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Jüdische Zeitung · 1913-01-10 · 2 (10.1.1913) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
2 (10.1.1913)
Date
1913-01-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 2 «1* gleichberechtigte Mitbürger zwischen ihren europäishecn Wirtsvölkern noch Jahrhunderte leben und sich erhalten werden" — kann man weder vom jüdischen noch vom wissenschaftlichen Standpunkte aus gelten lassen. Diese Theorie sein sollende Schwankung eines zwischen Assimilation und Zionismus pendelnden Intellektes, ist nichts als ein Kuriosum und wird als solches gewertet. Diese Theorie war darum auch nicht,, wie Oppenheimer meinte, für die Zionisten eine unangenehme Wahrheit, sondern ein Gelehrtenvortrag, deren schon Tausende gehalten wurden, ohne den Lauf des lebendigen Lebens irgendwie zu beeinflussen. Der Boykott gegen die russischjüdischen Studenten. Wir haben schon einigemal auf den antisemitischen Boykott der deutschen Studenten gegen ihre jüdisch-russischen Studienkollegen hingewiesen. ln einem Falle zeitigte dieser wütende Judenhaß eine derartige Schlägerei, daß ein junger jüdischer Student ermordet wurde.. Dieser Vorfall schien für eine kurze Zeit die reichsdeutschen „Akademiker“ zur Umkehr zu bringen. Doch brach bald darauf ein Medizinerstreik in Halle aus, der seine Ursache in der Zulassung jüdisch-russischer Stydenten zum medizinischen Universitäts - Studium in Deutschland hat. Die Universitätsbehörden mußten zu diesem Streike Stellung nehmen. Ueber die Art dieser Stellungnahme berichtet folgende Meldung der „N. Fr. Pr": „Eine Besprechung zwischen Professoren der medizinischen Fakultäten von Halle und Berlin befaßte sich mit der Frage des Zudranges russischer Juden zu klinischen Uebungen an deutschen Universitäten, ln der Versammlung wurde es als das angezeigteste erachtet, wenn man mit den russischen Behörden in Verhandlungen träte, zwecks Herstellung der Gleichberechtigung der jüdischen Studenten mit den Andersgläubigen an den Universitäten. Man will den russischen Behörden naheleg2n, daß 'es bei der geringen Anzahl der. Aerzte in Rußland dringend zu empfehlen wäre, die antisemitische Universitätspolitik fallen zu lassen, umsomehr, als in Deutschland in Zukunft voraussichtlich strengere Maßregeln für die russischen Studierenden Platz greifen würden, da die Zulassung der russischen Studenten zu den klinischen Uebungen -in Deutschland in Zukunft von der Ablegung einer dem deutschen Physikum gleichstehenden Prüfung an einer russischen Hochschule abhängig sein werde.“ Es fällt .schwer, angesichts dieser weisen Enunziationen der gelehrten Herren Professoren Fassung zu bewahren. Die bodenlose Heuchelei, welche mit frommen Augenaufschlag Rußland auf den Weg der Milde und des Rechtes zu führen vorgibt, ist ebenso widerlich, wie die Rückwärtserei der Gesinnung und das Zurückweichen vor den teutonischen Antisemiten-Jünglingen beschämend sind. Umsomehr, als es sich um führende Geister des „Volkes der Dichter und Denker“ handelt! Aus dem Bukowinaer Landtage. Die famose Sanierungsaktion des Bukowinaer Landtages wird doch durchgeführt werden. Gegen die Sanierung der verkrachten Verbände hat wohl niemand etwas einzuwenden gehabt, aber eine kontrollose Sanierung, ohne genaue Untersuchung der .Ursachen, welche zum Zusammenbruche geführt haben, konnte kein ehrlicher Politiker billigen. Rücksichtsloses Beharren auf strenge Ahndung der vorgekommenen Mißbräuche hätte man zumindest von den