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Jüdische Zeitung · 1912-12-13 · 49 (13.12.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
49 (13.12.1912)
Date
1912-12-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Im Gegenteil: die deutschnationale Konfiszierexzellenz versprach Untersuchung, Maßnahmen und was sonst noch Minister versprechen. Das Vorgehen der Handelskammern' war perfid, das des Ministers sagen wir — unvernünftig; darüber konnte kein Zweifel obwalten. Jeder freute sich darum, als vorigen Freitag der Abgeordnete Straucher in einer Interpellation und der Abgeordnete Breiter in einer Anfrage an den Präsidenten gegen die Verleumdungen der Handelskammern auftraten und die in gemeiner Weise verdächtigten galizischen Kaufleute in Schutz nahmen. Außer diesen beiden Abgeordneten und dem Abgeordneten Reizes nahm sich kein galizischer Abgeordneter, am allerwenigsten die Polenklubsjuden, der in ihrer Ehre getroffenen, den verschiedensten Ghikanen galizischer Gerichte ohnehin ausgesetzten, nunmehr jedoch durch die Antwort des Justizministers förmlich für vogelfrei erklärten Raufleute an.'' Wie mußte man also staunen, als plötzlich die galizischen Blätter meldeten, daß Abgeordneter Löwenstein in energischer Weise gegen die Verunglimpfungen der galizischen Kaufleute durch die westösterreichischen Handelskammern aufgetreten sei. Wann und auf welche Weise ist das geschehen? Und wenn diese Meldung auch wahr sein sollte, warum hat Abgeordneter Löwenstein nicht sofort dagegen remonstriert und — vor allem — warum hat er nicht eine Gegenkundgebung des Polenklubs, dessen allergertreuester Leibjud er ist, provoziert? Wir wissen, daß* die Antwort äusbleiben wird, denn wie in tausend anderen Fällen handelt es sich auch diesmal um einen Bluff des famosen „Judenretters“ Löwenstein oder vielmehr eines seiner Preßlakaien. Dep jjuöifdie Kirdienstreit. Der Friede der Gemeinden wird durch' die bösen Zionisten gestört! Das ist die Ueberzeugung der so friedliebenden offiziösen und religiösen Juden, deren Richtschnur bekanntlich edle Brüderlichkeit und Verträglichkeit ist. Es ist nun nicht recht einzusehen, wieso die Zionisten, die eine nationale " Regeneration der Juden verfechten und sich um Religion nicht kümmern, während doch das einzige Judentum, das die Offiziellen und Religiösen vertreten, das „Konfessionelle“ ist, den Frieden der Gemeinde stören sollen! Der Zionismus kämpft gegen Assimilation und nimmt xnicht Partei in religiösen Fragen. Nur insoferne die Offiziellen Assimilanten sind, wird ihr Friede allerdings von den Zionisten arg gestört. Aber was hat das mit der jüdischen Religions-Gemeinde zu tun? Ist diese dazu da, um die Assimilation gegen den Zionismus zu verfechten? Oder hat sie vielmehr religiöse Aufgaben? Wir denken das letztere. Wir stören' die Gemeinde und ihre religiöse Wirksamkeit nicht, so heftig wir auch mit den Vertretern der Assimilation als Individuen in Fehde geraten. Wohl aber wird der „Friede in der Gemeinde" durch jene gestört, die uns dies Beginnen vindizieren wollen: Von den Offiziellen und Religiösen. Diese sind — vorläufig in Deutschland und England, aber die Wellen werden bald auch zu uns kommen — gerade in jüngster Zeit in den allerheftigsten religiösen Streitigkeiten begriffen, welche nicht nur den Frieden i n der Gemeinde' gefährden — stehen sich doch von den 6 Hauptrabbinern Berlins je 3 kampfgerüstet gegenüber — sondern auch jenen zwischen den Gemeinden, indem sich die einzelnen Killes befehden. Es handelt sich um einen wahren Kirchenstreit, der an und für sich gänzlich unjüdisch ist. Im Judentum gibts keine Dogmen und daher auch kein Schisma. Das ist eine banale Wahrheit. In Deutschland und daraufhin in den anderen Ländern hat sich aber zuerst eine Orthodoxie, eine rechtgläubige jüdische Kirche gebildet, und jetzt-fängt das „liberale Judentum“ an, sich zu organisieren und leider auch zu dogmatisieren. Eine Anzahl liberaler Rabbiner hat kürzlich „Richtlinien“ für das liberale Judentum veröffentlicht, durch welche gewisse jüdische Gesetze und Riten als heilig und verbindlich, andere als überwunden erklärt werden. Nun haben wir zwei jüdische Kirchen und daneben noch zahlreiche Gemeinden und Individuen, welche weder der einen noch der anderen angehören, sondern sich das Judentum zurechtmachen, wie es ihnen gut scheint. Zwischen den beiden Hauptrichtungen tobt nun ein furchtbarer Kampf, der teils innerhalb der Gemeinden, teils zwischen den Gemeinden ausgefochten wird. Wir Zionisten sind als solche religiös indifferent und tolerant. Jeder Zionist möge es mit seiner Stellung zur Religion halten, wie er wil. Wir sind auch nicht berufen, zu entscheiden, wer in diesem Kirchenstreit Recht hat. Wir glauben nur, auch ein bischen Einsicht in das wahre Wesen des Judentums als historische Erscheinung zu haben und meinen deshalb, daß keine der beiden Parteien im ausschließlichen Besitze des wahren religiösen Judentums ist Vielleicht liegt dieses viel eher in der Toleranz, wie sie von uns geübt wird, keinesfalls abgr ist es in Dogmen zu schließen. Auch mit unseren Sympathien stehen wir — vom zionistischen Standpunkt aus — auf keiner der beiden Seiten. Noch am ehesten erkennen wir den Charakter und die Zähigkeit an, die im orthodoxen Judentum stecken, dessen Tendenz darin liegt, das Judentum zu erhalten, aber wir können uns nicht verhehlen, daß die Art, das Judentum zu einer Dogmenreligion umzuwandeln, seinem Geiste widerspricht, daß es auch gar keine bloße Individualreligion ist, sondern hauptsächlich das soziale Leben erfassen soll und daß gerade die Existenz der Orthodoxie, einer dogmatischen Konfession, die freidenkenden Juden entweder zu jüdischen Kulturkämpfen zwingt oder aus dem Judentum hinaustreibt. Auch sehen wir nicht, daß die Orthodoxen, jene Juden, welche der Orthodoxie anhängen, in der Mehrzahl von dem wahren jüdischen Geist der Toleranz, der Gerechtigkeit etz. erfüllt wären. Das liberale Judentum erscheint uns noch weniger wahrhaft jüdisch. Wenn auch bei diesem der Wunsch, das Judentum zu erhalten, ein treibendes Moment, "sein mag — man will es „retten“, indem man sogenannte nicht zeitgemäße Riten etz. eliminiert —, wenn ferner seiner Konzeption der Gedanke zugrunde liegt, dab das Judentum sich immer umgebildet und Zeitideen rezipiert hat — so ist es vollkommen unjüdisch und auch sinnlos, wenn ein paar Rabbiner und Laien dekretieren wollen, was beizubehalten sei und was nicht. Solche Entscheidungen sind ganz willkürlich und haben daher weder innere Berechtigung noch bindende Kraft. Alle diese Erscheinungen sind Golusblüten. Seit in Palästina ein neues jüdisches Volksleben erstanden ist, sind die' Fragen, wie das religiöse Judentum im Golus zu gestalten sei, völlig nebensächlich geworden. Das jüdische Leben in Palästina wird das Judentum wieder als geistigsittliches Sein in Erscheinung bringen. Welche Formen dieses annehraen wird, wieviel von den alten rezipiert werden wird, welche neue erstehen werden, kann noch niemand wissen. Nur eines ist klar: dieses neue Judentum wird ein Ganzes sein, indes durch alle Konstruktionen und Spitzfindigkeiten im Golus nur Halbheiten und Stückwerk auch aut dem Gebiet der jüdischen Religion zustande gebracht werden kann. Von dieser höheren Warte aus können wir die Kirchenstreitigkeiten innerhalb der Judenheit als für die Zukunft des Judentums völlig belanglos ansehen, im Bewußtsein, daß wir für diese mehr tun, als alle Eiferer in den verschiedenen Lagern. Juda. Vom Rpiegssibaopfafz. Zu den Vorgängen in Salonik. Die großen Blätter der ganzen Welt, ebenso wie 'die offiziellen Berichte sämtlicher Generalkonsuln mit alleiniger Ausnahme des englischen, haben ‘die Feststellungen*' des Saloniker „Independänt“ über die von den Soldaten der griechischen Armee an den Juden der Stadt begangenen Ausschreitungen bestätigt. Die diesbezüglichen Interpellationen in den deutschen und österreichischen Refchsparlamenten sind ebenfalls Zeugnis