Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 2 (10.1.1913)
- Date
- 1913-01-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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jPDISCHE ZEITUNG Seite 4 Nr. 2 Sitzung gehöre. Noch bevor diese vertrauliche Sitzung eröffnet wurde, verlangte Gg. Stricker aus demselben Anlaß das Wort zur Geschäftsordnung. Auch dies wurde vom Präsidenten nicht gestattet. S t r i c k e r verwahrte sich mit Recht sehr entschieden gegen diese Verletzung der Geschäftsordnung und sprach sein Bedauern darüber aus, daß dieses Vorgehen vom Kultusvorstand ruhig hingenommen wurde. Nachdem diese Angelegenheit in der vertraulichen Sitzung besprochen worden war, wurde die öffentliche Sitzung wieder aufgenommen und der Wahlakt beendigt. Nach der öffentlichen Sitzung fand eine zweite vertrauliche Sitzung statt. Zu bemerken wäre noch, daß einige Mitglieder des Kultusvorstandes davon überrascht schienen, daß unsere Gesinnungsgenossen bei der Wahl des Präsidiums leere Stimmzettel abgaben. Schon das früher erwähnte Vorgehen des Präsidenten hat ihre abwartende Stellung auch nach-- fraglich vollauf gerechtfertigt. Und nur eine vollständige Verkennung der Situation konnte zur Annahme fuhren, daß unsere Gg. zufolge des abgeschlossenen Wahlkompromisses das Präsidium wählen würden. Denn das Kompromiß wurde bekanntlich zwischen dem zionistischen und dem sog. Zentral w a h 1 k o m i t e e, nicht aber mit dem Kult-us.vorstand oder einigen Mitgliedern desselben geschlossen, und bezog sich nur aut die Wahl. Daß das Kompromiß die Entschließungen der einzelnen Mitglieder des Kultusvorstandes in keiner Weise beeinflußen kann, bedarf wohl keiner besonderen Erörterung. Im Uebrigen wollen wir hoffen, daß der Präsident in Zukunft darauf bedacht sein wird, die Sitzung nach parlamentarischen Grundsätzen zu leiten. Denn wenn unsere Gesinnungsgenossen auch guten Willens sind, dem Präsidenten jene Achtung .entgegenzubringen, die seiner Stellung gebührt, dürfen sie auch verlangen, daß ihnen dies durch eine willkürliche Leitung der Geschäfte nicht unmöglich gemacht werde. Jütifdie Uolftsliedepabenöe in Böhmen. Von dem Bestreben geleitet, den alljährlichen Makkabäerfeiern einen geeigneten jüdischen Inhalt zu geben, beschloß der Volksverein „Zion“' in Teplitz-Schönau. im Rahmen seiner . heurigen Makkabäerfeier einen ostjüdischen Volksliederabend mit dem gefeierten Berliner Tenor Leo G o 11 a n i n zu veranstalten und versandte — bereits im vergangenen Sommer — an sämtliche zionistischen Volksvereine Böhmens ein Rundschreiben mit dem Vorschläge, die gleichen Veranstaltungen zu beschließen. Die Bemühungen des Tepützer Vereines waren von Erfolg gekrönt und im Monate Dezember fanden in Böhmen vier jüdische Volksliederabende statt u. zw. am 7. in Pilsen (Volksverein „Zion“), am 9. in Prag (Verein jüdischer Hochschüler „Bar Kothba“), am 26. Teplitz-Schönau (Volksverein „Zion“) und am 28. in Aussig (Volksverein „Theodor HerzI“). die: Behaltet meinetwegen eure kranken Zähne für euch, gebt mir nur das Wohnrecht, das gesetzliche Recht zu leben, wo ich will! Was soll man ihm darauf erwidern.? Die Behörden sind überzeugt, daß alle Juden unbedingt Zahnärzte werden wollen. Der Gipfel der Wohltätigkeit! Aber Cs wäre gut, wenn das Gericht jetzt feststellte, daß diese Juden gar nicht darauf bedacht waren, irgend jemandem die Zähne zu ziehen. Das ist nicht