Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEmiNG JggJg NRTJQNnL -JÜD15CHE5 ORGflN_ Jggg ■ Erscheint- ' .wö^entlidi. - — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahrrol^SuXjMBIulkKarineiiterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ täglich vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte wenSM|^M?urUclwestelIt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ® reidi-Ungärh? uanzjährJ K 10.—, halbjähr. K 5.—, vierteljähr. K 3.—. Für Deujflchllna:uanzjähr.%Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 29 n? — Postsparkassenkonio 133.404. — Telefon 22.075. ■ Nr. 7. Wien, Freitag, den 14. Feber 1913 Vi VII. Jahrgang JÜDISCHER VOLKSVEREIN FÜR DIE LEOPOLDSTADT. Donnerstag, den 20. Februar, 8 Uhr abends, Monatsversammlung Referent: Dr. Leopold Plaschkes.; Thema: Die Wirtschaftskrise und die Jaden. Gäste willkommen. Die Lehren der Krife. Immer aufs neue wird unser Blick auf die unsagbar schwere Krise gelenkt, welche die Juden Galiziens eben jetzt durchmachen. Gewiß: Auch die anderen Völker Oesterreichs leiden seit Monaten ganz außerordentlich; die Fabriken stehen zum Teile oder schränken ihren Betrieb ein, der Händler kann nichts absetzen, Kredite sind nicht zu haben, werden* vielmehr zurückgezogen und wo sie bleiben, enorm verteuert. Aber alle diese Völker machen nur eine periodische Krise durch. Sobald wieder ruhige Zeiten kommen, wird Handel und Wandel wieder blühen und angesichts der Hochkonjunktur, die in Westeuropa noch immer zu konstatieren ist, kann für die nächste Zukunft auch für Oesterreich ein neuer Aufschwung erwartet werden. Die Juden Galiziens können nicht hoffen, daß auch sie dann wieder erbringen werden, was jetzt verloren geht. Denn sie machen einen fortwährenden Depossedierungsprozeß durch, teils durch die antisemitische Gesetzgebung und Verwaltungspraxis, teils durch die Ausschaltung des Kleinhändlers im Warenhandel und des kleinen Geldgebers im Kreditverkehr, verursacht durch das wirtschaftliche Fortschreiten des Landes. Die jetzige Krise wirkt unendlich beschleunigend auf diesen Prozeß. In wenigen Wochen werden.'Existenzen ruiniert, die sich', da sie ohnehin Berufe innehatten, die auf langsames Aussterben gesetzt waren, nicht wieder neu etablieren lassen. Zudem ist die größte Anzahl der Juden in diesen Berufen auf ihr winziges Betriebskapital angewiesen gewesen — Kredit kann der Jude in Galizien nur schwer erlangen — und mit dem Verlust ihrer kleinen Mittel sind sie für immer proletarisiert. Deshalb ist für die Juden Galiziens die gegenwärtige Krise so vernichtend. In großer Zahl verlieren sie plötzlich Beruf und Mittel, während sie beim normalen Gang der Wirtschaft doch nur langsam depossediert worden wären und Zeit gefunden hätten, sich darauf vorzubereiten. Eine Abhilfe zu finden, ist unmöglich. Aber nicht einmal von einer größeren Notstands- oder Hilfsaktion der großen jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen ist etwas zu hören. Das Einzige, was den Juden Galiziens'■bleibt, ist, in noch größerer Progression als bisher, nach Amerika auszuwandern. Aber soll es denn ewig so bleiben? Soll nicht die jetzige Krise endlich allen jüdischen Kreisen die Augen öffnen und die Wege zu einer langsamen Sanierung zeigen? Eine solche ist gewiß schwer. Die Grundlagen der Wirtschaft der Juden werden ja doch fortwährend vom Fortschreiten der Wirtschaftsentwicklung untergraben. Jede Bauerngenossenschaft, jede Raiffeisenkasse vernichtet zahlreiche jüdische Existenzen. Es kann nicht der Gedanke einer jüdischen Volkspolitik sein, das Rad der Zeit zurückrollen und etwa Positionen erhalten zu wollen, die dem Untergange geweiht sind. Vielmehr muß bei Zeiten darauf hingearbeitet werden, die Juden anderen, produktiveren Berufen zuzuführen, als sie sie heute betreiben. Das imuß das erste Ziel einer jüdischen Volkspolitik sein. Die Jugend namentlich darf nicht wieder nur dieselben Berufe ergreifen, welche schon für die Väter keine Zukunft mehr haben. Sollen aber andere Betätigungen erschlossen werden, so muß das äußerste getan werden, um zu verhindern, daß die Machthaber des Landes