Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 49 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG ** Nr. 49 auf den seinen abgQstattet hat, von den von ihm für die Salonikier Juden unternommenen Schritte Mitteilung gemacht und hinzufügt, daß Spanien bei einer etwaigen Weigerung, den Protest in Betracht zu ziehen, Griechenland dazu zu: bringen wissen werde. In gleichem Sinne äußerte sich Marquis von Pat de Nantouiilet zum Redakteur der hiesigen jüdischen Zeitung „Aurore“, der von ihm empfangen wurde. Er fügte hinzu, daß das Königreich Spanien bereit sei, die gesamte Judenschaft, der Stadt Saloniki’offiziell als seine Untertanen anzuerkennen, ohne daß eine Naturalisation derselben notwendig sei. Es handle sich nur um die formelle Bekräftigung eines historisch, also de fakto bestehenden Zustandes. Sollte bei einer etwaigen dauernden Einverleibung Salonikis in das griechische Königreich die hellenische Regierung dazu zwingen wollen, zwischen der osmanischen und der griechischen Untertanenschaft zu optieren und die tür-~ kisch gebliebenen Juden ausweisen wollen, so sei für die Gemeinde der Moment gekommen, das Anerbieten Spaniens anzunehmen. Seine Regierung verlange jedoch als Bedingung für die Erfüllung ihrer Zusage, daß die Gemeinde von Saloniki als Gesamtheit und für alle Mitglieder ein entsprechendes Gesuch an die spanische Regierung richte. Dieses Verhalten Spaniens den Juden gegenüber ist höchst interessant und merkwürdig. Es mutet an, wie eine Ironie der Geschichte. Ob die spaniolischen Juden sich nun auch beeilen werden, das plötzliche heiße Liebeswerben des Landes der klassischen Inquisition und der Massen-Judenaustreibung zu erhören, bleibt eine offene Frage. * * * Der türkische Großrabbiner auf dem1 spanischen Kriegsschiffe. Der spanische Gesandte erschöpft sich geradezu in Liebenswürdigkeiten gegenüber den Juden. - Bei seinem' Besuche lud er den Großrabbiner ein, das spanische Kriegsschiff, das sich gegenwärtig, gleich den Fahrzeugen anderer Mächte im Bosporus befindet, zu besichtigen. Der Gesandte geleitete Rabbi Nahoum selbst in seiner Mouche an Bord, wo dieser mit Salut und Musik empfangen wurde. Die Kommandanten. und der Schiffspater ierwiesen ihm große Ehrerbietung. Im Gespräche äußerte der Gesandte, daß Spanien selbst mehr als die Juden. -unter ihrer Austreibung gelitten habe, und daß er andere Länder, wie Deutschland z. B., um ihre Juden beneide, die sie zu einer solchen Blüte“ emporgehoben hätten, während Spanien in der Zivilisation habe Zurückbleiben müssen. Die spanischen Herren sprachen spanisch, der Großrabbiner spaniolisch; trotzdem bot die Verständigung nicht die geringsten Schwierigkeiten. * * Die jüdischen Flüchtlinge in Kons tan tincpel. Die vom Kriegselend aus ihrer Heimat, von Haus und Hof gejagten jüdischen Unglücklichen hören nicht auf, nach Konstantinopel zusammenzuströmen. Ihre Zahl ist jetzt auf 2400 angewachsen. - Eine Gruppe jüdischer Flüchtlinge aus Siliria, die sich in Rodosto an der Mannara auf einem Segelkahne eingeschifft hatten, wurden unterwegs vom Südsturme überrascht und liefen große Gefahr, in den Wellen zu Grunde zu gehen. Glücklicherweise gelang es ihnen aber doch noch, bis in die Nähe der Hauptstadt an die Küste von Malsepe zu gelangen. Dort jedoch strandete das Boot und mit großer Mühe nur wurden die Armen geborgen. In der Konstantinopler Gemeinde hatte man von diesen Vorgängen keine Ahnung, bis der Leiter des lokalen Hilfswerkes Aron Barsilei auf einer Inspektionstournee durch alle Quartiere der Hauptstadt die Unglücklichen entdeckte. Sie hausten, halbnackt und hungernd, 44 an der Zahl, in zwei winzigen Kammern oberhalb einer Straßenbäckerei. Es wurde sofort alles Nötige veranlaßt, um ihnen gesunde Unterkunft, Nahrung und Kleidung zu verschaffen. Die aus den Vertretern der großen jüdischen Weltorganisationen zusammengesetzte zentrale Hilfskommission setzt ihre Hilfstäligkeit energisch fort. In den ersten vier Wochen