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Jüdische Zeitung · 1913-01-03 · 1 (3.1.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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HS« NRTIÜNRL -JUDI5CHE5 GRGRN 5»K ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II-, Kanneliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ *3 'lieh von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurück gestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, balbjShr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. FQr Deutschland: Ganzjahr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—. Vierteljahr. * ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjahr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 133.404. Telefon 22.075. | Nr. 1 Wien, Freitag, den 3. Jänner 1913 Vli. Jahrgang Das SAiAfal eines judenlreundlidien Antrages. Im' österreichischen Parlament wurde in den letzten Wochen die neue .Dienstpragmatik für die Staatsbeamten durchberaten. Die bezüglichen Diskussionen 'hielten sich auf einem tiefen Niveau. Das reaktionäre Diktat der Regierung und des Herrenhauses wurde schließlich Punkt für Punkt befolgt, und das neue Gesetz kann mit Fug und Recht als rückständig bezeichnet werden. .Die Verhandlungen boten nur einen Lichtblick, den Antrag, des tschechischen Sozialdehiokraten Smeral. Der genannte Abgeordnete beantragte, in die neue Dienstpragmatik den Passus aufzunehmen, daß bei der Anstellung von Staatsbeamten politische, nationale und konfessionelle Momente nicht berücksichtigt, werden dürfen. In der Begründung seines Antrages wies Smeral. wiederholt. auf das Unrecht hin, welches den Juden in Oesterreich seitens der Regierung und der politischen Parteien zugefügt wird. Er verdam'mte die Uebung, eine Reihe von Staatsämtern jüdischen Bewerbern gänzlich zu verschließen und sie in den anderen zurückzusetzen und am' Fortkommen zu behindern. Der Antrag wurde von den Regierungsparteien, dem' Polenklub, dem deutschen National verband und so fort, natürlich rücksichtslos niedergestimmt. Aber nicht nur das, die gesamte freisinnige Oeffentlichkeit befleißigte sich in dieser Angelegenheit einer feigen und erbärm'lichen Zurückhaltung. Die freiheitlich-bürgerlichen und die gleicherweise von Juden fabrizierten deutschen .und polnischen sozialdemokratischen Blätter nahmen wohl notgedrungen von diesem' Anträge Notiz, zeigten aber nicht die geringste Lust, aus diesem doch ganz in den Intentionen ihres Programms liegenden Antrag ein Kampfobjekt zu machen und brachten die- Reden Smerals in Verstümmelter» nichtssagender Form. Abgeordneter Smeral gehört der tschechisch - sozialdemokratischen Partei ari, also einer politischen Gruppe, die auf die Stimmen jüdischer Wähler nicht angewiesen ist. Er Selbst ist Abgeordneter eines Wahlkreises, in welchem es fast gar keine Juden gibt. Diese Konstatierung gereicht ebenso ihm zur Ehre, iwie sie all den Parteien zur Schande gereicht, die da um' jüdisches Geld und jüdische Stimmen betteln und sich' trotzidem1 gegen den Antrag stellten. Die Abgeordneten des Polenklubs stimmten gegen den Antrag. Sie dachten auch nicht einen Augenblick daran, auf ihre jüdischen Wähler und auf ihre jüdischen Klubkollegen Rücksicht zu nehmen. Sie haben insoferne richtig gehandelt, als auch1' 'kein einziger der Poleriktubjuden aufzumucksen wagte. Die Moschkokreaturen Löwenstein, Kolischer und Stern nahmen den antisemitischen Bubenstreich ihrer werten Freunde demütig und ohne jeden Versuch eines Protestes ruhig hin. Auch die deutschfreisinnigen Abgeordneten standen treu und fest gegen die Interessen der Juden. Und erst die Haltung der Wiener Junisieger, all dieser Herren, die in Wahlzeiten von der Bekämpfung, des Antisemitismus leben! Sie taten den sonst sq vollen Mund nichtauf. Ofner, Hock, Kuranda und wie sie alle heißen, sie schweigen. Weil es der liberalen Wiener Journalistenklique gefiel, den Antrag Smeral unter den Tisch fallen zu lassen, taten Sie desgleichen. Daß die „teutsch'en“ Sozialdemokraten Adler, Elbogen, Austerlitz und Konsorten die Gelegenheit benützten und wieder einmal bewiesen haben, daß. sie beileibe keine „Judenschutztruppe“ sind, ist eigentlich schon selbstverständlich. Es ist keine neue Lektion, die wir österreichischen Juden da erhalten haben, nur die, neuerliche-^^kräftigung einer alten. Wehn wir "jetüaeh den ganzen Vor- ' fall der jüdischen Oeffentlichkeit vor Augen führen, so