den Juden auch solche Berufe sperren, für die sie geeignet wären, die ihnen aber nur deshalb verschlossen werden, weil sie Juden sind! Das gilt für zahllose Beamtenstellen in den Städten, in der Landesverwaltung1, bei Eisenbahnen usw. Gewiß ist die Aussicht, hier einen Erfolg zu erzielen, äußerst gering. Aber dennoch könnte eine nationaljüdische Volkspolitik aus der Million der Juden Galiziens einen politischen Faktor machen, den man nicht übersehen könnte. Das letzte Ziel des Strebens muß die jüdische Autonomie sein, das nächste die Sicherung einer ausreichenden jüdischen Vertretung im Landtag. Das schreiende Unrecht des neuen Landtagswahlrechtes darf von den Juden nicht ruhig hingenommen werden. Wird der jetzige Entwurf Gesetz, dann ist auf absehbare Zeit die Möglichkeit vernichtet, auch nur den geringsten politischen Einfluß auf die Gesetzgebung zu nehmen. Das zweite, nicht minder wichtige Erfordernis ist die Schaffung einer ausreichenden Kreditquelle für jüdische Kaufleute und Gewerbetreibende. Die im Lande arbeitenden Banken geben den Juden keinen Kredit. Und ohne diesen ist heute weder im' großen noch im kleinen Betrieb vorwärtszukommen. Die Hirschkassen, die an mehreren Orten bestehen, wirken ja sehr segensreich, doch sind sie nur kleineren Gewerbetreibenden zugänglich. Erst die zionistische Organisation hat durch Gründung der „Credit- Union“ den ersten Schritt dazu getan, ein großes Institut für den jüdischen Kaufmannstand zu schaffen. In den paar Jahren ihres Bestehens hat sie trotz ihrer nicht großen Mittel schon außerordentlich viel geleistet. Aber ihr Umfang ist noch zu klein und die jetzigen schwierigen Geldverhältnisse zwingen sie zu einer äußerst vorsichtigen Politik. Es wäre jetzt an der Zeit, die jüdischen Millionäre und Finanzgrößen auf die Folgen der Kreditnot in Galizien dringend aufmerksam zu machen. Ein Versuch muß gemacht werden! Die mit großer Reklame von den Antizionisten inaugurierte ,,Selbsthilfe“organisation, hinter der reiche Einzelpersonen und Korporationen stehen, müßte gerade jetzt zeigen, daß sie auf der Welt ist. Es gibt noch eine ganze Reihe von anderweitigen Maßnahmen, zur Förderung der galizischen Juden, wie die Hebung des gewerblichen Unterrichts, die Zuführung der Juden zu mehr landwirtschaftlichen Berufen, Gärtnerei, Gemüsebau etc., ferner zu industrieller Betätigung, die wiederholt vorgeschlagen wurden, insbesondere anläßlich der von uns vor Jahren veranstalteten Enquete. Zu all diesen Maßnahmen wäre es aber nötig, daß die Führer der galizischen Juden sich nicht von der allgemeinen Depression entmutigen lassen. Gerade jetzt wäre die Zeit, alle Energie zusammenzunehmen, die noch widerstandskräftigen Elemente zu vereinigen und für eine bessere Zukunft vorzusorgen. Mut und Hoffnung dürfen nicht schwinden! Sonst wird der Zusammenbruch katastrophal und die Krise wird noch in die fernere Zukunft ihre Nachwirkung spüren lassen! Rundschau. Otto Ludwig. Deutschland feiert den hundertsten Geburtstag Otto Ludwigs. Für uns Juden ist er der Dichter der „Makkabäer“ und deshalb halten wir sein Andenken in Ehren. Wie ändern sich die Zeiten! Einst haben die Lessing, Ludwig, Hebbel, Gutzkow u. a. jüdische Stoffe und das Judentum behandelt, haben aus der großen Geschichte der Juden geschöpft und gewaltige Charaktere hingestellt. Unsere Zeit ist "eine kleine, kleinliche. Wieder gibts sogenannte jüdische Stücke, aber solche wie die „Fünf Frankfurter“ und „Hinter Mauern“. Die quatschige bürgerliche Atmosphäre hats den Dichtern und noch mehr dem Publikum angetan. Ein Stück, wie Tschirikows „Die Juden“, in welchem doch ein bischen von der Tragik des heutigen Judenlebens enthalten war, ist längst vom Repertoire verschwunden, es „zieht“ nicht mehr, denn unser Theaterpublikum will sich die Verdauung nicht stören lassen. Die „Makkabäer" wurden zu Ehren Ludwigs wohl im Burgtheater aufgeführt, aber nur in einer Nachmittagsvorstellung, um sofort wieder vom Repertoire zu verschwinden. Wir aber wollen heute Otto Ludwig von Herzen Dank sagen, daß er unsere große, Vergangenheit verherrlicht hat. Schmerzlich empfinden wir es