Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Zionlsflfcbes Kcloriniudeiituin.*) '■t af -% r w t.- Von Ludwig B a t ö. Der In der vorletzten Nummer der '„Jüdischen Zeitung“ von Adolf Bö hm veröffentlichte Artikel über „Zionistisches Reformjudentum“ behandelt zweifelsohne eine der widitigsten Fragen des praktischen jungjüdischen Lebens. Die Erwägung, ob es auch der richtige Zeitpunkt war, diese heikle Frage aufzurollen, ändert wenig au dieser Tatsache. Das religiöse Problem, das mit dem praktischen jüdischen Leben am meisten zusammenhängt, ist im jungjüdischen Lager stets nur behutsam und vorsichtig angeschnitten worden, so daß sich diese täglich brennender werdende Frage, die sehr oft gewaltsam niedergehalten wurde, jetzt mit elementarer Kraft Bahn bricht und zur Geltung zu kommen bestrebt ist Adolf Böhm geht von der Erwägung aus, dab der Zionismus weder im Kreise der westeuropäischen intellektuellen, noch in dem' der osteuropäischen gesetzestreuen Juden Platz zu greifen vermöge, da dem jungjüdischen Leben in seiner heutigen Form die werbende Kraft völlig abgehe. Das von der jungjüdischen Bewegung geschaffene Leben nennt er „zionistisches Reformjudentum“, da es gleich' dem religiösen Reformjudentum aus der Fülle jüdischer Bräuche und Gesetze nach eigenem Gutdünken einige herausgreife und sie als Grundlagen des jüdischen Lebens hinstelle. Daraus entstehe Halbheit Unaufrichtigkeit im Handeln. Diesem Umstande sei es auch' zuzüschreiben, daß. der Zionismus bei den intelligenten Westjuden kein Verständnis finden könne. Die zionistische Lebensform sei eben nicht imstande, mit den „festen, geschlossenen Lebensformen“ der Westjuden den .Wettbewerb aufzunehmen. Böhm empfiehlt daher, mit den alten, überlieferten Formen aufzuräumen, zu brechen und ein neues Judentum auf neuer -Grundlage Zu schaffen, eine „Erneuerung“ herbeizuführen. Es sei müßig, sich stets auf das alte Judentum' und seinen nationalen Charakter zu berufen, da ein solcher im alten Judentumniemals vorhcndcn gewesen - wäse. - Der- Widerstand gegen die Römer, die Zionssehnsucht usw., all dies entquelle einzig allein dem religiösen Gefühle. Wenn wir uns daher im Westen möglich1 machen wollen, müssen wir die meist nur. aus „taktischen Gründen“ beobachteten Bräuche fallen lassen. Eins klingt aus dem Artikel heraus wie ein mächtiger Schlachtruf: Brechet mit den überlieferten Formen! Lauschen wir aber aufmerksam dem neuen Rufe, so vernehmen wir das ganz leise gesprochene Wort:-aus taktischen Gründen! Es werden sich' viele finden, die sich mit Entrüstung gegen die Zumutung verwahren, daß sie aus „taktischen Gründen“ an den von den Vätern übernommenen Formen festhälten. Böhm, dem das jungjüdische Leben doch zur Genüge bekannt ist, dürfte es wissen, daß es unter den westlichen Zionisten sehr viele gibt, die an den jüdischen Bräuchen und Sitten aus innerem Drange, aus Liebe zum angestammten Volke festhälten, selbst solche, denen diese Lebensformen von Kindheit her fremd waren. Aber Böhm selbst scheint ja von diesem Vorwurfe nicht ganz überzeugt zu sein, da er nach einigen Zeilen von einem Zionistenführer spricht, der in einer internen Sitzung, also sicherlich nicht aus taktischen Gründen, erklärt habe, er bedaure, daß er aus seinem Zionismus nicht die letzte Konsequenz ziehen und religiös werden könne. Jedoch nicht hier allein, auch in dem vorgeschlagenen Heilmittel liegt der .größte Widerspruch. Los von der Ueberlieferung, da sie *) Die Redaktion behält es sich