Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 ist. Daraus kann uns niemand einen Vorwurf machen. Allerdings, aus taktischen Gründen, wird in äußeren Dingen manchmal ohne Ueberzeugung. aber nicht gegen die Ueberzeugung gehandelt. Nur handelt es sich hiebei zumeist um die Ächtung vor den religiösen Gefühlen unserer gesetzestreuen Volksgenossen. Ein irreligiöser Zionist vergibt sich gar nichts, wenn er — obwohl starker Raucher — in einer Judengasse am Sabbat das Rauchen unterläßt. Spinoza wäre vielleicht nie in Bann gelegt worden, wenn.er nicht am Sabbat mit der brennenden Pfeife im Munde durch die Amsterdamer Ghettogassen gegangen wäre. Das Volk wußte von seinem Lehren blutwenig, die Taktlosigkeit reizte es auf. Auf den Takt kommt es hauptsächlich' an. Entwickeltes Taktgefühl, das allerdings niemals die Ueberzeugung des Ausübenden berühren darf, wird den Westjuden niemals vom Zionismus abstoßen. Es genügt nicht, immer die große Idee zu betonen, das Leben stellt * selbst in den kleinsten Dingen Forderungen an uns, im täglichen Leben müssen wir uns oft in den kleinsten Sachen entscheiden: wollen wir die jüdische Grundlage verlassen oder nicht? Die kleinen Dinge summieren sich und wenn wir uns vom Judentum stufenweise entfernen, so kann auch der Zionismus leicht Schaden erleiden. Es kann wann immer jemand auftreten und sagen: Die Westjuden sind keine Zionisten, wir wollen sie aber gewinnen. Was stößt, sie ab? Nicht wahr, der jüdische Nationalismus? Behalten wir alles bei. geben wir diesen Punkt auf und die Westjuden werden Zionisten .... Die Epauenreihtlepinnen heben gegen das Schächten. Wir haben bereits in unserem Blatte berichtet, daß die von liberalen Jüdinnen geleitete deutsche Frauenrechispartei sich im Bunde mit den Antisemiten darin gefällt, gegen das rituelle Schächten zu hetzen. Zu diesem Gegenstände wird aus München geschrieben: Die hiesige Gruppe der Frauenrechtlerinnen, an deren Spitze Fräulein Dr. Anita Augspurg und Fräulein Lida Heymann stehen, hat sich in letzter Zeit wiederholt gegen das rituelle Schächten an die Oeffentlichkeit gewandt. Vor einigen Wochen wurde bekanntlich auf Betreiben genannter Damen in einer Vereinsversammlung der -Frauenrechtlerinnen eine Resolution gegen das Schächten durchgesetzt, auf Grund eines Referates, welches die sattsam bekannten, hundertfach widerlegten, ungeheuerlichen Beschuldigungen des Gewerberates Schwartz und anderer Schächtgegner wiederholte. _ Das Gegenreferat von Frau Dr. Rahel Straus wurde von der Majorität der Anwesenden ignoriert und die schächtfeindliche Resolution angenommen. Im Dezember veranstalte e die Vereinigung jüdischer Akademiker an der Universität München eine öffentliche Versammlung, in welcher Herr Dr. Weigl, Polizeäarzt hier, einen Vortrag: „Ueber das Schächten vom Standpunkt der Physiologie, der Hygäene und der Humanität“ vor einer zahlreichen Zuhörerschaft von Herren und/ Damen hielt. Die Ausführungen, die den Grundton einer rein wissenschaftlichen, streng objektiven, von jeglicher Polemik freien Prüfung der Frage wahrten, schlossen mit dem Ergebnis, daß der Redner auf Grund seiner mehr als 10jährigen Beobachtungen in. Stadt und Land zu der wissenschaftlichen Ueberzeugung gelangte, das Schächten müsse in jeder Beziehung als einwandfrei und empfehlenswert bezeichnet werden. Dann ergriff Frl. Lida Heymann das Wort und predigte, sich besonders an die anwesenden Damen wendend: „Glaubt nicht der Wissenschaft, glaubt nicht den Geistlichen, denn sie führen euch mit ihrer Voreingenommenheit irre, gla ub t nur dem wahren weiblichen Gefühl!