Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 51 (27.12.1912)
- Date
- 1912-12-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 jüdische zeitung Seite 3 Vom Kpiegssdiauplatz. bekämpfen, sind schon — wenn auch unbewußt — Zionisten im erweiterten Sinne dieses Begriffes. Der Zionismus als nationalisiertes Judentum kann alle Strömungen in sich aufnehmen; ausgenommen nur die das jüdische Volkstum vollständig, negierende Assimilation. Dringt der nationale Gedanke in den Seelen der jüdischen Masse einmal durch, dann ist die Masse unser, auch wenn wir sie in anderer Hinsicht nicht Unter eine Haube bringen können, ln den Zionismus als Volksbewegung können war uns somit sehr gut Juden jeglicher Schattierung hineindenken. Fromme und freidenkende, konservative und demokratische Juden, alle können im Zionismus, der ihre außernationale Weltanschauung nicht im geringsten tangiert, Platz finden. Deshalb stimme ich hierin mit Böhm vollständig darin überein, daß die individuelle Freiheit des einzelnen Zionisten nicht angetastet werden darf, und wenn ein Zionist, der sich über Religion und Tradition bereits hinweggesetzt hat, zu religiösen Handlungen gezwungen wird, während er vielleicht im Innern über das Komödienhafte seiner Handlungen lacht, so finde ich darin nicht nur verwerfliches „Reformjudentum“, sondern eine Verhöhnung der Religion und der Nation, welch beide abscheulich herabgewürdigt werden. Ganz verschieden jedoch von der individuellen Freiheit ist die V o 1 k s f r e i h e i t. Der Volkswille ist nur dann frei und souverän, wenn er tatsächlich ein einziger Wille ist, der das ganze Volk umfaßt. Der einheitliche Wille, der viele Individuen eines Volksganzen beseelt und sich so zum Volkswillen potenziert, der ist es, der das Volksindividuum schafft und für sich, gleich der persönlichen Freiheit, das Recht der :Volksfreiheit in Anspruch nehmen darf. Logischer Weise wird wohl kein vernünftiger Mensch behaupten, dieses oder jenes Volk als Ganzes sei religiös oder irreligiös, dann da handelt es sich um Begriffe, die mir auf einzelne Individuen Bezug haben können, die aber mit einem Volksindividuum nichts gemeinsames haben. Daraus folgt, daß der Zionismus als Volksbegriff des Judentums weder die eine noch die andere religiöse Richtung zu seiner eigenen, offiziellen erheben kann. Der Zionismus als solcher — wohlgemerkt nicht der Zionist — darf in religiösen Fragen nicht mitreden, diese müssen dem freiesten individuellen Ermessen überlassen werden. Was also dem individuellen Zionisten gestattet ist, das darf sich der Zionismus noch lange nicht erlauben. Denn offizielle Kundgebungen der Gesamtorganisation, die als Willensäußerung der ganzen Bewegung gelten, dürfen nicht in Verdacht kommen, dem Charakter nur eines Teiles, der Organisation oder des Volksganzen angepaßt zu sein, mit den Anschauungen anderer Volksteile aber im krassesten Widerspruche zu stehen. Wenn ein Zionist — um bei dem Beispiele Böhms zu bleiben — sich im Privatverkehr über das religiöse Verbot des Fahrens am Samstag hinwegsetzt, so ist das bei weitem nicht, dasselbe, wie wenn er zu einem zionistischen Vortrage — bei welcher Gelegenheit der Vortragende nicht als Individualität, sondern als Organ der offiziellen zionistischen Repräsentanz betrachtet wird — am Samstag gefahren käme. Denn gegen persönliche Handlungen dieses Zionisten ' wird wohl niemand — ohne Verletzung der unantastbaren individuellen