Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 In dieser traurigen Zeit, da sidv alles gegen die arme verlassene Judenschaft Galiziens wendet, ist es Pflicht der Jüdischnaitionalen, der Vertreter der einzigen wahren jüdischen Volkspartei, den Massen die Augen zu öffnen, damit sie erkennen, wie ihre vitalsten Interessen verraten werden. Das Elend hat unter der galizischen Judenschaft eine furchtbare Ausbreitung genommen und die Not ist zu groß, um in dieser schicksalsschweren Zeit kleinliche parteipolitische Zwecke zu verfolgen. Wer aber die jüdische Geschichte kennt, der weiß, daß das jüdische Volk in Zeiten der Not guten Lehren am zugänglichsten ist. In guten Zeiten ist Israel ein Volk des „harten Nackens“, konservativ bis in die Knochen und weist jeden Erneuerungsgedanken von sich. Jetzt ist der Moment gekommen, dem jüdischen Volke Mittel und Wege zuweisen, um derartige wirtschaftliche Katastrophen für die Zukunft zu verhindern. Das einzige Mittel ist die Selbsthilfe in Form einer straffen Organisation aller Juden auf nationaler Grundlage! Die größte Tragik des Golus liegt darin, daß die Juden ihrer Kraft nie bewußt werden und dieselbe geringschätzten. Von der Idee geleitet, daß sie auf fremde Hilfe unbedingt angewiesen sind, halten sie die eigene Organisation für überflüssig. Es gilt jetzt, die Judenschaft Galiziens von diesem unheilvollen Irrtum zu heilen. Wenn sich die jü dischen Massen in diesen Zeiten der Not zur Erkenntnis durchringen, daß dem Juden nur durch den •Juden geholfen werden kann, dann werden sie nicht umsonst gelitten haben. Simche Landau. Die Wiener Kultusgemeinde als Arbeitgeber. Von zionistischer Seite wird schon seit langem an den Vorstand der Wiener Kultusgemeinde die Forderung gerichtet, bei Vergebungen von Arbeiten und Lieferungen für die Kultusgemeinde ein modernes und gerechtes Verfahren zu üben. Die nicht unbedeutenden Bestellungen für den Gemeindehaushalt, der ein Jahresbudget von fast 4 Millionen Kronen erfordert, sind bisher „unter der Hand“ an privilegierte Protektionskinder vergeben worden. Die Zionisten verlangten Ausschreibung öffentlicher Konkurrenzen, an welchen sich alle jüdischen Interessenten beteiligen können. Lange hat diese gewiß sachliche und gerechte Forderung außerhalb der zionistischen Partei wenig Anklang gefunden. Nunmehr ist aber durch die bevorstehenden großen Investitionen, wie Bau eines Kinderspitals, des neuen Friedhofes, des Stadttempels etc., die Frage brennend geworden und ein weitgehendes Interesse für dieselbe in den Kreisen der Wiener-jüdischen Bevölkerung zu konstatieren. So wurde vergangene Woche eine Plenarversammlung des „Vereines zur Hebung der Gewerbe“ unter dem Vorsitze des Obmannes und Kultusvorstehers S. Brod abgehalten, welche speziell der Frage der Vergebung der Arbeiten für die Kultusgemeide gewidmet war. Nach einem Referate des Obmannes kamen die Vertreter verschiedener technischen und gewerb- Iicher Gruppen zu Worte. Vom Kultusvorstande waren die Herren Dr. Ehrlich (Zionist), Architekt Gärtner, Schrämrnek und Oberingenieur Stricker (Zionist) - erschienen. Architekt L i n dner berichtete über den Empfang einer Architektendeputation durch den Kultuspräsidenten - Dr. Stern. Die Deputation, welche die Ausschreibung einer für alle jüdischen Fachmänner zugänglichen Konkurrenz für den Bau des Kinderspitals verlangten, erhielt von Dr. Stern eine dezidierte Absage. Trotz Widerlegung aller seiner Argumente verblieb der Kultuspräsident bei der Absicht, zwei oder drei ausgewählten Architekten die Arbeiten zu übertragen. Die folgenden Redner und die Versammlung selbst gaben der Mißbilligung dieses Verhaltens lebhaften Ausdruck. Nachdem die anwesenden Vorstandsmitglieder versichert hatten, sich für die Konkurrenzausschreibung energisch einzpsetzen, wurde eine Resolution, welche sich gegen die Vergebung der bevorstehenden Arbeiten an auserwählte Interessenten rfchtet und JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 die Heranziehung aller -jüdischen Fachleute unbedingt fordert, einhellig angenommen. ' * „ ’ * ' In der letzten Sitzung der Bezirkskommission für den VIII. und IX. Bezirk wurde über Antrag des zionistischen Vertreters Dr. J. H. Körner