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Jüdische Zeitung · 1912-12-13 · 49 (13.12.1912) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
49 (13.12.1912)
Date
1912-12-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 49 gefunden haben, daß sie hieraus die Konsequenzen ziehen und an die Zusammenfassung der latenten Kräfte denken. Doch es gibt Kräfte 'im Judentum, die erheblich stärker sind, als die bloße Erkenntnis der Notwendigkeit einer Organisation. Das stärkste Hindernis ist wohl darin zu suchen, daß das Zusammengehörigkeitsgefühl infolge der Wühlarbeit der Assimilationsperiode in den jüdischen Kreisen immer mehr abhanden kommt und einem von den zutreffenden politischen Landesgrenzen bedingten' Partikularismus Platz macht. Das Solidaritätsgefühl, das während der vollen Dauer der Zerstreuung den Grundpfeiler des jüdischen Lebens bildete, ist sogar in gesetzestreuen jüdischen Kreisen im Schwinden begriffen, in Kreisen,-die doch Tag für Tag durch unsere altehrwürdigen Gebete hieran erinnert werden. Es klänge banal, wollten wir von neuem den Beweis erbringen, daß es nur ein Band gibt, das alle Juden der Welt zu umschlingen vermag: der jüdische Volksgedanke. Wir erlebten doch erst in der jüngsten Vergangenheit, daß bei der Tagung gesetzestreuer Juden aus verschiedenen Ländern, also Juden, die bereits durch einen gemeinsamen Gedanken geeint sind, die Teilnehmer an der Konferenz einander fremd gegenüberstanden und daß diese zu Ende geführt ward, ohne eine Organisation geschaffen zu haben. Ob der Agudat Jisrael ein längeres Leben beschieden sein wird, als ihren Vorgängern, der Schlom ha-ir, der Moriah, ist mehr -als fraglich. Es gibt einen jüdischen Weltverband: die Alliance Israelite Universelle. Sie vermag infolge der eingefleischten Ueberlieferung, die noch aus einer alljüdischen Alliance ausging, die Mitglieder in allen Ecken und Enden der Welt zusammenzuhalten, zu einem Kongreß 1 wird sie es aber niemals bringen und sie wird es wohl kaum auf eine Probe ankommen lassen. Sogar die für das Vorjahr angekündierte JubiläUmskonterenz mußte sie unter nichtigen Gründen absagen. Aber selbst Landesverbände, die uns nahestehen, sind nicht imstande, die Jugend zu organisieren. Ich erwähne nur die deutschen Jugehdverbände, die unter zionistischem Einflüße stehen. Voriges Jahr hat in Florenz die Konferenz der jüdischen Jugend Italiens getagt Abgesehen davon, daß sie ziemlich spärlich besucht wär, hat sie zu keinem Resultate geführt, erstens weil sie keinen Grundgedanken, keine einigende Idee hatte, und zweitens weil sich die Einberufer und - Wortführer scheuten, sich auf' die zionistische oder national jüdische Plattform zu stellen. Kein Wort fiel hiervon. Dagegen empfahl man der Jugend das Studium der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte. Ja, wie soll sich einer all diesem Studium widmen, wenn er für das Judentum überhaupt kein Interesse hat? Eben deshalb ist auch das Wirken.der verschiedenen Literatur- und Kulturvereine nicht von Erfolg begleitet Sie setzen das Interesse voraus, statt es zu schaffen. Nur die nationale Idee, der Gedanke der Befreiung des jüdischen Volkes hat die einigende Kraft, sie allein wird durch allmähliche Aufklärungsarbeit den zionistischen Kongreß zu einem alljüdischen Kongresse ausgestalten. In ihm werden sich alle Sühne des jüdischen Volkes finden. Der beim' einzelnen -Individuum so natürliche Selbsterhaltungstrieb wird auch in unserem Volke erwachen