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Jüdische Zeitung · 1912-12-20 · 50 (20.12.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
50 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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■ ■ nuNG & . * ' » "o’f-'njrcV — Redaktion. Administration und fnsenf ennof-abm;- Wien. II, Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden B _ i! V'>- m <2 Uhv^mittags und I—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurOck gesteht. — Abonnementsprei« •: Für Oester- _ retrh-»’n-Mrn: Ganzjähr. K 10.-. halbjähr. K 5.—. Vierteljahr. K .1.—. Fflr Deutschland: Ganzjähr. Mk. »ft.—, halbier. Mit. 5 vierfeliähr ■ B Mk. 3.—. Für das iihn ’e Ausland: Gnnziähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 2ft h. Postsparkassenkonto 133.404. Tel len 22.075. ■ Nr. 50. Wien, Freitag, den 20. Dezember 1912 VT. Jahrgang Oestepreirtiifdie Kernfragen und die luden. Die durch den Balkankrieo erfolgte- Aüfrollir-y der orientalischen Frage berührt'Oc'erreich infolge seiner geographisch^’’ Lage, seiner ethnischen Zuiammerseizu~g sowie seiner wirtschaftlichen1 Interesse’ mehr als die übrigen Großmächte. Frst die Balkankrise und der; ös t e r r c i ch isch - s er bisch e Konflikt haben den Massen den engen Zusamme ha 'g zwischen, dem OesterreirhiscV”- und dem Balkarproblem zum Bewußtsein gebracht, der insbesondere, seit Oesterreich durch die Annexion von Bosnien und Herzegowina das größte südslawische Staatswesen und die stärkste BalkänmaCht wurde, besteht. Und in der Tat ist die südslawische Frage heute die brennendste Reichsfrage geworden; von 'ihrer glücklichen Lösung harqft nicht nur d|^ Zukunft Oesterreichs am Balkan, sonderiÄauch seine politische, wie wirtschaftliche^Gesu”düng ab: ^Die österreichischen 1 Nation aliuden, welche! und Stärkung des Völkerstaätes Oesterreich wollen, erstreben zu diesem Zwecke die nationale Autonomie, die allein im Stande ist, die südslawische Frage, wie alle übrigen nationalen Fragen der Monarchie zu lösen. Durch die iürgste slowenischkroatische Obstruktion, — die in letzter Linie ein Kampf gegen die dualistische Verfassung und das magyarische Gewaltregime in Kroatien ist, — wird aber die Frage einer national-autonomistischen Reichsverfa'sungsreyision um so akuter, als nur diese den Slowenen, Kroaten und Serben innerhalb Oesterreichs die freie Entfaltung ihrer nationalen Individualität gewährleistet und dadurch der von Belgrad ausgehenden g r o ß s e r bi sehen Propaganda den Boden entzieht. Parallel mit der slowenisch-kFoatischen Obstruktion ist eine ruthenische in Sicht, die sich genau so gegen die Gewaltherrschaft der polnischen Oligarchie, wie jene gegen die der magyarischen richtet. Züchtet der Dualismus im Süden die großserbische Bewegung, so ebnet die polonisierende Politik der polnischen Schlachta — die infolge der faktisch bestehenden Sonderstellung Galiziens daselbst allmächtig ist — in diesem österreichischen Kronlande der — russophilen Propaganda den Weg. - Diesen Gefahren für die österreichische Monarchie, muß — wie auch immer die jetzige europäische Krise verläuft — durCh' die endliche Realisierung der nationalen Gleichberechtigung und Autonomie aller Völker des Reiches gesteuert werden. Ein deutsch - polnisch - magyarisches Bündnis unter Assistenz der j ü dis ch e n Assimilahten gegen die übrigen Völker der Monarchie, würde die Slawen des Reiches ins. Lager-Aes. Panrus Ismus treiben und die