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Jüdische Zeitung · 1912-12-13 · 49 (13.12.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
49 (13.12.1912)
Date
1912-12-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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3S83£ JE™l;4ipj5CHE5 mm. ggg .MlHE ZHlUffi H Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ (ä-dich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgesteüt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: GanzjShr. Mk- 10.—, halhinhr. Mk. 5.—. vierteliähr. ™ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: GanzjShr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 133.404. Telefon 22.075. ■ Nr. 49. Wien, Freitag, den 13. Dezember 1912 VI. Jahrgang Sdiuere Zeiten. Ein jüdisches Sprichwort sagt: „Fällt in Rom ein Haus ein, so trifft mich1 ein Stein“. Dies Wort gibt der alten Erfahrung Ausdruck, daß die Juden, wo immer etwas geschieht, irgendwie davon betroffen werden. Das zeigt sich aufs neue bei den schweren Zeiten, welche wir eben durchzumachen haben. Führt der Balkanburid mit der Türkei Krieg, .so zahlen die Juden dieser Staaten nicht nur den Blutzoll, wie deren andere Untertanen, nein, es gibt für sie noch spezielle Leiden. Ohne jeden Qrund wird ein Pogrom' in Saloniki, zur Abwechslung einmal von den Griechen, veranstaltet. Daß übrigens die Juden nur selbst _ daran schuld sind, weil natürlich sie es sind, die diesen Krieg genau so wie den tripolitanisChen am Gewissen haben, erzählen der staunenden Welt Londoner, Wiener und Neapolitaner Antisemitenblätter. Wünschen aber die Oesterreicher Krieg mit Serbien, so sind es wieder (nur die Juden, welche diese Pläne durchkreuzen. Sie sind ebenso schuld am Krieg, wie am Nicht-Krieg. Die Wirtschaftskrise und Geldknappheit, welche der Krieg und die Furcht vor weiteren Verwickelungen verursachen, treffen in erster Linie wieder die Juden. Denn diese sind, namentlich in Oesterreich, die. Träger von Handel und Industrie. Ein verheerendes Gewitter geht seit Wochen über die jüdische Geschäftswelt nieder, tausende und abertausende jüdische Existenzen werden ruiniert und ein Ende ist nicht abzusehen. Am schrecklichsten leidet natürlich tiie jüdische Bevölkerung Galiziens unter diesen Verhältnissen. Sie, die ohnehin, schon in Friedenszeiten wirtschaftlich immer mehr bekämpft und planmäßig aus den verschiedensten Erwerbszweigen verdrängt wird, sie, für die selbst in Zeiten einer Geldfülle die kleinsten Kredite nur schwer zu erlangen sind, wird von Kreditentziehung, Geldverteuerung und Absatzstockung, die der Krise ihre wirtschaftliche Signatur geben, vollkommen zugrunde gerichtet! Einem solchen Elementarereignis würde natürlich jede ausreichende Hilfe versagen, aUCh wenn die Organisationen zur Leistung eines solchen vorhanden wären. Von dem Reklameverein „Selbsthilfe“, den die Löwenstein und Konsor- - ten zur Rettung ihres Prestiges, aber nicht zu einer wirtschaftlichen Hilfeleistung gegründet haben, hört man natürlich nichts. Er nützte auch nur wenig, denn die Ursachen, welche die Krise zeitigen, können nicht beseitigt werden. Die Juden werden Schließlich auch diese Zeit überstehen, wie sie noch schlimmere .überstanden haben, es Wird „nur“ etwas mehr gehungert und ausgewandert werden! Aber wann, fragen wir, wann werden die Juden endlich einmal änfangen, aus ihren Leiden zu lernten? Wann Werden Sie begreifen, daß ein großer Teil ihrer mangelnden Widerstandskraft aus ihrer abnormalen Lage rührt! Daß diese es ist, durch die sie als ewiges ' Minoritätsvolk politisch rechtlos sind, daß sie in wenige Berufe zusammengedrängt sind, die sie überfüllen, daß sie' es ist, die ihren Zusammenschluß erschwert und schließlich sogar das Maß der durch diesen überhaupt möglichen Selbsthilfe sehr bescheiden erscheinen läßt. Wenn irgendwann, so könnte gerade in solchen schweren Zeiten und ihren Folgen für die Juden die große zionistische Wahrheit erkannt werden: Daß die Judenfrage ejne soziale und politische ist, daß nur eine völlige Aenderung ihrer Läge, eine Umschichtung im weitesten Sinne, sie lösen könnte. Diese Umschichtung müßte darin bestehen, die Juden dorthin zu schaffen, wo sie eine normale Wirtschaft, fußend auf einem Bauernstand, führen und politisch autonom sein könnten. Denn das sind die einzigen Mittel zur „Abhilfe“. Politische Autonomie auL. .Grund einer geschlossenen Wirtschaft. Nur wenn 'diese Umschichtung durchgeführt sein wird, kann der unerträgliche Zustand aufhören, daß die Juden die Prügelknaben in der ganzen Welt