogen werden, zu sehr billigen Preisen zu erstehen und darauf jüdische Dörfer zu errichten. Aehnlich äußerten sich andere sachverständige Redner. Freilich ist die Sache nur ein Plan; daß sie gur. Tat werde, dazu fehlen Organisation und Mittel. Und die Redner in jener interessanten Versammlung gaben der Befürchtung Ausdruck, daß die deutsche Judenheit kein Verständnis für diesen vortrefflichen Plan haben und damit die letzte Gelegenheit verpassen werde, die Juden in Deutschland zum Teile bodenständig zu machen. Wir glauben, diese Befürchtungen werden sich nur zu sehr bewahrheiten. Im Februarheft der Zeitschrift „Nord und Süd“ wird ein angeblich authentisches Tagebuch Abdul Hamid II. veröffentlicht. Dem Inhalt nach zu schließen, könnte es wohl von dem enthronten Sultan sein, der — von seinem krankhaften Verfolgungswahn abgesehen, welcher ihn zu vielen Grausamkeiten verleitete — ein äußerst scharfblickender Herrscher war, der namentlich das diplomatische Intriguenspiel meisterhaft handhabte. Manches treffende Wort findet er über die Aspirationen der Mächte und der Baikanstaaten, die immer unter Äem Mantel der Humanität auftraten, und er persifliert diese mit bitterer Ironie. Sehr heftig wendet er sich gegen das Schlagwort: „Kreuzzug“ gegen die Türkei, das bekanntlich im jüngsten Krieg wieder auftauchte. Er sagt ganz richtig, daß das „den •Christen so verhaßte Reidi der Osmanen schon im Mittelalter, als im Abendland die grausamsten Religionsverfolgungen in Szene gesetzt wurden, das Asyl aller um ihres Glaubens willen Verfolgten gewesen ist. „Als in Spanien die heilige Inquisition waltete, welche die Juden verbannte oder ins Exil trieb, da haben wir ihnen Hilfe gewährt und sie aufgenommen. Der Halb¬ Weißkirchner und die liberalen Juden. Als Dr. Weißkirchner nur Magistratsdirektor und antisemitischer Agitator war, bespritzten ihn die Liberalen mit dem Geifer ihrer Freiheitswut. Als er aber dann Präsident des Abgeordneten-; hauses wurde, da krochen die Preßreptilien der liberalen Meinungsfc(briken vor ihm. Und als er sogar Handelsminister geworden, wurde er sakrosankt. . Im Juni 1911 fiel er aber mit Schimpf und Schande durch und mußte demissionieren. Da fielen alle, die sonst vor ihm auf dem Bauche gelegen, über ihn her. Die Schande Wiens, der Verräter Oesterreichs, Magyarenknecht — das waren nunmehr die Namen, welche ihm beigelegt wurden. Man erinnerte sich urplötzlich daß er das berüchtigte Hausiergesetz, welches einigen Tausend jüdischer Zwergexistenzen den Garaus machen sollte, eingebracht, daß er die Einfuhr des argentinischen Gefrierfleisches ver- .hindert, daß er den Staat durch den Ankaut der Lloydgründe geschädigt und daß er den Willen des mittlerweile auch von den Liberalen heilig gesprochenen Lueger nicht geachtet habe. Weiiikirchner rächte sich, indem er die rüde Antisemitenhetze Schneider’scher Manier wieder zu Ehren brachte. Er zog von Versammlung zu Versammlung und seine Reden waren direkte Aufforderungen zu Judenpogromen. Seine besondere Wut galt der liberalen Presse. Grollend verkündete er, daß die im Rathaus üblichen Sonntagempfänge der liberalen Journalisten aufhören würden, sobald sich die Verhältnisse ändern, das heißt,, sobald er den Bürgermeister Neumayer verdrängt - - und sich selbst auf den Kürgermeisterstuhl geschwungen haben wird. Die liberale Presse schwur Weißkirchner blutige Rache. „Nicht gedacht^soll seiner werden!“ Das war der Inhalt de^ furÄifbäy.ert Racheschwures:. Viel eher als man es gedacht, bot sich der liberalen Presse die Gelegenheit zu zeigen, daß sie Ehre im Leibe hat und einen Gaukler und hinterlistigen Streber so zu behandeln weiß, wie er es verdient. Weißkirchner wurde Bürgermeister und alle Welt war neugierig, was für ein Empfang ihm seitens der Liberalen zu Teil werden wird. Und das muß gesagt werden: wir haben uns nicht getäuscht, denn die liberalen Israeliten benahmen sich nach altgewohntem Brauche in ehrloser, schmählicher Weise. Vergessen und verraucht war ihr Zorn. Wedelnd kriechen sie vor dem Bürgermeister Weißkirchner, wie sie vor Lueger gekrochen sind. Sie begrüßten ihn in schwungvollen Artikeln, sic drängen sich ins Rathaus, um der Ehre teilhaftig zu sein, von dem Antisemitenhäuptling empfangen zu werden. Der liberale Reichsratsabgeordnete, der Täufling N e u m a n n goß über Weißkirchner das Parfüm seines submissesten Lobes. Und als Weißkirchner gar auf dem Leopoldstädter Bürgerball erschien und ein paar liberale Israeliten und Israelitinnen huldvollst anlächelte, da kannte die Begeisterung des liberalen Isra - elite und der liberalen Leopoldstädter Bezirksmeier keine Grenzen. Was tuts, daß Weißkirchner gerade jetzt den Plan >.ur Ausführung bringen will, für die Dienstmänner, unter denen sich einige Hundert arme jüdische Teufel befinden, einen Befähigungsnachweis einzuführen, das heißt die Juden von diesem Erwerbszweig auszuschließen? Das geniert die jetzigen Liberalen nicht, denn das Gefühl für Würde und Ehre haben diese verkommenen Erben der großen Achtundvierziger Revolution längst eingebüßt. Gesinnungsgenossen! Verkehret nur in jenen Lokalen, in denen die „Jüdische Zeitung“ aufliegt! Ein Schwarzer nach Tisch nacht munter und frisch! Die Untersuchungen von Professor Hollingworth haben erwiesen, weshalb es so ist. Wenn Sie sich dafür interessieren, wie man der Ermüdung nach den Mahlzeiten entgeht, so lesen Sie die kleine Broschüre: .Winke für Feinschmecker“ Gratis erhältlich in allen Geschäften der Firma JULIUS MEINL Gegr. 1862. LEBENS - VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais. —Versilbertes Kapital zirka 380 Millionen. — Prämienpeseroe zirfta 113 Millionen.—Billigste Prämien und kulanteste Bedingungen. Engagiert jederzeit füdifige, leistungsfähige Agenten gegen hohe Bezüge. «nshünile erteilt Oie 6eneralagentsJujB Wien, l„ Bspernplatz 1 (Beiter: Daoid Hebenzahl). EQr Ostgalizien u. 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