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Jüdische Zeitung · 1913-01-17 · 3 (17.1.1913) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Protest gegen die griechische Verwaltung war. Aber die Gendarmen konnten nichts unternehmen und wir marschierten weiter. Das belgische Konsulat hatte eine Trauerfahne ausgehängt. Am selben Tage drahteten wir nach London und Berlin. Die griechischen Behörden wollten die Telegramme nicht aufnehmen. Ich ging zu der bulgarischen Telegraphenagentur, die die Telegramme sofort expedierte, da sie gegen die Griechen gerichtet waren. 'Dieses Telegramm wird sicher in der „Welt“ veröffentlicht. Meine Augen sehen nur Elend und Elend. Wir bitten Gott um Geduld . . . .“ Ein liberaler Erfolg. . Die Behauptung der Zionisten, daß die liberalen jüdischen Führer ebenso unehrliche als unfähige Politiker sind, wirfl von mancher Seite als eine ungerechte Uebertreibung bezeichnet. Ein Vorkommnis im politischen Leben Oesterreichs ist aber ganz darnach angetan, da harte Urteil zu rechtfertigen. In der Bukowina, wo enggedrängt und durcheinandergewürfelt fünf Nationen leben, wurde vor zirka drei Jahren der Versuch einer teilweisen Lösung der leidigen Nationalitätenfrage unternommen. Der Landtag beschloß die Schaffung nationaler Kataster für die Landtagswähler, d. h., jede Nation wählt ihre Vertreter gesondert. Dadurch ist einem Nationalitätenstreite bei den Wahlen vorgebeugt. Dieses System ist gerecht und erprobt und hat sich beispielsweise in Mähren, wo es bereits seit vielen Jahren eingeführt ist, gut bewährt und viel zur Beruhigung beigetragen. Der Czernowitzer Landtag hat damals auch einhellig die Vereinigung aller jüdischen Wähler in einem j ü d i s ch-n a t i o n a 1 en Kataster zum Beschlüsse erhoben. Diese Verfügung wurde allseits freudig begrüßt, aber eben weil sie vernünftig und ehrlich war, fand sie dennoch Gegner, zwar nicht in der Bukowina, sondern unter der Wiener jüdisch-liberalen Assimilantenklique. Hier erwachte die Furcht vor der reinlichen Scheidung. Man befürchtete, daß die Klärung in der Bukowina eine Nachwirkung auf die Verhältnisse im übrigen Oesterreich haben könnte, daß das Schmarotzen und Scharwenzeln der Assimilationsjuden im deutschen Lager durch die staatliche Anerkennung der jüdischen Nationalität endgiltig verhindert würde. Man beriet, wie die Verwirklichung des Voikswillens durch Hintertreppenmanöver zu verhindern sei und schließlich fanden sich die passenden Leute. Der Vorstand der „O e s t er r e i ch-is r a eli t i s ch en U n i o n“, der Kultuspräsident von Wien, D r. Stern und der Abgeordnete K u r a n d a unterzogen sich der häßlichen Aufgabe. Sie bestürmten die Wiener Zentralregierung, natürlich /hinter dem Rücken der jüdischen Wählerschaft, gaben vor, Mandate zu haben, tischten die läppischesten Märchen: aut, kurz, es gelang ihnen, die Sanktion des Czernowitzer Landtagsbeschlusses durch die Wiener Zentralregierung zu hintertreiben. In der Bukowina gab es angesichts dieses tückischen Manövers große Empörung, insbesondere in jüdischen Kreisen. Aber man mußte sich abfinden, und die Juden wurden mit einer kleinen christlich-deutschen Minorität, die durchwegs deutschnational und christlichsozial ist, in einem deutschen Kataster zusammengespannt. Die Folge dieser widersinnigen, durch die Unehrlichkeit und Kurzsichtigkeit der Wiener Assimilanten verschuldeten Maßregel waren beständige Kämpfe innerhalb des „deutschen“ Katasters. Die deutschen Christen fühlten sich majorisiert und auch den Juden behagte die Nachbarschaft nicht. Die Situation wurde unhaltbar und störte die Arbeit im Lande auf Schritt und Tritt. So brachte' denn vor wenigen Tagen ein deutschchristlicher Abgeordeter rm Czernowitzer Landtage den Antrag, ein, die Frage so zu lösen, daß ein Kataster der „deutschen Christen“ und ein solcher für die „übrigen deutschen“ zu schaffen sei, da er hofft, daß eine solche Verfügung seitens der Wiener Regierung sanktioniert werden müsse. Der Antrag wird sicherlich mit großer Majorität angenommen werden. Was haben die Wiener deutschen“ Juden durch ihre Denunziation des jüdisch-nationalen Gedankens also erreicht? Es gelang