Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1913-01-24 · 4 (24.1.1913) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438432-2438436--3406-2443168
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 4 formalen nationalen Gedanken, der von allen inhaltlichen Beziehungen abstrahieren muE.“ Das ist beinahe wörtlich dasselbe, was ich gesagt habe, als ich darauf hinwies, daß inneihalb des Zionismus betreffs des Inhalts des neuen Judentums die verschiedensten Auffassungen möglich sind, und neben einander bestdien können, daß der Zionismus an und für sich gar nichts über diesen Inhalt bestimmend festlegt I Freilich, in der ostjüdischen hebräischen Presse herrscht Frdheit und Toleranz. Eine lange Zeit hindurch beschäftigte sich zürn Beispiel die zionistische hebräische Presse mit nichts anderem, als mit dem Wesen des Christentums, woiüber in freiester Weise gesprochen wurde. Die konfessionelle Inquisition scheint merkwürdigerwdse den modernen Zionisten des Westens Vorbehalten zu sein! — Zweitens sagte ich, daß es dnen Volkswillen im Sinne des Dr. Zweig gar nicht gibt Wenn er die Westjuden über die. Tradition abstimmen ließe, so würden sie mit überwältigender Majorität diese überhaupt ablehnen, oder aber für das „liberale Judentum“ stimmen. Die Ostjuden würden hingegen für die Uebernahme der ganzen Tradition sein. Wo ist das Volk, dessen „Wille“ das verlangt, was Dr. Zwdg just als Respektierung der Tradition ansieht. Wenn er aber viellddit meint, dieser Volkswille sei durch Abstimmung unter den Zionisten zustandezubringen, so ist dagegen zu sagen, daß die zionistische Organisation kein „Volk“ darstellt, denn sie ist kein organisch gewachsenes Gebilde wie dieses, sondern ein lBund von frei wollenden Menschen, die sich zu einer bestimmten Tat zusammengeschlossen haben. Es gibt in diesem Bund nur Mehrheitsbeschlüsse und keinen Volkswillen, solche Beschlüsse aber können nicht über Dinge gefaßt werden, die mit dem Programm, also dem Grundgesetz des Bundes, nichts zu tun haben. Drittens aber sind national umgedeutete Feste etc. gar keine Respektierung, sondern eine M i flachtung der Tradition, sie and noch mehr Willkür, die die Nonnen des „liberalen“ Judentums, das wenigstens an jenen Bräuchen, die es übernimmt, nichts eigenmächtig ändert. Das nachzuweisen, habe ich mich im ersten Artikel ausführlich bemüht, fch kann mir Wiederholungen ersparen. Leider aber hat keiner meiner Widersacher auch nur mit einem Worte dessen Erwähnung getan, was in meinem Artikel wirklich neu war: der Charakterisierung des religiösen Judentums und unseres wahren Verhältnisses zu diesem. Ich möchte hier nur noch bemerken, daß derjenige, .der das religiöse Judentum in seiner inneren Größe zu erfassen sucht, auch wenn er es selbst nicht mitmachen kann, der Tradition gegenüber respektvoller vorgeht, als derjenige, der auf Grund einer wenn auch noch so gutgemeinten Ideologie aus" diesem religiösen Judentum ein paar Stücke herausreißt und diese in neuartigem und ihrem Geiste nicht voll entsprechenden Sinn umdeutet. Ich kann Herrn Batö nicht helfen; auch den Makkabäern war Kultfreiheit identisch mit Volksfreiheit, sie hätten daher heute, wo die Juden die Kultfreiheit haben, wahrscheinlich keinen Kampf geführt, sie sind also keine „Zionisten“ von ehedem gewesen, sofern man den Zionismus im modernen Sinn versteht. Herr Batö sagt, daß das neue Judentum sich doch' aus irgend etwas heraus entwickeln muß. Akzeptieren wir vorerst diesen evoluTonistischen Standpunkt Aber dann wird uns ganz klär werden, daß das zionistische Reformjudentum — * diese zwei, drei national interpretierten Bräuche und Feste — nichts ist, aus dem sich irgend etwas Lebensfähiges „entwickeln“ kann. Da ist das wahrhaft religiöse Judentum schon viel eher eine Erscheinung, aus dem .man sich eine Entwicklung versprechen kann, denn es ist ein Ganzes. Aus diesem Grunde habe ich vor ihm als Zionist den höchsten Respekt, ich habe dem auch1 in meinem Artikel Ausdruck gegeben und u. a. gesagt, daß sich' ein Teil der Zionisten die Verwirklichung der religiösen Sehnsucht, die Herstellung des Gottesreichs in Palästina, unter „Zionismus“ vorstellen wird. Hut ab Vor einem so grandiosen Streben! Aus einem Reformjudentum aber Wird sich nichts entwickeln, weil es keinen Inhalt h?t Ich bin jedoch überhaupt gar nicht der Ansicht des Herrn Batö, daß das neue Judentum sich etwa aus dem Golusjudentum, Jaß wir wohl konservieren und nach Palästina bringen sollen, „entwickeln“ wird. Ich glaube an den Primat des Geistes und halte die Formen nur als seine vorübergehenden Realisierungen, die philosophische Grundlage meiner Weltanschauung ist eine1 idealistische. Ich sehe daher alle jüdischen. Formen, die je waren und sein werden, nur als Emanationen des jüdischen Grundwesens an. Dieses ist das Ursprüngliche, das Schöpferische, Erneuerungsfähige. Dieses ists. daß sich die Formen jeweils schafft und auch das neue Judentum schaffen wird, unter Einwirkung der Gänmgserreger, die in den modernen Ideen gegeben sind. Der Chassidismus!, diese grandiose Offenbarung des jüdischen Geistes hat steh auch nicht aus dem Gesetzesiudentum „entwickelt“, sondern er ist plötzlich als _jODISg&E ZEITUNG_ hinreißende BewejJmg entstanden; als Erneue-, rung jüdischer Wesenelemente, die im Gesetzesjudentum unterdrückt worden waren, ja er hat — meine Widersacher mögen sich daran erinnern — der „Tradition“ direkt den Krieg erklärt! i Ein Neues, sofern es etwas Großes ist, „entwickelt“ sich nicht aus dem Alltäglichen, sondern es ist ein Hervorbrechen von Grundelementen, es kommt blitzartig und — es setzt sich mit dem Vorhandenen zur Tradition, d. h. zu den erstarrten Formen, in Gegensatz. Auch der Zionismus hat sich mit allem bisherigen Judentum in Gegensatz gesetzt, hätte er es nicht getan, es wäre nicht Ith glaube also, daß das jüdische Grundwesen sich wieder aufs neue in Palästina offenbaren wird und sagte deshalb in meinem Artikel: mein Zionismus sei der Glaube an den Genius der jüdischen Rasse und unsere Aufgabe könne nur sein, zu versuchen, „in das Wesen des jüdischen Geistes, Wie er sich in der jüdischen Entwickelung offenbart, einzudringen.“ Das ist :in Wahrheit die Aufgabe des Zionisten, nicht aber sich aus irgend einer sentimentalen Ideologie dazu verleiten zu lassen, unwahr zu handem, d. h. etwas zu tun, das gegen sein Empfinden ist, also etwa religiöse Handlungen zu setzen,' wenn er irreligiös ist Zur Erforschung des jüdischen Wesens muß man aber hebräisch lernen. Und wenn Herr Dr. Zweig mir entgegenhält, daß es „bequem“ sei, Riten nicht zu halten, so antworte ich ihm, es ist bequemer einen Ritus mitzumachen, als in vorgerückten Jahren hebräisch zu lernen. Dies sehe wieder ich als eine zionistische Pflicht an, aber ich habe niemals nach Art des Dr. Zweig, versucht, daraus ein Dogma zu machen und jeden Zionisten zu veiketzern, der es nicht befolgt! Ich bin vielmehr stets für die Freiheit im Zionismus eingetreten. Natürlich wird man mir entgegenhalten, es sei „Phrase“, wenn ich vom jüdischen Grundwesen spreche. Aber all unsere Großen, Achad Haam, Birnbaum, Buber, etc. mühen sich ab, dieses Wesen zu erforschen. Sie finden . es in Verschiedenem gegeben. Am bekanntesten ist wohl die Definition Bubere, der das Wesen des Judentums im „Streben nach Einheit“ sieht Daß ich selbst mich redlich bemühe, das wahre Wesen des Judentums zu