Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 50 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite .2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 50 wären. Aber - dieselben, die so sprechen, sagen auf der anderen Seife, -.daß der Zionismus' dit Anwendung modernster' Kulturideen auf die Juden, oder, wie" es Kurt Blumenfeld ausdrückt, ein Kulturgesdienk Europas an die Juden ist. Tatsächlich sehen wir auch, daß kulturell vollkommen „assimilierte“ Juden, z B. deutsche Dichter,, wie ein Schnitzler,’ Wassermann u. a. zionistisch empfinden, während gerade unsere heftigsten Gegner,'die Orthodoxen und das Gros der Kulturjuden,, kulturell am wenigsten -assimiliert'-sind. Die „Assimilation“ im gebräuchlichen, Sinne genommen ist daher gar kein Erklärungsgrund für das Verhalten zum Zionismus. Speziell gilt dies für die erwähnte Schicht westlicher Kulturjuden. Wenn man aber die Assimilation richtig. auffaßt und nicht die im zionistischen Lager schon unausrottbare Begriffsverwirrungin Bezug auf sie weiterschleppt, wenn man als ^Assimilation nicht ansieht das Sprechen in fremder nichtjüdischer Sprache, das Aufnehmen nichtjüdischer Kulturerzeugnisse, sondern die innere Rezeption gewisser moderner Kulturideen, welche außerhalb des Judentums entstanden, also tatsächlich nichtjüdisch 'sind, so ist es Tatsache, daß der Zionismus ein Pro-1 dukt dieser Assimilation ist, indem er die modernen Kulturideen, namentlich jene der per-, sönlichen Würde des Menschen und die der Volksfreiheit auf das Judentum anwendet. Er müßte daher gerade auf die erwähnte Schicht sehr stark wirken. Diese Wirkung i s t vorhanden, wie an zahlreichen Beispielen in Vergangenheit und Gegenwart gezeigt werden kann. Wenn sie aber nicht mehr in die Breite.geht, so ist daran die Verflachung der Idee durch die Bildung eines zionistischen Reformjudentums schuld. Da§ kann nicht wundernehmen! Für den modernen Kulturmenschen ist es das höchst erstrebenswerteste Ziel, sich zu einer Persönlichkeit auszureifen, .die innere Autonomie zu erringen. ' So wie es die führenden Geister, vor allem Goethe, Ibsen und Nietzsche als Ideal aufgestellt haben: Sei Du selbst in allen Lebensbeziehungen!, trachtet der moderne Mensdh all seine Beziehungen und noch mehr seine Handlungen in innerer Freiheit und Wahrhaftigkeit-zu regieren, nicht nach Tradition, Gewohnheit etc., sondern nach ureigenst errungenem Standpunkt. Wenn solche Menschen Tradition und Religion ablehnen, so geschieht das eine nicht aus Mangel an historischem Sinn und das andere nicht aus seichter Irreligiosität, sondern aus prometheischem Trotz und aus 'dem Bestreben, sich Verhältnis, Distanz zu den Din- ' gen und selbst auch den Glauben im eigenen Ringen’ztf erwerben. < Ist ein so gearteter Mensch Jude, so muß die Disposition zum Zionismus vorhanden sein,' denn für den Juden gibt es außerhalb des Zionismus keine persönliche Würde und keine wahre innere Unabhängigkeit. Tritt ihm aber der Zionismus in Gestalt des skizzierten Reformjudentum's entgegen, so muß er ihn notgedrungen abstoßen. Denn er sieht in diesem all das wieder aufleben, was ihn vom Judentum weggetrieben hat: Den Zwang der Kehilla und „die Undifferenzierthei1: der Menge. Diese beiden Erscheinungen im Judentum sind -historisch durch das enge Aneinanderrücken im Ghetto zur Abwehr der gemeinsamen Gefahr und durch den Charakter der Religion zu erklären, welche dem Individuum und seiner. Entwicklung wenig . Bedeutung beimißt, sondern das Göttliche als das einzig wichtige ansieht. Sie müssen aber heute als Kuiturlosigkeit empfunden werden. Ebenso wie bei Oeffnung der Ghetti die Flucht, aus dem Judentum nichts anderes war, als die Flucht vor dem unerträglichen Zwang .und der Undifferenziertheit der Masse, die keine individuelle Entwicklung in einer anderen Richtung, als jener der jüdischen Tugenden — Weisheit, Frömmigkeit, Gerechtigkeit — zuließen, ’ so ' ist heute der Horror vor allem Jüdischen, der bei vielen modernen Kulturjuden vorhanden is+, auch nur die Scheu vor diesem Zwang, dieser Undifferenziertheit mit ihrem Mangel an Distanz und Respekt der Individuen vor einander, die dem nach Persönlichkeitskultur Ringenden unerträglich sind. Tritt" ihm der Zionismus wieder ■ nur in solcher