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Jüdische Zeitung · 1913-01-03 · 1 (3.1.1913) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 1 Entschlossenheit ist kiidit Sache des Urteils, sondern des Charakters. Und da der religiöse Streit, der jetzt im1 Judentum entbrannt ist, Gelegenheit zur Entschleierung der Psyche unserer religiösen Führer gibt, müssen wir ihn schon deshalb als etwas gutes und heilsames begrüßen. Bus öem PBdten Beben. Der zweite Kongreß der jüdischen Jugend in Italien^ Turin. Vorige Wodhe (22. bis 25. Dezember) fand hier, wie bereits angekündigt, der zweite Kongreß der jüdischen Jugend in Italien statt. Die Tagung gestaltete sich zu einem wahren Triumph des nationaljüdischen Gedankens. Hatte man während des ersten Jugendkongresses vorsichtig alle „zionistische“ Diskussion verhindert, so war doch schon damals der .Boden für eine offene Aussprache über die Renaissancebestrebungen des modernen Judentums auf kulturellem und kolonisatorischem Gebiet vorbereitet worden. # Zur Beüis-Affäre. Kiew. Wiederum ist in dieser fabelhaften Affäre eine neue Wendung eingetreten. Die russische Justiz hat wieder einmal einen schlagenden Beweis für ihre Unberechenbarkeit erbracht' Gegen den armen Beilis wurde eine neue Anklageschrift abgefaßt in welcher er der Beteiligung an der Ermordung Juschtschinskys beschuldigt wird, und zwar wird diesmal ausdrücklich das Ritualmordmotiv angegeben. Die „Richtung“ des Herrn Staatsanwaltes Tschaplinsky soll nämlich, wie verlautet, trotz der auf dem jüngst stattgefundenen Mysditsdiuk- Prozesse eingeheimsten Schlappe in Petersburg den Sieg davongetragen haben, und so verstand sich denn Untersuchungsrichter Masdhkewitsch dazu, die Anklageschrift in. diesem Sinne abzufassen, trotzdem die offizielle Expertise selbstverständlich1 für. die alberne Ritualmordbeschuldigung nicht den geringsten Anhaltspunkt bot * Die jüdischen Gemeinden Italiens für die palästinensische Kolonisation. Venedig. Die jüdische Gemeinde Venedig hat in einer ihrer letztem Sitzungen beschlossen, für den jüdischen Nationalfonds einen Beitrag von 300 Frcs. zur Verfügung zu stellen. Wenn auch diese Summe nicht sehr bedeutend ist, so ist dieser Beitrag doch als Manifestation einer italienischen Kultusgemeinde nicht hoch genug einzuschätzen! Uebrigens steht die Gemeinde von Venedig mit dieser Kundgebung nicht allein da, denn kürzlich hat auch' die Turiner Gemeinde einen Beitrag von 1000 Frcs. zugunsten der jemenitischen Kolonisation in Palästina gezeichnet Wahl eines Oberrabbiners in Prag. Prag. Die Prager Kultusgemeinde-Repräsentanz hat in ihrer Sitzung vom 26. Dezember 1912 beschlossen, auf den seit dem Tode Dr. Nathan Ehrenfelds vakanten Posten des Oberrabbiners von Prag den bisherigen Oberrabbiner-Stellvertreter und Direktor der Talmud- Thora-Schule Dr. Heinrich Brody Zu berufen. Diese Wahl stellt der Einsicht der Prager Repräsentanz das ehrenvollste Zeugnis aus. Sie hät den weit über die Grenzein Böhmens bekannten ausgezeichneten Gelehrten trotz einer Opposition insbesondere seitens der tschechischen Assimilanten andern Bewerbern vorgezogen. Dr. Heinrich Brody genießt nicht nur als Talmudist und Kanzelredner, sondern auch’ in der neueren Wissenschaft des Judentums und namentlich in der hebräischen Literatur den besten Ruf. Außer seinen zahlreichen wissenschaftlichen Werken sind für da weitere jüdische