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Jüdische Zeitung · 1913-01-24 · 4 (24.1.1913) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4; wir Juden, die wir doch als so kluge Ge- -’schäftspolitiker gelten, haben es bis jetzt nicht verstanden, die Kräfte, die in unserer Zahl und ::;'in unserer - wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit —stecken,-für unsere eigenen Zwecke zu venver- _;fen. Debattiert wurde über die Frage der Errichtung einer jüdischen Lebensversi- ' c-h’er ungsges el 1 s ch af t allerdings schon / genug, in Wien, in Lemberg und wohl auch an- . .derswo. Es wäre aber nun wirklich schon an der Zeit, dem-Gedanken der Gründung einer ' jüdischen Lebensversicherungsgesellschaft allen -Ernstes näherzutreten.;; Die Zahl der in Oesterreich-Ungarn ansäs- ■ :'sigen Juden ist eine genügend große, um die '-Lebensfähigkeit der Gesellschaft zu gewährleisten. Sind einmal die ersten Jahre vorüber, dann kann und soll der Geschäftsbetrieb auch auf andere Länder,'in denen Juden in größerer Zahl leben, -z.- B;. auf Deutschland, .Holland, womög- ... lich auch auf Palästina usw. ausgedehnt wer- :; den.- : Wir Juden sind ferner infolge unserer verhältnismäßig günstigen mittleren Lebensdauer ■; anerkanntermaßen gute Lebensversicherungsrisi- ’keh. Wir müssen aber bei den bestehenden v Versicherungsgesellschaften dieselben Prämien ■ -wie die anderen entrichten, obzwar die Sterb- lichkeitsverhältnisse der jüdischen Versicherten billigere Prämiensätze ermöglichen würden. Der Jude ist auch, wie in Versicherungskreisen bekannt, infolge des häufig vorhandenen Familien- •sinnes und der durchschnittlichen Intelligenz dem •Gedanken, sich und die Seinen durch den Abschluß einer Lebensversicherung zu schützen, leichter zugänglich. Die Gliederung der Judenschaft in Kultusgemeinden, die Organe derselben und schließlich das allerdings nicht zu über- : -schätzende Zusammengehörigkeitsgefühl sollen ■ weiters eine Grundlage sein, auf-der sich verhältnismäßig unschwer und weniger kostspielig die’ Organisation einer Versicherungsgesellschaft aufbauen läßt. ■ Aehnlich wie dies bei den ■ bestehenden nationalen Versicherungsanstalten und sonstigen wirtschaftlichen Institutionen der Fall ist, kann ' auch von der jüdischen Versicherungsgesellschaft •.. eine n Festigung ..des jüdischen. ,ZusatHUJ.ef}grehörig-, keitsgefühles erwartet werden. Die Zwecke, de- - nen zahlreiche wohltätige Stiftungen zu dienen haben, können ebenso und unter Umständen noch ‘ besser und reichlicher durch Benützung gewisser : Versicherungskombinationen erfüllt werden. Kapitalien, die sonst .erst nach dem Tode des Spenders zpr -Verfügung für wohltätige Zwecke gelangen, ■ können diesen Zwecken auf dem Wegs der Versicherung schön zu Lebzeiten des Stifters dienstbar gemacht werden. Dem Stifter •'ist --hiedurch wieder die Möglichkeit geboten^ auf. die Ausführung seiner wohltätigen Absich-1 ten Einfluß zu nehmen und als Augenzeuge der ' Segnungen . seines Wohltuns erhöhte Genugtuung und Befriedigung zu empfinden. Auch ■ derjenige, der gerne für irgend einen .Zweckspenden möchte, ohne jedoch hiefür ein entsprechendes Kapital zur Verfügung zu haben, oder nur alljährlich einen bestimmten Betrag zu opfern in der Lage ist, kann auch einen Ver- . Sicherungsabschluß seinen gemeinnützigen Abrichten gerecht’ werden. Der Bestand einer jüdischen Versicherungsgesellschaft erscheint aber : nicht nur geeignet den -jüdischen Wohltätigkeits- -sinn. zu