Verkörperung entgegen, daß er in ihm eine Rückkehr zu jenem Judentum sehen muß, aus dem er geflohen ist, dann ist er niemals mehr zu gewinnen. Das zionistische Reformjudentum nimmt aber solche Formen an. Verketzert wird, wer nicht aus „taktischen Rücksichten“ dies oder jenes „Jüdische“ mitmach*, wobei ijim ein Recht auf eine prinzipielle Haltung nur ungern zugestanden wird, wer ferner die Schönung der religiösen Gefühle nicht so weit treibt, daß er förmlich. Komödie spielt’ (man tiriuß. i. B. den Sabbat nicht halten, aber wenn man .Samstag abends einen Vortrag hält. daff man7 beileibe nicht merken lassen, daß man":- Samstag zum " Vortragsort gefahren ist, und .was dergleichen Unaufrichtigkeiten mehr sind). Und hat das zio- ' nistische Refprmjudenjumin seinem Habitus 'eine große Aehnlichkeit mit dem ländläufigen Judentum, von dem es sich nur „ durch, eine andere Auffassung unterscheidet, so zeigen die Anhänger dieses Reformjüdentums dem, Zionisten, der sich dagegen auflehnt, eine Unduldsamkeit; -die eine verzweifelte Aehnlichkeit mit deni alten Killegeist des Zwanges und der Gleichmacherei hat. So tritt dem modernen Kulturjuden tatsächlich all das, wovor er geflohen ist, im. zionistischen Reformjudentum wieder gegenüber, und zwar in. äußerlich unveränderter Form. Kein Zweifel, daß er den Zionismus nicht als einen Ümgestalter des Judentums ansehen kann; und während ihm die' reine Idee eine. Erlösung hätte bedeuten können, erweckt das zionistische Reformjudentum. in ihm dieselben Abwehrgefühle, wie früher die Kille.’ Hier könnte nur Besserung geschaffen werden, wenn die Zionisten, anstatt kritik- und distanzlos zu versuchen, möglichst : viel „jüdi-, disches“ mit vermeintlich neuer — der nationalen — Auslegung, in den Zionismus hineinzutragen,; . wodurch eben jenes zionistische Reformjudentum geschaffen wird, imstande wären, sich mehr mit dem wahren Geist des Z;onismus, der auf eine' Erneuerung abzielt, zu erfüllen. Dann würden sie statt ins Killgjudentum zurückzusinken, sich die Kulturideen der Jetztzeit zu eigen machen und gleichzeitig in, das Wesen des jüdischen Geistes, wie er sich in der jüdischen Entwicklung offenbart, einzudringen versuchen. Nur durch eine große Synthese beider Elemente ist ein neues Judentum zu schaffen' Stößt das zionistische Reformjudentum die wertvolle Schicht moderner Kulturjuden ab, so ist die Hoffnung vieler Zionisten, daß die bis zur bedingungslosen Unterwerfung gehende Rücksichtnahme auf die.- Tradition unddie im „nationalen“ Sinne erfolgende Rezeption der Religion (— „ich bcfiaure, daß ich aus meinem Zionismus nicht die volle Konseauenz ziehen und gänzlich religiös werden kann“, sagte kürzlich bei Beratung einer wichtigen prinzipiellen Frage einer der leitenden Wiener Zionisten —) dazu führen -würde, daß die Massen im Osten dem Zionismus geneigter machen würde, ein vollkommener Trugschluß. Schon bisher. war. in keinem Punkte die Täuschung in unserem jLäger . so groß, wie in Bezug auf das Verhältnis des Zionismus zum \ historischen judentum. Obzwar die Verhältnis-' mäßige Geringfügigkeit der Erfolge, die unsere Bewegung unter den Massen des Ostens erzielt. Hoch da-üher belehren müßte, daß all’ unse-c schönen Theorien nicht stimmen, hält man an it>n"n fes+. Das Credo lau+et: Nirgends „ist das Gefühl, daß wir im ,-Go'us“ sind und daß Z;on unsere wahre Heimat bedeutet, so stark, wie in den religiösen Massen. Der Zionismus muß daher bei diesen wie eine Erlösung wirken, •ihnen als die Konseouenz ihrer Zionsehnsucht und messianischen Hoffnungen erscheinen, um so mehr, als die iüdjsche- Re'mion einen durchaus nationalen Charakter habe, indem sie von-dem einen einzigen auserwählten Volke und seinen Schicksalen nicht zu* trennen sei. Wenn trotzdem der Zionismus auf die Massen nicht allzu stärk wirkte, so wird dies damit erklärt, daß diese schon ein ideal, das religiöse, haben und ein anderes nicht bsauchen. Diese Erklärung kann. nicht ausreichen, da ja zweifellos durch den Zionismus die große religiöse und nationale. Sehnsucht der Massen nach Rückkehr nach Zion’ gestillt werden könnte. Tatsächlich gehen auch alle diese Anschauungen und Erklärungen nicht in die Tiefe. Klarheit ist nur zu gewinnen, wenn der wahre Charakter des