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Jüdische Zeitung · 1912-12-27 · 51 (27.12.1912) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
51 (27.12.1912)
Date
1912-12-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÖPISCHE ZEITUNG Nr. 5Ö Rabbi Jakob Meir hat sich an das bulgarische Oberkommando mit dem Ersuchen gewendet, diese notleidenden Familien wieder in ihre Heimat zurückbefördem zu dürfen. Es ist nidit bekannt, ob diesem Gesuche entsprochen worden ist. Es ist auch noch sehr die Frage, ob diese Maßregel zum Heile der Aermsten ausschlagen würde, da es ja noch gar nicht ausgemacht ist, daß die Friedensverhandlungen nicht scheitern und die Kriegswut auf dem Balkan nicht aufs Neue losbricht. In diesem Falle könnten die unglücklichen Familien das furchtbare Schicksal der Flüchtlinge vor den Kriegsgreueln noch einmal durchzumachen haben. * Juden durch Serben ermordet. ln der mazedonischen Stadt Strumsa sind durch die eindririgenden Serben drei angesehene Mitglieder der dortigen jüdischen Gemeinde ermordet worden. Die Häuser und Geschäfte der Juden wurden zerstört, so daß diese in bejammernswürdiger Lage zurückblieben. Eine Hungersnot droht unter ihnen auszubrechen, und die Aermsten haben sich mit einem Rufe um sofortige Hilfe nach1 Saloniki gewendet. Bei der augenblicklichen Lage der Dinge ist es höchst zweifelhaft, ob es möglich gemacht werden kann, den Juden von Strumsa diese Hilfe zukommen zu lassen. * Die Verfolgungen, des Komitees „Union et Progrös“ und die Juden. Man wind sich erinnern, daß die türkische Partei der sogenannten Liberalen, die vergangenen Sommer die Herrschaft des Komitees Einheit und Fortschritt brach und selber die Regierung eroberte, demagogisch immer mit der Behauptung gearbeitet hatte, das Komitee wolle das Vaterland an die Juden verkaufen, und die Juden seien durch' ihren überragenden Einfluß, den sie in dem Komitee ausübten, schuld an allen den .Fehlern, die der Verwaltung der Unioüisten anhafteten und die den Ruin des Landes herbeigeführt hätten. Unter1 den vor einiger Zeit durch' die jetzige Regierung vorgenommenen Verhaftungen von Jüngtürken befanden sich auch die beiden früheren jüdischen Deputierten Carasso und Mazliach, Mitglieder des Komitees. Besonders gegen den ersteren hatte sich von jeher der Haß aller reaktionär Gesinnten gerichtet, weil er unter den Männern gewesen war, die als Abgesandte der Revolution Abdul Hamid seine Absetzung mitgeteilt hatten. Es verdient nun darauf hingewiesen zu werden, daß nach erfolgter ergebnisloser Untersuchung die beiden Juden unter den ersten Unionisten waren, die wieder aus der Haft entlassen wurden, Weil' sich in keiner Weise die gegen sie erhobene Anschuldigung neuer revolutionärer Umtriebe, speziell der Aufhetzung der Armee von Tsdiataldscha gegen die Regierung und die Anstiftung eines Aufstandes in der Stadt Konstantinopel, hatte halten lassen. ■* Die Emigranten in Konstantinopel. Die Versorgung der jüdischen Emigranten in der türkischen Hauptstadt begegnet immer größeren Schwierigkeiten. Die Regierung hat letzthin vor den Toren der Stadtmauern für die mdhamedanisdien Zugewanderten, die Mohadschiers, Baracken errichtet, um so der Gefahr der Kunst erobert werden.