erfassen, geht wohl aus meinem ersten Artikel hervor, in dem ich manches darüber gesagt habe, das zum; erstenmal ausgesprochen wurde. In dem Streben, uns das wahre Wesen des Judentums klar zu machen, bestärken wir dieses in uns und erwecken „es aufs neue. Darauf kommt es für den Zionisten an, nicht aber auf W.iederholjyig, vöh (Fo,njiep, die für ifm .Jpt, ■sind.""'Nur "aus Leben?känn L'eben "kommen; wenn ich mich einem. Zwang füge, ertöte ich mein lebendiges Ich, wenn ich aber hinabsteige zu dem Tiefsten, das unbewußt in mir schlummert, dem, das mir ererbt und im Blute ist, erhöhe ich meine Kraft, regeneriere dies innerste Wesen, also das Jüdische in mir und mache es zu neuen Offenbarungen fähig. Wer aber dem Erneuerungsgedanken keinen Raum im Zionismus .einräumen will, wer nicht glaubt an die Grundkraft unseres Wesens, sondern an den vorhandenen Realisierungen dieses Wesens, den Formen hängt, wer bekennt, daß auch ein nationales Judentum nicht bestehen könne ohne Stücke der Gesetzesreligion, der perpetuiert ein Judentum, wie es heute im Westen als Zerrbild existiert: Konfession — verwässerte Konfession — ohne Religion, höchstens, wie bei den Reformzionisten, Nationalismus mit etwas Konfession. Das soll das Ziel des Zionismus sein? Ich glaube es nicht, ich glaube, daß der uns im1 Blut und Wesenüberkommene jüdische Geist, dessen Eigenart wir in heißem Bemühen zu erfassen suchen, mit dem wir ringen, durch den Zionismus — das heißt: die Volksfreiheit in Palästina, und nichts anderes — sich in viel höherer und durchaus neuartiger Weise manifestieren wird. Daß es aber so komme, muß den Fermenten, die in der heutigen europäischen Geisteskultur gegeben sind, freier Zutritt gelassen werden, muß individuelle und geistige Freiheit herrschen. Diese sollte der Zionismus gewähren. ' Wollte er aber die konfessionelle Unduldsamkeit der alten Kille (natürlich meine ich nur diese und -nicht, wie Dr. Zweig unrichtig versteht, die heutige Kultusgemeinde) übernehmen, dann: könnte ich mein haites Wort vom „zjonisti-, sehen Reformjudentum*' noch zu milde' finden, und ich müßte dann schon von ' einem - „zionistischen Ghettojudentum“ sprechen, ein Ausdruck, der übrigens von einem meiner heutigen Widersacher einstmals geprägt wurde. Der Kampf, den ich führe, geht um ein ganz bestimmtes und klares, das meine Widersacher noch nicht berührt haben — alles andere ist Nebensache: Es handelt sich’, um es noch einmal zu wiederholen, darum, ob dem Angehörigen der jüdischen Volksgemeinschaft freisteht, sich seine Persönlichkeitäkultur aufzubauen nach all dem, was seines inneren Wesens Bedürfnis ist, oder ob er in Ewigkeit gezwungen ist, in den Bahnen zu wandeln, welche die Tradition vorsdirejbt. Mit anderen Wor- Nr. 4 ten, ob man auch als bewußter Jude ein freier Mensch sein kann! Wird der Zionismus, anstatt die Plattform eines freien jüdischen Volkstums eine Neuauflage des konfessionellen und traditionellen Judentums, dann erkläre ich für meine Pereon, daß ich das nicht mitmachen könnte. Ich verlange ja nicht, daß der Zionismus sich gegen die Konfession erklären soll, sondern nur, daß er ihr gegenüber neutral bleibt. Wahrlich, wäre der Zionismus mir gegenüber getreten als Erhalter des „Judentums“, das uns hier umgibt, von' dem ich mich seit jeher im tiefsten abgestoßen gefühlt habe, ich wäre sein Gegner geworden. Nur weil er mir in den königlichen Worten Herzls entgegengetreten ist, als ein neues, stolzes, nie gekannt freies und modernes Judentum, konnte er mich widerspruchslos gewinnen. Ich kämpfe dafür, daß dieses Ideal nicht verkleinert und vernichtet wird durch zionistisches Reform- und Ghetto-Judentum 1 BeopoNsiätter BeziPltsfoomodie. Einige