Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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beite 4 and auch was ihr Anblick seelisdi zu uns spricht, zeigt sich mehr in den Gesamtansichten, in perspektivischen Fernblicken. Anders der Charakter der Kolonien. Das stimmungsvolle Straßenbild im Nachmittagssonnenschein, wenn 'die Eukalypten Schatten auf die grell beleuchteten Straßen werfen, die Menschen, die von oder zii dem Felde gehen oder reiten, Kindergruppen- — das drückt sich durch intimere Züge in. seiner Eigenart aus. Bei der Aehnlichkeit im äußeren Gepräge der meisten Kolonien gelang es doch, manches Individuelle zu treffen, und, z. B. bei Sichron Jakob und Rosch-Pinah, manchen prächtigen Anblick festzuhalten, der sonst momentan den Betrachter' fesselt, ihm aber bald wieder entschwindet. Die neuen Farmen Ben- Schemen, Kinereth, Medschdel, U m - d j u n i usw. sind überhaupt noch wenig, manche gar nicht reproduziert worden, und hier kam es nicht so sehr auf das Malerische an, als zu zeigen, wie überhaupt so . eine ■ jüdische Farm, auch in all ihren Details, mit ihren Wirtscha.tsräumen und Einrichtungen aussieht, wie das Leben und Treiben, das in der Arbeit wurzelt, sich gestaltet, wie Juden, Männer und Frauen, in der Arbeit leben. Mit gleicher oder noch größerer Treue ist das Leben im hebräischen Gymnasiumwiedergegeben, indem wir bis in die Unterrichtsstunden hineinblicken und die Jugend, die da heranwächst, bei Arbeit und Spiel vor Augen haben. Aehnlich lebendig und detailliert ist die Wiedergabe des „B e z a 1 e 1“ und einiger anderer Institute. Besonders fesseln uns auch die schmucken Häuschen, die der „Bezalel“ in Ben- Schemen für seine jemenitischen Filigranarbeiter errichtet hai. Einem etwaigen Wunsche, die Judenheit Palästinas in ihrer ganzen Buntheit der Typen zu sehen, ist nicht in gleichem Maße entsprochen. Bis auf jene ärmsten, fleißigen Juden aus dem „glücklichen“ Arabien, daß .für sie nur eine Stätte der bittersten Not war. Eine große Zahl von Bildern zeigt uns die Jemeniten, seltsam fremdartige und doch zu uns gehörige Gestalten, die dank ihrer massenweißen -Einwanderung und ihrer Anspruchslosigkeit schon jetzt ein wichtiges Element des neuen Jischub bilden. Eine Talmüdschule in Meron und der achtzigjährige Kolonist aus Sichron am Pfluge ergänzen das Typische des Lebens der palästinensischen Juden in charakteristischem Gegensatz. Aus der Zusammenfügung der einzelnen Bilder erwacht wieder eine Gesamterinnerung oder eine lebendigere Gesamtvorstellung. Und je öfter wir die einzelnen betrachten, desto bekannter werden sie, desto mehr scheinen sie zu sagen, and wo Bilder doch zu wenig, sagen, wenigstens in sich zu verbergen. S. 3. Imber. Dieser junge Dichter, der bedeutendste österreichische Dichter in jüdischer Sprache, liest Mittwoch, den 22. d. M. im Ingenieurtmd Architektenvereinssaal aus seinen Werken vor. Schon seine frühesten Gedichte, in einem größeren Bande gesammelt, weisen alle Vorzüge seines Schaffens auf. Natürlichkeit der Sprache, Reichtum an plastischen Bildern nähern sie sich trotz aller sorgfältig durchgearbeiteten Form dem Volksliede und erklären den bedeutenden Erfolg, den sie in kurzer .Zeit errangen. Mit seinem nächsten Werke „Esterke“, erschienen 1912, eröffnet er eine Epoche in der jüdischen Literatur: Es ist das erste große epische Gedicht in dieser Sprache. In einem