größten Gefahren sowohl für die Juden als für d.as Gesamtreich heraufbeschwören? So vielfach aber auch die Beschwerden sein mögen, welche unsere Juden haben, io dieser schweren Krise, in welcher Oesterreich heute durch die Wühlarbeit und Rüstungen von der allrussischen Kriegs partei und durch die Provokationen ihrer serbischen Hintermänner gebracht wurc|e, sind die Juden des ganzen Reiches unbedingt reichstreu. Sie erblicken in einem modernen völkerversöhnien Oesterreich nicht nur eine Schutzwehr ihreC nationalen Existenz, sondern auch den einzigen Damm gegen das Vordringen der moskowitischen B a r b a r e i \ in Europa. Aber damit Oesterreidh dies sei, muß es ein Hort der Freiheit und sozialen Gerechtigkeit sein, die nationale und konfessionelle Gleichberechtigung in allen Teilen der Monarchie verwirklichen. Ein s ö lc h es“ Oesterreich ,-’w^u!unüberwindrich sein und den ihm .gebührenden Ei ifluß auch am Balkan besitzen. K. Zionisfffifies RefopmiiMum. Von Adolf Böhm, Wien. Wie immer man die Erscheinun —:i der letzten Zeit: die Debatten um Köh'er, Sombart, Avenarius, -die erhöhte Ak’ivität a’1" jüdischen Grunper, die Organisierung der O •’hodoxen u. a. m. beurteilen nurr, zwrfellos sind sie alle im lc*z*en Gmnde Svmntome eines mächtigen Vordringens des zionistischen Gedankens. Für Juden und Nich’iuT.'n is' endlich der Zeitpunkt gekommen, wo die Idee und das Problem des Zionismus so aktueU geworden sind, daß es ein Uebersehen oder Totschweigen nicht mehr gibt, sondern -daß man 'rezwungen is», sich mit ihm irgendwie ausei”ande-zusetze'\ auf ihn zu reagieren, eventue'l zu versuchen, ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. In argem Mißverhä'tais zu dem Vordringen und zur Aktualität des zmnistischen Gedankens steht die äußerst langsame numerische Zunahme der Bewegung, namentlich der geringe Zustrom aus den Krähen der westlichen Intelligenz einerseits und der östlichen Massen andererseits. Die Erklärun” hiefiir scheint mir darin zuliegen, daß der Zionismus eine Idee, ein Wille ist, aber keine neue Lebensform darstellt, die mit anderen vo-handenen fes*en Lebensformen in Wettbewerb treten un i Menschen, die im Besi’ze von solchen sind, zum Zionismus abziehen könnte. Der Zionismus ist keine neue Lebensform, er scharft in Palästina nur die Bedingungen für eine Erneuerung des Judentums, die Form, in der, eine neue jüdische Lebensart sich entwicke'n kann, <'e-en Inhalt sich erst in'langen, sehr langen Entwicklungskämpfen und durch Einwirkung der ve schiedensten Faktoren gestalten wird.« Ich habe darauf schon in den Debatten des ach’en Kongresses hinrewiesen, doch waren damals diese D'nge noch unzeitgemäß, weil die Organisation noch innere Kämpfe durchzuführen hatte. Heute dagegen ist es sehr aktuell geworden, darauf aufmerksam zu machen, daß der Zionismus an sich keine neue Lebensform darsteüt. Denn einerseits lebt sich in die Köpfe die falsche Vorstellung ein, .daß die „jüdische Renaissance“ in Palästina schon Tatsache sei, was schließlich nicht viel Scha 'e i anrichten kann, andererseits aber versucht m in, aus mannigfachen Ingredienzien hier im OV:is eine Art zionistischer Lebensform zu scha'fcn, ein Be d^ne*», das ich für ebenso begre'fiich. als gefähr'ich halte. Begreiflich: denn der einzelne Zionist, der durch Jahrzehnte für die Idee sich einsetzt, die immer mehr der Mittelpunkt seines fnnern wird, fühlt das Bedürfnis, n'ch ihr sein ganzes Leben zu gestalten, gefährlich, weil cs lei ’er