Publikum vor allem seine Editionen hebräischer Dichter des Mittelalters von Interesse: der monumentale „Diwan des Jehuda ha Lewi“, von dem soeben der dritte Band erschienen ist, ferner die Gedichte Samuel ha-Nagids und Salomo ibn Gabirols, dann eine sehr übersichtlich und instruktiv zusammengestellte Anthologie der neuhebräischen Dichterschule. Brody ist seit Beginn der modernen zionistischen Bewegung deren treuer Anhänger, und hat auch, wie der Referent in der Kultusgemeinde-Repräsentanz ausdrücklich hervorhob, aus seiner zionistischen Gesinnung nie ein Hehl gemacht. Er hat auch eine Broschüre verfaßt „Widerspricht der Zionismus unserer Religion?“, in der er die Einwände der Orthodoxen gegen den Zionismus entkräftet Wir können wohl von Brodys Amtsführung einen neuen Aufschwung des jüdischen Lebens in Prag erwarten. * Der Rüdegang des jüdischen Elements in der Ostmark. Der Prozentsatz der Juden betrug in der Provinz Posen 1871 3,934%, 1885 2,964%, 1910 1,253%. Nur für die Städte der Provinz fre- M rechnet, ergeben sich folgende Zahlen: 1871 13,503%, 1885 : 9,739%, 1910: 3,512%. Für das flache Land ist das Bild folgendermaßen: 1871: 0,52%, 1885 : 0,2648«/., 1910 : 0,0881 «/o. Die Katholiken haben zugenommen um 11,02, bezw. 2,71, 3,99%. Die Evangelischen haben abgenommen um 2,05, bezw. 2,52, 1,49%. Ganz bedeutend ist aber die Abnahme der jüdischen Bevölkerung in Posen, und doch1 ist sie für den Kenner der ostmärkischen Verhältnisse wohl erklärlich'. Sie steht in enger Verbindung mit der wirtschaftlichen Erstarkung des Polentuins. Seit der Gründung des polnisdlen Mittelstandes und der damit verbundenen Einrichtung zahlreicher polnischer Geschäfte konnte der jüdische Kaufmann, der bis dahin den Markt fast völlig beherrscht hatte, seine dominierende Stellung nicht mehr behaupten. Der damals schon einsetzende polnische Boykott (der also schön recht alten Datums ist) entzog ihm den Boden unter den Füßen, und er wanderte aus — nach! Berlin und dem mittleren und westlichen Teile des Reiches. #■ - Gg. Moses Josef Scharf in Kossow gestorben. Ende Dezember starb in Kossow unser .bewährter Gesinnungsgenosse Moses Josef Sch arf im Alter von 36 Jahren. Der Verblichene war Kultus- und Gemeinderatsmitglied, Vize-Präses der Vereine „Zion“ und der „Safah Berurah“, Präses des Vereines „Chqwra Kadischah“ und er bekleidete noch viele Vertrauensämter; die ihm reichlich dargebotenen Gelegenheiten, Gutes zu stiften, nützte er stets mitfühlenden Herzens aus. Die Leichenfeier gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung der allgemeinen Achtung, deren sich der Verstorbene erfreute. Namentlich kam in den Trauerreden der Präsidenten der Vereine „Zion“ und der „Safah Berurah“, der Herren Häusler und Horowitz, der aufrichtige Schmerz der Zionisten anläßlich des Heimganges des Gg. Scharf zum Ausdruck. _ * Erster Wiener Jüdischer Turnverein. Der Erste Wiener’ Jüdische Turnverein führt mit 1. Jänner 1913 eine zweite Turnzeit für die Damenabteilung ein; als Turnstunden wurden M i 11 w o c h und Samstag abend von 61/4 Uhr bis.?