straff gebauten, von dramatischem Leben erfüllten Rotnanzenzyklus behandelt er die bekannte Legende von Ester, der Geliebten des Königs Kasimir in einer Weise, daß sie bei allem konkreten Leben der Gestalten des Epos zum' Symbol des Schicksals der Juden im polnischen Lande wird. In der jüngsten Zeit erschien eine kleine Gedichtsammlung „In jüdischem Land“, geboren aus den Eindrücken seines Palästinaaufenthaltes im letzten Jahre, ln scheinbar einfachen Versen, die aber dem Kenner die sorgfältigste Arbeit verraten, schildert er die Natur, das Leben in den Kolonien, und die Majestät aller Erscheinungen des Landes sowie die Blutopfer der Kolonisten gelangen zu überwältigendem Ausdruck. .... " * Imber-Abend. Mittwoch, den 22. d. M.,. 8 Uhr abends, liest im Festsaai des* Ingenieur- und Ardhitektenvereines . der, jüdische . Dichter S. J. Imber aus, seinen Werken vor. Außerdem wird der Konzertsälieger Herr Dr. Menasche, einige vertonte Lieder des Dichters zum Vortrage bringen. Karten a K 3.—, 2.—, 1.— und 60 Heller sind im Vereinslokal, II., Stefaniestraße' 3 und in der „Jüdischen Zeitung“, II., Karmeliterplatz 1 zu haben. JÜDISCHE: ZEITUNG Los von Katouitz. (Antwort auf den offenen Brief Maxim Amins in Nr. 51 der „Jüdischen Zeitung“.) Sehr geschätzter Herr Doktor! Ich habe Ihren in Nr. 51 der „Jüdischen Zeitung“ unter obiger Ueberschrift veröffentlichten „Offenen Brief“ an mich leider erst heute zu Gesicht bekommen und beeile mich nun, Ihnen für Ihre im Grunde so herzlichen Worte zu danken. .Ich glaube aber, daß liier ein Mißverständnis vorliegt. Es scheint, daß Ihnen mein Artikel in der Prager „Selbstwehr“, der Ihnen ja wohl den Anlaß zu Ihrem „Offenen Brief“ bot. nur in der Formbekannt wurde, in der ihn andere Blätter, unter Hinweglassung wichtiger Stellen in seiner zweiten Hälfte, abdruckten. Oder es ist Ihnen sonst entgangen, daß er weniger als Kampfartikel gegen die - an der Religion nicht Interessierten oder ihr antipatisch Gegenüberstehenden, denn als Angriff — allerdings aus religiösen. Gründen — gegen eine bestimmte national-jüdisch religiöse oder sagen wir genauer zionistisch-religiöse Gruppe gedacht war. (Jene Gruppe, deren Organ, wenigstens für den größeren Teil, die „Selbstwehr“ ist.) Ich sprach also zu Leuten^ auf die ich sozusagen ein größeres Anrecht habe; allerdings auch zu diesen nicht als Werbender, da ich ja weiß, daß es. in diesen Dingen keine Agitation und Propaganda im gewöhnlichen Sinne gibt. Ich habe niemanden „gerufen“, am allerwenigsten die „Jungjuden, sozialistischer, wie bürgerlich-demokratischer Gesinnung“, von denen ich gewiß nicht erwarte, daß sie mir „folgen“. Was die Einzelheiten Ihres „Offenen Briefes“ betrifft, so kann ich' sie natürlich hier nicht erledigen. Ich glaube'aber, daß bei der großen Kluft zwischen unseren Weltanschauungen, Beobachtungs-, Betrachtüngs- und. Urteilsweisen eine Diskussion unfruchtbar, wenn nicht unmöglich ist'. Wir sagen Gleiches, mit verschiedenen und Verschiedenes mit gleichen Worten. Im übri- ‘ gen habe ich den Eindruck, daß Sie über meine und anderer Stellungnahme zur religiösen Frage nicht genügend orientiert sind. Sonst könnten Ihre Folgerungen nicht so oft im Tatsächlichen unzutreffend sein. Mit „Kattowitz“1 habe ich und hatte ich nichts zu tun. Ja, ich habe sogar — wenn auch vielleicht aus anderen Empfindungen heraus und mit anderen Argumenten, als die