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Jüdische Zeitung · 1913-02-07 · 6 (7.2.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
6 (7.2.1913)
Date
1913-02-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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J883S NRTML -JUDI5CHE5; nffim Jggg Bl Erscheint wöchentlich1. — Redaktion, Administration und Inserajjenauinahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden £ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags.,— Manuskripte werden nicht zu rückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ “ reidi-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, viertelfähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ | Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 b. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telefon 22.075. ■ Nr. 6, Wien, Freitag, den 7. Feber 1913 VII. Jahrgang Donnerstag, den 13. d. M., 8 Uhr abends, Große Versammlung im Restaurant Guth, II., Stefaniestraße Nr. 14. Tagesordnung: Der Kinderspitalbau der Kultusgemeinde und die jüdischen Techniker und Gewerbetreibenden. Jüdische Mitbürger! Es besteht die Gefahr, daß die jüdischen Techniker, Gewerbetreibenden und Kaufleute von dem freien Wettbewerb um die zu vergebenden großen Arbeiten und Lieferungen ausgeschlossen werden. Erscheinet zahlreich, um diese Gefahr zu. beseitigen! Der Wiener jüdische Volksrat. Pogpomgespensf. Als die russischen Judenpogrome die gesamte Judenheit erschütterten, da meinten viele, die schwersten Prüfungen für die zeitgenössische Judenheit hätten den Höhepunkt erreicht und es könne nichts Schlimmeres1 nachkommen. Man ließ außer acht, daß langsames Sterben quäl-! -voller ist als rascher Tod und daß der schleichende Pogrom furchtbarere Wirkungen erzeugt als die wilde, akut ausbrechende Mordwut. Schon damals, in den Tagen von Kischenew und Schii tomir, waren Stimmen zu vernehmen, daß der j Schwerpunkt der ostjüdischen Gefahren nicht im russischen Ansiedlungsrayon, sondern in den von Polen bewohnten Gebieten Osteuropas liegt, denn 1 gerade in diesen Gegenden wohnt die Mehrzahl der Ostjudenheit und dort ist der wirtschaftliche Antisemitismus zur höchsten Reife gediehen. Dazu kommt, daß die Polen die rücksichtslosesten Chauvinisten und nationalen Egoisten sind, und darum auch am wenigsten die Grundsätze der Gerechtigkeit beobachten, wenn es sich um ihre, sei es auch nebensächlichen Interessen handelt. Die Entwicklung hat dieser Ansicht leider nur Recht gegeben. Heute wütet in Kongreßpolen und Galizien ein wirtschaftlicher Antisemitismus, der sich die vollständige Verdrängung und Ausrottung der jüdischen Existenzen zum Ziel gesetzt hat. In Kongreßpolen hat der Antisemitismus unter Benützung eines politischen Vorwandes, der Wahl eines polnischen Sozialdemokraten durch die in der Majorität befindlichen jüdischen Wahlmänner in Warschau, die Gestalt eines unerbittlichen Boykotts angenommen und die letzten Tage brachten die Nachricht, daß in Lodz ein Pogrom stattgefunden ' hat. Noch sind die Einzelheiten dieses Pogromes nicht bekannt, aber die Ursache dieses schrecklichen Vorfalles ist leider nur zu sehr bekannt 'und ist nicht aus der Welt'zu schaffen. Diese Ursache ist der wirtschaftliche Kampf des ökonomisch aufstrebenden Polentums gegen die Juden. Und da die Polen mit dem Boden verwurzelter sind, da sie mehr Macht haben, so ist leider der für die Juden ungünstige Ausgang dieses Ringens vorauszusehen. Das diese traurige Situation der Juden nicht lediglich durch ihre politische Zurücksetzung bedingt ist — übrigens ist die politische Lage der Juden in Russisch-Polen wesentlich günstiger ger als in Rußland — geht daraus hervor, daß die Lage der galizischen > Juden, welche doch sozusagen Gleichberechtigung genießen, nicht besser ist, als die ihrer Stammesgenossen in Russisch-Polen. Die Ursache ist nämlich in beiden Gebieten dieselbe: wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Antisemitismus des. .polni- , sehen Volkes. Und dieser Antisemitismus macht die Polen ganz blind für ihre Landes- und' Staats- Interessen. Die Polen fördern in Betätigung dieses Judenhasses — der in Galizien umso gefährlicher ist, weil er "nicht mit rohen 'Schlagworten arbeitet und sich sogar'in das Gewand offizieller Judentreundlichkeit hüllt — politische Gruppen und Parteien, die auf das rücksichtsloseste zu bekämpfen die politische Raison gebietet. So unterstützte der gewesene Statthalter Graf Potocki die Altruth-enen (Russophilen), obwohl diesealles andere nur nicht staatserhaltende Elemente sind. Und diesen Leuten lieferte die polnische Politik ’ nicht nur die Ruthenen, sondern den loyalsten Teil der -galizischen Bevölkerung, die Judejti aus. Allerdings mußte sich die polnische Politik, über Auftrag der Zentralregiening hi dieser Hinsicht Zurückhaltung auf erlegen, aber im tiefsten ^Grunde ihrer