ihnen nicht, den Gang der Entwicklung aufzuhalten. Die notwendige Trennung zwischen Deutschen und Juden wird nun doch durchgeführt, nur in verschlechteter und ungesünderer Form. Ihren Quertreibereien gelang es, daß statt eines nationalen ein konfessioneller Kataster geschaffen wird. Eine Maßregel, die den ohnehin in Oesterreich so starken k 1 e r i k,a len Gedanken noch weiter stärken wird. Die „freiheitlichen“ Helden können auf diesen jämmerlichen Sieg stolz sein! Brief aus Galizien. Der im Sommer infolge eines Verwaltungs- Gerichtshoferkenntnisses aufgelöste Lemberger Gemeinderat wird am 16. Jänner d. J. neu gewählt werden. Zur Besetzung gelangen alle 100 Mandate. Weil nach dem Lemberger Gemeinderatsstatut Listenwahl vorgesehen ist, wird das Skrutinium wochenlang dauern, so daß man über das Wahlresultat erst im Februar sichere Kunde haben wird. In dem gegenwärtigen Wahlkampfe stehen einander zwei große Lager gegenüber. Der aus Allpolen, Bürgervereinigung, jüdischen Assimilanten und „k. k.“ regierungsfrormnen Demokraten bestehende „Block“ und die von Radikalen, Fortschrittlichen, Zionisten und Sozialisten unterstützte „Reformpartei“. Uns interessiert hauptsächlich die Rolle, welche die Juden in diesem Wahlkampfe spielen. Lemberg hat bekanntlich fast ein Drittel jüdischer Gemeinderatswähler. Nichtsdestoweniger ist die Anzahl der jüdischen Gemeinderäte nie über ein Fünftel der Gesamtzahl hinausgegangen. Im gegenwärtigen Wahlkampfe hat sich der Führer der Assimilanten, der berüchtigte Dr. Nathan Löwenstein, nur mit 18 jüdischen Gemeinderatskandidaten begnügt. Ohne Rücksicht auf die breiten jüdischen Massen berief er vor einigen Tagen ein Konventifcel, > ernannte 18 jüdische Gemeinderäte, darunter die allgemein verhaßten Polenklubjuden Hermann Feldstein und Rücker, und schloß hierauf mit cfen antisemitischen Allpolen ein Bündnis. Nicht genug, daß er sich mit der Schmälerung des ohnehin minimalen, in Zahl und Bedeutung der jüdischen Wähler in einem krassen Alißverständnis stehenden Besitzstandes einverstanden erklärte, liierte er sich noch mit den antisemitischen Allpolen! Kurz charakterisiert: ganz ä la Löwenstein! Die Reformpartei umfaßt ehrlich demokratische Elemente. Ihre Aussichten sind wohl nicht derartige, daß man einen Sieg erhoffen könnte; aber sie ist immerhin erfreulich, daß sie die Unterstützung aller oppositionellen Parteien gefunden und somit eine Kooperation der sonst zersplitterten Opposition zustande gebracht hat. Außer ihren Parteianhängern kandidiert die Reformpartei auch die Abg. Breiter und Reizes, sowie mehrere wirklich freiheitliche Männer. Die Zionisten nehmen keinen selbständigen Anteil. Sie fördern jedoch die Kandidaturen der freisinnigen und bezüglich ihrer Stellung zu den Juden vollkommen einwandfreien Elemente, namentlich die der Abg. Breiter und Reizes. * * * Durch den ewigen Krieglsärm und durch die verfehlte und antisemitische Wirtschaftspolitik der im Lande maßgebenden Faktoren, ist die Not der jüdischen Bevölkerung auf das höchste gestiegen. Das Streben nach Selbsthilfe macht sich bemerkbar und in manchen Orten haben sich angesichts des namenlosen Elends alle jüdischen Parteirichtungen zusammengetan, um gemeinsam zu beraten und zu helfen. So fand vor einigen Tagen in Tarnopol eine Versammlung statt, welche von dem Kultusvorstande einberufen und von Zionisten und Assimilanten besucht war. In dieser Versammlung machten die Assimilanten einige unfreiwillige Geständnisse. Sie gaben zu, daß sie und ihre Parteiführer nichts ausrichten können, weil sie weder bei den Massen Vertrauen genießen, noch von der Regierung ernst genommen werden. Ein assimilatorischer Redner erblickte gar das Heil, genau wie die Zionisten, in einer selbständigen Wirtschaftspolitik. Schließlich wurde ein Komitee gewählt, in welchem Vertreter aller Parteirichtungen für die momentane Linderung der Not zu arbeiten sich verpflichtet haben. Palästina&ilöw. Ueber das im Verlage der „Jüdischen Zeitung“ erschienenen Illustrationswerk „Palästina im Bild“ schreibt E. M. in der „Welt“: Wer einmal Palästina durchwandert hat, weiß, wie vieltönige Schönheiten ihm Gegend um Gegend enthüllte. So