“ Als höchstes Ziel schwebt ihm1 .die Aufgabe vor, „den Juden die Geschichte heroisch zu knädhen“. Ein jüdisches Heldenideal muß aufgestellt Werden. Erst .wenn dies geschehen ist, Wenn das neue Juda in der Idee „fertig (gemacht“ worden ist, kann es in der Wirklichkeit entstehen. „Bei den Dichtem, nicht bei den Praktikern liegt die Verwirklichung von Herzls Ideen.“ Wie aus dieser kurzen und dürftigen Angabe hervorgeht, ist die Broschüre, so kurz sie ist, reich1 an originellen Gedanken, die wert wären, etwas breiter ausgesponnen zu •werden. Denn so interessant die Broschüre ist, so ist sie nur ein Versprechen. Sie regt an, befriedigt aber nicht und deshalb wird sie allein nicht im1 Stande sein, unter den produktiven Juden den wünschenswerten Widerhall zu Wecken. Dazu bedurfte es eines wuchtigeren, markigeren Tones. So entläßt einen die kurze Broschüre trotz aller Anregung mit dem Bedauern, daß ein solches bedeutsames Programm nicht in seiner packenden Form' veröffentlicht wurde, die unbedingt wirken müßte. Und deshalb müßte das nächste die Zeitschrift sein. Versucht muß ßs werden! Wir hoffen, daß der jüdische Verlag, der nun unter neuer Leitung seine eigentliche Tätigkeit aüfgehommen hat, vor dem Wagnis der Zeitschrift nicht zuiückschrecken wird. Denn wir müssen sie haben 1 * Die Klagemauer. Von L. M. Sch ul th ei ss. Von Westen her, an den elenden Mogh'rebinhütten vorbei, führt ein Weg nach der Tempelder Durchseuchung der Stadt durch die Emigranten vorzubeugen. Die Stadtbehörden verlangten nun in einigen Stadtvierteln, daß auch die jüdischen Mohadschirs in diese Baracken übersiedelten, und drohten, im Falle der Weigerung, die Verabfolgung von Brot an sie einzustelTen. Da aber die jüdische Hilfskommismission unter kernen Umständen sich1 dazu verstehen will, ihre Schutzbefohlenengjn die höchst ungesunden, schmutzigen, überfüllten und verseuchten Baracken einziehen zu lassen, wird sie darauf verzichten müssen, ihre Aufgabe der Verpflegung durch die Beihilfe der Regierung weiterhin erleichtert zu sehen, und die ausfallenden Brotrationen aus ihren eigenen Fonds ersetzen müssen. Dadurch werden sich die Ausgaben für die Hilfsaktion erheblich steigern. Man darf-auch nicht vergessen, daß die kältesten Monate herannahen und eine energische Versorgung mit Heizmaterial stattfinden muß. Die Kohlenbeschaffung allein wird ein Monatsmehr von 4000 Franken erfordern. Dazu kommt die Massenanschaffung von Schuhzeug, eines der dringendsten Bedürfnisse dieser Armen. Es darf daher nicht wundernehmen, daß die 'Versorgung der jüdischen Flüchtlinge in der letzten Woche allein an 12.000 Francs erforderte. Der Orden „Bene B e r i t h“ hat bisher zu dem hiesigen Hilfswerke insgesamt 23.400 Francs beigesteuert. * Der deutsche Botschafter beim Großrabbiner. Am Dienstag, den 18. Dezember, haben der deutsche Botschafter, Baron von Wangenheim, und sein erster Dragoman dem Großrabbiner eine Visite abgestattet. Es ist das erste Mal seit seiner Amtsführung, daß der Großrabbiner den Besuch des Vertreters der deutschen Regierung in Konstantinopel erhält. — Der Botschafter drückte seine Befriedigung darüber aus, daß die Situation der Saloniker Juden sich gebessert habe. Das judifdie Volfislieö. Jede Nation, jedes Volk hat seine Volkslieder! Bei uns Juden werden erst seit kurzem Volkslieder gesammelt und veröffentlicht. Es gibt eine bedeutende Zahl jüdischer Lieder, von welchen man nicht weiß, wer dieselben geschaffen hat, wieso sie zu uns gekommen sind und sind einigemale im Volksmunde abgeändert worden. Sie sind ein spezielles Merkmal unseres Lebens, Denkens und Fuhlens. Es gibt iganz alte und ganz neue Volkslieder. Zu den alten gehören fast alle Wiegenlieder, welche voll Trauer und Kummer sind. Das ist kein Lied meh'r, es ist ein Weinen und Stöhnen .