/4Ö_ Uhr bestimmt. Die erste Turnzeit wird weiterhin Mittwoch und Samstag abends (3/48 Uhr bis 1/410 Uhr) abgehalten. Die Turnzeiten .in der Herrenabteilung — Montag und Donnerstag von 61/4 bis s/48 Uhr und von 3/48 Uhr bis V4IO Uhr abends:, sowie in der Zöglingsabteilung — Sonntag 9 bis Vo'l 1 Uhr vorm, und Dienstag Uhr bis 8 Uhr abends — bleiben unverändert Der monatliche Mitgliedsbeitrag beträgt in allen Abteilungen K 2.20, in der Zöglingsabteilung K 1.10. Ein Zuschauerraum steht dem P. T. Publikum zwecks Besichtigung des Turnbetriebes zur Verfügung. Etwaige Auskünfte werden an den Turnabenden im Tumlokale erteilt: IX., Liechtenstraße 20. # Die jüdische Bevölkerung in Lybien. Aus Rom wird geschrieben: Durch die Besitznahme von Tripolis und der Cyrenaica wurde die Zahl der italienischen Juden um 19.000 vermehrt. Nach einer von der türkischen Regie- .rung im Jahre 1911 vorgenomm'enen Volkszählung befinden sich die Juden in größerer Zahl in folgenden Städten des annektierten Gebietes und zwar: Tripolis 8600, Zavia 500, Navahi Arba 1050, Garian 450, Homs 520,. Msellata 550, Zliten 650, Gebel 800 und Misrata 700. In der Cvrenaica gibt es nur in Bengasi eine größere jüdische Bevölkerung, deren genaue Zahl jedoch nicht angegeben ist. - PalästeNadiPidifen. Generalversammlung des Vereines des Jerusalemer Hebräischen Gymnasiums. Am1 30. November fand die dritte jährliche Generalversammlung des Vereines des Hebräischen Gymnasiums Statt Herr Dr. Salomon Schiller, der Leiter des GvmnasiumS1, erstattete den Bericht. Die Schule befindet sich in steter, ruhiger Entwicklung und' rechtfertigt die bei der Gründung gehegten Hoffnungen vollauf. Die Zahl irier Schüler Venniehrt sich lalbnäblich. Während bisher ausschließlich Jerusalemer Kinder die Schule besuchten, häufen sich jetzt die Anmeldungen und Anfragen auch aus dem Auslande, namentlich1 laus Rußland. Dem Lehrerkollegium gehören ietzt 11 Lehrer an. Für den Unterricht in der Bibel' ist in Dr. C hach am' eine vorzügliche fachmännische Lehrkraft gewonnen worden. Herr Schiller teilte in seinem' Berichte ferner mit daß das Budget für das nächste Jahr 22.000 Frcs. betragen wird, woran Herr J. Moser aus Bradford sich' wiederum' mit einem namhaften Betrag beteiligen wird. Mit besonderer Warnte gedachte Herr Schiller der Arbeit des Advokaten Dr. Gerson Zipper in Lem'- berg, der in einer bis jetzt beispiellosen Weise sich für die Aufbringung des Baufonds für das Jerusalemer Hebräische Gymnasium eingesetzt hat. Es'bleibt ein Ruhmestitel für die galizischen -Juden und zeugt von ihrem1 großen Idealismus^ drückung in wenigen Monaten über 50.000 Frcs. daß sie trotz Krisis und wirtschaftlicher Bedrückung in wenigen Monaten über 50.000 Frks. für das in Jerusalem zu erbauende Hebräische Gymnasium aufgebracht haben. Wenn dieFreunde dieser Anstalt in Berlin und Wien, in Moskau und New-York nur einen kleinen Teil der Zipper’schen Arbeit leisten wollten, dann wäre die baldige ersprießliche Ausgestaltung der Schule außer Frage. Nach dem1 Bericht von Dr. Schiller faßte die Generalversammlung einige Beschlüsse zur Sicherstellung des Budgets. In den Vorstand wurde gewählt: Dr. Sega 11, Dr. Levy, Dr. Kritschwesky, Herr Nudelmann und Herr C h e f e z. Ferner werden dem Vorstande nochje ein Vertreter des Lehrkörpers, des zionistischen Palästina-Amt es und der Verwaltung des Odessaer Palästina-Komitees angehören. Von den Lehrern ist bereits Herr Dr. Schiller als Vertreter gewählt' worden. Es wurde auch' beschlossen, von nun an die Schule offiziell mit dem hebräischen Namen „Midrasch ah“ zu benennen. * Jahresbericht von Tel-Awiw. Jaffa. Wie in früheren Jahren, fand auch in diesem1 Jahre an einem Chanukahabend die Generalversammlung