und den Sieg über jllen Partikularismus und Wohltätigkeitsdusel und Heuchelei davontragen. Bis dahin ist aber der Gedanke eines alljüdischen Kongresses undurchführbar und bleibt es »solange, als ihn die Leugner der jüdischen Volkseinheit herbeisehnen. Rundschau. Liebeswerbungen um die Juden von Salonik. Nach den grauenhaften Massakres, welche die griechischen Banden unter den Juden von Saloniki verübten, fühlte die griechische Regierung das Bedürfnis, die Juden Salonikis, welche bekanntlich die Mehrheit in dieser Stadt bilden, zu beruhigen. Zunächst veranlaßte man den Großrabbiner Meir zu der Erklärung, daß er bei den griechischen Behörden für seine Klagen völliges Verständnis und Abhilfe gefunden habe, und daß er gar nie daran gedacht habe, sich mit seinen Beschwerden nach Konstantinopel zu .wenden. Hierauf ließ sich König Georg eine jüdische Deputation kommen, der gegenüber^ er sich als Judenfreund girierte und von seinen jüdischen Freunden in Athen und Kopenhagen sprach. Hierauf mußte sein Sohn, Prinz Nikolaus, dem1 Großrabbiner eine halbstündige Visite machen, in deren Verlauf er sein Bedauern über die Vorfälle aussprach. Damit nicht genug,' läßt man eine Deputation der jüdischen Gemeinde von Larissa kommen, damit diese den Juden von Salonik sage, wie sehr ihre Stammesgenossen mit dem griechischen Regime zufrieden wären. Alles sehr hübsch. Aber die Juden sind leider schon so klug geworden, auf Worte nichts zu geben, wohl aber sich Taten einzuprägen. Und sie haben dafür ein so .gutes Gedächtnis, daß sich die Juden Solonikis trotz der Versicherungen der Deputation von Larissa, nicht nur an ihre eigenen Leiden aus jüngster Zeit, sondern auch daran erinnern werden, daß innerhalb des so judenfreundlichen Griechenlands hie und .da kleine Judenmassakres zur Erheiterung der Soldateska vorgekommen sind; so in Korfu und in Zante. Ob Saloniki griechisch, bulgarisch' oder internationaler Freihafen werden soll — die Juden der Stadt werden sich in dieser Frage gewiß reserviert verhalten. Sie wissen nur eines bestimmt: Daß sie unter türkischer Herrschaft so frei leben konnten, daß nur eine Verschlimmerung, aber nicht eine Verbesserung ihrer Lage möglich ist. Für den Anschluß an Griechenland werden sie sich daher trotz aller Liebeswerbungen nicht exponiereli. ■* * "" # Unsere lieben Gegner. Es soll uns niemand nachsagen, daß wir unsere lieben Gegner nicht kennen! Da sprachen wir kürzlich von dem’ erbitterten, aber ergebnislosen Kampf, den die Antizionisten gegen unsere Idee führen und knüpften daran die prophetische Bemerkung,, daß nun bald zum letzten Verzweiflungsmittel greifen und die Zionisten wieder einmal beschuldigen werden, sie seien keine Patrioten. Richtig! Kaum. zwei Wochen sind vergangen und unsere Prophezeiung traf ein. Natürlich war es einem Gottesmanne, der das „Scholem“ stets im Munde führt, Vorbehalten, diese niederträchtige Verleumdung aufzuwärmen. Der „Zentralverein" jüdischer Staatsbürger Deutschlands hielt Ende November eine Tagung in'Kattowitz ab, auf dem offizielle Juden und Zionisten hart aufeinander stießen. Als sich die ersteren nicht mehr zu helfen wußten, wurde Rabbiner Dr. Goldschmidt (Königshütte) ins Treffen geschickt. Dieser beschimpfte Zionismus und Zionisten in wüster Weise, wärmte aber nur alten Kohl auf: Die Zionisten trugen Unfrieden in die Gemeinde und ihre vaterländische Gesinnung sei ihm verdächtig, zumindest hätten sie einen „Patriotismus auf Kündigung“. Es ist