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Jüdische Zeitung · 1912-12-20 · 50 (20.12.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
50 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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jÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nr. 5Ö erhaltung der reli giö sen Gemeinschaft. Ich meine nicht den Abfall Einzelner oder Vieler, welche dem Bestand des religiösen Judentums gefährlich werden kann — wo dieser in Masse auf tritt, im Westen, gibt es ja ohnehin schon kein religiöses Judentum im wahren Sinne mehr, sondern auch im Osten, auch In Rußland, trotz Ansiedlungsrayon, gibt es keine jüdische Gemeinschaft mehr, weder im alten Sinne, noch in jenem des Ghetto. Selbst in Städten, wo die Juden die -Majorität haben, ist dies nicht der Fall. Denn während sie noch im Ghetto alle ihre Beziehungen auf Grund ihrer Religion regeln konnten, nach der die Rabbiner auch rechtliche, kommerzielle u. a. Entscheidungen trafen, sie ferner ganz unter sich (waren und die Beziehungen zu den „Wirtsvölkern“ quasi nur unter den Begriff' „Auswärtiges“ fiel, sind sie heute natürlich auch dort, wo sie größere Massen bilden, nur Glieder eines Staats- und Rechtskörpers, der nicht jüdisch ist, und nur in Reiigionsübung und gesellschaftlichen Verkehr sind sie unter sich. Die Religionsübung, das Judentum als „Konfession“ ist aber nicht das ganze „große“ wahre Judentum, das ohne die religiössoziale Idee der ■ theokratischen Gemeinschaftslebens, das alle Lebensbeziehungen umfaßt, ein Torso ist. Der große Irrtum, daß Kultfreiheit genüge, um das wahre Judentum in Erscheinung zu bringen und zu erhalten, ist es, der "die religiösen Massen des Ostens nicht“ sehen läßt, wo die Gefahr liegt. Er ist schuld daran, daß sie meinen, das wahre Judentum zu leben, indeß sie sich durch die (äußeren Verhältnisse immer mehr davon entfernen. In Paranthese möchte ich sagen, daß hier - vielleicht ein noch übersehener Grund zur Flucht aus dem Judentum liegt: Weil dieses heute nirgends in seiner großen Form vorhanden ist, imponiert es den Juden nicht mehr, zeigt es keine Festhaltungskraft. Hier hätte der Zionismus einzusetzen: Nur die Wiederherstellung einer jüdischen Gemeinschaft, die in weitestem Sinne autonom ist, kann das Judentum in seiner sozialen Gestalt wieder in , Erscheinung bringen. Im Verbleiben unter fremden Völkern ist das trotz .aller „Kultfreiheit“ nicht möglich. Es gehört ein weites Maß von äußerer Volksfreiheit und innerer Volksautonomie dazu, um das Judentum als theokratische Gemeinschaftsidee wieder herzustellen oder, wie wir Westler uns es denken, es zu erneuern.' Nur dieser Gedanke, in der richtigen Form, kann es meiner Ansicht nach sein, der die wahrhaft religiösen Massen zum Zionismus führen. kann, natürlich nur, wenn es in der richtigen Form von der richtigen Persönlichkeit ausgesprochen wird. Bloße i „Propaganda“ nützt da gar nichts. : ' 1' Wenn -wir aber glaubten, daß wir durch das, was ich zionistisches Reformjudentum nenne, mit der" trotz allem doch geschlossenen und höheren jüdischen Lebensform konkurrieren können, dann ist das ein schwerer Irrtum. Dieses Reformjudentum muß den Massen ja als ein dem ihren gegenüber minderwertiges erscheinen, kaum besser als das liberale, und jedenfalls auch wie dieses, als zerstörend wirkend. Trotz der „nationalen“ Färbung. Denn nochmals: Aus dem religiösen Judentum läßt sich weder Nation noch Religion abdestillieren und wer das versucht, wird als Zerstörer empfunden. Die