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Jüdische Zeitung · 1913-01-10 · 2 (10.1.1913) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
2 (10.1.1913)
Date
1913-01-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JUDGDE ZBTlNi J8SSE tjJfBCHB iram ggg ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ tätlich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurilckgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ™ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ® B Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 133.404. Telefon 22.075. ■ Nr. 2. Wien, Freitag, den 10. Jänner 1913 VII. Jahrgang Uip wollen die Oeffentlidiiieit. Seit jeher hat die zionistische Partei gekämpft, um dem Oeffentlichkeitsprinzipe im jüdischen Leben zum Durchbruche zu verhelfen. Alle Fragen des jüdischen Lebens sollen vor der breitesten Oeffentlichkeit ausgetragen werden! Keine zionistische Forderung hat aber solch großen Widerstand in assimilatorischen Kreisen ausgelöst, w.ie gerade diese. Sie schien einfach unerhört und unbegreiflich. Sich nicht nur öffentlich als Juden bekennen, sondern auch jüdische Fragen öffentlich behandeln, Schäden am jüdischen Volkskörper öffentlich demonstrieren, Streitigkeiten zwischen Gruppen und führenden Personen öffentlich zur Austragung bringen, das schien* ein so ungewohntes und gefährliches Beginnen, daß die Aengstlidien schier ausser sich gerieten. „Diese Zionisten werden damit Schande und Schmach über das Judentutn.bringen! Die Antisemiten werden auf omsDihd r.iutere Fehler-aufmei ksäm gemacht werden! Wir Werden an unserer Ehre geschädigt undverfolgt werden!“ Aber nicht nur die A engstliehen sangen dies klägliche Lied, auch die Streber und schlauen Profitjäger aller Art, stimmten ein. Solange alles hinter verschlossenen Türen ausgetragen wurde und man sich jn der jüdischen Gemeinschaft eher hundert Betrügereien gefallen ließ, als daß man eine vor der Oeffentlichkeit brandmarkte, da wuchs in Israel ein üppiger Weizen für alle, dunklen Ehrenmänner. Unfähige Intriganten, geschmeidige Zwischenhändler rissen die Führung im jüdischen Leben an sich, denn sie kannten sich im Dunklen am besten aus. Die Zionisten ließen sich weder durch die Angst der einen -ßoeh-durch die Wut der anderen’ Beirren und gründeten jüdische Zeitungen, hielten jüdische Versammlungen ab und veranstalteten jüdische Weltkongresse und predigten öffentlich und stritten öffentlich. Und siehe da: keine Verfolgungen traten ein und die Ehtg.des jüdischen Stammes blieb unversehrt! Die Befürchtungen waren zerstreut und man kann sagen, daß heute auch schön in Kreisen, die den zionistischen ziemlich ferne liegen, die Scheu vor der Oeffentlichkeit stark nachgelassen hat Allerdings nicht überall. In unseren offiziellen Vertretungskörpern hat sich die Einsicht noch nicht durchgerungen und es herrschen dort in dieser Beziehung Zustände, die nicht länger zu dulden sind. Ein Vorfall, der sich kürzlich in Wien ereignet hat, mag dies illustrieren. Vergangenen Sonntag konstituierte sich der neugewählte Wiener Kultusvorstand in öffentlicher Sitzung. Es wurden Wahlen ins Präsidium und in die einzelnen Kollegien vorgenommen, natürlich ohne Debatte und nach Vorschlägen, die offiziellerseits erstattet wurden. In den Wiener Kultusvorstand sind bei den letzten Wahlen zwei zionistische Vertreter eingezogen. Einer dieser Vertreter nahm sich nun die „Freiheit“ und meldete sich bei den Wahlen zu Worte. Da erklärte der Präsident kurz, daß eine Diskus-, sion über zu wählende Funktionäre In öffentlicher Sitzung unstatthaft sei und verweigerte dem zionistischen Vertreter das Wort. Vergebens suchte sein Kollege gegen diese Vergewaltigung zu protestieren, auch er erhielt den Bescheid, daß er in öffentlicher Sitzung nicht sprechen darf! Und dabei blieb es. Erst in einer vertraulichen Sitzung konnten die Zionisten gegen diesen unerhörten Vorgang protestieren. Die Schuld an diesem beschämenden Vorfälle trägt wohl in erster 'Linie der Präsident Dr. Stern, aber er wird durch eine famose Geschäftsordnung in seinem’ Gehaben noch unterstützt. Zufolge dieser Geschäftsordnung' ka^n nämlicbLder Vorsitzende die Sitzung fecherz-eit und ohne Angabe von Gründen für vertraulich erklären. Und er macht von diesem Rechte so guten Gebrauch, daß tatsächlich die öffentlichen Sitzungen lediglich Abstimmungskomödien darstellen. Es braucht Kvohl nicht betont zu