Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 6 vorschweben. Ein solcher Mann war Krona- , wetter. Das ist seine Größe. Wir Juden ehren ihn um dessentwillen. Nicht weil er ein „Philosemit“ war, sondern weil ihn die Idee der Gleichheit aller Menschen so eingewurzelt war, daß er kein Antisemit werden konnte, — eine vereinzelte, seltene Erscheinung unter den germanischen Kulturträgern — werden wir Zionisten ihm ein dankbares Andenken bewahren. * * * Dühring. In seiner selbstgesuchten Vereinsamung feierte kürzlich . der Philosoph Eugen Dühring seinen achtzigsten Geburtstag. Erstaunliches hat dieser seit mehr als 50 Jahren Erblindete geleistet Auf zahllosen Gebieten, Mathematik, Physik, Nationalökonomie, Philosophie — schuf er bedeutende Werke, deren Wert aber stark beeinträchtigt wird durch den grenzenlosen Haß, der aus ihnen allen strömt und mit dem er ausnahmslos alle anderen großen Geister bedachte. Für uns ist Dühring nur als einer der Schöpfer des sogenannten „Wissenschaftlichen Antisemitismus“ interessantDieser große Menschenfeind war stets ein gewaltiger Judenhasser, er verstieg sich zu Behauptungen wahnwitzigster Art, um seine „wissenschaftliche“ Theorie mit praktischen Beispielen zu belegen. So führte er einen „Nachweis“, daß Lessing, der Dichter des Nathan, ein von den Juden bestochener Plagiator und Theaterliterat jüdischer Abkunft gewesen sei und einen andern, daß Heine an einem Ritualmord mitgewirkt habe, dessen Geständnis in einem Gedichte des Romanzero zu finden sei! Dies mag recht toll klingen, aber wenn große Geister, wie Dühring, zu solchen Tollheiten greifen, um den Judenhaß zu verbreiten, was ist dann einem Schneider zu verdenken? Die-Bücher EMihrings sind heute , alle vergessen, nur das Gift des Judenhasses, das er ausgestreut hat, wirkt noch fort und Dühring hat einen Ehrenplatz in der Walhalla der antisemitischen Größen erhalten. # # *; Hinter: Mauern, t \ Ein .Wiener Theater bringt unter diesem Titel ein Stück auf die Bühne, das nach An- ‘ sicht der Kritiker, ähnlich wie die „Fünf Frankfurter“ eine treue jüdische Milieuschilderung geben soll, ohne Haß und Liebe, rein menschlich autgefaßt. Ob diese Milieuschilderung sehr geschmackvoll ist, wollen wir nicht erörtern, das ist Ansichtssache. Was aber viel wichtiger ist, das ist die „Tendenz“ des Stückes. Ein Mädchen aus gutjüdischem Hause studiert gegen den Willen des frommen Vaters und verlobt sich mit einem christlichen Privatdozenten, dem’ sie verspricht, daß auch die Kinder aus dieser Ehe getauft werden sollen. Darob Entrüstung des Vaters, bei dessen Zornesausbruch die Tochter ihr jüdisches Herz entdeckt, ihr Versprechen zurücknimmt und die Verlobung lösen will. Der christliche Privatdozent, der übrigens jüdische Kulturgeschichte liest, wird durch so viel Heroismus gerührt und gibt zu, daß die Kinder nicht Christen oder Juden, sondern „Menschen“ werden sollen, worauf alles in einer Rührsuppe schwimmt und der Vorhang fällt Welch eine Lösung, ja Erlösung! Gewiß gibt es solche Konflikte, wie die. Und das nennt sich eine Lösung! Die abgetakelte Phrase von einem abstrakten Menschentum, das über allen Wesendifferenzen schwebt und eine „höhere Stufe“ darstellt, die zur Aufklärungszeit den Juden als höchste Weisheit vorkam; wird einem heute noch als ein Mittel serviert, tragische