das Ziel der jüdischen Wünsche. Sie wollten sich nur sozusagen die Wohnrechtszähne einsetzen. Zähne, die gewöhn-, lieh die Natur selber den Menschen mitgibt, die [Ihnen aber Petersburg ausgezogen hat. Wenn ein reicher jüdischer Geschäftsmann in seinem Arbeitszimmer einen Operationsstuhl stehen hat, so wartet er nur aut eine einzige Patientin', die Polizei. Der .tut der Zahn immer weh in Erwartung jüdischer „Heilmittel“. Und auf diesem Stuhl bekommt sie es: eine Goldplombe. Die einzige Plombe mit Wohnrecht. Das, nur das kann der Rieseinprozeß an den Tag bringen. Im Gerichtssaal ruft heute jeder: Welche Menge von Angeklagten! Sie haben kaum Platz zum Sitzen, sie drängen sich gegenseitig. Die .Saalpolizei erkundigt sich liebenswürdig:. Ist es einem der Herren zu eng? Alle schweigen. Sie haben sich dort, im Ansiedelungsbezirk, an die Enge gewöhnt. Dort sitzen sie noch viel näher beisammen . . . Ob man will oder nicht, man wird „Zahnarzt“. Ich weiß nicht, ob die Leute vom juristischen Gesichtspunkte schuldig sind. Das wird das Gericht feststellen. Vielleicht sind sie schuldig. Dann müßten aber auf der Anklagebank noch viel mehr Leute in noch fürchterlicherer Enge sitzen. Ueber das jüdische Volkslied und seine ungeahnte Kraft und Schönheit braucht an dieser Stelle nicht viel gesprochen zu werden. Desto nachdrücklicher sei hervorgehoben, daß' die unvergleichliche Kunst Leo G o 11 a n i n s diese Lieder zur stärksten Wirkung bringt. In Prag, wo Gollanin bereits das dritte Mal zu Gaste war, brachte er ein ganz neues Programm, von welchem nur vier chassidische Lieder erwähnt seien, die unstreitig den Höhepunkt des Abends bildeten, in den anderen drei Städten, in welchen das jüdische Volkslied bislang gänzlich unbekannt war, trug er bekanntere Lieder vor. In Teplitz-Schönau und Aussig erhielten die Makkabäerfeiern noch einen besonderen Reiz, durch die ganz ausgezeichnete Conference über das ostjüdische Volkslied, welche der bekannte Prager Dichter Max B r o d hielt. Das weitere Programm bestand außer in Prag, wo Gollanin mit seiner ihn in verständnisvoller und künstlerischer Weise begleitenden Gattin, die ihm auf der ganzen Tourneee folgte, allein den Abend füllte, aus den üblichen Festreden und einzelnen Rezitationen, welche Mitglieder der Prager Studentenkorporationen übernommen hatten. Das jüdische Volkslied beginnt nun endlich auch seinen Siegeszug durch Westösterreich anzutreten. Denn überall wurde der Wunsch nach baldiger Wiederholung der Gollanin-Abende lebhaft geäußert. f. s. Brief aus Galizien. Ein Jubiläum. *) (Zwanzig Jahre des „Wschöd-Przyszlosc“ in Galizien.) Ein Jubiläum! Zwanzig Jahre sind es her, seitdem der „Wschöd“ — damals „ „Przyszlosc“ genannt — erscheint. Das bedeutet 20 Jahre zionistischer Entwickelung in Galizien, denn der Werdegang des Wschöd ist das Bild der Entwickelung des zionistischen Gedankens in den galizischen Massen. Anfangs gruppierte sich ein kleines Häuflein um den „Przyszlosc“, bald aber wurde es zu einem mächtigen Faktor im galizisch-jüdischen Leben. Korkis und Schiller, Malz und Stand, Zipper und Gabel, sie alle hatten nicht daran gedacht, daß sie einst dazu berufen werden, die Geschicke der Judenheit Galiziens zu lenken. Und als sie den „Przyszlosc“ gründeten, da glaubten sie vielleicht selbst nicht daran, daß er so bahnbrechend wirken werde. „Przyszlosc“ — „Zukunft“ nannten sie das Organ. Es sollte