jüdischen Abgeordneten des Bukowinaer Landtages erwartet, da die verkrachten Genossenschaftsverbände hauptsächlich zur Bekämpfung der Juden gegründet wurden. Diese eines jüdischen Abgeordneten einzig würdige Haltung hat nur der Abg. Straucher beobachtet; die anderen Herren des Bukowinaer jüdischen Landtagsklubs haben aus Opportunitätsrücksichten den Sanierungsplan des Abg. Wassilko kritiklos unterstützt. Wie sehr ein derartiges Vorgehen allen Grundsätzen der politischen Moral widerspricht, bewies der offizielle Bericht über die Ursachen des Zusammenbruches der Genossenschaftsverbände. Unfähigkeit, geschäftliche Unkenntnis, Freunderlwirtschaft, 'Provisionsgeschäfte, Bereicherung einzelner Geschäftspolitiker, statutenwidrige Unternehmungen — all das hat die Millionendefizite verursacht, welche nunmehr aus allgemeinen und nicht zum geringsten Teile aus jüdischen Steuergeldern gedeckt werden sollen. Hoffentlich werden die im Zuge befindlichen gerichtlichen Untersuchungen noch manche interessante Tatsache zu Tage fördern und die verschiedenen dunklen Ehrenmänner und politischen Abenteurer in ihrem wahren Lichte zeigen. Doch genügt schon der vorliegende Bericht, um ein richtiges Bild von dem Treiben der Herren Wassilko, Lupul et tutti quanti zu geben. Wir können nicht umhin, den jüdischen Landtagsabgeordneten der Bukowina unser Bedauern darüber auszusprechen, daß sie sich im Fahrwasser eines Wassilko und seiner Mitschuldigen befinden. Es wäre für das Judentum weit ehrenhafter und auch förderlicher, wenn sie weniger Opportunität und mehr Prinzipienfestigkeit in ihren Entschlüssen walten lassen würden. ZfonisfifAes ReformiiMum.*) Adolf Böhm hat in seinem Streitartikel uns — vom Khillegeist infizierte — „Reformzionisten“ tüchtig abgekanzelt, weil wir vom historischen Judentum auch nur die Formen und Bräuche in die neue nationale Aera hinübernehmen wollen. Heute bleibe die Frage offen, ob die von Böhm angeführten oder welch' andere Gründe ihm eine»^ Kulturkampf innerhalb der, zionistischen Partei gerade jetzt haben aktuell, erscheinen lassen und ich beschränke mich darauf, Böhms Thesen als solche zu erörtern. Seine Warnung an die Zionisten, im Golus sei eine volljüdische Lebensform — auch nach Rezeption historischer Bräuche — unmöglich, war ganz überflüssig, denn gerade diese Erkenntnis von der unerträglichen Halbheit des Golus 1 e b e n s hat uns Gewarnte zu Zionisten gemacht. Geradezu beleidigend aber ist es, wenn Böhm uns und unser Rezeptionswerk mit. dem liberalen Reformjudentum in Vergleich zieht und die idealistischen Gpistesjuden des Westens, diese wahren „Assimilairfien“ vor unserer'Halbheit zurücksch recken läßt? Wenn wir Zionisten, im' Golus altjüdisdj^FiÄTtiien ": und^ Bräudie , beobachten, die sich vöh jenen der europäischen'Umwelt unterscheiden und die uns den Willen zu einem ureigenen natiojialen Volleben 'in Palästina verkörpern, streben wir ja bewußt aus der heit des Golus .heraus. Wenn, aber die liberalen. Reformjuden nach; dem „Prinzip“ bloßer Bequemlichkeit jüdische Bräuche und Lehren streichen, streben 'sie laus ihrer Halbheit — nach der uns entgegengesetzten Richtung — völliger Entjudung, völligem Aufgehen in ihrer nichtjüdischen Unweit zu. . Und an Böhms, wackeren „Assimilanten“, die sich in ihrer angeblich vollen europäischen Lebensform so wohl fühlen und unser ehrliches Streben nach einer vollen jüdischen Lebensform nicht verstehen, haben wir Wahrlich nichts verr loren! *) Die Redaktion behält es sich vor, nach Abschluß der Diskussion über den Artikel „Zionistisches Reformjudentum“ von Adolf Böhm zu den aufgeworfenep Fragen Stellung zu nehmen. Doch gerade der Zwang unter die Symbole des zionistischen Reformjudentums, meint , Böhm, widerstreite als Neuauflage des alten Khillezwanges den modernen Kulturideen der Volksfreiheit und der persönlichen Menschenwürde; letztere Idee insbesondere bestehe darin, sich frei nadi Nietzsche auszuleben: „Sei du selbst in allen Lebensbeziehungen!