“ Sie sprach1 die Ansicht aus, daß mit dem Schächten Grausamkeiten verbunden seien, und stützte sich aut ein Gutachten, welches im ganzen für die rituelle Methode, jedoch mit zahlreichen Vorbehalt eintrat. Nachdem Frl. Heymann dieses Gutachten unter lebhafter Unruhe verlesen hatte, ermahnte sie die jüdischen Damen, alles zu lesen, was gegen das Schächten geschrieben worden sei, damit sie die Ueberzeugung gewännen, daß es eine grausame und tierquälerische Tötungsart sei. Herr Dr. Werner stellte darauf fest, daß die Damen somit zugegeben hätten, die Wissenschaft sei auf unserer Seite; wir könnten damit zufrieden sein und uns über ihre Gegnerschaft zu trösten wissen. Frl. Dr. Augspurg versuchte nunmehr ihre Partnerin mit der Bemerkung herauszuhauen, daß nicht alle Vertreter der Wissenschaft unsere Meinung teilten, sondern ..daß sich eine ganze Anzahl „Wissenschaftler“ gegen das Schächten erklärt hätten. Sie verlas sodann aus einem neuen Machwerke der antisemitischen Literatur einen Artikel eines Schlachthofdirektors Klein, der eine Beschreibung unerhörter Rohheiten (Eindrücken der Augen, Knochenbrüche, Verletzungen der Nasenlöcher) beim Schächten als ein alltägliches Vorkommnis gibt. Die Frage, was dieser Herr Klein für eine Persönlichkeit sei und wo er sich befinde, vermochte die Dame nicht zu beantworten. Sodann erklärte Rabbiner Dr. Ehrentreu, er hätte nach jahrelanger Praxis keinen einzigen Fall der geschilderten Art beobachtet und betonte, daß die ganze Schauergeschichte der Wirklichkeit Hohn spreche, ja von böswilligen Schächtgegnern zum Zwecke der Täuschung gänzlich erfunden sei. Aus den Ausführungen der Dame ergebe sich mit Deutlichkeit, daß sie noch niemals einem Schächtakte beigewohnt habe und in blindem Fanatismus, lediglich auf Grund mysteriöser Schriftbroschüren urteile, deren Verfasser sie nicht einmal hinreichend legitimieren könnte. Herr Dr. Feuchtwanger erklärte, daß FrL Dr. Augspurg nur vom Schächen gesprochetn habe. Sie habe aber nicht angegeben, welche Tötungsart vorzuziehen sei und verbreitete sich« ausführlich über die Mängel anderer Schlachtarten, die keineswegs einwandfrei wären. Schließlich forderte er die Damen auf, vor der Versammlung offen und freimütig zu erklären, wie es bei Gebildeten üblich sei. daß sie von der Agitation gegen das Schächten Abstand nehmen würden, wenn sich heraussteilen sollte, daß die von ihnen vorgebrachten Beschuldigungen eines in weitesten Kreisen unbekannten Broschürenschreibers nicht der Wahrheit entsprechen und sich als böswillige, auf Unkenntnis beruhende Erdichtungen ergeben würden. Eine Erklärung in diesem Sinne.gaben die Damen nicht ab. Dadurch lassen sie erkennen, daß sie weder belehrt noch überzeugt sein wollen und werden voraussichtlich trotz aller realen Gegenbeweise auch bei. ihren Vorurteilen beharren. Dep iüdiföie Menstpeif. Es wird ja immer netter mit den häuslichen Szenen unter den jüdischen Religionsparteien Deutschlands. Wir haben kürzlich den Streit glossiert, der zwischen Orthodoxen und Liberalen ausgebrochen ist. Er hat inzwischen immer weitere Kreise gezogen und nimmt sehr scharfe Formen an. An Tatsachen ist zu verzeichnen: Die orthodoxen Rabbiner erließen eine Erklärung gegen die „Richtlinien des liberalen Judentums“. Daraufhin veröffentlichten die Synagogengemeinden (Kultusvorstände) von Berlin und Frankfurt eine Gegenerklärung, in der es heißt, daß die jüdische Gemeinde das Band der Einheit für die verschiedensten Richtungen im deutschen Judentum ist, das weder durch Erklärungen liberaler, noch solcher orthodoxer Rabbiner zerrissen werden kann. Wir glauben, dieser Standpunkt ist der einzig vernünftige. Aber die KÜltusvorstände begnügten sich leider nicht damit, sondern sagten weiter, daß sie die Erklärung .der Orthodoxen muß billigen. Diese sind darüber natürlich umso empörter, als die Gemeinde Frankfurt, der Stadt, in welcher die Orthodoxie eine gewaltige Stellung hat, jene Enunziation mitunterzeichnete. Natürlich' erließen die orthodoxen Rabbiner eine Gegenerklärung, in Welcher sie sägen, daß sie ihre Entscheidungen in religiösen Fragen nicht nach der Ansicht