Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JpDISG»ZEITUNQ ,Nr. 4 men die Urform des Weizens entdeckt hat Bianckenborn bestätigt nicht, nur den hohen wissenschaftlichen Wert dieser Entdeckung, ihre ökonomische Tragweite — könnten doch mit dem widerstandsfähigen Urweizen heute bradi liegende Trockengeb'iete bebaut werden — sondern rer. straft auch ihre kulturgeschichtliche Bedeutung. ..Hierüber sagt er u. a. folgendes: „Jedenfalls sind seine" Entdeckungen ein' schwerer Schlag .für gewisse archäologische Theoretiker, welche in allzu großer Begeisterung für die höhere, überlegene Kultur Europas, speziell der Germanenvölker, auch den ersten Anbau der wichtigsten Getreidearten, namentlich der edelsten derselben, des Kulturweizens, dann der Gerste und. des Roggens, sich in Europa und gar "im Norden desselben vorstellten? Der Jude Aaronsöhn hat also mit seiner Entdeckung ganz unbewußt |der berühmten Theorie, daß alle Kulturgrundlagen von Germanen herrühren, einen „schweren Schlag“, wie Blankkenhorn, ein rasseechter Germane, sagt, zugefügt. Wie viel wäre aber trotz dessen und trotz Zollschaus Untersuchungen, noch von jüdischer Seite zu forschen und kritisch' zu beleuchten, . um die Chamberlain, Woltmann, Wilser etc. zu widerlegen! Es ist merkwürdig, wie die gänzlich hypothetischen, jeder wissenschaftlichen Beweisführung entbehrenden Theorien dieser Herren von den strengsten Wissenschaftlern gläubig hingenommen werden, schmeicheln sie doch ihrer nationalen Eitelkeit! Die germani- ’sche Wissenschaft ist eben „voraussetzungslos“ nur dort, wo’s nidht gegen die Juden geht. Sitzung des Wiener Kultus Vorstandes. Am 19. d. M. fand eine Plenarversammlung des Wiener Kultusvorstandes statt. Wiewohl diese Sitzung nicht als vertrauliche bezeichnet war und. sich auf der Tagesordnung auch kein einziger Gegenstand befand, der die in der Kultusgemeinde so beliebte „vertrauliche“ Behandlung notwendig gemacht hätte, hat das Präsidium die Einberufung der Sitzung dennoch nicht veröffentlicht, so daß sich kein einziger Zuhörer ein-' fand.. Auf diese Weise soll vermutlich das Interesse der jüdischen Oeffentlichkeit an den Gemeindeangelegenheiten gehoben werden! Der Präsident der Kultusgemeinde hat sich überhaupt ein recht bequemes System zurechtgelegt. Er scheint grundsätzlich jede Sitzung für vertraulich . zu halten und behandelt nur solche Sitzungen als öffentlich, die ausdrücklich als solche einberufen worden sind. Daß ein solcher Vorgang eiaHohn aufdieGrundsätze einer ordentlichen Verwaltung ist, braucht nicht erst bewiesen zu werden. In der kleinsten Dorfgemeinde ist die Oeffentlichkeit der Gemeindeausschußsitzungea gesetzlich gewährleistet. In der jüdischen Großgemeinde Wien mit ihrem Millionenbudget sind die Sitzungen des Vorstands grundsätzlich geheim und nur in jenen wenigen Fällen, in welchen das Statut die Oeffentlichkeit vorschreibt, öffentlich. Solche Zustände sind unserer Gemeinde unwürdig und müssen mit der größten Entschiedenheit bekämpft werden. In dieser Erkenntnis überreichten unsere Gesinnungsgenossen Dr. JakobEhr- Iicb und Obering. Robert Stricker folgenden Antrag auf Abänderung des § 12 der Geschäftsordnung für den Kultusvorstand. „Die Gefertigten stellen den Antrag, es sei § 12 der Geschäftsordnung für den Kultusvorstand dahin abzuändern, daß an Stelle dieses Paragraphen nachfolgende Bestimmung zu treten hat: Die Sitzungen