erheiternd, solche Dinge in einem Moment zu hören, wo eben so viele Zionisten in den Reihen der Armeen ihres Vaterlandes heldenmütig gekämpft und geblutet haben. Und wie stark muß der Zionismus in Deutschland geworden sein, wenn seine Gegner keine anderen Argumente gegen ihn wissen, als die alten gemeinen Verdächtigungen! Daß es aber just ein Gottesistreiter, ein Rabbiner sein mußte, der sich nicht scheute, diese zu wiederholen, zeigt, daß die wahre jüdische Religiosität, der Geist des Friedens und der Brüderlichkeit nicht gerade bei denen ist, welche die Religion fortwährend im Munde führen, und, wie es daselbst ein Rabbiner im Verlaufe einer Rede tat, die Zionisten als gottlos verdammen! * * * Rohling redivivus. Die allgemeine Verrohung der politischen Kampfmethoden zeigt sich auch wieder in den Formen, welche die antisemitische Hetze annimmt.' Nachdem eine zeitlang mit „wissenschaftlichen“ Argumenten gearbeitet und die Juden als minderwertige Rasse gekennzeichnet wurde, deren Vernichtung mit den edlen Geitmanen eine Gefahr für die Kultur bedeute, wird neuestens auf die gemeinen Lügen eines Rohling und Konsorten zurückgegriffen, die schon längst in Vergessenheit geraten waren. Ja, die christllichen Gelehrten hatten schon angefangen, die unvergänglichen Werte zu entdecken, die im Talmud enthalten sind, deutsche Universitäten haben Lehrkanzeln für den Talmud errichtet und doch erschien soeben wieder eine Neuauflage der wenig geänderten Werke des Rohling (Szentely: Der Talmud in deutscher Uebersetzung), geschmückt mit einer hebräischen Aufschrift. Die Absicht' des famosen Buches wird damit umschrieben, daß die Staatsgewalt darauf aufmerksam gemacht werden soll, was für anti- (christliche Lehren die Rabbiner auf den Talmudschulen eingeflößt erhalten! Lüge und Denunziation — wahrhaftig, die Ueberlegenheit der christlich-arischen Weltanschauung kann uns verstockten Juden auf keine bessere Art demonstriert werden! * * * Abg. Löwenstein als Judenretter. Vor einigen Tagen sprachen, wie in allen Tageszeitungen zu lesen war, Vertreter der westösterreichischen Handelskammern beim Jusiizminister vor und verlangten, daß gegen die fallit gewordenen galizischen Kaufleute mit besonderer Strenge vorgegangen werde, weil, sich die galizischen (lies: jüdischen) Kaufleute verschiedene, das Strafgesetz verletzende 'Manipulationen zu Schulden kommen lassen. Diese durch nichts bewiesene Verleumdung der galizischen Kaufmannschaft, die sich trotz des auf derselben schwerer als überall lastenden Druckes besser hält als z. B. die ungarische Kaufmannswelt, wurde vom Justizminister nicht zurückgewiesen. Ein Schwarzer nach Tisch macht munter und frisch 1 Die Untersuchungen von Professor Hoilingworih haben erwiesen, weshalb es so ist. Wenn Sie sich dafür interessieren, wie man der Ermüdung nach den Kahlzeiten entgeht, so lesen Sie die kleine Broschüre: „Winke für Feinschmecker“ Gratis erhältlich in allen Geschäften der Firma JULIUS MEINL Gegr. 1862. LEBENS-VERSICHERUNGS-GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais.—Uersldiertes Kapital zirka 380 Clillionen. — Pp8raienpeserue zirha 113 Millionen. — Billigste Prämien unö kulanteste Badingungen. Engagiert iederzeit tOAtige, leistungsfähige Agenten gegen koke Bezüge. BnshBnlteerteilt 8ie 6eneralageal«hBit Bien, l„ Hspernplatz 1 (Selter: Dauid Rebenzahl). EOr Ostgalizien u. Bukowina: Subfliretition B5bi Taubes, Hemberg.

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