von Kultusvorständen, die Verwaltungskörperschaften sind, sondern nur nach den Vorschriften des Religionsgesetzes fällen können, Was gewiß richtig ist. Allerdings kommt es au vdie Auffassung des Gesetzes an und diese war im Judentum immer Sache der Auslegung. Auch von anderen jüdischen Vereinigungen Deutschlands regnet es Erklärungen, die teilweise eine Mittelstellung offenbaren, teilweise die Anerkennung der -einen oder andern Richtung zum1 Inhalt haben. Wir müssen offen gestehen, daß wir den Ausbruch dieses Streites nur begrüßen können. Es ist ein Zeichen, daß das Hmdäm'mem und Sumpfen, das bisher der jüdischen Religionsgemeinde die Signatur gab, aufgehört hat, daß die einzelnen Anschauungen scharf herausgearbeitet werden und sich miteinder messen. Dieser Streit ist daher jedenfalls heilsam1. Wogegen wir uns wenden müssen, ist nur der Geist der Unduldsamkeit, der sich dabei auf allen Seiten zeigt. Der orthodoxe „Israelit“, Frankfurt, geht darin natürlich am' weitesten. Er zitiert u. a. den Schulchon Aruch. nach dem die Aufnahme eines irreligiösen Mitglieds in den Gemeindevorstand nicht anerkannt werden darf. ja, er druckt sogar eine Zuschrift eines Rabbiners ab, der folgendes erklärt; Kommen die Ansichten des Reformjudentums über Ehescheidung zur Geltung, „so wird man vom jüdischen Standpunkt aus seinem Vater eher erlauben (müssen, seine Tochter an einen Götzendiener zu verheiraten. als an einen Mann, dessen Mutter durch einen liberalen Rabbiner na'-'i den liberalen Grundsätzen von ihrem1 ersten Mann getrennt wurde! Diese Narrheit muß jeden modernen Menschen abstoßen, aber trotzdem ist sie der Ausfluß einer Gesinnung. Was aber soll man zu der Haltung des Wiener Oberrabbiners sao-en, der sich kürzlich zu diesem Streit geäußert hat und zur völligen „Objektivität“ bekannt hat! Zwar weist er. um diesen Standpunkt zu rechtferiigen, ziem'idh einwandfrei nach, daß sowohl Liberale als Orthodoxe Unrecht haben, aber die Quintessenz seiner Ueberzeugung ist, daß man im fudentum — Keime haben müsse! Der goldene Mittelweg sei das Beste. Wir wollen wörtlich zitieren: ..Es sei übrigens zugegeben, daß die Mitte Unentschiedenheit bezeuge ein Vorwurf liegt darin nicht. Das Wesen des Judentums ist, abgesehen von seinem Gottesbegriff, seinen sittlichen Forderungen, wie von der Hauntrichtschnur für die Lebenshaltung — Unentschiedenheit. und das ist sein Vorzu". Entschiedenheit wäre Versteifung, Verknöcherung, Erstarrung und Untergang. Nur der Tod i-t entschieden. das Leben dagegen ist ewigunentschieden.“ Der Standpunkt des öberrabbiners, der größten Gemeinde Oesterreichs in religiösen Fragen ist also die Unentschiedenheit! Denn ein Oberrabbiner ist nicht verpflichtet, eine religiöse Ueberzeugung zu haben, sondern er muß Geist. Witz und stilistische Feinheit besitzen. Und dies, in einem1 Grade, daß er sich selbst widersprechen kann, ohne daß tnäns merkt. Das Judentum — sagte er — ist entschieden in Bezug auf Gottesbegriff, sittliche Forderungen und Lebendrichtschnur. 'onst aber unentschieden. Ja, wir fragen bescheiden: Was birgt sich hintc" dem sonst“? Wa« bleibt da noch für die Unentschiedenheit übrig? Wohl nur die Riten! Etwas, das gewiß nicht die Hauptsache ist. Wir fragen den Herrn Oberrabbiner weiter, ob er in Bezug auf die Riten wirklich unentschieden, tolerant, ist? Wenn ja, dann ist er eben ein „liberaler“ Jude und es nützt ihm affe „Objektivität“ und „Unentschiedenheit“ nichts, er hat damit Partei ergriffen. > Uns interessiert die Frage, welche religiöse Gesinnung der Wiener Oberrabbiner — verbirgt* absolut nicht. Wir nehmen seine Enunziation von der rein menschlichen Seite. Und da müssen wir sagen : { Uns ist jemand, der konsequent bis zur Starrheit ist, noch tausendmal lieber, als einer, der sich nicht entscheiden kann und noch dazu aus dieser .Schwäche eine Tugend machen will,