werden, daß dies der jüdischen Großgemeinde Wien unwürdig ist. Die zionistischen Vertreter werden im Sinne ihres Programmes bereits in nächster Zeit den Antrag auf Oeffentlichkeitserklärung aller Sitzungen, mit Ausnahme der für Personal- und Disziplinarangelegenheiten bestimmten, stellen. Wir sind neugierig, wie die Kultusvorstände sich zu diesem Anträge stellen werden. Ihnen, die als Freisinnige so feurig gegen christlichsoziale Reaktion und kontrollose Wirtschaft im antisemitischen Gemeinderate protestieren, wird es wohl sehr schwer fallen, gegen diesen Antrag Stellung zu nehmen! Rundschau. Wie gut sie das weiß! Wir meinen die Arbeiterzeitung. In einem ihrer dieswöchentlichen Leitartikel wettert sie gegen das Herrenhaus, welches sie „schwärzer als schwarz“ nennt. In richtiger Erkenntnis schreibt sie die Hauptschuld an diesen Zuständen dem Abgeordnetenhause zu, das sich nicht zur mannhaften Abwehr der reaktionären Anschläge des Herrenhauses aufrafft. Wenn das Haus der auf Grund allgemeiner Wahlen gewählten Volksabgeordneten nur ernstlich wollte, so würde das Herrenhaus kapitulieren und nachgeben. Diese Ansicht wird in vier Spalten breitgetreten und die Richtigkeit dieser 'Ausführungen leuchtet jedermann ein. Wir spinnen den Gedankengang der Arbeiterzeitung weiter und sagen, das Herrenhaus würde in vielen Fällen nachgeben, wenn die Sozialdemokraten nur ernstlich wollten. Das aber tun sie nicht! Denn als vor einigen Tagen der Antrag Smeral zur Abstimmung gelangen sollte, war es für jeden Kenner der österreichischen parlamentarischen Verhältnisse klar, daß der Antrag in namentlicher Abstimmung angenommen, bei gewöhnlicher abgelehnt werden würde. Damit aber namentliche Abstimmung vorgenommen werden soll, muß sie von 100 Abgeordneten verlangt werden. Ruthenen, tschechische Sozialdemokraten, tschechische Nationalsoziale und einige Wilde waren bereit, den Antrag auf namentliche Abstimmung zu unterstützen. Zusammen waren das aber kaum 74 Abgeordnete. D i e deutschen Sozialdemokraten lehnten es jedoch ab, den Antrag auf namentliche Abstimmung zu unterstützen, weil es, wie sie sagten, aussichtslos sei, daß das Herrenhaus, welches den schon einmal angenommenen Antrag Smeral abgelehnt hatte, nachgeben w ü r d e. Wo blieb also der ernstliche Wille, gegen die Reaktion des Herrenhauses aufzutreten? Geht man am Ende nicht fehl, wenn man annimmt, daß dieser Wille automatisch verschiwnrfet, sobald es sich um Gerecfitigkeir'deif'Juden 'gegenüber handelt? Nach den Erfahrungen, die wir mit den Sozialdemokraten gemacht haben, sind wir der Ansicht, daß es sich tatsächlich so verhält. Erschleichung. So benannte Dr. Franz Oppenheimer, welcher Donnerstag, den 2. Jänner über Einladung der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde im Ingenieur- und Architektenverein das „Rassenproblem und die Juden“ besprach, die Methode der Rassentheoretiker, welche vorerst nach einer unbegründeten Voraussetzung eine Auslese aus geschichtlichen Persönlichkeiten veranstalten und hierauf nachweisen, daß diese Persönlichkeiten einen der Voraussetzung adäquaten Charakter haben. Einer Erschleichung aber machte sich auch Dr. Franz Oppenheimer schuldig, indem er von der stillschweigenden Voraussetzung ausging, daß der Hauptunterschied zwischen Juden und Nichtjuden in der Rassenverschiedenheit liege und dann nachwies, daß die ganze Rassentheorie wissenschaftlich unhaltbar sei. Bei dieser Untersuchung ging für Oppenheimer aber auch der Begriff der jüdischen Nationalität, welche — wie er sagte — von seinen zionistischen Freunden in „provokanter“ Manier betont wird, verloren. Das war aber nicht nur eine Erschleichung, sondern bereits eine Eskamotage. Denn — zugegeben, daß es keine reinen oder selbst keine Rassen gebe — warum spricht Oppenheimer nicht auch Franzosen, Deutschen, Polen und Ruthenen ihre Nationalität ab? Warum nur den Juden? Und warum sollen die Juden, die in Palästina leben, zu der jüdischen Nationalität zugezählt werden (was Oppenheimer tut) und die in der Diospora national fühlenden nicht? Kurz: es wären an Herrn Dr. Oppenheimer eine Reihe von Fragen zu richten, deren Beantwortung ihm wohl sehr schwer fallen würde. Das aber, was sich Franz Oppenheimer zurechtgelegt hat, dieses sonderbare Gemisch von Sympathie für Zionismus und Hoffnung, daß die „Juden unter Wahrung ihrer Konfession (!)

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