Ihrigen sind — kontra geschrieben. Auch habe ich mich weder von dem jüdischen Volksgedanken, noch von jüdischem Freiheitsstreben — weder für die Theorie, noch für die Tat;— losgesagf^. Daß ich dabei zum.Teile ändere' Ziele und ändere Wege sehe, als Sie und Ihre. Freunde, ist ja nichts Neues .und haben speziell Sie mir, wenn ich Sie recht’ kenne, wohl niemals verargt. Und noch eines: Sollte es nicht möglich sein, daß Sie §i'ch hinsichtlich der „Kampfesmüdigkeit“ meines Intellektes am Ende doch täuschen . . . .? Schließlich erlaube ich mir, Sie aufmerksam zu machen, daß in den ersten Absätzen Ihres „Offenen Briefes“ — offenbar irrtümlich — Anführungszeichen unrichtig angebracht sind. Jedenfalls muß ich : hervorheben, daß die unter Anführungszeichen gedruckte S,teile im sechsten Absatz (Volk des harten Nackens usw.) weder in dem in Rede stehenden Artikel in der „Selbstwehr“, noch irgendwo in einem Artikel vor mir vorkommt. Indem ich Sie versichere, für die Reinheit und die Tiefe Ihrer Ueberzeugungenvolles Verständnis zu besitzen und Sie. bitte, mir Ihre freundliche Gesinnung zu bewahren, verbleibe ich Ihr ergebener Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher). Berlin, den 7. Jänner 1913. Rus den jüöiithen Leben. Statistisches von den Juden in Ungarn. Budapest. Vor kurzem sind hier zwei wertvolle statistische Werke erschienen,' die auch bezüglich der jüdischen Bevölkerung des Landes interessante Daten enthalten. 'Das eine Werk ist das Statistische Jahrbuch der ungarischen Städte, das andere das Jahrbuch des kön. ung. statistischen Bureaus für' das Jahr Nach der letzten Volkszählung vom Jahre 1910 befinden sich in Ungarn — mit Ausschluß von Kroatien und Slavonien — 911.175 Juden (5% der; Gesamtbevölkerung) gegen 831.162 im Jahre 1900, von denen nach dem Statistischen Jahrbuch der Städte im Jahre 1900 334.380in den Städten, die übrigen auf dem Lande wohnten, t Die ungarische Judenheit verfügte im Jahre 1911 über 563 Muttergemeinden und 1808 Filialgemeindeh, an denen 416 Rabbiner und 1324 Rabbinerstellvertreter amtierten: * In demselben Jahre wurden 7590 jüdische Ehen geschlossen, von denen 395 (5.21 %) Mischehen sind. Die, Zahl der jüdischen Geburten Nr. 3 betrug 24.735. Taufen ließen sich im Laufe des Jahres 1911 473- Juden, wogegen 113 Christen zum Judentum übertraten. Seit dem Jahre 1895 ließen sich nach dem Statistischen Jahrbuch 6915 Juden taufen. In Wirklichkeit ist die Zahl der Taufen jedoch viel höher, da diejenigen Austritte aus dem Judentum, deren Anmeldung beim zuständigen Rabbinat — entgegen den gesetzlichen Bestimmungen — unterbleibt, von der Statistik nicht erfaßt werden. Was die Eeschäf igung der Juden anbelangt, so sind sie außer, im Handel zumeist in den wissenschaftlichen und freien Berufen tätig. So sind sie unter den Privatgelehrten und Schriftstellern mit 17,9%, unter den Journalisten mit 39,6%, unter den Künstlern mit 20% und unter den Schauspielern mit 20,1% vertreten. * Zum Beilis-Prozeßi. Kiew: In gu'.informierten Gerichtskreisen wird versichert, daß die Verhandlung gegen den des Mordes an dem Knaben Justschinsky beschuldigten Mendel Bei’is Ende Januar oder Anfang Februar d. J. stattfinden wird. Damit stimmt auch überein, daß der Untersuchungsrichter Maschkewitsch das Gesuch der Verwandten Beilis’, ihn im Gefängnis besuchen zu dürfen, mit dem Hinweis darauf abgelehnt hat, die Gerichtsverhandlung