stärken; die aus diesen Beweggründen vollzogenen Versicheriingsabschlüsse tragen gleichzeitig zur“ Verbilligung der Prämien der änderen Versicherungen und zur Erzielung eines größeren Betriebsgewinnes, der wieder gemeinnützigen ' Zwecken zugeführt werden kann, bei. '; Von großer Bedeutung ist, daß eine jüdische Versicherungsgesellschaft viele Stellen ■ zu vergeben hat: Das ist sehr wichtig; denn je mehr die Nationalitäten erstarken, desto mehr werden auf dem Gebiete von Industrie und Han- - del, insbesondere in bureaukratisch verwalteten -Betrieben, und-zu diesen gehören die Versicherungsgesellschaften mit ihrem zahlreichen Bu- ’reäupersorial, wir Juden depössediert. Wir ha-: ben so viel für Praxis und .Wissenschaft des Versicherungswesens geleistet,-wir stellen ein; so'starkes Kontingent zu der Klientel der Ver- 7 sicherungsgesellschäften, und doch besteht beit JUDISCH^jjElTUNG diesen so häufig der 'XStfisch, daß das Personal entweder vollständig judenrein oder doch möglichst wenig verju d et sei. Ist einmal die jüdische Versicherungsgesellschaft ins Leben getreten, dann wird es wohl nicht lange dauern und es werden in größerem Maßstabe auch jüdische Sparkassen, Kreditgenossenschaften, Wohnungsgenossenschaften u. dgl. gegründet werden. Aus versicherungstechnischen und sozialpolitischen Gründen wird der Gesellschaft die Form einer Versicherungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit zu geben sein. Zur Gründung. einer solchen Gesellschaft erscheint mit Rücksicht auf die gegenwärtige Praxis des Aufsichtsamtes ein Kapital von K 2—300.000 erforderlich. Daß eine intensive - und. erfolgreiche jüdische Wirtschaftspolitik auf die jüdischnationale, bezw. zionistische Bewegung von günstigem Einflüsse sein würde, ist wohl nicht zu bezweifeln. Dr. E. K. Zionistifdies ReformjuMum.*) Von Adolf Böhm. Wenn ich auf die mir bisher auf meinen unter obigem Titel erschienenen Aufsatz*) (Nr. 50 1912 derjüd. Ztg.) gewordenen Erwiderungen antworten soil, so befinde ich mich in einer schwierigen Situation. Die meisten Dinge, die mir engegengehalten wurden, entspringen einem totalen Mißverständnis dessen, was ich gesagt habe. Nur im Artikel des Dr. Zweig findet sich eine einigermaßen prinzipiell begründete Opr position, doch fehlt auch hier ein Eingehen auf den Grundgedanken meines Artikels. | Ich kann daher nur cursorisch auf die Erwiderungen antworten, wobei ich versuchen mußi, deutlich zu machen, w o eigentlich die wahre Differenz in den Anschauungen liegt.! Herr Bald hat ein Wort gesagt, daß am besten die Richtung kennzeichnet, in welcher alle Mißverständnisse zu suchen sind. Er meinte, daß aus meinem Artikel der Schrei nach dem „Bruch mit der Tradition“ herauszuhören sei, gegen welche Tendenz er sich heftig auflehntj. Ich muß aber fragen, wie und wo ich so etwas gesagt -habe. Zunächst: Wen forderte ich zum „Bruch mit der Tradition“ auf? Die Zionisten? Das meint Herr Batö gewiß nicht, denn Religion ist Privatsache und der Zionismus — auch nach meiner Definition — keine Bewegung, deren Ziel die .Bekämpfung der Religiosität des einzelnen Juden oder des Zionisten wäre. Der Zionismus? Aber ich habe mich doch bemüht, zu zeigen, daß der Zionismus an sich ein ganz bestimmter neuer Gedanke ist, der ein Eigenleben führt und der Tradition gegenüber indifferent, ist: „Der Zionismus ist einf völlig neue und eigene Idee, die aus dem alten Judentum nichts ab löst, mit ihm weder idenr tisch, noch ihn. feindtich