die Zukunft der Judenheit in Galizien formen. Die Jugend war dem Judentum ganz entfremdet, die Alten waren für allgemeine Fragen unzugänglich und so hieß es, die ersten der Assimilation entreißen, die zweiten aus ihrem Schlafe wecken. Keine leichte Aufgabe für Menschen, die erst die Schulbank' verlassen hatten. Aber starker Wille und Ausdauer wirken Wunder. Schrittweise gewann sich der große zionistische Gedanke seinen Platz in der jüdischen Gasse und als HerzI kam, da fand er in Galizien schon tausende Anhänger vor. Sie alle hatte der „Przyszlosc“ erzogen. Und nun feiert der „Wschöd“ sein 20jäh- *) Anläßlich der Herausgabe der Festnummer unseres- Bruderorganes „Wschöd“ in Lemberg, welches seinen 20jährigen Bestand feiert. Wenn hier ein Vergehen vorliegt, so ist es ein (erzwungenes Vergehen. .Wie kommt ein Kaufmann dazu, plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, Zahnarztpatente zu fälschen? Man kann noch verstehen, daß er Wechsel fälscht. Das hat wenigstens eine Beziehung zu seinem Beruf. Aber wpzii spielt er denn Zahnarzt? Doch nicht, um seinen Gläubigern die Kinnbacken auseinanderzureißen! Dazu braucht er kein Patent. Warum sollte ich zum Beispiel mir ein falsches Hebammendiplom anfertigen? Wenn der Kaufmann dennoch gefälscht hat, so muß ihn jemand dazu gezwungen haben. Mit Gewalt. Das Gesetz droht aber auch dafür Strafe an. Wenn man mich auf der Straße überfällt und ich um Hilfe schreie, wird man da nur mich festnehmen? Wegen öffentlicher Ruhestörung. Aber jene, die mich zur Ruhestörung zwangen, läßt man die etwa laufen? Nein, das kann nicht sein und darum fehlt auch heut im Gerichtssaal jemand. Grade die nämlich, die „zum Vergehen -anstifteten“. Ich wohne diesem Prozesse bei und traue meinen Augen und Ohren nicht. Sind wir denn alle kindisch geworden? _ Da versammelt man hunderte von Menschen mit gesundem Verstand und gutem Gedächtnis, die da in allem Ernst versichern und beweisen, daß — zweimal zwei viere gibt. Die beweisen, daß das Recht aufs Leben nicht im Polizeirevier erteilt wird. Das ist eine Kinderei, eine politische Minderjährigkeit.“ „Frankfurter Zeitung“, 4. Jänner 1913. riges Jubiläum. Er steht heilte nicht mehr allein da. Er hat Kampfesgenossen gefunden. Vor allem in. unserem Tagblatt, das ihm einengroßen Teil der Arbeit abgenommen hat, und all’ die Wochen- und Monatsschriften, di; an der Verbreitung unserer Idee mitarbeiten. Die Bilanz der bisherigen Arbeit ist die Jubiläumsnummer. Wir wollen sie näher betrachten. Dr. Schneider führt die große Schar der Mitarbeiter ein. Ihm ist es überhaupt zu' verdanken, daß eine solche schöne und inhaltsreiche Nummer zum Jubiläum präsentiert werden konnte. Dann gibt uns die Feder unseres Stand einen Ueberblick über die 20 Jahre Zionismus in Galizien. Wir müßten Spalten füllen, wollten wir auch nur in kurzen Strichen den Inhalt der Arbeiten wiedergeben. Sie bilden — eine jede für sich — ein Kapitel zionistischer . Geschichte der letzten 20 Jahre in Galizien. Und so möchte ich nur die einzelnen Mitarbeiter hervorheben, ohne auf den Inhalt einzugehen. In erster Reihe sind Dr. Thon mit seinem glänzenden Aufsatz „Hoffnung und Erfüllung“, Dr. Lippe mit einer Geschichte des Zionismus, Dr. Nossig, der über jüdische Politik im zionistischen Programme schreibt, zu nennen. Dann kommen Reich, Ringel, Schreiber, Zipper, Pordes Pinc'has und Victor mit Erinnerungen aus der ersten