geschieht es, um neuerdings den Beweis zu erbringen, daß weder die Assimilantennoch die sogenann- \ ten judenfreundlichen Parteien, in deren Mitte Juden Sitz und Stimme haben), ernstlich gewillt sind, die Vertretung der Juden zu führen. Immer sind es höchstens einzelne, persönlich überaus anständige Elemente, welche auch die Rechte der Juden zu wahren sich he: mühen. Uns Juden tut aber eine Vertretung not, die in erster Linie jüdische Interessen wahrzunehmen hätte. Die einzig verläßliche und beste Judenschutztruppe können und werden nur auf Grund eines jüdisch-nationalen Programmes, gewählte Juden sein. Diese elementare politische Wahrheit ist einleuchtend, und die Ereignisse bestätigen sie immer aufs neue. Möge die jüdische Oeffentlichkeit aus diesen Erfahrungen die entsprechende Nutzanwendung ziehen! Rundschau. Die gaäzische Landtagswahlrefonn und die Juden. Wenn die zwischen den Polen und Ruthenen bestehende Streitfrage betreffend die ruthenische Universität gelöst sein wird, so steht, Wie ein hervorragender Führer der Ruthenen erklärte^ der Erledigung der Landtagswahlrefonn in Galizien nichts mehr im Wege. Ja, noch mehr! Derselbe Führer, Dr. Konstantin Lewicki, versicherte, daß die Grundlinien der Vereinbarung über die Reform zwischen Polen und Ruthenen schon längst gezogen sind. Die Ruthenen bekommen 27.3°/o der Landtagsmandate und den ruthenischen Wahlkataster, so daß sie vollständig aus dem Wahlkampfe zwischen Polen und Juden sowohl auf dem Lande als auch in -den Städten exiraiert sein werden. Von nun an werden sich also anläßlich der Landtagswählen in den galizischen Städten, für welche eine allgemeine städtische Kurie vorgesehen ist, nur Polen und Juden gegenüberstehen. Da nun die Juden in vielen Städten, namentlich in Ostgalizien, den Polen an Zahl weit überlegen sind, so planen die Polen, nach dem Beis' der Bukowina, für diese Städte die Einführung von Doppelmandaten. Doch wird der Majoritätskandidat nur 40 und der Minoritätskandidat 30% der abgegebenen Stimmen nötig haben, um gewählt zu werden. Sollten die Doppehnandate tatsächlich eingeführt werden, so würde das eine Sicherung einer jüdischen Vertretung im galizischen Landtage bedeuten. Diese Rücksichtnahme auf die Juden darf jedoch den Polen nicht auf das Konto ihrer Gereditigkeitsliebe gebucht werden. Sie waren dazu gezwungen, denn die jüdischen Massen in Galizien konnten einfach nicht umgangen werden. Die fortschreitende Nationalisierung der Juden gefährdet ernstlich die polnischen Mandate in vielen Städten und um sich zu schützen, führen die Polen Doppelmandate ein. Daß sie dadurch den Juden eine Vertretung sichern, betrachten die Polen wohl als bittere Pille, welche sie schlucken müssen. * .* - - ... ’■ .„ . Friedenskonferenz «ml Judenfrage: In London tagen jetzt eine Friedenskonferenz und eine BotschafterverSammlung. Der BaDcanfriede und die Balkanfrage werden eifrig diskutiert Alle Welt nimmt an diesen Verhandlungen reges Interesse und alle Welt — vergißt an die Juden in den Balkanländern, deren Schicksal am nachhaltigsten tangiert ist Vor allem ist .da der Saloniki er Juden zu gedenken, für welche die neue Herrschaft, Griechenland, eine Verschlimmerung Aires Schicksals bedeutet Man dart aber auch nicht der rumänischen Juden vergessen, welche trotz des Berliner Vertrages und des darin enthaltenen 44. Artikels, der ihre Gleichberechtigung sichern sollte, m Rumänien noch immer als Parias behandelt werden. Die von Humanitätsversicherungen und anderen Phrasen triefenden Vertreter der Balkanstaaten, denen die Interessen der Kulturvölker ä la Albanesen, Kutzowallachen usw. so schwerwiegend und berücksichtigungswert erscheinen, denken an nichts weniger als an die Juden. Aber auch die Botschafter der Großmächte, dieser „Hüter der europäischen Gesittung“ gehen stillschweigend über die Klagen der Juden hinweg. Wie könnte es denn anders sein! In der Botschafterversammlung sitzt ja der Vertreter Rußlands und dessen Ohren würde es verletzen, wenn man die leidige Jndenfrage anschneiden würde. Die Rücksicht auf die russische Knute ist stärker, als das angebliche Zugehörigkeitsbewußtsein zu — wie klingt die hochtrabende Phrase? — den ewigen „Grundsätzen der christlichen Moral“ und zu den „Kulturerrtuigenschaften“ der europäischen Menschheit Gesinnungsgenossen! Verkehret nur In jenen Lokalen» in denen die „Jüdische Zeitung“ aufliegt!

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