ist“, sagte ich ausdrücklich. Herr Batö gibt übrigens selbst zu, daß mein Gedanke, der Zionismus sei als moderner Nationalismus nicht mit dem altjüdischen Nationalismus identisch, richtig ist. Er sagt: „Ein Nationalismus im modernen Sinn ist in der jüdischen Geschichte sicherlich nicht zu finden“. Damit hat er aber den strategischen Hauptpunkt meiner Beweisführung als richtig zugegeben, und ich bin vollkommen zufrieden. Ein zweites großes Mißverständnis ist es, von einem „Kulturkampf“ zu sprechen, den ich angeblich führe. Ich kämpfe nicht gegen die jüdische Religion, nicht gegen einen jüdischen Klerikalismus, den es ja gar nicht gibt, noch gegen die religiösen Ueberzeugungen der einzelnen Zionisten. Ich führe also keinen Kulturkampf, sondern ich trete nur dafür ein, daß die -zionistische Organisation als solche kein Recht habe, irgend welche religiöse oder rituelle Akte als „zionistisch“ zu deklarieren und von ihren Angehörigen ihre Befolgung als Parteisache zu erklären. Gerade jene Zionisten, die heute einen Kulturkampf im Judentum' a’s unzeitgemäß und gefährlich bezeichnen, sihd.es gewesen, die mich durch, die von ihnen geübte Vermengung von. Zionismus und Tradition gezwungen haben, .überhaupt einen Kampf zu führen. Gegen Herrn Neiger, der übrigens denersten Teil meiner Ausführungen, in dem ich die Freiheit der Zionisten in seinem religiösen Verhalten verlangte, vorzüglich verstanden hat und ihn vollkommen billigt, möchte ich. bemerken, daß sein Mißverständnis des zweiten Teils darauf beruht, daß er meint,, ich hätte gesagt, man solle unbedingt auch am. Sabbath zu zionisti- *) Ich benütze diesen Anlaß, um wenigstens zwei der sinnstörendsten Druckfehler, die si~h in den Artikel eingeschlichen hatten, zu berichtigen. Seite 2, Zeile 11 von oben soll es heiße 1 „Kultusjuden“ (anstatt Kulturjuden)-, Seite 3, Spalte 3, Zeile 2 u. 7 von unten soll es heiße.i „Kultfreiheit“ (anstatt Kulturfreihert). Seite 3 sehen Vorträgen fahren. Ich sagte das aber nicht, sondern geißelte nur die Heuchelei, daß man tatsächlich fährt, es aber abfeugnet, wie dies heute der Brauch ist. Ich habe gar nichts dagegen, wenn aus religiöser Toleranz erklärt wird, man dürfe am Samstag nicht zu zionistischen Vorträgen fahren, wie ich übrigens noch nie, weder in Wort noch in Tat, mich gegen die weitgehendste Toleranz verständigt habe, ich habe im Gegenteil mich stets für sie eingesetzt. Es ist aber ein großer Unterschied, ob man aus Toleranz öffentliche Handlungen unterläßt, die bei religiösen Juden Anstoß erregen können, oder ob man gezwungen wird, selbst religiöse Handlungen sogar im Privatleben zu setzen, wenn man nidit religiös ist. Gegen diesen Gewissenszwang muß sich jeder freidenkende Mensch aufs schärfste wenden. Sollte der Zionismus verlangen, daß man seine persönliche Freiheit in diesen Dingen aufgibt, dann hätte er religiösen Charakter, wäre ein Reformjudentum und keine nationale, religiös indifferente Bewegung. Und damit komme ich zum Artikel desl Dr. Zweig. In diesem wird genau jene Ideologie verfochten, die ich bekämpft hatte. Herr Dr. Zweig meint, daß der jüdische Nationalismus, d. i. die Hingabe an die Volksgemeinschaft, von dem Zionisten verlange, daß er gewisse Formen respektiere, die nach Dr. Zweigs Meinung notwendig sind. Diese subjektive Ueberzeugung, die einem wahren Gefühl entspringt,- in allen Ehren, Herr Dr. Zweig tut recht, wenn er diesem Gefühl entsprechend handelt. Dagegen habe ich als toleranter Mensch