Gefahr, die dem Zionismus durch das zionistische Reformjudentum droht, ist mit der Aufzeigung der Tatsache, daß er die Werbekraft der Bewegung gerade bei den zwei wertvollsten und für sie wichtigsten Schichten des heutigen Judentums ganz .erheblich mindert, sie vielleicht anz aufhebt, noch nicht vollkommen umschrieen. Nicht minder groß ist 'die innere Schwächung, welche die Bewegung dadurch erfährt. Wie -sollen wir, die wir so arman Kräften sind, die Nadhwachsenden im Geist des Zionismus - erziehen, wenh dieser Geist aus unseren Gemeinschaften, Vereinen, geflohen und das Phlegma, der alte Killegeist, geblieben ist! Wie sollen wir die Distanz aufzeigen, .die uns von diesem trennt, unser Anderssein,' nicht nur Andersdenken dokumentieren! Soll sich tatsächlich der Killegeist stärker .erweisen als die revolutionierende Idee des Zionismus? Die Verteidiger unseres Reformjudentums weisen darauf hin, daß wir jn einer „Uebergangszeit“ leben, da das neue" Judentum auch nicht geschaffen ist, das alte aber, in Auflösung befindlich, mit aller Kraft erhalten werden muß. Sie vergessen aber, daß ein wahrhafter. Mensch schon jetzt und hier aufrecht leben will, daß er seine Prinzipien nicht taktischen Rücksichten unterordnen kann. Es ist aber gar nicht wahr, daß wirklich das „Nichtaufrühren“, die alte jüdische Leisetreter: Scholem, Scholem! dasjenige . ist, was das Judentumerhalten, oder gar erneuern wird. An all dem1 geht das alte Judentum, da kein lebendiger Mensch diese Heuchelei mitmachen und im- Judentum verbleiben kann, zugrunde; eine Erneuerung aber kann schon gar inicht durch Leisetreterei herbeigeführt werden. ' Durch solche, .Rücksichtnahmen“ begeben wir uns vielmehr ganz in die Hände der Eiferer aller Schattierungen und machen sie zu Richtern über uns, ob wir „jüdisch genug“ sind. oder nicht. Wenn die Konsequenz des Zionismus ist, religiös zu werden, wie ein bewährter Zionist behauptet, ja, wie wird es dann vor den Augen der Religiösen bestehen? Ist dann nicht jeder Rabbiner die kompetente Stelle, darüber zu urteilen, ob jemand ein konsequenter Zionist ist? Ein weiteres Argument, das ins Treffen geführt wird, ist jenes, daß wir Zionisten aus Trotz und zur Demonstration manches tun sollen, was wir sonst nicht tun würden. So wird von Manchen der Tempelbesuch auch seitens nicht religiöser Zionisten als wünschenswert angesehen. Gewiß, eine Demonstration ist eine Sache, die hie und da von Wert sein kann. Dies kann aber nur dann der fall sein, wenn nach außenhin ganz klar und eindeutig hervorgeht, wofür und aus welchen Gründen man demonstriert. Bei denjenigen Schritten aber, um die es sich im zionistischen Reformjudentum handelt, ist das meist gar . nicht der Fall. Das Mitmachen von Zeremonien u. dgl. seitens irrreligiöser Zionisten z. B. wird von allen nichtzionistischen Lagern gar nicht so aufgefaßt, wie es gemeint ist, sondern pian sieht darin nur eine Kapitulation, eine Rückkehr zu Formen, die der Demonstrierende überwunden hat :und schließlich nimmt man es als eine Verpflichtung. Nicht Klarheit wird geschaffen, sondern Unklarheit, was direkt dem Sinn .einer Demonstration widerstrebt. Und schließlich ist das Demonstrieren etwas, das man nur ein oder das anderemal, und nur in markanten, dazu herausfordernden Gelegenheiten tun soll, wenn aber fortwährend und bei allen Anlässen demonstriert wird, so verdirbt das schließlich den Charakter, nimmt den Sinn für Distanz und schleift den prinzipiellen Widerstand ab. Wenn demgegenüber behauptet wird, daß das