hat sie über 20.000 Frcs. für die in Konstantinopel eingetroffenen Flüchtlinge auf wenden müss e m. Ein mindestens gleicher Betrag, wird für den angehenden Monat notwendig werden. Die Hilfsgelder aus dem1 Auslande beginnen einzulaufen. über Zweck und Inhalt der Kreiseinteilung wurde in die Beratung der Statuten, eingegangen. Nach längerer Debatte und verschiedenen Abänderungen wurde das Statut sangenommen und zur Wahl der Kreisleitung geschritten. Es wurden folgende Herren ^gewählt:' Obmann H. Kühn, Kassier H. Lamberg, Turnwart H. Popper, Schriftführer H. Ing. Steinherz, Beisitzer H. Dr. Stern, H. Dr. Sonnenfeld ufid H. Schwarz, Revisoren H. Dr. Immerglück und H. Taglicht. H. Kühn dankte im Namen der Neugewählten;j Für den nächsten Kreisturntag wurde Brünn in Aussicht genommen. K. Der erste Kreisturntag in Wien. Ein Kind der zionistischen Renaissanceidee, hat die jüdische Turnbewegung in den wenigen Jahren ihres Bestandes einen ungeahnten Aufschwung genommen. Namentlich war es der vorjährige Turntag in Berlin, auf welchem die Organisation der jüdischen Turner auf eine breitere Grundlage gestellt wurde. Der am Sonntag, den 8. Dezember in Wienstattgefundene westösterrische Turnertag lieferte den Beweis von der gesunden Entwicklung und von dem vorzüglichen Zustand der Turnerorganisationen in Oesterreich. Das am Abend ia den Sofiensälen veranstaltete Schauturnen war eine glänzende Heerschau der. jüdischen Turnerschaft und wird allen Teilnehmern und Gästen in froher Erinnerung bleiben. Der Massenaufzug _der kräftigen Gestalten, die vorzüglichen Leistungen aller Riegen, die Bravour und Exaktheit der einzelnen Uebungen übertrafen alles, was in früheren Jahren von der jüdischen Turnerschaft in tWien dargeboten wurde. Besonders waren es die auswärtigen Gruppen, welche verdiente Aufmerksamkeit auf sich zogen. Die Brünner Turnerinnen und Turner, die Grazer Riege, die Abordnungen aus Proßnitz und aus allen änderen Städten bewiesen, daß auch in der Provinz hervorragende Arbeit auf turnerischem Gebiete geleistet wird. Das Schauturnen war ausgezeichnet besucht. Trotz der bewegten Zeiten, welche alles Interesse verschlingen, waren die geräumigen Sofiensäle bis auf das letzte Plätzchen gefüllt Unter den Anwesenden bemerkte man außer den Vertretern der Wiener zionistischen Organisationen die Aktionskomiteemitglieder David Wolffsohn und Ing.. Johann Kremenetzky, die Tochter Theodor Herzls, Trude He-zl, den Reichsratsabgeordneten Dr. Straucher und viele andere. , Die Festrede hielt Gg. Ob:-Ing. Robert Stricker. Hieraut folgten die* einzelnen turnerischen Vorführungen, welche das Publikum bis 1 Uhr nachts in Spannung hielten und ununterbrochen von Beifall begleitet waren. Nach dem Schauturnen fand ein von Prof. Jaques Löw arrangiertes Tanzkränzchen statt, welches Turner und Gäste bis in die Morgenstunden zusammenhielt. * Das Kreisturnfest wurde durch einen leichtathletischen Fünfkampf eingeleitet, der von sechs Vereinen beschickt, 17 Starter am Platze fand, Die Leistungen der Sieger waren, ganz abgesehen von Einzelleistungen, vorzügliche und rechtfertigten den Ruf unserer jüdischen Turner. Das Schiedsgericht bestand aus den Herren: Prof. Max Guttmann, Alfred .Weiß, Spielmann, Reiß und Horowitz,' die sich ihrer Aufgabe in vorzüglicher Weise entledigten. Die Disziplinen waren folgende: Weitsprung vom Stand, Kugelstossen, Weit-Hochsprung, Hantelstemmen und Stabhochsprung. Von. 100 erreichbaren Punkten waren 90 zum Siege notwendig. Es erreichten: Erich Friedmann (I. W. J. T.-V.) 92, Leo Gottlob (J. T.-V. Brünn) 81, Ernst Rosenberger (Hakoah) 78, Ing. Phil. Pollak (I. W. J. T.-V.) 76, A. Sabel (J. T.-V. Fünfhaus). 72 und J. Weil (Hakoah) 70 Punkte. Das aus Turnern bestehende zahlreiche Publikum spendete den einzelnen Leistungen große Aufmerksamkeit und reichen Beifall. Abends beim allgemeinen Schauturnen erhielten die bejubelten sechs Sieger nach einer feierlichen Ansprache des Herrn Doktor Julius Beer (Obmann des I. W: J. T.