Konflikte zu lösen. Gewiß liegt nichts daran, ob ein sdiechtes Theaterstück mehr oder weniger über die Bretter geht, die die Welt be- . deuten sollen; wogegen wir uns auflehnen, ist nur die spielerisch-oberflächliche Art, mit der so ein Schriftsteller an Probleme führt, die uns nahe gehen. Die tiefe Wesenverschiedenheit zwischen Juden und Nichtjuden, die nach dem Autor gegenseitige Abneigung auslöst, kennzeichnet er als einen Streit'-1 um die Konfession, in der die Kinder einer Mischehe erzogen werden sollen, die Juden, die von ihrem Standpunkte nicht abgehen wollen, sitzen nach ihm „hinter Mauern“, trotzdem aber läßt er sie eine Art Sieg davontragen, und * schließlich löst er den Konflikt mit einer 'Phrase. Wahrlich, man braucht nur zu erklären: „Menschen, Menschen, san mir alle“ und damit wird die Rassenabneigung zwischen Juden und Nichtjuden endgültig aufgehoben, alle Konflikte, die aus ihr entstehen, beseitigt, alle Wesensunterschiede ausgelöscht! Wir glauben: „hinter Mauern“ sitzen weder die Juden, noch die Nichtjuden, die ihre Eigenart und - ihre Antipathien lebendig empfinden und sie keiner solchem Zeitungsphrase opfern wollen, sondern noch am ehesten sitzt der Autor hinter einem dicken Wjall, der ihm die Aussicht auf das Leben, wie es' wirklich ist, versperrt. Konfessionsloses Judentum. Die Identität von Nation und Konfession hat : im Judentum dazu geführt, daß jeder Austritt aus der Konfession gleichbedeutend war mit dem; Austritt aus der jüdischen Gemeinschaft überhaupt, mit einem willigen Lossagen vom; Judentum. 1 Nun gibt es zweifellos .Juden, welche aus ihrer Irreligiosität die Konsequenz ziehen wollten, aus der Konfession auszutretÜi?, ohne daß sie damit auch eine Lossagung* von der jüdi-; sehen Gemeinschaft beabsichtigen. ^Solche Juden haben in Deutschland, soeben eine Bewegung geschaffen, die dahin abzielt, einen Bund „Konfessionsloser Juden“ zu gründen. Dr. G. Zepleij. Charlottenburg, veröffentlicht einen Aufruf, in welchem er die Ziele dieses Bundes wie folgt charakterisiert: „Der Zweck der.,Organisation ist: 1. Unsere weitere .Zugehörigkeit zum Judentum zu bekunden/ um darzütun, i daß wir den jüdischen Glau-: ben nicht verlassen}’ um ühsere jüdische Herkunft zu verleugnen. 2, Eine Agitation unter den Juden für den Austritt, aus / der Religionsgemeinschaft zu entfalten, wobei wir Hand in Hand mit der Bewegung arbeiten wollen, welche die Christen zum Austritt aus dei; Kirche bewegen wollen. 3. Für alle Juden ohne Unterschied, der Nationali-' tät (!) zu arbeiten, welche durch ihr Judentum leiden. 4. Jene Juden’ zu schützen, die wegen ihrer Ungläubigkeit religiös verfolgt werden. Wir werden darin nur mit nichtjüdisdhen Körperschaften, die ähnliche Zwecke verfolgen, cooperieren. 5. Die Assimilktion, Erziehung, Kultur, Aukklärung zu fördern. Dieser Aufruf ist ein Zeichen der Zeit. Wie immer Ulan über so einen Bund denken mag — und das Urteil wird darnach ausfallen, je nachdem, welche unausgesprochene Motive man den Initiatoren unterschiebt — sicher ist es, daß die Kämpfe um die Religion unter den deutschen Juden mit aller Heftigkeit ausgebrochen sind. Der Streit zwischen Orthodoxen und Liberalen zieht immer weitere Kreise und nimmt immer heftigere Formen an. Theoretisch läßt sich wohl gegen die neueste Konstruktion des konfessionslosen