nichts einzuwenden. Wogegen ich aber kämpfen muß, ist der -Versuch Dr. Zweigs, seine " subjektive Ansicht als offizielle Interpretation des Zionismus festzulegen und damit dem Zionisten, der sich seinen Forderungen nicht fügt, -ein Vergehen gegen den Zionismus vorzuwerfen. Drei Momente sind es, die diesen Versuch als verfehlt erscheinen lassen: .Erstens befindet sich Dr. Zweig in. einer totalen Selbsttäuschung, wenn er meint, die. Zionisten hätten sich dem Volkswillen zu fügen, zweitens aber gibt es einen Volkswillen im Sinne des Dr. Zweig gar nicht und drittens würde, selbst, wenn dies doch der Fall wäre, das zionistische Reformjudentum gar kein Unterwerfen unter diesen Volkswillen darstellen. Ad eins möchte ich darauf aufmerksam machen, daß der „Volkswille“ zunächst überhaupt ein antizionistischer ist. Nur 1 Prozent des jüdischen Volkes ist zionistisch organisiert und ein Plebiscit würde eia vernichtendes Votum gegen den Zionismus ergeben. Würde Dr. Zweig nach Verurteilung des Zionismus durch den Willen der überwiegenden Majorität der Volksangehörigen die Konsequenz aus seiner Unterwerfungstheorie ziehen und sagen: nachdem der Volkswille sich 'in so mächtiger Weise gegen den Zionismus erklärt hat, trete ich aus der Bewegung aus? Ich muß so drastisch sprechen, um zu zeigen, wohin man mit einer solchen sentimentalen Theorie kommt. Der Zionismus ist ein durchaus neuer Gedanke, wie er im Judentum noch nicht vorhanden war, gerade unsere Aufgabe ist es, ihn gegen den berühm'en Vo’tkswiilen, d. h. gegen die gedankenfaule, im Bestehenden verharrende, Neues . mit Hohn ablehnende „kompakte Majorität“ durchzusetzen. Dieser neue Gedanke ist aber kein anderer als der, daß die Juden ein Volk im modem-nationalen Sinne sind. Im Momente, wo wir diesen Gedanken an das bisherige Judentum anpassen und dem Zionismus den Stich ins Konfessionelle, Rituelle etc. geben, haben wir ihn verfälscht und ihm seine Stoßkraft genommen. Das Judentum als Konfession, oder das Judentum als Erscheinung, in der Religion und' Nation untrennbar verknüpft sind, — das ist das bisherige Judentum, aber nicht das zionistische. Mit anderen Worten: Der Zionismus gibt jedem Juden, welcher Geistesrichtung immer, die Möglichkeit, sich zu seinem Volk zu bekennen, auch solchen Juden, die wie ich, gänzlich ohne religiöse Tradition aufgewachsen und kulturell assimiliert sind. Im Moment, wo der Zionismus als solcher rituelle Forderungen stellt, kann er das nicht und wird unweigerlich ein Reformjudentum. . Der Zionismus ist ferner die . Möglichkeit, daß sich das jüdische Volk, so wie ’ jedes andere auf der Welt seine volkliche Existenz und Zukunft sichert. Daß aber der Inhalt des Volkslebens das trad i tion e.l 1 e, k o'nf ess i on el 1 e Judentum sein muß, ist kein Grundgesetz des Zionismus, wenn auch manche Zionisten das anstreben. Und merkwürdig! Zu gleiche’" Zeit, als ich dies ausführte, hat D-. K’atzkin, der ehema’ige Sekretär der zionistischen Hauptlei'ung im „Hasch'loach“ genau dasselbe gesagt. I:t Nr. 51 der „Welt“, Seite 1594, wird darüber wie folgt, berichtet: „Der Autor polemisiert gegen die von manchen nationa'en Theoretikern der Gegenwart geübte Verquickung ' ueistig - sittlicher Werte, also bestimmter De n k Inhalte, wie sie die Vertreter der religiösen und der späteren ethisch-spiritualistischen Auffasssung des Judentums formuliert haben, mit dem seiner innersten Natur nach rein

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