Freiheit — Protest erheben können, dagegen darf, ja muß der religiöse Zionist dieselbe Handlung, insofern sie offiziell-zionistischen Charakter trägt, als mit seiner Ueberzeugung unvereinbar desavouieren, 3 wenn er für die nach seinen Begriffen verwerfliche Tat nicht mitverantwortlich sein will. Hätte Adolf Böhm den erwiesenermaßen vorhandenen Unterschied /.wischen persönlicher Freiheit und Volksfreiheit eiugeseheu und hätte er die Linien nicht verwischt, die dem offiziellen Zionisten die Grenzen bezeichnen, wo seine Person aus dem engen Begriffe der Individualität hinaustritt, um als Organ der großen Volksindividualität zu wirken, so hätte er von „Unduldsamkeit“ oder von der Bildung eines „zionistischen Reformjudentums“ sicher nicht sprechen können. Denn nicht aus „taktischen Rücksichten“ oder — man verzeihe mir den derben Ausdruck — um die Orthodoxen zu ködern, sollen manche religiöse Vorschriften respektiert werden; nein, das wäre weder moralisch noch klug. Aber um der betreffenden Kundgebung den Charakter einer Willensäußerung des ganzen jüdischen Volkes zu verleihen, darf sie eben nicht von Umständen begleitet sein, die nach mancher Seite verletzend wirken können. Diejenigen, die der „Zwang der Kehilla“ vom Judentume weggetrieben hat, können im Schoße des Zionismus vollständige Befriedigung finden; vorausgesetzt, daß sie in gerechterWeise darauf verzichten, den „antikehiila’schen Geist“ denjenigen aufdrängen zu wollen, die sich von ’ Religion und Tradition noch nicht emanzipiert haben oder sich nicht emanzipieren wollen. Heißt das aber nicht Unduldsamkeit von oben, wenn offizielle Repräsentanten des Zionismus eine Erneuerung des Judentums nur dann für möglich halten, wenn mit der Tradition vollkommen gebrochen W'ird und „neue Worte auf neue Tafeln geschrieben werden“? Die sogenannten „Rücksichtnehmer“ — und zu diesen, vielleicht nicht aus gleichen Motiven zähle ich mich auch — wollen im oder durch den Zionismus weder religiöse Kompromisse schließen, noch eine jüdisch-protestantische Bewegung ins Leben rufen; was sie aber mit Recht verlangen dürfen, das ist eine streng objektive Behandlung religiöser Fragen durch den offiziellen Zionismus oder mit anderen Worten: Duldsamkeit nach beiden Seiten. Die Juden in allen Lagern, die wir für. den Zionismus anvverben wollen, sowohl ’ die „Idealisten des Westens“ als auch die orthodoxen Massen des Ostens, werden früher oder später zionistisch werden, zum Teile denken sie schon heute zionistisch. Aber diese Juden werden ihre religiösen oder antireligiösen Ueberzeugungen sowie alle ihre mit dem Zionismus nicht direkt im Widerspruche stehenden Anschauungen nicht über Bord werfen, sondern beim Einzug in unser Lager mitnehmen. Der Zionismus wird dann noch mehr konfessionelle Abstufungen als heute enthalten und alle verschiedenen Fraktionen werden, und mit Recht, die Schonung ihrer Ueberzeugungen verlangen. Wie würde das aber möglich sein, wenn der Zionismus nach einer Seite hin herausfordernd Stellung nimmt? Der Zionismus muß hoch über allen internen Streitfragen stehen. Speziell aber religiöse Fragen sollen von offiziell-zionistischer Seite — weil „feuergefährlich“ — lieber garnicht, zumindest mit größter Vorsicht behandelt werden. Die persönliche Ueberzeugung des Herrn Adolf Böhm in allen Ehren, aber Aeußerungen wie die im Artikel „Zionistisches Reformjudentum“, aus der Feder des Präsidenten einerbedeutenden zionistischen Organisation, welcher ohne Zweifel auch viele Andersdenkende angehören, können viel schaden und sollte nicht zur öffentlichen Diskussion gestellt werden. Kleines Feuilleton. In jüdischen Land.