meiste, was vom zionistischen Reformjudentum rezipiert wird, durch eine neue, nationale Interpretation seinen Sinn völlig verändert, so ist das in den meisten Fällen eine schwere Täuschung. Ein Beispiel hiefür: Die immer mehr sich ausbreitenden zionistischen Purimfeiem. Ich verstehe noch immer nicht recht, wie man der Estherlegende ei..e.i zionistischen Sinn unterlegen kann. Sie ist das ijinzionistischeste was sich denken läßt! Die Freude über die Gnade des fremden Herrschers, tie erwirkt wird durch die Bitten einer schönen Frau, und über den Untergang des antisemitischen Bösewichts, das ist echter Ghettogeist, der sich ins zionistische trotz alles ehrlichen Bemühens nicht umdeuten läßt. Ich will nicht ungerecht sein, und noch-' mals betonen, daß ich die Entstehung des zionistischen Reformjudentums; nur zu erklärlich finde.' Sich eine zionistische Lebensform1 zu schaffen, ist dem1 Zionisten innere /Notwendigkeit, und er versucht es daher immer wieder ohne sich der Selbsttäuschungen bewußt zu. werden, in die er dabei gerät. Die Unmöglichkeit, eine neujüdische Lebensform zu schaffen, ist eine Golustragik, unter der jeder wahrhafte Zionist schwer zu leiden hat. Wer aber so Großes anstrebt, wie die Verwirklichung der zionistischen Idee, der muß die Kraft haben, diese Tragik zu ertragen. Kann;er das nicht, so wird er durch Schaffung eines zionistischen Reformjudentums der Idee unheilbaren Schaden zufügen, trotzdem er von den besten Absichten geleitet sein mag, die von Herzl verlangte und von ihm selbst als Herzensbedürfnis empfundene „Rückkehr zürn Judentum“ damit zu vollziehen. Er befindet sich damit in einer schweren Täuschung. Wahre Rückkehr zum Judentum im Geiste des Zionismus ist keinerlei Rezeption irgend welches'Stück der Tradition, sondern ein Zurückgehen auf den Genius der jüdischen Rasse, der Glaube an (dessen ungebrochene Kraft und der Wille, ihm freie Bahn zu neuer schöpferischer Offenbarung zu erringen. Welchen Grundcharakter diese haben soll und wird, darüber sind die Ideen verschieden. Der eine wird an die Wiederherstellung des theokratischen Gemeinschaftslebens mit dem Endziel der Aufrichtung des verheißenen Gottesreiches denken, der andere auf eine Erfüllung des modernen Sozialismus, der dritte auf eine neue jüdische-Religionsbewegung, ein vierter auf das Entstehen des von Ibsen prophezeiten dritten Reiches usw. Nur dadurch, daß jeder einzelne für die Durchsetzung seines Ideals im Zionismus strebt und kämpft, ist eine Erneuerung des Judentums möglich. Im Momente aber, wo der Zionismus dem Kämpfer Fesseln auflegen will, z. B. dem, der eine Erneuerung nur für möglich hält, wenn mit der Tradition vollkommen gebrochen wird, damit neue Worte auf neue Tafeln geschrieben werden können, zwingt, in irgend einem Punkte zur Tradition zurückzukehren, wegen des Phiüsterprinzips des „Rücksichtnehmens“ und der „Uebergangszeit“, dann ist es aus mit der Möglichkeit, die Ungeheuern Kräfte, die eine Wiedergeburt des jüdischen Geistes" bewirken können, im Judentume zu erwecken. Gesinnungsgenossen! Verkehret nur in jenen Lokalen, in denen die „Jüdische Zeitung" aufliegt! HeifinaAten, die intetftonfessioiielte SAule und die Judenfcmder. Alle Wiener Tagesblätter, obenan die sogenannte Judenpresse, sind voll von Aufrufen zu Weihnachtsspenden für unsere Grenztruppen. Rührend sind die Schilderungen der beschenkten Soldaten, die sich unter den Christbäumen freuen werden! Vergessen wird dabei nur die Kleinigkeit, daß es auch jüdische und mohamedänische Soldaten gibt, die entweder am Weihnachtsfest gegen ihre religiöse Ueberzeugung teilnehmen oder aber durch die Finger schauen müssen. Aber der patriotische Weihnachtsrummel ist so großzügig inszeniert, daß -selbst gute Juden irre werden, ob sie wirklich die Grenzweihnachtsbäume mitschmücken müssen. So geht es uns Großen. 