einstimmig beschlossen, den Kultusvorstand autzufordern, alle Arbeiten für die bevorstehenden Bauten sowie die Ausführung der Pläne lediglich' auf Grund von öffentlichen Konkurrenzen, an welchen sich alle jüdischen Techniker, Gewerbetreibende, und Kaufleute beteiligen können, zu vergeben. Es ist zu erwarten, dab audli die anderen jüdischen Bezirksvertretungen sich diesem löblichen Beispiele anschließen werden und daß der Kultusvorstand sich dem offenkundigen Willen der gesamten Wiener Judenschaft fügen wird. PapteisNacfiFichten. Der innerösterreicfijsche Distriktstag. Der diesjährige Distriktstag war von 22 Korporationen durch 33 Delegierte beschickt. Der Obmann des D. K., Herr Gg. Bato, eröffnete die Tagung und gedachte in warmen Worten der Verdienste des zurückgetretenen Präsidenten der westösterreichischen^.Organisation, des Herrn Adolf -Böhm, um den innerösterreichischen Distrikt. Herrn Dr. Kadisch, dem verdienstvollen Obmannstellvertreter des, D. K., der durch seinen Domizilwechsel zur Demission gezwungen wurde, wurde efenfalls für seine aufopfernde Mitarbeit der Dank votiert. Gg: Dr. Karl Pollak, der neugewählte Leiter der vwestösterreichischen Organisation, zollt ebenfalls seinem Vorgänger Böhm unter Würdigung seiner hervorragenden Verdienste und der langjährigen unermüdlichen Tätigkeit den tiefempfuhdenen Dank der Partei und gibt der Erwartung Ausdruck, daß Gg. Böhm sich möglichst bald veranlaßt sehen werde, wieder an die Spitze der Leitung zu treten. Sodann entwirft er das Programm der in der Zeit vor dem Kongresse zu leistenden Arbeiten. Der Rechenschaftsbericht des D. K. lag gedruckt als Beilage der „Jüdischen Zeitung“ vor, so daß nach einem ausführlichen Berichte des N.-F.-Kommissärs Dr. Weiner die Generaldebatte eröffnet wurde. Dem Berichte selbst war zu entnehmen, daß die Nationalfondseingänge um ca. 18.000 Kronen .gestiegen sind, die Jemenitenaktion günstig in die Wege geleitet wurde. In der Debatte wird der* Bericht des D. K. mehrfach einer scharfen Kritik unterzogen. Dele- gierter Dr. Körner konstatiert, daß diese Kritik eine große Anklage derjenigen Korporationen bedeute, welche ihre Aufgaben nicht darin erblicken, ihre; eigenen Anregungen selbst zur Durchführung zu bringen, sondern sie von einer Behörde verlangen, deren, Zweck sie durch diese Auffassung verkennen. Schließlich wurde dem abtretenden D. K. der Dank votiert und das Absolutorium erteilt. Die Vorschläge des Z. K. bezüglich der Neuwahlen .werden per acdamationem angenommen. Der D.-T. wurde durch einen glänzenden Vortrag des Generalsekretärs K. Blumenfeld über „Die Erziehung zum Zionismus“ abgeschlossen. Von den eingebrachten Anträgen gelangten nachstehende zur Annahme: I. Antrag des Z. K.: Jeder Absolvent einer akademischen zionistischen Korporation ist verpflichtet, sogleich nach Erlangung seines Diploms oder nach Uebertritt ins praktische Leben einem bürgerlichen Vereine Wiens, resp. seines Aufenthaltsortes beizutreten. Diese Gg. zahlen dann nicht mehr durch ihren akademischen, sondern durch den betreffenden bürgerlichen Verein Schekel und Parteisteuer. Im Uebrigen bleibt hiedurch das Verhältnis der a. H. a. H. zu ihren Vereinen unberührt. — Zusatzantrag Dr. Weiner: Die studentischen Korporationen sind verpflichtet, ihre Mitglieder zum Beitritte in die erwähnten bürgerlichen Vereine zu veranlassen. — Zusatzantrag Dr. Körner: Das D. K. hat zum Zwecke der Evidenzführung mit den übrigen D. K. Kontakt zu halten und die Listen der Absolventen gegenseitig zu ergänzen. II. Antrag: Die seinerzeit eingeführte Saalsteuer, derzufolge Korporationen bei Veranstaltungen gegen Entgelt 10°/o der Saalmiete als Parteisteuer zu leisten haben, wird reaktiviert. ) Antrag Benau (Bar Giora): Der D. T. beschließt, daß das D. K. eine weitgehende Aktion j dahingehend einleite, daß bis zum Wiener zion. . Kongreß die entsprechenden Mittel für das „Jüi dische Studentenheim“ gesammelt werden, damit; an diesem Tage die feierliche Grundsteinlegung; vorgenommen werden könne. ‘ Antrag Dr. Weiner: 1. Der Distriktstag beschließt, die Jemenitenäktion mit größter Iterisität zu betreiben. 