des Kultusvorstandes sind in der Regel öffentlich. Der Kultusvorstand kann " jedoch unbeschadet der Bestimmungen des § 16 des Statuts über Antrag von mindestens 9 Mitgliedern in öffentlicher Sitzung mit Stimmenmehrheit beschließen, daß {bestimmte Gegenstände der Tagesordnung in nicht öffentlicher Sitzung zu handeln sind. Auch der Präsident ist unbeschadet, der Bestimmung des § 16 des Statuts während einer öffentlichen Sitzung berechtigt, einen beV stimmten Verhandlungsgegenstand in eine nicht öffentliche Sitzung; zu . verweisen. In dieser nicht öffentlichen Sitzung kann jedoch der Kultusvorstand die "Verweisung des Gegenstandes in eine öffentliche Sitzung beschließen. Personalien und Disziplinarangelegenhei'en . .sind in vertraulicher: Sitzung zu behandeln.“ Der Antrag wurde verlesen und dem Vertreterkollegium zur ges.chäftsodnungsmäßigen Behandlung überwiesen. In derselben Sitzung überreichten unsere Gesinnungsgenossen auch einen Antrag auf Einsetzung einer Palästina- (kommission. In Anbetracht der aktuellen Frage der Hiltsbedürftigkeit der im nahen Orient seßhaften Juden, ferner der Wichtigkeit dieses Ländergebietes für ' die Niederlassung eines Teiles der aus Osteuropa emigrierenden Stammesgenossen, ferner ln Anbetracht der immer steigenden Bedeutung der jüdischen Siedlung in Palästina für das Ansehen des Gesamtjudentums, für die .Entwicklung der hebräischen Sprache und die Regenerierung des jüdischen Volkes, beantragen wir: „Der Kultusvorstand beschließt die Einsetzung einer - zumindest aus 8 Mitgliedern bestehenden Palästinakommission, ln diese Kommission; welche jederzeit zur Beiziehimg von ■ Experten berechtigt ist, können auch Personen berufen .werden, welche dem Kultusvorstand nicht angehören. Diese Kommission hat die Aufgabe, sich über die jüdische Siedlung in Palästina fortlaufend zu informieren, allen Entwicklungsmöglichkeiten dieser Sied - lirng ihre ständige Aufmerksamkeit zuzuwenden, über die Ergebnisse ihrer Erhebungen dem Kultusvorstande zeitweise zu berichten und Vorschläge zur Förderung der erwähnten Siedlungen zu erstatten.“ Auch dieser Antrag wurde nach" Verlesung dem Vertreterkollegium zur geschäftsordnüngsmäßigen Behandlung-überwiesen. Hieraut folgte deCBericht über das Ergebnis der Abstimmung1 'ober ^ie’1 B e r uff uiignld & r* Vertraueasmän^er — über die Farce dieser „Berufung“ wird noch zu sprechen sein —, die Vergebung" einiger Stipendien, die Beschlußfassung über eine Zuwendung von 18.000 Kremen aus der Verlassenschaft Josef Spitzberger an Frau Ida Schütz (beschlossen mit allen Stimmen gegen die Stimmen des Vizepräsidenten Hofrats Rappaport, Dr. Ehrlich;, Ing. Stricker), die Bewilligung einer Subvention an einen Wohltätigkeitsverein, eines geringfügigen Nachtragskredits und schließlich Diskussion über die Art" der Vergebung des Kinderspitalbaues. Also wie man sieht, lauter Dinge, welche eine öffentliche Behandlung nicht nur sehr gut vertragen, sondern: teilweise sogar gebieterisch fordern. Besonders die Frage des Kinderspitalbaues ist für die jüdische Öeffentlichkeit von größtem Interesse. Erwägt man, daß der Kinderspitalbau; und der in absehbarer Zeit zu. gewärtigende Bau eines Gemeindehauses und Tempels mit einem Kostenaufwand von etwa 15 Millionen Kronen verbunden sein wird, muß rechtzeitig verhindert werden, daß der schon sehr aktuell gewordene Kinderspitalbau — die Art seiner Vergebung kann