Judentums nichts einwenden, praktisch wird sie aber doch auf eine vollkommene Assimilation hinauslaufen. Auch ini Zionismus ist in letzter Zeit die £rage nach der religiösen Toleranz akut geworden und der Kampf darum wird ausgefochten werden müssen, ohne Wehleidigkeit und ohne weichliche Opportunität. Durch diesen inneren geistigen Kampf wird der Zionismus keinen Schaden nehmen. Die geplante Budieinsidit und ihre politiidie Rütäwirluing in Galizien. Wenn die geplante Bucheinsicht in Westösterreich als eine Sache erscheint, welche die gesamte Geschäftswelt betrifft und infolgedessen sogar der christlichsoziale Wiener Gemeinderat, dem man gewiß keine große Vorliebe für den Handelsstand nachsagen kann, sich für verpflichtet hält, gegen die Vorlage Einspruch zu erheben, so nimmt sie in Galizien den Charakter einer ausschließlichen Judenfrage an. Es ist gewiß, daß die Bucheinsicht in der Praxis nur bei jüdischen Kaufleuten angewendet werden wird. Es muß bemerkt werden, daß die Steuerbehörden in der Provinz nicht selbständig, sondern den politischen Behörden untergeordnet sind. Was das für die jüdische Kaufmannsschaft Galiziens bedeutet, ist jedem, der die Verhältnisse auch nur flüchtig kennt, klar. Dank der spezifisch galizischen Verhältnisse ist der Bezirkshauptmann schon jetzt ein allmächtiger Herr, der auf die städtische Bevölkerung den größten Druck auszuüben vermag. Wenn trotzdem noch einige Kaufleute sich bisher einige Selbständigkeit wahren konnten, was die polnischen Machthaber besonders in der Zeit von politischen Wahlen sehr unangenehm empfanden, soll das in Zukunft dank der Bucheinsicht ausgeschlossen sein. Man kann mit Gewißheit annehmen, daß sich die Herren Bezirkshauptleute gerade vor den Wahlen erinnern werden, daß ihnen ein Recht zur Bucheinsicht zusteht. Und es ist selbstverständlich, daß sie ausschließlich bei den „politisch nicht ganz zuverlässigen“ Wählern angewendet werden. wird. Wie die Unparteilichkeit der Buchsachverständigen, die nach dem Gesetze von der Behörde bestimmt werden, beschaffen sein wird, davon kann sich nur derjenige einen richtigen Begriff machen, der die galizischen Verhältnisse genau kennt Wie man sieht, ein vortrefflicher Plan! Wenn anzunehmen ist, daß 'die Bucheiusicht im Westen in gesetzlicher Form gehandhabt werden wird, so wird sie in Galizien. einen neuen Vorwand -für Korruption bilden. . Wie stellen sich nun die Hausjuden des Polenklubs zu dieser Frage? Wo ist Kolischer und Löwenstein, wo sind die ‘ angeblichen Vertreter der galizischen Juden? Die Herren schweigen sich gründlich aus und, wie ich glaube, nicht ohne Absicht. Ihre politische Macht stützt sich ja ausschließlich auf den Einfluß des Bezirkshauptmannes und der Kahals-Klique, es liegt daher nur in ihrem Interesse, wenn dieser Einfluß erweitert wird. L Ein Schwarzer nach lisch machtmunterjind^fnschl Die Untersuchungen von Professor ' Hollingworth haben erwiesen, weshalb es so ist. Wenn Sie sich dafür interessieren, wie; man der Ermüdung nach den Kahlzeiten entgeht, so lesen Sie die kleine Broschüre: .Winke für Feinschmecker“ ' Gratis erhälUich in allen Geschäften der Firma JULIUS MEINL Gegr. 1862« NIEDERLÄNDISCHE r LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT wien, i., Aspernplatz i. 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