2. Die am D. T. anwesenden Vertreter der Studentenvereine verpflichten sich für ihre Korporationen, die entsprechende Quote für das Wiener studentische Jemenitenhaus noch im Laufe des Monates Februar aufzubringen. * M Kurt Blumenfeld in Graz. Ueber Veranlassung des zionistischen Zentralbüros veranstaltete der Jüdische Turnverein Dienstag den 28. Jänner im Großen Saale des Kaufmannhauses einen Vortragsabend, an welchem der bewährte Generalsekretär der zion. Weltorganisation, Herr Kurt Blumenfeld, über das aktuelle Thema: „Die orientalische Frage und der Zionismus“ sprach. Der hervorragende Ruf, der Herrn Blumenfeld in allen zionistischen Kreisen vorausgeht, ließ einen überaus guten Besuch erwarten und so war denn auch alles erschienen, was irgendwie an dem Geschicke des jüd. Volkes noch Interesse hat. In zwei Stunden währenden Ausführungen verstand es der Redner klar zu machen, daß die Richtlinie zionistischer Politik durch die gegenwärtigen Orientereignisse keine Erschütterung erfahren kann. Der Redner wurde durch nicht endenwollenden Beifall des dicht gedrängten Publikums entlohnt. Anschließend fand zu Ehren unseres Gastes ein Kommers statt, in dessen offiziellen Teil der Obmann, Herr Karl Schwarz, dem Referenten den Dank des Vereines zum Ausdruck brachte. Im inoffiziellen Teil bemühten sich die anwesenden Mitglieder der Verbindung „Charitas“ dem Abend einen fröhlichen Abschluß zu geben. * Nachrichten aus Mähren-Schlesien. Vereinsabende. Troppau: Verein ,,J es ch u r u n“. leHen Samstag im Vereinslokal (Salzgasse 45), 8 Uhr abends. Zion. Mädchenverein ,.M i r i a m“. Jeden Donnerstag abends im Vereinslokal (Salzgasse Nr. 45). Proßnitz: Verein „Zion“. Jeden Samstag oder Sonntag abends im Jüdischen Casino. Hebräisches Gvmnasium in Jerusalem. Die geehrten Herren Gg., die Blocks in Kommission genommen haben und deren Abrechnungstag bereits fällig war, werden ersucht, den Erlös auf das Konto der „Wiener Zionistischen Vereinigung“ mittels der übersandten Erlagscheine einzuzahlen. Die einlaufenden Beträge werden in Ra*en von K 360.— in der „Jüdischen Zeitung“ ausgewiesen werden. Gleichzeitig richten wir an unsere Gg. Gg. die Aufforderung, ihre Anstrengungen zu ver- 'lonneln. Tro+z der schweren wirtschaftlichen Krise hat Galizien mehr als 50.000 Kronen nufn-ebracht, und hoffen wir daß die jugendlichen Kreise, an die wir uns vor allem gewende* haben, :hre o-anze Kraft einsetzen werden, damit auch Wes+ös»erreirti sich würdig an die Seite Onlizi^ns s+ellen könne. Wir wünschen nament- •ich die Gg. Gg. jener Or+e, die auf unseren Aufruf noch nicht reagiert haben, sich in den Dienst unserer Aktion zu stellen. Zuschriften sind an die Adresse des Herrn Jakob Landau, IL, Zirkusgasse 10 zu richten. Der Streit um Sombart. Wie erinnerlich, hat das Buch Sombarts ..Die Juden und das Wirtschaftsleb e n“ ungeheures Aufsehen hervorgerufen. Insbesondere war die assimilatorische Juden sehn ft sehr darüber entrüstet, daß sich der deutsche arische Gelehrte voll und ga"z auf den jüdisch-nationalen zionistischen S’andpunkt stellt. Die Zionisten selbst begrüßten das Werk, obzwar sie erklärten, daß es unter vielem wertvollen Material auch Fehler enthalte. In ihrer Verzweiflung schrieen die liberalen Juden den Gelehrten Sombart. dem sie früher gehuldigt hatten, als blutigen Antisemiten aus und machten den Zionisten die Freundschaft mit dem „Judenfeind Sombart“ zum Vorwurf. Auch in Wien gab es einen Zionisten- und Sombart-Rummel. Anläßlich eines Sombart-Vortrages im Vorjahre predigten die Rabbiner giftig von den Kanzeln und die Wiener Kultusgemeinde veranstaltete eine Protestaktion, die allerdings kläglich verlief. Nunmehr ist eine Kritik Sombarts aus der Feder des Rabbiners Dr. Hoffmann erschienen. Auf den Nicht- Zionisten Dr. Hoffmann beriefen sich seinerzeit die Sombarthetzer und er wurde immer als Kronzeuge für die Judenfeindschaft Sombarts angeführt. Was schreibt aber Dr. Hoffmann nunmehr über den „Judenfeind“ Sombart wörtlidr? „Unter Verwerfung der in letzter Zeit beliebten gehässigen und ungerechten Sombarthetze glaube ich das Wertvolle und Bleibende in seinem Werke festgestellt, das Unrichtige und Verfehlte vor allem seiner Haupttheorie nachgewiesen zu haben.“ „Besonders bemerkenswert ist die seltene Unparteilichkeit, welche sich der Verfasser auf