sind, daß sie politisch und wirtschaftlich büßen müssen, für alles, was irgendwie auf der Welt geschieht. Die Ansicht, die man heute in zionistischen Kreisen verbreitet findet, daß die jetzigen Zeiten zu trübe sind, um die Aufmerksamkeit der Juden auf den Zionismus zu lenken, ist daher eine völlig irrige. Gerade in Zeiten wie die jetzigen, wo die Juden das Anormale ihrer Lage mehr, empfinden müssen, als je, ist es nicht nur möglich, sondern auch nötig, ihnen den einzigen Weg zu zeigen, der, wenn auch erst in Jahrzehnte langer Arbeit, endlich zur Lösung der Judenfrage führen kann. Wenn daher das Aktionskomitee immer aufs neue zur Schekelsammlung anspornt, so heißt das nicht nur, daß zu keiner Zeit die zionistische Arbeit aussetzen darf, sondern es bedeutet auch: Gerade jetzt ist der Moment, wo ihr den so schwer betroffenen Juden vom Zionismus zu reden habt! Denn Zionismus — *das ist kein schöner Traum für Feiertagsstunden, sondern das ist reale Arbeit für die Lösung der Judenfrage. Nie war sie wichtiger als jetzt — mögen die österreichischen Zionisten ihre Pflicht erkennen. fllljüflitdie» Rongreft. Von Ludwjg Bat6. ' Seit Jahr Und Tag ist in der jüdischen Welt der Ruf nach einem alljüdischen Kongresse vernehmbar und wird je nach dem Ma8 des Elends, das über unsere Brüder im Osten hereinbricht, mehr oder weniger laut. Schon nach den ersten zionistischen Kongressen, die üUrfch das Zusammenwirken Von Juden aus allen Ländern der Zerstreuung die offiziellen jüdischen Kreise geradezu verblüfften, gaben gewisse Organe — die sich mitunter abgetallener Zionisten bedienten — die Parole aus: Wir wollen einen Kongreß der gesamten Judenheit einberufen. Sie riefen und riefen, es kam jedoch niemand. Auch rührte sich kein Finger, um die Vorbereitungsarbeiten zu verrichten. Der ganze Rut blieb eben leerer Schall. Und dringt der Schrei des ostjüdischen Jammers ins Abendland, so tauchen immer neue Pläne auf, das Elend dor armen Brüder wird in grauenhaften Bildern geschildert und fast jeder Artikel klingt in dem Verlangen nach einem jüdischen Weltkongresse aus. Wir wollen an der Aufrichtigkeit des Mitgefühls unserer Assimilanten nicht zweifeln, doch dünkt es uns, daß sie es mit dem a'l’üdi-chen Kongresse nicht ernster meinen als mit der jüdischen Mission*. Es ist etwas Nebelhaftes, in die Wolken Gehülltes und vor allem Fernliegendes, wie etwa die Verbrüderung der Menschheit, die man stets anzustreben vorgibt und auf wdlche Idee man sich bei feierlichen Anlässen zu berufen pflegt. Es ist bereits vor sieben Jahren von der zionistischen Weltorganisation der Versuch unternommen worden, eine alljüdische Konferenz — die doch einem Kongresse unbedingt vorangehen muß — einzuberufen. Diese in Brüssel s*attgetundene Tagung hat klipp und klar den Beweis erbracht, daß der von den jüdischen Assimilantenblättem ausgestoßene Ruf nach einem jüdischen -Weltkongreß weder ernst, noch aufrichtig gemeint war. Die Alliance und die lea — wahrscheinlich eingedenk der Absichten ihrer Gründer — hielten sich von der Beratung über das Schicksal und die Lage de- Juden fern und die Organisationen, die den Vorschlägen der zionistischen Organisation zus*immten, waren eben die, die auch ohne jedwede Konferenz Hand in Hand mit uns gehen. Sagen wir es offen heraus, wenn wir auch vielen, die es ernst meinen, eine Enttäuschung bereden: ein all jüdischer Kongreß ist ein Ding der Unmöglichkeit. Was in aller Welt vermöchte die Juden aber Parteirirhtungen, aller gesellschaftlichen Stände und aller Kulturstufen zu einer Tagung zusammenbringen? Wir wissen es wohl: diese Kraft kann nur eine Idee haben, die Idee der Erlösung des Judentums. Diese Idee hält aber die in Betracht kommenden Kreise nicht in ihrem Bärine. Der- Kongreß soll zusammentreten, um Mittel- und Wege zur Rettung der jüdischen Massen -zu •finden. ‘ Wird wohl der Gedanke der Wohltätigkeit die Kraft aufbringen, die Vertreter des gesamten Judentums zu einer gemeinsamen Beratung zusammenzuführen? Daran Ist nicht zu denken, obwohl viele Juden rin dem - Wahne befangen leben, daß das Judentum durch Wohltätigkeit zu retten sei. Aber selbst wenn all die Juden, die miteinander nichts gemeinsam haben und haben wo’len, zusammentreten, könnte der Kongreß nichts Ersprießliches leisten, da nur ein Kongreß beseelt von einem Ideale, einem Gedanken posirive Werte schaffen kann. Allerdings ist es schon ein großer Fortschritt, wenn sich die nichtzionistischen Juden mit dem Gedanken des Altjbdentums SdWfeit ab-

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