der Mitglieder von Tel- Awiw statt. Aus dem1 vorgelegten RechenSchaftsübericht entnehmen wir: Zu den wichtigsten Arbeiten des letzten Jahres gehören die Erwerbung, Parzellierung u. Veräußerung eines angrenzenden Bauterrains von zirka 60.000 Quadratellen, ferner die Durchführung 'der neuen Wasserversorgung und die Eingemeindung des neuerbauten Viertels N ach a 1 a th - B e n j am i n. Die Einnahmen setzten sich im1 abgelaufenen Rechnungsjahre folgendermaßen zusammen: Reingewinn von dem neuen Terrain 22.744.09 Franks, Gemeindesteuern der Mitglieder 10.992.96 Frks., Zahlung von Nadialatn-Benjairiin bei der Aufnahme in den Gemeindeverband von Tel-Awiw 9780 Frks, Reingewinn vom1 alten Terrain 3651.50 Frks’., Aufnahme neuer Mitglieder 2600 Frks., Miete für öffentliche Gebäude 1070 Frks., diverse Einnahmen 4193.72 Frks. Da nun im vorigen Jahre ein Reingewinn von, 21.562.74 Frks. verblieb, so standen der Verwaltung insgesamt 76.595.01 Frks. zur Verfügung. Nun Wurden im1 abgelaufenen Jahre 50.785.70 Frks. verausgabt, so daß das Jahr mit einem Ueberschuß von 25.809.31 Frks. abschließt. In diesem- Jahre wurden die kostspieligen Arbeiten der erweiterten Wasserversorgung, die mit den dort auch für sonstige Zwecke des Vorstandes befindlichen Räumen allein zirka 25.000 Frks. gekostet haben, durchgeführt, ohne daß die Mitglieder mit besonderen Steuern belastet werden 'mußten. . Der Voranschlag für das kommende Jahr, den der Vorstand der Generalversammlung unterbreitete, beträgt 18.090 Frks., und zwar: Wasserversorgung 7160 Frks., Bewachung 3300 Frks?., Reinigung der Straßen und der öffentlichen Plätze 2400 Frks., Verwaltung 2000 Frks., diverse kleinere Ausgaben, darunter zum1 erstenmal Subvention für einen Lesesaal in Höhe von 600 Frks., 3230 Frks. ' Gründung eines Spitzenateliers in Safed. Safed. Hier wurde ein Spitzenatelier eröffnet, mit dessen Leitung Frau Soffermann beauftragt wurde. Es meldeten sich gleich 120 jüdische Mädchen, von denen vorläufig nur 50 aufgenommen werden konnten. Die Judenmission, die hier viel energischer als in den anderen palästinishen Städten arbeitet, hat bereits begonnen, gegen das Atelier zu kämpfen, indem' sie ebenfalls die Spitzenarbeit einführte und für jede Arbeit, ohne Unterschied der Qualität, einen über, den Wert der Leistung weit hinausgehenden Lohn zahlt, da sie es ja mehr auf Seelenfängerei als auf Schaffung ehrlicher Arbeitsgelegenheit abrieht. Ueberhaupt hat die Mission in den vielen Jahren ihrer hiesigen Tätigkeit sehr viel zur Schwächung des jüdischen Ehrgefühls .beigetragen. Die Loge der B’ne Brith und die der „Makkabäer“, die Schule des Hilfsvereins und das neu errichtete Spitzenatelier sind nach Möglichkeit bemüht, dem Seelenfang der Mission entgegenzuwirken, sie finden aber darin bei der hiesigen Orthodoxie leider nur geringe Unterstützung. Dr. A. Kohn, der bis jetzt Koloniearzt in Pethach-Tikwäh war, ist als Arzt des hiesigen jüdischen Hospitals engagiert worden. Die Häuserbaubewegung der jüdischen Handwerker ln Jerusalem1. Jerusalem. Der jüdische Handwerkerstand in Jerusalem hat eine scharfe Konkurrenz mit den christlichen Handwerkern zu bestehen. Wähnoch vor 25 Jahren das Handwerk fast ausschließlich von den Juden gepflegt wurde, verstanden es die verschiedenen christlichen Gemeinden späte-», die beranwachstentie Jugend immer

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