(„Das Kind liegt im Wigele“). In den Wiegenliedern wird auch oft angedeutet, daß der kleine Bub Tora lernen und rituelle Fragen (Schalos) lösen soll und daß er ein großer „Zadyk“ sein wird. Das Mädchen wird im Volksliede weniger dargestellt, weil es nicht Tora lernt und nicht in den Cheder geht. Zu den alten gehören auch die religiösen Volkslieder. Sehr viel Merkmale des altjüdischen Liedes hat der geistlich-religiöse Gesang aufzuweisen. Von den synagogalen Melodien mit ihrer rührenden Einfachheit und charakteristischen Originalität weht ein Hauch greisen Alters. „Kol-Nidrei“, „Kadisch“ und viele andere versetzen den Zuhörer durch die Tiefe ihrer Mystik und durch ihre Formenschönheit in Stauhöhe. Wenn man sich scharf nach rechts gewandt hat, steht man plötzlich vor einer Mauer. Sie ist an die sechzig Fuß hoch und aus zyklopischen Steinen erbaut. Der Weg, der an dieser Mauer entlang führt, ist nur wenige Fuß breit und auch auf der rechten Seite von einer Mauer abgegrenzt, die das anstoßende Grundstück abschließt. Man steht also in einer Art hohler Gasse und hat das; Gefühl, daß etwas Hoffnungsloses, Trauriges um diesen Ort schwebt, und daß man nie aus seiner Enge entkommen könnte, weil die Mauer so steil und so hoch ist. Dies trutzige, alte Mauerwerk ist die berühmte Klagemauer der Juden. Seit undenklichen Zeiten sammeln sie sich hier, um die Klage zu erheben über das Schicksal ihres Volkes und das verlorene Jerusalem. Es ist eine seltsame Szene, einzig in der Geschichte der Völker. Selbst das Reisehandbucli, das seine Gefühle nicht unnütz vergeudet findet sie rührend. Das Gesicht gegen die Mauer gekehrt, stehen sie da und singen oder murmeln ihre Strophen — polnische Juden mit gedrehten Schläfenlocken und schwarzen Gewändern, edle spanische Juden, denen Rasse in jedem Zug steht. Juden im farbigen Sahbatkaftan, Juden in Pelzmützen, Juden im Fez — Judenfrauen und Judenkinder. Einige stecken beschriebene Papierchen in die Ritzen: Bitten an den König Salomo, daß er ihnen Jerusalem ■ wiederschenke; von Zeit zu Zeit schwillt der: Ton eines einzelnen lauter, den Frauen laufen die Tränen übers Gesicht. Sie weinten —? Ach ja, gewiß, es sind meist ahne und geringe Leute und es ist ein Teil! Routine und Gewohnheit dabei. Das ist auch nen. Erzeugnisse jüngeren Datums sind die Liebeslieder, denn bis zur zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts galt die Liebe für sündhaft. Für die Kinder sorgten die Eltern und wählten ihnen Braut und Bräutigam ganz nach eigenem Gutdünken. Die Verlobung fand ohne Mitwissen der unmittelbar interessierten Personen statt, die erst beim Darbringen der Glückwünsche vom Geheimnis erfuhren. „Masel tow Du bist geworen a Kaie, Masel tow Du bist geworen a chosen“. Im modernen weltlichen Volksliede spiegelt sich mit erschöpfender Vollständigkeit das ganze Leben des jüdischen Volkes ab. Die. ganze Trauer seiner Seele spricht aus den düsteren Klagetönen des Liedes. Das Lied stöhnt und klagt! Man hört die unterdrückten, unvergossenen