vor, nach Abschluß der Diskussion über den Artikel „Zionistisches Reformjudentum“ von Adolf Böhm zu den aufgeworfenen Fragen Stellung zu nehmen. . JÜDISCHE ZJ5ITUNG ' Nr. 1 im Westen mit scheelen Augen angesehen wird und uns keine neuen Freunde'zuführen kann.; Neues Leben auf neuer Grundlage! - Warum? Um die westeuropäischen Juden zu gewinnen., Böhm wirft den jungjüdischen Führern vor, sie halten an der Tradition-aus taktischen Gründen . fest. Dies ist Halbheit, Unaufrichtigkeit, ruft er ihnen zu. Zu gleicher Zeit empfiehlt er aber, daß die jüdischen Bräuche über Bord geworfen werden, um die’ assimilierten Westeuropäer zu gewinnen. Wie man sieht: ebenfalls aus taktischen Gründen. Einmal werden die taktischen Gründe verdammt, als heillose Gefahr bezeichnet, ein andermal als das beste Heilmittel hingestellt Die reinste homöopathische Kur. - Erneuerung, das ist das erlösende Wort. Ja, um Gottes Willen, um zu erneuern muß doch etwas da sein, das erneuert werden soll. Und was ist dieses etwas, wenn nicht die vorhandene jüdische Lebensform, der neuer Geist eingehaucht werden soll? Also die von Böhm verketzerte Lebensform. Wo gibt es noch ein Volk auf Erden, das daran dächte, seine nationale Eigenart aufzugeben, mit den überlieferten völkischen Bräuchen zu brechen? Im Gegenteil: sehen wir denn nicht, mit welcher Zähigkeit die Tschechen und Deutschen an ihren Sitten und Gepflogenheiten festhalten, ohne sich daran zu kehren, ob sie einem gebildeten Westeuropäer lächerlich erscheinen oder nicht. Die überkommenen Lebensformen sind ein Born nationaler Kraft und Treue, sie bergenungeahnte Schätze. Mögen sie auch einzelne aufgeben, ein Volk kann sich nicht von ihnen gewaltsam losreißen, ohne zugleich den Boden unter den Füßen zu verlieren." Dies trifft bei den Juden um so mehr zu, da sie nicht auf eigenem Boden leben und die -Bräuche der Väter oft die Heimatluft ersetzen müssen. Böhm geht so weit, daß er dem vorzionistischen Judentum jeglichen nationalen Charakter abspricht. Mit dieser These ist er auf eine sehr abschüssige Bahn geraten. Böhm behauptet, die Aufstände gegen die Syrer, Römer usw. hätten bloß religiöse Gründe zum Anlaß gehabt. Also höret: Auch die'Makkabäerwaren bloß Glaubensstreiter! Dp Zionismus hat daher an einem Wahn gelitten, indem er bisher auf Schritt und Tritt die Makkabäer als nationale Helden unserer Jugend vor die Augen führte und sie als Beispiele nationaler Aufopferung hinstellte. Wie oft wird es Adolf Böhm selbst bei Makkabäerfeiern getan haben! Wenn das Judentum bisher nur Religionsjudentum war, so möge doch Böhm den Mut aufbringen, die jüdische Geschichte als Kirchengeschichte rundweg abzulehnen, jene selbe Geschichte, deren Lektüre wahrscheinlich auch er zur Hebung des Nationalgefühles zahllose Male empfohlen haben dürfte. •Ein Nationalismus in modernem Sinne ist in der jüdischen Geschichte sicherlich nicht zu finden, dieser ist aber auch eine Frucht der abendländischen Kultur des 19. Jahrhunderts. Auf den von den Enzyklopädisten geschaffenen Grundlagen ist die moderne nationale Idee erst nach den napoleonisdien Kriegen entstanden. Ist das aber ein Grund dafür, daß wir auf das alte Judentum als auf etwas Ueberwundenes herabblicken? Die spätere Entwicklung der nationalen Idee trifft ja bei' jedem Volke zu, doch wird Adolf Böhm kein Volk finden, das die eigene Geschichte beiseite schiebe, weil sie’ nicht nach den Grundsätzen der modernen nationalen Idee aufgebaut sei. So etwas kann man nur unserem Volke