dafür, daß man die Vorgänge in den politischen Kreisen Europas ernst nimmt. Nur die griechischen Behörden wollen sie * nicht wahf haben und suchen, wie der hellenische Botschafter in Paris, jede Schuld abzuleugnen. In diesem Bemühen haben sie eine Stütze da gefunden, wo man sie schlechterdings nicht vermutet hätte, nämlich bei Rabbi Jakob Meir, dem Chachambaschi von Saloniki. In der Tat stellt der von. dem Rabbiner veröffentlichte und sofort von den hellenischen Behörden geflissentlich sämtlichen großen Publikationsorganen der Welt zugestellte Brief, der zuerst durch den „Temps“ bekannt wurde, wenn nicht ein vollkommenes Dementi, so doch jedenfalls eine starke, den Griechen sehr gelegen kommende Abmilderung der Exzesse dar. In hiesigen jüdischen Kreisen hat der Brief das größte Befremden, ja lebhafte Entrüstung hervorgerufen. Man vermag ihn sich gar nicht zu erklären. Er ist in seinem Inhalte nicht bloß durch die Zeitungen und Privatbriefe von landerer Seite widerlegt, sondern durch die ihm vorausgegangenen Schritte des Großrabbiners von Saloniki selber. Denn wenn in der Tat die Exzesse nicht ernst gewesen wären, und die Juden mehr als alle übrigen Einwohner der Stadt betroffen hätten, so hätte Rabbi Jakob Meir sich wohl kaum an der Spitze seines gesamten Gemeindevorstandes nicht nur zum Stadtpräfekten Dragunis und zum Kommandanten Argyropulos, sondern sogar zum Könige von Griechenland selbst begeben, um seine Gemeinde zu retten und Sühne für die an ihr begangenen Untaten zu. heischen. Es ist nur eine einzige Erklärung für diese Haltung des Salonikier Rabbiners möglich, nam? lich die, daß vonseiten der hellenischen Obrigkeiten entweder im Namen der sogenannten Verbrüderung der Elemente oder unter mehr oder minder klaren Drohungen gegen die Juden, eine Pression auf den hinfälligen Greis ausgeübt worden ist, der nicht mutig genug war, dieser zu widerstehen. Für das öffentliche Interesse der Judenheit kann diese Tat der Furcht von großen Schaden werden. Diejenigen europäischen Kabinette, die Griechenland freundlich gesinnt sind und darum jeden Vorwand willkommen heißen möchten, um dem Lande eine Verlegenheit zu ersparen, selbst wenn es; diese verdient, können nicht nur auf den quasi -offiziellen Brief Rabh.i Jakob Meirs hinweisen, um ein Einschreiten zugunsten der Juden abzulehnen, wie das auch in der Tat vonseiten der britischen und der französischen Regierung, geschehen ist, sondern sie können auch noch dem schuldigen Hellas gegen die anderen Regierungen zur Rückenstärkung dienen, wenn diese etwas gegen den. übermütig gewordenen Kleinstaat unternehmen wollen. In den leitenden jüdischen Kreisen Konstantinopels verlangt man daher die Abberufung Rabbi Jakob Meirs durch den Chachambaschi .der Türkei, von der dieser nur aus dem Grunde Abstand nimmt, weil es bei der verwickelten Augenblickslage nicht ganz klar ist, ob Saloniki noch seiner geistlichen Jurisdiktion untersteht, und weil in diesen trüben Zeiten besser vermieden wird, noch einen Konflikt im Innern unseres Judentums heraufzubeschwören. » * Spanien für den Schutz der Juden. Wie die „Jüd. Orientskorrespondenz“ vonseiten der spanischen Gesandtschaft erfährt, hat der spanische bevollmächtigte Minister für die Türkei und Griechenland, Marquis de Pat do Nantouillet, energische Proteste, sowohl an die hellenische Regierung in Athen, wie an den in Saloniki weilenden griechischen Prinzen N ikolas gerichtet, wegen der in dieser Stadt an den Juden begangenen Ausschreitungen. Dieser Protest stützt sich formell darauf, daß sämtliche spanisch sprechenden Juden des Orients eo ipso und von Alters her Schutzbefohlene Seiner kathol. Majestät von Spanien seien und besteht mit großer Energie darauf, daß Spanien eine Schädigung und Gefährdung dieser seiner Angehörigen nicht zulassen werde. Der spanische Gesandte hat bei einem Besuche, den er dieser Tage dem Chachambaschi der Türkei Kaim Nahoum Effendi als Erwiderung

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