Tränen, es schildert harte Leiden und Prüfungen, die das Märtyrervolk Jahrhunderte zu erdulden hatte. Das jüdische Volkslied ist das Lied des Ghetto, bald ist es tiefe Gottversunkenheit, bald wieder schalkhafter Humor, der die Ghettolieder durchzittert. J. G 6 r s k i. Grirfiilrfie Intriguen gegen Saloniki- In welcher Weise Griechenland die Pogromarbeit seiner Soldaten zu entschuldigen und den widerrechtlichen Besitz Salonikis zu behalten sucht, beweist folgende in der Athenischen Zeitung „Messager d’Athenes“ erschienenen Ausführungen : „In den letzten Tagen machen sich Intriguen einiger Juden bemerkbar, um Saloniki den Griechen zu entreißen. Intriguen, welche von den „Machabis“ (Makkabäer) in Konstantinopel ausgehen. Diese „Machabis“ sind eine zionistische Vereinigung, welche unter dem Deckmantel eines Turnklubs militärische Uebungen vornehmen, tun Soldaten auszubilden, mit denen sie eines Tages Jerusalem1 gewinnen und den Thron Davids wieder aufrichten wollen. Wie uns unser Korrespondent in Konstantinopel meldet, stehen . diese „Machabis“ in direkter Verbindung mit jüdischen Kapitalisten in Saloniki, denselben, welche die falschen Gerüchte verbreiteten, welche bereits vom' Großrabbiner dementiert wurden. Ihr Ziel ist es, Unruhen zu erregen.“ Das Blatt zitiert hierauf eine Meldung des „Embros“, wonach eine jüdische Spezialgesandtschaft nach Konstantinopel abging, um sich direkt mit dem Generalrepräsentanten der Societe Sioniste in Verbindung zu setzen. Kurz nach ihrer Ankunft in Konstantinopel habe (sich Jakobson, der Generalrepräsentant, nach. JVien. begeben, um hier die' Fäden seines Intrigiienspieles anzuknüpfen.“ Nach1 diesen unsinnigen Geschwätz zitiert die griechische Zeitung, die offenbar" von dem1 berüchtigten Antisemiten, dem Dragoman der englischen Botschaft in Konstantinöpel Fitzmorice herrührenden Bemerkungen in der „Times“, daß die Idee, Saloniki zu einer autonomen Stadt zu machen, kläglich ist und von den europäischen Regierungen sicherlich nicht in Erwägung gezogen werden wird. Die Juden sind kein „Balkanvolk“; im1 Gegenteil, sie'haben bis jetzt an allen Verbrechen ,der Jungtürken teilgenommen und haben den wilden Boykott gegen die Griechen unterstützt. (Wie. immer es aber auch1 sei, die Salonikier Juden sind nicht wert, die Herrschaft über Saloniki zu bekommen, von der sie träumen. so bei — anderen. Aber es liegt etwas dahinter: ein großer Gedanke und ein großes Gefühl'. Ich für meinen Teil schäme mich nicht, zu betonen: Ergreifend ist diese zweitausendjährige Trauer tun eine verlorene Scholle — unheimlich die Zähigkeit, die nicht vergessen kann. An Freitagen um vier Uhr singen sie eine Art Litanei. Strophe lind Gegenstrophe, die in ihrer Schönheit und Würde an die Psalmen erinnert. Vorsänger: „Um den Tempel, der im Staub liegt —“ Volk: „Sitzen wir einsam und trauern.“ Vorsänger: „Um die Mauern, die gefallen sind —■“ Volk: „Sitzen wir einsam und trauern.“ Vorsänger: „Um die Herrschaft, die von uns genommen ist —“ Volk: „Sitzen wir einsam und trauern.“ Vorsänger: „Um unsere Priester, die Aergernis gaben —“ Volk: „Sitzen wir einsam und trauern.“ Vorsänger: „Um unsere Könige, die Ihn verachteten —“ Volk: „Sitzen wir einsam und trätiem.“ („Fränkfi Zeitung.“) DOPPEL-MALZ BIER. Austria-Brauerei Wta-Neudorf.

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