Seele sehen es die Polen .sehr gerne, wenn die Altruthenen über die Juden herfatlen, wenn altruthenische Pogromagitation getrieben wird, denn dann können sie umso leichter die Juden zu sklavischer Gefolgschaft bringen und die der polnischen Führung auf Gnade und Ungnade ausgelieferten Juden bei dieser Gelegenheit durch tausend Maßnahmen immer wehrloser, schwächer und gefügiger machen. Auch aus Galizien kommen in den letzten Tagen traurige Nachrichten über Unruhen, in denen merkwürdigerweise die einzigen Leidtragenden die Juden sind. In Rymanow, Ustrzyki und Baligrod ist es zu schweren Ausschreitungen gekommen, in deren Verlauf ruthenische Bauern, welche von mit russischen Rubeln bezahlten Agitatoren aufgehetzt wurden, einige Juden verprügelten. im Anschluß an diese Vorkommnisse setzte ein ruthenischer Boykott gegen die Juden ein und die altruthenischen Blätter richteten an ihre Leser die Aufforderung: „Kauft nicht bei Juden!“ Der galizische Statthalter veranlaßte alles Entsprechende. Er ließ überall verkünden, daß er die weitgehendsten Sicherheitsmaßregeln getroffen habe. Man muß ja vor der Oeffentlichkeit gedeckt sein! Diese Ankündigungen verhinderten zwar nicht, daß sich sol«he Unruhen wiederholten, aber die Verhinderung solcher Wiederholungen liegt offenbar nicht im Interesse der polniscben Politik. Die Zentralregierung wendet diesen Vorfällen kein Augenmerk zu. Auch sie ist gedeckt. In Galizien hat sie ja einen Statthalter sitzen und im Parlamente gehören die jüdischen Abgeordneten, bis auf zwei rühmenswerte Ausnahmen, zu den teils servilsten, teils korruptesten Elementen. Abgesehen davon, daß es fraglich ist, ob der. Niedergang der ostjüdischen, namentlich der galizischen Judenheit aufzuhalten ist, ist dieses Verhalten der Zentralregierung und der jüdischen Vertreter ein beschämendes Zeichen der Re-; aktion, beziehungsweise Verkommenheit. Uns anderen aber, den Vertretern der modernen jüdischen Bewegung, obliegt die Pflicht, uns auf das Angelegentlichste mit dem brennend gewordenen Ostjudenproblem zu befassen, denn des Juden Not kann nur der Jude lindern. Rundschau. Kronawetter. Kronawetter! Der Name klang einst wie Sturm und Ungevvitter — heute erweckt er kaum ein flüchtiges Erinnern. Die Tragik dieses Lebens war der Glaube,, daß die Politik durch bestimmte abstrakte Ideen geleitet werden könne. Von der Entgleisung, die Krona Wetter am Abend seines Lebens passierte, als er zu den „Deutsch-Demokraten“ überging, abgesehen, war sein ganzes Tun und Streben beherrscht von den Ideen der Revolutionen von 1789 und 1848: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Kronawetter war der einzige wirkliche arische Demokrat, den Oesterreich in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat. Er kämpfte für die demokratischen Ideale unentwegt weiter, als die L i b e r a f e n sich zu Reaktionären wandelten und ward der Sozialdemokratie, der er selbst nicht angehörte, dadurch ein wackerer Bahnbrecher. Er glaubte schon vor Jahrzehnten, die nationalen Fragen, die Oesterreich durchtobten, durch die demokratische Autonomie lösen zu können, er sah im Antisemitismus seines ehemaligen Kampfgenossen Lueger, nichts als eine undemokratische, die Gleichheit Aller bedrohenden Velleität. Er sah nicht ein, daß die Politik ein Macht- und kein Ideenkampf sei, daß daher die Nationen erst Frieden schließen können, bis sie an den Grenzen ihrer durch Kampf gegen andere Völker zu gewinnenden Machtentfaltung angelangt sein werden, daß der Antisemitismus ein Kampf des Gewerbes gegen Industrie und Handel und im letzten Grunde ein Konkurrenzmanöver zur Ausschaltung des Wettbewerb der tüchtigen und vorwärtsstrebenden Judenschaft ist. Deshalb mußte er scheitern, in Vergessenheit geraten. Deshalb wurde er am Ende seiner Laufbahn an seinen eigenen Ideen irre. Denkwürdig war die Generalversammlung der Kronawetter’schen Organisation, des Demokratischen Zentralvereines vom Jahre 1910, wo sein alter Kampfgenosse Lucian Brunner, ihm den Abfall von seinen eigenen Ideen vorwarf, den er durch seinen Eintritt in die famose Hockpartei vollzogen hatte. Kronawetter wußte nichts zu erwidern. Aber trotz dieser Entgleisung müssen wir das Andenken Kronawetters in Ehren halten. Die Ideen-, die er ein Leben lang mutig und gegen eine ganze Welt verfochten hat, sind unsterblich und werden noch richtunggebend sein, wenn die politischen Tageskämpfe von gestern und, heute längst vergessen sein werden. Sie sind Kulturideen, die immer wieder und immer in neuer Gestalt auftauchen werden, um den brutalen Machtkampf in einen friedlichen Wettbewerb zu wandeln. Ob diese Umgestaltung je restlos gelingen wird, mag dahingestellt bleiben. Keinesfalls kann die Menschheit Männer entbehren, die höhere Ziele, höhere Ideen verfechten,. als jene, die den praktischen Politikern

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