Zeit des „Wschöd“ und des Zionismus und eine Reihe Gedichte von Karl Rosenfeld, die, wenn auch nicht dem Anlaß entsprechend gewählt, doch von einem, in Entwickelung begriffenen starken Talente zeigen. Eine, sowohl der Form als auch dem Inhalt nach künstlerisch vollendete Arbeit hat Z. F. Finkeistein geliefert. Es ist dies eine Silhouette des jetzigen Leiters des hebräischen Gymnasiums in Jerusalem Gg. Salomon Schiller, eines der Gründer des „Wschöd“. So zeigt sich das 32 Großquartseiten starke Heft als eine äußerst interessante und empfehlenswerte Arbeit. Aber ein; Bemerkung sei mir bei dieser Gelegenheit gestattet. Viele Artikel weisen daraut hin, we.c.i gesunder Geist in di; galizischen Zionisten einzog, als sich in Wien das zionistische Landeskomitee konstituierte. Es war dies zur Zeit, wo wir mit Westösterreich gemeinschaftlich die zionistische Arbeit geleistet haben. Es kamen nun die Separierungsgelüste, die für die galizischen Zionisten — als einer der Aktiven kann ich das ruhig behaupten — nicht von großem Vorteil waren. Benützen wir den feierlichen Anlaß, um die akute Frage der Wiedervereinigung einer Entscheidung näher zu bringen! Das wäre der größte Erfolg im Interesse unserer Bewegung. Dies ein bescheidener Wunsch zum Jubiläum.c. Ben Zion Fett. flus dem jiiöildien Leben. Rituaimordhsfz; in einer österreichischen Volksschule. Prag, ln der hiesigen Josefstädter Volksschule, einer interkonfessionellen Anstalt mit -jüdischer'Schülermajorität und jüdischem Direktor, hat der katholische Katechet zu Weihnachten ein Büchlein an die christlichen Schüler verteilt: ein Bändchen der Kinderbibliothek „Nimm und lies“ (Nr. 35 der ersten Serie „Tiroler Bildchen“ von A, Alfa, Verlag Eberle u. Rickenbach, Einsiedeln). Gleich die erste Geschichte dieses Büchleins erzählt in den grellsten Farben eine Geschichte, wie .die Juden einen Christen durch Geld bestochen haben, sein Kind ihnen anzuvertrauen; wie sie dann dieses Kind in den Wald führen, anbinden und wie dann der grausame Rabbiner das Kind tötet, zersticht und ihm das But abzapft... In jüdischen Kreisen Prags herrscht über diese niederträchtige unverantwortliche Tat eines Jugenderziehers und Priesters der „Religion der Liebe“ die größte Empörung. * Neu; Massenausweisungen russischer Juden. . Petersburg. Der judenfreundliche Ausweisungsapparat der russischen Verwaltungsbeamten ist neuerdings wieder einmal in erhöhte Tätigkeit gesetzt worden. Viele Hunderte jüdischer Familien in den Gouvernements Jekatcrinoslaw, Podolien und Wolhynien müssen mitten im Winter ihre bisherigen Wohnstätten verlassen. Im Kreise Dubno allein sind zweihundert Familien ausgewiesen worden, und wenn sie auch verzweifelte Anstrengungen unternehmen, die Aufhebung der administrativen Maßnahme noch in letzter Stunde durch den Senat zu erwirken, so bieten diese Versuche nur wenig Aussicht auf Erfolg, da der Senat seit Jahren antisemitischen Tendenzen huldigt imd derartige Gesuche von Juden systematisch und rücksichtslos abweist. Dabei sind die Judenausweisungen in der Regel reine Willkürakte karrierelüsterner oder rachsüchtiger „echtrussischer“ Verwaltungsbeamter/ So wird auch aüs Kiew gemeldet, daß. dort eine Gruppe aus den Dörfern ausgewiesener Familien gegen das Vorgehen des Generalgouverneurs dem Senat und dem Minister des Innern eine Beschwerde überrecht hat. Darin berufen sich die Beschwerdeführer auf das Sto-