*) Von S. J. I m b e r. Afile die Liebe is andersch, Die Liebe in heiligen Land! Oj, Mädele zi noch gedenkstü? Mir senen geseßen beinand. Mir hoben geschmießt vün der Altzeit — Host .all' ihre Helden gewüßt. Mir hoben gered't vün der Zukunft — Es blüht schojn ihr Pracht in Dein Brüst. Wen ch’ hob Dich geküscht in die Ojgen, A Trejr is geworen dort wach: „Wus sugstü das Wort vün der Liebe Mir nischt in der heiliger Sprach!“ •■-*) Aus der jüngst unter diesem Titel im Verlage „Kadirrrah“ erschienenen Sammlung, Lemberg 1912 .Preis 1 K. Vorstehendes transkribiertes Gedicht möge Zeugnis für das Talent •des jungen .aus Galizien stammenden Dichters ablegen. * * ■- * i*3*» --- - ' Begriff und Programm einer jüdischen Nationalliteratur. Unter diesem etwas schwerfälligen Titel ist im „Jüdischen Verlag“ (Sammlung: Die Jüdische Gemeinschaft) soeben eine kleine Broschüre von Moritz Goldstein erschienen, jenes Schriftstellers, welche die aufsehenerregende „Kunst- \vart“-Debatte eingeleitet hate. Hat er in dieser ein bischen zu einseitig die Bedeutung der Juden für die deutsche Kunst übertrieben, so tut in seiner Broschüre gerade das Maßhalten im Urteil wohl. Daraus, daß Goldstein im Kampf nach außen, in der Kunstwart-Debatte, seinen Judenstolz noch überhöht hat, während er sich dort, wo er zu seinen Genossen spricht, sich von jeder chauvinistischen Auffassung freihält, zeigt, daß er ein Charakter ist. Mit desto mehr Aufmerksamkeit liest man seihe Broschüre, die mutig und originell ist. Goldstein untersucht, was unter einer jüdischen Nationalliteratur zu verstehen sei. Er meint, daß eine solche in hebräischer Sprache nur in beschränktem Maße möglich sei, da_diese nur wenigen Juden Muttersprache ist untTtin ihrer Entwicklung dadurch beschränkt sei, daß in ihr nur religiöse Werke überliefert wären. Dem Jüdisch-Deutschen, das eher eine Volkssprache ist, haftet zu sehr der Ghetto-Charakter an, als daß es „der Herold ' unseres wieder erwachten Nationalwillens“ sein kann. Die jüdische Nationalliteratur werde daher nur in der Sprache, die unsere Muttersprache ist, erstehen Besserung der Lage in Saloniki. Es scheint zweifellos, daß die energische, vom Hilfsverein der Deutschen Juden eingeleitete Protestbewegung gegen die unmenschliche Behandlung der Saiotnker Juden seitens der hellenischen Sieger endlich ihre Früchte getragen hat. Die Nachrichten aus der schwer geprüften Stadt stimmen darüber überein, daß die Haltung der herrschenden Kreise des Griechentums in Saloniki wenigstens alles mögliche versucht, um die Juden zu beruhigen. Den vielen Audienzen, zu denen der Großrabbiner Jakob Meir eingeladen wurde, und den vielen offiziellen Besuchen, die man ihm abstattete, um ihm alles Denkbare zu versprechen, ist eine neue Audienz gefolgt, zu der ihn der Kronpriz Konstantin dieser l äge eingeladen hatte. Es spielte sich die bereits stereotyp gewordene Szene ab. Der Kronprinz versicherte den Rabbiner des allerhöchsten Wohlwollens gegenüber dem jüdischen Elemente und bat ihn, sich jederzeit mit etwelchen Beschwerden vertrauensvoll an ihn zu wenden, sei es schriftlich oder durch persönliche Rücksprache. Auch die griechische Presse Salonikis hat autgehört, gegen die Juden zu hetzen, und schreibt nun lür Eintracht