wediselreich wie das Klima, wie die Bevölkerung, ist auch die Physiognomie des Landes. Einheitlich ist nur ein Undefinierbares: vielleicht die s.renge und ruhigliebliche Begrenztheit der Formen, die bei aller Mannigfaltigkeit nur höchst selten zu trotzigen Felslandschaften und eben so selten zu Ueppigkeit und schwelgerischem Reichtum sich wandelt. Vielleicht liegt aber in diesem einheitlichen Eindruck auch etwas, was durch das Historische und durch das Seelische mitbestimmt ist So erfordert auch das richtige Sehen des Landes nicht ein rasches Durchwandern, sondern ein wechselndes Verweilen an jedem Orte. Das Einzelbild muß so zu'einem gewissen Abschluß kommen, und nicht aus dem immittelbaren Vergleich, sondern aus der inneren Reproduktion können die Spuren eines Gesamtbildes erweckt werden. Der Albumsammlung von Lichtdruckphotographien, welche vor kurzem im Verlage der „Jüdischen Zeitung“ in Wien erschienen ist *), kann nachgerühmt werden, daß der Mann, der diese Aufnahmen gemacht, Palästina wirklich so bereist und so angeschaut haben muß. Zwar kann eine Photographie nicht jene Lebenstreue haben, die außer der unmittelbaren Erscheinung auch noch die verborgenen Seiten» das geheimnisvolle Bewegen und Ruhen in der Landschaft, die feineren Züge der menschlichen Lebensverhältnisse wiedergibt. Doch ist es erstaunlich, wie viel hier durch Auswahl der Aufnahmeobjekte, durch besonders gute Standpunkte und wohl auch durch gute Aufnahmszeiten In Bezug auf Beleuchtung erreicht worden ist. So heben sich diese wirklich künstlerischen Aufnahmen, die mit größter technischer Sorgfalt ausgeführt wurden, sehr vorteilhaft von manchen traditionell schablonenhaften Aufnahmen palästinensischer Landschaften ab. In Bezug auf die Schönheit sowohl wie die Schärfe der Einzelheiten sind besonders hervorzuheben: einige der Gebirgslandschaften in Judüa, Sa m a ria (z. B. Nablus) und die herrlichen Ufer des Tiberiassees, das prächtige dunkelschattige Bild von Haifa mit einigen Bäumen des Palmenhaines im Vordergründe; die Strand- und Hafenbilder, z. B. die in tausend Reflexen schimmernde See von Jaffa oder der Dünen-' weg bei Haifa; dann manche wenig betretene Gebirgslandschaften Hochgaliläas, des Libanon- und Hermongebietes, darin der reizende Uebergang durch die Jordanquellen. Mit bewundernswerter, manchmal fast ergreifender Treue sind mehrere der einsamen Stätten im .Lande wiedergegeben, die in ihrer schlichten Eigenart so viel zu sprechen scheinen. Wie abgedroschen erschien uns z. B. das „Grabmal Rachels“, das wir hundertmal auf Bildern sahen und das hier fast bloß durch die Dimension und durch den Lichtton neu vor unseren Augen zu erstehen scheint. Oder die paar Grabsteine mit einem alten knorrigen Olivenbaum in Ramleh. L'eberhaupt kommt die Art, wie der Baumwuchs: Zypressen, Oelbäume, Orangenbäume, Eukalypten den Charakter einer Gegend für das Auge so sichtlich beeinflussen, sehr gut zur Geltung. Nicht zu scheiden vom Landschaftsdement und gerade hn Orient organisch damit verbunden ist der Charakter der Städte. Auch von diesen (Tiberias, Safed, Bethlehem, Hebron) ist manches meisterhaft getroffen, besonders Alt-Jerusalem mit seiner eintönigen Steinfarbe, die nur durch die Hügelungen des Bodens, die wechselreichen Konturen der Gebäude und durch die Kraft der Beleuchtung, die allerdings im Gesamtbild sehr herabgedunkelt ist, eine Differenzierung aufweist. Gern sehen wir die paar genrehaften Bilder der arabischen Märkte, die wie alle anderen sehr scharf im Detail ausgearbeiteWüsind. Während in den Darstellungen der Städte und der bekannten . allgemeinen Sehenswürdigkeiten eine Beschränkung geübt werden konnte, da hier an Reproduktiortea^Von christlicher Seite manches gute existiert; so tritt T|£hr .indem Vordergrund, was anderwärts nicht zu linden ist und .für uns in Palästina Ausgangspunkt des jüdischen Gegenwarts- und Zukunftslebens ist: unsere Kolonien und kulturellen .Institute. Da tritt vor allem der für Palästina charakteristische Gegensatz ins Auge: Das Malerische der Städte *) „Palästina im Bild“, drei Albums, nach Aufnahmen von Leo Kann.

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