“, frei von Tradition, Religion, Gewohnheit etc, nach ureigenst errungenem Standpunkte — — Welcher Nationalist sollte da nicht tief verletzt auffahren, er, der sich ja nicht anders verstehen kann, denn als Glied einer unendlichen unzerreißbaren Entwicklungskette, als Geschöpf seiner Vorfahren, als Erbe ihres Denkens, Fuhlens, Strebens! Und gar erst wir National j u d e n, die wir unser Volkstum stündlich von fremdnationalem Einfluß bedroht und vergewaltigt sehen, können eine Rettung aus diesem Zwang, können die Vorbedingung der Entfaltung ureigenen Lebens nur im engsten Anschluß an die Vergangenheit, in der Hingabe an die Volksgemeinschaft suchen, die uns und unseren Nachfahren ein eigenes schützendes Heim erst aufrichten soll. Der Nationalismus sucht also die persönliche Menschenwürde nicht im Sichausleben der Einzelmenschen, in ihrer inneren Autonomie, im prometheischen Trotz gegen alle Tradition und wie all die Worte heißen, die — ach so oft — nur schamhaft verhüllende Feigenblätter für Dünkel und Selbstsucht sind, sondern in der bewußten Unterwerfung der Einzelpersonen unter die Volksgemeinschaft, ihre Interessen und ihren durch Mehrheitsbeschluß der Volksbewußten zu prägenden Willen; der Nationalismus sucht die persönliche Würde in Selbstzucht und Selbstentäußerung. Darum ist jeder „Zwang“, der von der Volksgemeinschaft ausgeht, dem Natiönalgesinnten willkommen, er. ist ihm, weil selbstgewollt, kein Zwang mehr, sondern eigener Wille mit aller Lust -selbstgewollter Betätigung. Was aber hat dieser Zwang mit dem jedem nationalen Juden gewiß verhaßten Zwang der Khille gemeinhin dereiu.Verwaltung eine dünne unjüdisch gesinnte Oberschicht die Repräsentanz der Gesamtjudenschaft usurpiert?! Böhm stellt den modernen Geist der zionistischen Idee als unvereinbar mit den jüdisch-historischen Formen hin, ohne dabei zu verraten, ob er sich die Erhaltung des zionistischen Geistes hier im Golus ohne jede Formen und Symbole als möglich vorstellt. Solche Formen sind aber nach unserer festen Ueberzeugung unbedingt notwendig, und weil bei dem Mangel einer alle Juden der Welt umspannenden und sie verpflichtenden Organisation die Prägung neuer Formen überaus schwer fällt und überdies der Gefahr der Lämacht muntert and frisch 1 »Düs Untersuchungen von Professor * HollingworUi haben erwiesen, weshalb es so ist. Wenn Sie sich dafür interessieren, wie man der Ermüdung nach den Mahlzeiten entgeht, so lesen Sie die kleine Broschüre: .Winke für Feinschmecker“ Gratis erhältlich in allen Geschäften der Firma JULIUS MEINL Gegr. 1862. LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. jlm eigenen Palais.—Versilbertes Kapital zirka 380 Millionen. — Prämlenreserue zirka 113 Millionen. — Billigste Prämien und kulanteste Bedingungen. Engagiert Jederzeit f0<bti& leistungsfähige Agenten gegen hohe Bezöge. I, Bsperoplafz 1 (fieifer: Daoid HebenzaM). Eflr.Ostgalizien n. Bukowina: Subdireküon&öbl Taubes, Lemberg. J

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