zumuten. So weit sind wir also gekommen! Unsere Sitten und Bräuche mögen wir abstreifen, unsere Vergangenheit vergessen, um bei den assimilierten Westjuden, Oie bei jeder Aeußerung der jüdischen Seele, die beim Nennen des Wortes „Jude“ eine heillose Angst erfaßt, als Liebkind zu gelten. Böhm ist ein Feind der Halbheiten. Nur möge er sein Programm konsequent durchführen. Nicht' nur die jüdische Geschichte und Lebensform möge er in die Rumpelkammer zu den .alten, unbrauchbaren Sachen werfen: die hebräische Sprache gehört auch dazu. Oder glaubt er ernstlich, daß ein dem Judentume entfremdeter Westjude dem Hebraismus liebevoller gegenüberstehe, als dem Judentume überhaupt? Der moderne Westjude sieht auch in der hebräischen Sprache etwas Rückständiges, ein Ueberbleibse Vdes Ghetto, das in der modernen Kultur keinen Platz habe. Auch Böhm greift einen Teil des Judentums heraus: das Hebräische. Mit demselben Rechte könnte man daher auch ihm vorwerfen, daß er ein Reformjudentum anstrebe: ein hebräisches Reformjudentum, das weder konsequent, noch mannhaft .ist. Will man die Westjuden für die jungjüdische Bewegung mit leichter Arbeit gewinnen, so muß man ihnen einen farblosen, allgemein menschlichen Zionismus vorstellen. Was ist aber der Zionismus ohne jüdische Geschichte, jüdische Lebensform und hebräische Sprache, was ist der Zionismus mit bloßem Kulturideal einer Nationalidee ohne Halt? Ist ernstlich daran zu denken, daß der blasierte Westjude einen solchen Zionismus akzeptieren wird? Mit den „festen, geschlossenen“ Lebensformen der intellektuellen Westjuden, meint Adolf Böhm, könnten wir nicht wetteifern. Wo sind denn diese festen, geschlossenen Lebensformen? Jedem Kenner des Judenproblems ist doch bekannt, daß der assimilierte Westjude keinen Halt habe, daß sein Leben aus stetem .Tasten, Suchen nach etwas besserem bestehe und nun sollten wir es mit dieser haltlosen Lebensform nicht aufnehmen können? Wir leben in einer Sturm- und Drangperiode des jungen Judentums. Die Lebensformen haben sich“ hoch nicht 'hef äUsRristälHsterf,” es stclit aber für jeden fest, daß sie zwei Grundlagen haben müssen: die allgemein-menschliche und die jüdische. Die erste Grundlage allein führt zum überwundenen Kosmopolitismus, die zweite zum Ghettojüdentum. Die beiden Grundlagen geben eine Synthese, die unbedingt zur Gesundung des jungjüdischen Lebens führen muß . Das Leben selbst wird bestimmen, welcher Ziegel der Tradition zum Neubaue des Judentums zu brauchen ist, welcher nicht. Wie bei der Wiederaufrichtung des Kampanile wollen wir alles verwenden, was vom alten Materiale zu verwendet Ein Schwarzer nach Tisch (nacht munter und frisch! Die Untersuchungen von Professor Hollingworth haben erwiesen, weshalb es so ist. Wenn Sie sich dafür interessieren, wie man der Ermüdung nach den Mahlzeiten entgeht, so lesen Sie .die kleine Broschüre: - »Winke für Feinschmecker“ ~ ♦Gratis erhältlich in allen Geschäften der Firma JULIUS MEINL Gegr. 1862. MI 17 n 17 ö I % XT n I O P H 17 lebens-versicherungs - Gesellschaft i\ lEtfJL?LuLÄ1IUIOvilL wien, l,aspernplatz i. Im eigenen Palais.—Dersidierfes Kapital zirka 380 Millionen. —*PräpIenreseroe zirka 113 Millionen. — Billigste Prämien und kulanteste Badingungen. Engagiert jederzeit tflditige, leistungsfähige Agenten gegen koke Bezüge. Auskünfte erteilt die Eeneraiagentsdiaft Bien,Bspernplalz 1 (Beiter:!David Hebenzabi). Für Ostgalizien u. Bukowina: Sabdirektion Gobi Taubes, Gemberg. i r**-xzsar>a*,rr2?-tL’>; 1