zwischen den beiden Elementen. Gleichwohl ist die Lage weit davon entfernt, normal genannt werden zu können. Die Diebstähle und Räubereien nehmen immer noch ihren Fortgang, wenn auch nicht mehr in dem früheren Umfange. Wenn die Behörden es wirklich ernst mit ihren Freundschaftsversicherungeu meinten, so würden sie vor allem anderen für eine energische Bestrafung der Schuldigen sorgen. Davon kann aber leider immer noch keine Rede sein. Uebrigens steht in schreiendem Gegensatz zu den Schmeicheleien, mit denen man jetzt die Juden von Saloniki umgibt, die Meldung des „Jeune Turc“, derzufolge kürzlich eine Reihe jüdischer Notabein von Saloniki verhaftet und nach Athen transportiert sein soll. Nach ihrer Entfernung veranstaltete man in ihren Wohnungen Hausdurchsuchungen, die natürlich keinerlei belastendes Material für die vollkommen Unschuldigen zutage fördern konnten. Man will offenbar durchaus ein jüdisches Komplott gegen Griechenland in Saloniki konstruieren. Die jüdische Zeitung „Ei lndependant“, der man die Aufdeckung aller der griechischen Greuel in Saloniki verdankt, war durch die Zensur suspendiert worden, ist aber alsdann wieder freigegeben worden. * * * Das Emigranten-EIend in Saloniki. Die Stadt Saloniki hat nicht nur am schwersten am Joche der Eroberer zu tragen, auch das Elend der Kriegsflüchtlinge ist dort größer als sonstwo in einer der Städte des Balkans. Den Pressemeldungen zufolge befinden siel» dort unter im ganzen vielleicht 50.000 Emigranten mehr als bÜO jüdische Familien, das heißt über oüüü Seelen, ebensoviele also als in Konstantinopel. Sie stammen zumeist aus Istip und Strumsa, aber auch aus einer Reihe anderer mazedonischer Ortschaften. Sie sind sämtlich in der „Talmud Torah“ der Gemeinde unicrgebi acht, der bekannten großen, 1500 Kinder zählenden, hebräisch-türkischen Musterschule. Ihren Unterhalt besorgt eine Kommission, die sich aus Delegierten der verschiedenen jüdischen Klubs Salonikis zusammensetzt. können. Nachdem aber Werke z. B. in deutscher Sprache dem Einfluß des deutschen Schrifttums unterliegen, erhebt sich das Problem, ob Juden als deutsche Dichter die Sache des nationalen Judentums fördern können?. Goldstein bejaht diese Frage mit gewissen Einschränkungen. Sicher werden sie nicht so zum jüdischen Volke reden können, wie ein Dickens zum englischen, trotzdem können sie die Volkssache durch ihr Dichten fördern. Goldstein gibt nun eine Darstellung, wie dies seiner Ansicht nach möglich sei. Formal mußte zur Gründung einer Zeitschrift als Sammelorgan geschritten werden — eine Idee, die wir öfters schon selbst propagiert haben. Die deutschen produktiven Juden sollen sich um diese Fahne zusammenschließen, nicht bloß die Zionisten. Und hier sagt Goldstein das richtige Wort: Weder daß wir f ü r Juden, noch daß wir über Juden schreiben, ist nötig, sondern daß wir es als Juden tun! Das ist vollständig richtig. Nicht auf den Stoff, sondern auf die Art, wie er behandelt, wie die Welt gesehen.wird, kommt es an. Diese Art ist bei uns jüdisch. Und eine Zusammenstellung des Schaffens der produktiven Juden wird von selbst erkennen, und hervorgehen lassen, was jüdische Art ist. Goldstein verwirft natürlich den schriftstellerischen Dilettantismus, der sich unter den Juden entsetzlich breit macht und gibt als Inhalt des Sirebens an : Die Aufrichtung eines neuen Lebensideals. Goldstein sagt, um dieses Ziel zu erreichen, muß „das Judentum wieder als Stoff