religiösen Nationalismus der Juden, oder besser gesagt, das Wesen der einzigartigen -Verbindung von Nation" und Religion im Judentum erkannt wird. Ein Nationalismus im modernen, also auch zionistischen Sinne, ist im religiösen Judentum nicht zu finden. Der moderne Nationalismus ist gegründet auf: dem Gedanken der Volksfreiheit als erweiterten Individualfreiheit, der Volksautonomie "und der Volkssouveränität. Es ist kein Zufall, daß der demokratische Gedanke, der im modernen Nationalismus steckt, gerade aut die Fanatiker der Irreligiosität, die französischen Enzyklopädisten, zurüdkgeht. Um den Menschen und das Volk frei, autonom und souverän zu machen, ■ mußte nicht nur das Herrschäftsrecht der absoluten Monarchen; sondern auch dasjenige göttlicher Mächte geleugnet werden. Der moderne demokratische! Nationalismus .•gründet sich -nur auf die irdischen Beziehungen i’deT Menschen zueinander: ' Die jüdisch-religiöse Demokratie ist hingegen etwas hievon Wesenverschiedenes, sie ist Gleichheit " der Menschen vor dem göttlichen Herrsche*-, ja sogar die •gleiche Knechtschaft vor ihm, er, nicht das Volk, ist spuverain, und. das nationale Gemeinschaftsleben-':/häf .nicht Volksfreiheit* und .Volksautonomie: zum Zwecke, sondern es ist da, damit sich iji ihm das Göttliche offenbare. . Gewiß offenbart es sich in Herstellung von Frieden, Gerechtigkeit," Gleichheit usw., aber-all das ist nur Ausfluß des Göttlichen, und geschieht zu seiner Verherrlichung und durch seine Gnade. Auch der Gedanke der äußeren Volksfreiheit, der Unabhängigkeit der Nation im modernen Sinne liegt nicht im Geiste dieser religiösen Gemeinschaftsidee. Diese Behauptung mag auf den ersten Blick" sonderbar erscheinen. Dagegen spricht zunächst die Hartnäckigkeit des Widerstandes der Juden gegen syrische, römische etc. Herrschaft. Aber all jene- Aufstände hatten die Herstellung der Kultfreiheit zum Anlaß Hnd so weit die volkliche Unabhängigkeit Ziel war, so war sie nicht Selbstzweck, sondern Mittel' zu - diesem Zweck. Der Auszug aus dem Exil unter Esra und Nehemia hatte gleichfalls die Herstellung des echten religiösen Judentums zum Ziel und die Gesetze gegen Vermischung waren zur Erhaltung des „Volkes von Priestern“ bestimmt. Die Zionsehrisucht, das Golusbewußtsein etc., das sind, wie schon erwähnt, religiöse Gefühle: Das verheißene Gottesreich auf Erden, das nur in Zion entstehen kann, wird damit erhoff', und nicht die nationale'Unabhängigkeit auf dem Boden Palästinas. Der Zweck der zähen Volkserhaltung durch die Jahrhunderte war daher kein im modernen Sinn nationaler, die Bewahrung der Volksexistenz nicht Selbstzweck, ■ sondern die jüdische Gottesidee sollte durch Erhaltung des als ihr Träger . auserwählten Volkes aus allen Stürmen gerettet werden. Die Verbindung dieses Nationalismus mit dem religiösen Gedanken ist eine unauflösbare. Ebenso verkehrt und aussichtslos es ist, ein bloß religiöses' Judentum zu konstruieren, wie es Orthodoxe und Reformer tun, ein Judentum als Konfession, ebensowenig kann aus der altreligiösen Gemeinschaftsidee der nationale Gedanke abgelöst und mit dem modernen Zionismus identifiziert werden. Dieser ist eine völlig .neue und "eigene Idee, die aus dem alten Judentum nichts ablöst, mit ihm weder identisch noch ihm feindlich ist. Die Tragik des religiösen Judentums, die seinen Trägern gär nicht bewußt ist, scheint nur diese zu sein: War irri Ghetto hoch ein Leben in. sozial-religiöser Gemeinschaft möglich, so genügt seit seiner -Aufhebung zu ihrer Erhaltung die bloße „K u 11 u r f r e ih e i t“ nicht! Um-diese, nicht um die Volksfreiheit; ging (las Sehnen des Volkes;; besaß es (sie — und das war ja auch im: Ghetto der. Fall —„so nahm cs alle Demütigung, Unterdrückung, etc. in den Kauf. Aber heute genügt die-Kulturfreiheit nicht mehr zur Aufrecht- 4e»<OMe»<ö>4»<e»<öMö»<o»[g<e> Ein; Schwarzer nach Tisch macht munter und frisch! Die Untersuchungen von Professor Hollingworth haben erwiesen, weshalb es so ist. "Wenn Sie Sich dafür interessieren, wie man der Ermüdung nach den Mahlzeiten entgeht, so lesen Sie die kleine Broschüre: ."Winke für Feinschmecker'* . Gratis erhältlich in allen Geschäften der Firma JULIUS MEINL Gegr. 1862. 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