'Wie verwirrend muß aber ersf der Zwang .unter die Bräuche der christlichen Religion in der Volksschule von unseren Kleinen, den jüdischen Schulkindern empfunden werden. Und zu keiner Zeit mehr als jetzt um Weihnachten! Meine kleine Schwägerin hat mir jüngst erzählt, daß die Lehrerin in ihrer Klasse alle Kinder aufstehen und „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen hieß. Als einige Jüdinnen stumm blieben, rügte die Lehrerin das, sie könne zwar niemanden zwingen, aber sie sehe nichts dran, wenn auch die Jüdinnen mitsingen. Nun hatte die Klasse .obendrein eine Hausarbeit bekommen. „Meine Vorbereitungen für das Weihnachtsfest.“ Sie wisse nicht, klagte die Kleine, was zu schreiben, jch solle sie — mit Hilfe ihres Lesebuches — beraten. Das machte mich neugierig, ich blätterte im behördlich genehmigten „Deutschen " Lesebuch, fünfte unveränderte Auflage“ und fand Aufklärung, mehr als mir lieb war. Schon im zweiten Lesestück „Das Vaterhaus“ wird als dessen höchster Segen geschildert : , Das Weihnachtsbäumlein voller Schöne, Den Osterhas, den Nikolaus, — Und all die lauten Freudentöne — Dies alles birgt das Vaterhaus.“ — Warum nicht das meine, wird das benachteiligte jüdische Kind murren! Nicht weit darauf folgt das Lesestück 13: „Des fremden Kindes heil’ger Christ“, ein Gedicht Rückerts, das in 18 langen Absätzen von dem fremden Kinde erzählt, das am Weihnachtsabend verlassen durch die Straßen deit Stadt irrt und voll Sehnsucht in die hellerleuchteten Zimmer sieht; das Kindlein weint und spricht: „Ein jedes Kind hat heute — ein Bäumchen und ein. Licht — und hat dran seine Freude — nur bloß ich armes nicht!“ — Niemand läßt es ein. Auf das Gebet des Kindes kommt da» liebe Christkind persönlich und rüstet dem Verlassenen im Himmel einen herrlichen Christbaum. — Wie verlassen muß sich da auch jedes unbeschenkte Judenkind Vorkommen und wie muß es des Christkinds Gnade auch für sich ersehnen! Aber der Christbaumwird überdies als patriotische Einrichtung tradiert. Das besorgt Lesestück 14 „Der erste Christbaum in Wien.“ Dieser sei in Erinnerung eines alten deutschen Brauches von niemandem Geringeren als der Erzherzogin Henriette, der Gemahlin des Siegers von Aspern für ihr Söhnchen, den Prinzen .Albrecht, 1820 gepflanzt worden. „Ihr edles Beispiel fand freudige Nachahmung. Heute gibt es nur wenige Häuser in Wien, in denen am Weihnachtsabend das zierliche Bäumchen fehlt! Leuchtend weist der Christbaum zum Himmel und seine beladenen Zweige lehren die Kinder, daß der Heiland als Segenspender zur Welt gekommen ist.“ Wem der Zusammenhang zwischen Christentum und Patriotismus noch zu wenig klar ist, dem hilft Lesestück 36 „Eine Ausstellung im Schulzimmer“. Der Lehrer erklärt da den Kindern, daß das Schulzimmer selbst viele sehenswerte Gegenstände einschließe: „Erinnert Euch zum Schlüsse, wohin Ihr blickt,, wenn Ihr die Volkshymne singt und wohin Eure Augen sich wenden, wenn Ihr betet! Da ihabt Ihr wieder zwei Ausstellungsstücke: Das Kaiserbild und das Christusbild. Künstler und Handwerker haben sich zusammengetan, um die Bilder tso herzustellen, daß sie Euere Augen erfreuen und Euere Sinne erheben.“

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