-V.) für ihre Leistungen den wohlverdienten Lohn in Form einer Ehrenurkunde. Nachmittags "um drei Uhr fand die Sitzung des Kreisturnrates statt. Herr M. Lamberg eröffnete im Namen der provisorischen Kreisleitung die Verhandlungen und konstatierte die Anwesenheit der Delegierten ‘folgender Vereine: Turnverein Bielitz, Boskowitz, 'Brünn, Graz, Mähr.- Ostrau, Proßnitz; I. W, J. T.-V., Turnverein Fünfhaus, Favoriten, Massada und Sportklub Hakoah. Zum Vorsitzenden der Beratungen wurde Dr. Werner gewählt, zum Stellvertreter D. Sonnenfeld und zum Schriftführer H. Kühn. Ing- Steinherz erstattete den Rechenschaftsbericht, H. Lamberg den Kassabericht der provisorischen Leitung, worauf der scheidenden Leitung mit großem Beifall das Absolutorium erteilt wurde. Nach dem vorzüglichen Referate des Dr. Werner Maus Rrtifiel gegen die Tupften - eine Ente. Seit einigen Wochen zirkuliert in der sensationslüsternen jüdischen Presse ein Artikel Nordaus, worin sich der illustre Schriftsteller und Zionist mit heftigen Worten gegen die Türkei wendet. Der Artikel hat naturgemäß nicht verfehlt, in den zionistischen Kreisen eine gewisse Verbitterung hervorzurufen und gab der Assimilantenpresse — wie z. B. Blochs Wochenschrift — Anlaß, mit schadenfrohen Bemerkungen von dem Vorgehen des Zionistenführers Kunde zu geben. Nun veröffentlicht cjie Warschauer Tageszeitung „Hajnt“ einen Briet Nordaus, den er an Herrn Litman Rosenfeld in Bialystock über dessen Anfrage gerichtet hat. Nordau erklärt darin, daß er niemals einen Artikel gegen die Türkei geschrieben habe. Ende Oktober wurde er von einem amerikanischen Journalisten über den Einfluß der türkischen Herrschaft auf die Kultur der Balkanvölker interviewt. Er habe die Frage von kulturhistorischem Standpunkte und ganz objektiv behandelt. Nach einigen Tagen erschien das Interview in einem Londoner Blatte als Nordaus ' Originalartikel. Seine Aeußerungen waren vollständig entstellt und mit den heftigsten Schmähungen und Angriffen gegen die Türk'ei gewürzt. Kein Hahn hätte nach dem Artikel gekräht, wenn ihn nicht die jüdische gelbe Presse in Amerika aufgegriffen hätte und nun macht er die Runde in gewissen Blättern. Bloch, der seit seiner amerikanischen Reise über die Vorgänge in der neuen Welt ganz besonders gut unterrichtet zu sein scheint, ist auf den Schwindel hereingefallen. Die armen Ässimilantenblätter 1 Sie sind um eine Sensation betrogen. Die Einigungsfiestpebungen des 3uöcntums in Ungarn. Seit längerer Zeit bemühen sich bekannte Persönlichkeiien des ungarischen Judentums um die Schaffung einer einheitlichen Gemeindeorganisation, damit die Juden Ungarns eine Gesamtvertretung haben, die nach außen hin die Interessen. der jüdischen Gemeinden wahrzunnehmen vermag. Diese Bemühungen scheiterten bisher hauptsächlich an dem. Widerstande der orthodoxen Kreise, die nicht die geringste Konzession machen wollten und das Nebeneinanderbestehen getrennter Gemeindeorganisationen einem Kompromiß vorziehen. Vor einiger Zeit wurde ein aus 100 Personen bestehendes Komitee eingesetzt, um Vorschläge für die Zusammenfassung der Gemeinden in einer Organisation auszuarbeiten. Das Hunderterkomitee wählte zwei Subkommissionen, die ihrerseits eine Spezialkommission mit der Ausarbeitung eines Entwurfes betrauten. Auch wurde ein ständiger Referent zu dieser Frage bestellt. Bisher verhält sich jedoch die orthodoxe Richtung, die in der „orthodoxen Landeskanzlei“ organisiert ist, nach wie vor ablehnend. Wir haben bereits in unserer vorletzten Nummer in einem längeren Artikel darauf hingewiesen, daß die Einigung unter den gegebenen Umständen ein Ding der Unmöglichkeit ist. Nun geben uns die Tatsachen recht. Auch für die Juden Ungarns gibt es nur eine gemeinsame Plattform: der nationale Gedanke. Solange sich dieses nicht durchsetzen wird, kann von einer Vereinigung der zerklüfteten ungarischen Judenheit keine Rede sein. DOPPEL-MALZ¬ BIER, Austria-Brauerei Wien-Neudorf.