gegen den Angeklagten stehe nahe bevor. PalästeDadiFiditen. Die sechste Generalversammlung des jüdischen Winzersyndikats in Palästina. Jaffa: Anfang Dezember v. J. fand in Rischon Le-Zion die 6. Generalversammlung des palästinensichen Winzersyndikats statt. Außer den Weinbauern von Rischon fanden sich noch mehrere Delegierte aus den anderen Weinbau treibenden jüdischen Kolonien ein. Aus dem Rechenschaftsbericht ging hervor, daß die gesamte Produktion des letzten Jahres zu günstigen Preisen verkauft werden konnte. In diesem Jahre hörte die Subventionierung durch die Jewish Colonisation Associaton auf und die Gesellschaft war sogar in der Lage, der J. C. Ar. zur Abtragung ihrer Schuld 350.000 Frs. zu überweisen.' Die Generalversammlung genehmigte die ihr vorgelegte Bilanz und wählte einen zehngliedrigen Vorstand (vier aus Rischon Le-Zion, drei aus Rechoboth, zwei aus Sichron-Jakob und einen aus Gederah), dem auch Vollmacht zur Erledigung der schwebenden Angelegenheiten erteilt wurde. , Die Beratungen des Vorstandes, dauerten ..nun vom 16. bis zum 20. Dezember und brachten eine volle Uebereinstimmung in den strittigen Fragen. Von a Igemeinem Interesse dürften folgende Beschlüsse sein: 1. Das Winzersyndikat stellt der Kolonie Recheboth den Betrag von 108.000 Frs. zur Verfügung, zum Zwecke der Erbauung einer 'Chaussee von Rechobo.h nach Rischon Le-Zion. Sollte dieser Betrag für die Fertigstellung der Chaussee nicht ausreichen, so ist die .Kolonie Rechoboth verpflichtet, die' Chaussee auf eigene Rechnung zu vollenden. Ebenso ist die Kolonie Rechoboth verpflichtet, für die Instandhaltung der Chaussee Sorge zu tragen. 2. Unter gleichen Bedingungen stellt das Syndikat der Kolonie Rischon Le-Zion den Betrag von 40.000 Frs. zur Verfügung zur Erbauung einer' Chaussee' von Rischon Le-Zion bis an die Chaussee Jaffa-Jerusalem. Beide Strecken umfassen zusammen ca. 15 Kilometer. 3. Die Mitglieder des Syndikats werden ermächtigt,' weitere 840 Dunam mit Weinreben zu bepflanzen, allerdings mit der Bedingung, däß’ erforderlichenfalls nach fünf Jahren auf einer ebenso großen Fläche mit schadhaftem Rebenbestand andere Kulturen gepflanzt werden sollen. 4. Der Leiter' des Syndikats wird ermächtigt, “mit den Winzern, die nicht zum Syndikat gehören, Kontrakte: bezüglich des Ankaufes ihrer Trauben für 17 ' Jahre abzuschließen. So wird> also das jüdische Winzersyndikat in Palästina, wo es allenthalben an brauchbaren Chausseen mangelt, auf eigene Rechnung eine Chaussee von 15 Kilometer anlegen und für dieses Kulturwerk, das nicht nur den Juden, sondern zugleich allen Einwohnern zugute-kommen, wird, werden die jütischen Kolonisten mindestens 200.000 Frs. aufwenden. Es ist übrigens nicht die erste Chaussee in Palästina, die die Juden erbauen. Man muß siChauch vergegenwärtigen, daß unsere Kolonisten, abgesehen von den Oschersteuem, .die sie für ihre Weinpflanzungen zu entrichten ’ haben, noch eine besondere Weinsteuer im Betrage von 120.000 FrS. bezahlen . müssen, die überdies im laufenden Jahre auf 135.000 Frs. erhöht wurde, außer der Kriegszulage von 7000 Frs., die das Syndikat eber.fa b in diesem Jahre zu zahlen hatte. Das heißt mit anderen Worten: Der Kolonist, der eine Rebenpflanzung ha', muß doppelt Steuern entrichten, zuerst für die Trauben in natura und dann für die .Verarbeitung der Trauben zu Wein. Diese doppelte Besteuerung trifft na-