für die folgenden Bauten vorbildlich sein —, wie dies bisher üblich war, „unter der Hand“ vergeben werde. Bei einem Kinderspitalbau ist das Beste gerade gut genug. Deshalb muß allen unseren jüdischen Architekten Gelegenheit gegeben werden, ihr Können zu zeigen, und nicht Freundschaften und Beziehungen, sondern Tüchtigkeit und künstlerisches Vermögen allein dürfen entscheidend sein. Und ebenso muß auch verhindert werden, daß bei Vergebung der Arbeiten, der Gewerbetreibenden sich ein einzelner bereichere und die anderen kleinen Gewerbetreibenden leer ausgehen. Es ist selbstverständlich,.- daß ' unsere Gesinnungsgenossen Ing. Strick et und Dr. Ehrlich in der Kültusvorstands-Sitzung« diesen Standpunkt mit Nachdruck vertreten haben. Aber, auch, diel Kultusvorsteher;. B rJod,. A r ch it ekt Gärtner und Schramek haben diese Forderungen energisch unterstützt.! t -l WirilAaffspoIitift. Am 16. Dezember ist in Hamburg der Gründungsakt einer sozialistischen Volksversicherungsgesellschäft auf Aktien vollzogen worden.; Diese Gründung erscheint geeignet, einen Mark- : stein in der Geschichte der an Erfolgen ohnedies so reichen sozialistischen Bewegung .in Deutschland zu bilden. Die Volksversicherung, d. i. die Lebensver- ' Sicherung kleiner Summen. (gewöhnlich bis hoch- ■*. stens M. 2000.—) gegen geringfügige Wochen- " oder Monätsprämien, hat in Deutschland "leine. ganz gewaltige Ausdehnung ■ erlangt. Nach der Statistik des „Berliner ’ Börseri-Courier“ sollen Ende des Jahres 1911 über 1% Millionen Volksversicherungspolizzen mit einer Gesämtyersiche- ' rungssumme von .mehr als iy2‘. Milliarden Mark in Kraft gewesen sein. Die Auszahlungen an die Versicherten betrugen rund 50 Millionen Mark. Da die Arbeiterschaft einen großen. und vvichtigen Teil des Kundenkreises, der Volksversiche- . rung. bildet, wird die neue Gesellschaft voraus- sichtlich alsbald ein gewaltiger Machtfaktor der sozialdemokratischen Partei," bezw. der soziali- . . stischen Bewegung in Deutschland werden. Die Ansammlung von Kapitalien, die der Lebensversicherungsbetrieb - mit sich bringt, wird die- Stoßkraft der Partei und den Kredit, den sie bei ihren verschiedenen wirtschaftlichen Unternehmungen recht gut braudien kann, erhöhen; bei Vergebung von Hypothekardarlehen werden . naturgemäß sozialdemokratische Zwecke bevor- . zugt werden; die Polizze der „Volksfürsorge“, , so heißt die Gründung, erscheint geeignet,. den _ 'ZÜsanilii&ihätijr'-Wischen •^Partei -und -Genossen noch zu verstärken und der Bewegung, neue. Anhänger zuzuführen; nicht zu vergessenschließlich, daß die Gesellschaft der Brotgeber der so zahlreichen Organe des Innen- und Außendienstes sein wird, die für den Betrieb der Volksversicherung notwendig sind. Bei uns in Oesterreich-Ungarn hat die nationale Politik dem Versicherungswesen ihr vollstes Augenmerk zugewendet und hiebei ganz außerordentliche Erfolge erzielt; insbesondere die nationalen ungarischen und tschechischen Versicherungsanstalten blühen und gedeihen. Nur Ein Schwarzer nach Tisch macht munter und frischt Die Untersuchungen von Professor Hollingworth haben erwiesen, weshalb es so ist. "Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Tn an der Ermüdung - nach den Mahlzeiten entgeht, so lesen Sie die kleine " Broschüre: „Winke für Feinschmecker“ Gratis erhältlich in allen-Geschäften der Firma. 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