jüdische Wohltäter hinterlassen der Wiener Kultusgemeinde mehrere Millionen zur Errichtung eines jüdischen Kinderspitales. Die Kultusgemeinde erwirbt vom Oberetnofmarechallamt mit Zustimmung des Kaisers einen sich an den Augarten anschließenden Baugrund' um 1,200.000 K. Was diese ganze Angelegenheit die Leopoldstädter Bezirksmeier angeht, isrt zwar schwer zu erraten, aber nichtsdestoweniger verstehen sie es, sich der Sache mit einer geradezu affenartigen Behendigkeit zu bemächtigen. Der verflossene Antisemit Blasel beruft zunächst eine Sitzung der Bezirksvertretung, welche eine Dänkeskundgebung an den Kaiser beschließt. Nun hat die Bezirksvertretung; zwar in der Angelegenheit gar nichts geleistet, man erweckt aber mit der Dankeskundgebung den Anschein, als ob der mit dem Obersthofmarschallamt abgeschlossene Kaufvertrag ausschließlich das Verdienst des Herrn Blasel wäre. Dann dankt Herr Blasel dem Herrn Kleebinder, und Herr Kleebinder Herrn Blasel. Und besondere putzig nimmt sich Herr Kleebinder aus! Er verlangt, die Kultusgemeinde möge in erster Linie die L eop ol dst äd t er Gewerbetreibenden berücksichtigen! Und so gelingt es, aus dem jüdischen Kinderspital der Kultusgemeinde,- welches durch einen Zufall in der Leopoldstadt errichtet wird, eine deutschliberale Ruhmestat der Herren Blasel und Kleebinder zu machen. Die Forderung des Herrn Kleebinder kann natürlich nur ein lautes Gelächter auslösen. Oder glaubt der gute Mann wirklich daran, daß die Kultusgemeinde einen ehr ist li.ch sozialen TfstehTer deV L^öpölÄsföat 'eitieni,'ftftfi>sch,'Wn Tischler von Ottakring vorziehen wird, öder daß die Berechtigung zur Bewerbung um Arbeiten bei einem jüdischen GemeindespPal davon abhängt, ob man in der Schiffgasse, der. Hochburg des Leopoldstädter deutschen Liberalismus, oder im Alsergrund wohnt? Bus dem jüöildien Beden. 2km Beitis-Affäre. , Petersburg. Der Gehilfe des Justizministers Werewkin ist im Verein mit eingen anderen höheren Justizbeamten beauftragt worden, die Berichte der Petersburger geistlichen Akademie und des berüchtigten Mönchs Pranaitis betreffs der Existenz jüdischer Rituahnorde zu prüfen und ihr Gutachten darüber abzugeben. Sicherem Vernehmen nach hat rieh die genannte Ministerialkommission trotz der günstigen Urteile der befragten theologischen Autoritäten für die Aufrechterhaltung der Anklage gegen Beitis ausgesprochen. Pogrorripanik in Russisch-Polen. Kielce (Russisch-Polen). Der hiesige Rabbiner M. N. JerusalimSky erhielt dieser Tage ein anonymes Schreiben, worin den Juden für die nächsten Tage ein Pogrom angedröht wurde. In Anbetracht der in letzter Zeit verschärften Gegensätze zwischen Polen und Juden geriet darum dje jüdische Bevölkerung in große Panik. Der Rabbiner wandte sich sofort an den Gouverneur, um Schutz. Dieser ließ nun die Straßen mit verstärkten Patrouillen bewachen, worauf Ruhe eintrat. * •.; ■. 1 - : Konzert der jüdischen Musikschule in Jaffa. Jaffa. Zur Erinnerung an die verewigte Frau Sülamith Ruppin, 'die Gründerin iund Leiterin der hiesigen Musikschule, gab diese Anstalt Ende Dezember im - Festsaale des hebräischen -Gymnasiums ein Gedächtnjs-Konzert, das ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges in unserer Stadt bildete. Etwa 600 Personen füllten Kopf an Kopf gedrängt den Saal'. Alle Schichten der Bevölkerung waren. vertreten. Auch der englische Konsul; wohlhabende Araber, Gäste aus den Kolonien, selbst Jemeniten waren anwesend; die Mehrzahl der Besucher bildete iedoch die Bewohnerschaft des jüdischen Villenviertels Tel- Awiw, und nicht die Schüler des hebräischen Gymnasiums allein waren es,, dje durch turnul-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.