unmöglich ist, eine zionistische Lebensform im Golus zu schaffen, so daß aus solchem Bemühen eine Halbheit herauskomm’, etwas, das ich mit dem Namen „zionistisches Reform j u d e n t u m“ bezeichnen mccK'e und dem ich die Hauptschu’d daran zuschreibe, daß «*ie zionistische Bewegung so wenig Anziehungskraft ausübt. „Zionistisches Reformjudentum“, dieser harte Ausdruck muß näher motiviert werden. fch sehe das Charakteristische des von uns in seiner ganzen Halbheit und Inhaltslosigkeit erkannten liberalen Reformjudentums darin, daß nrch bestimmten vorgefaßten Prinzipien und mehr noch nach' Willkür oder Bequemlichkeit aus dem großen historischen und religiösen Judentum ein paar Brocken herausgenommen und nach dem Geschmack derer appretiert werden, auf die dieses Reformjudentum wirken soll. Wenn wir in denselben Fehler verfallen, und auf Grund des nationalen Prinzips nach und nach diese oder jene Bräuche, und Feste aus dem - Judentum - hesausiufeiöJ’f^un* sie fm' ^rtayfio*> .’e'1 G-’Ve“ .viszulegen, wein wi“ aus verrneint'ichen fak i.ehen oder a-nVorischen Rücksiih'en aus unse-c respek'vo'Ien Schonung aller religiösen un I sonstigen als jüdisch angesehenen Formen dazu übergehen, ins selbst, wenn wir irreligiös sind, ihnen anzui’ssen, so ist diese Art von ' Rückkehr zum Judentum nichts anderes a's die Schaffung eines zionistischen Reformiudentums. Durch diese vollkommen unrichtige Vers'o'f'ichung unserer großen Idee nehmen wir ihr nicht nur ihren wahren Charakter, der in einer Revo’u ionierun"-, oder — wenn man mehr zum Achad-Haamismus neigt — in einer durch Regeneration ermöglichten inneren Evolution des historischen Judentums bes'eht, aber nicht in einer oberflächlichen Anpassung an i rg e n d welche Formen desjenigen, das man heute da und dort Judentum nennt und was überdies fast ausnahmslos eine Verzerrung des wahren Judentums darstell*. Die" Gefahr liegt da-in, daß wir durch die Schaffung dieses zionistischen Reformjudentums nicht nur unserer großen Idee an und für sich ihre Werbekraft nehmen, sondern daß wir unsere Position noch mehr dadurch schwächen, daß wir, anstatt einzusehen, daß wir keine zionistische Lebensform haben, sondern nur mit der z;onis!ischen Idee vorwärts dringen können, dieses zionistische Reformjudentum mit den festen, gesch’ossenen Lebensformen dereF in Wettbewerb treten lassen, die wir für den Zionismus gewinnen sollen. Naturgemäß muß das zionistische Reformjudentuni in diesem Wettkampf unterliegen und dami' ist in der Meinung der Anderen der Zionismus unterlegen. Ich will diese Gefahr deutlicher kennzeichnen: Zwei Schichten der Judenheit sind es, die wir für den Zionismus gewinnen müssen, weil sie allein für die Erneuerung des Judentums Wert besitzen. Die eine besteht aus der nicht geringen Schar idealistischer Juden des Westens, die sich für alle möglichen Kulturideen, ethische und soziale Bewegungen opfern und die andere aus den noch wahrhaft religiösen Massen des Ostens, vornehmlich Rußlands. Was dazwischen liegt, ist meist ethisch verdorben, oder zumindest von .Materialismus, Egoismus, Geldsucht und Streberei stark angekränkelt, für uns weder zu gewinnen, noch überhaupt für den Zionismus brauchbar. Was die erste Schicht betrifft, aus der uns die größten Führer erstanden sind, namentlich ein Herzl, so wird der Grund dafür, daß der Zionismus auf sie nicht wirkt, darin gesucht, daß die ihr Angehörigen zu stark „assimiliert“

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