Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 48 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 8 das physische und moralische Elend der jüdischen Bevölkerung Galiziens geradezu einen Nährboden liefert, aus dem das organisierte Verbrechen seine Kraft zieht. Die offiziellen Gemeinden und Organisationen sind anscheinend weder einsichtig noch aufrichtig genug, um einem Uebel zu steuern, dessen Aufdeckung hochorganisierte Gemeinwesen Deutschlands scheuen oder gar hintertreiben. Allerdings spottet, was Schwester Arendt über die Art berichtet, wie all dies in Galizien manchmal unter den Augen der Oe'ffentlichkeit geschehen kann, jeder Beschreibung. So gibt es in Krakau einen Lastträger, der wiederholt wegen Diebstahls im Gefängnis war und der gerichtlich als Vormund für eine ganze Anzahl von Kindern bestellt wird, welche ihm von verschiedenen Seiten ubergeben werden. Auf eine Annonce, für eine kinderlose Familie in Deutschland Kinder mitnehmen zu können, erhielt die Verfasserin nicht weniger als fünfzig „Kinder jeden Alters“ angetragen. Es wird von ihr der Vorwurf erhoben, daß es viel leichter sei, in katholischen Familien Kinder unterzubringen als in jüdischen; ob dies objektiv zutrittt oder nur in dem subjektiven Falle, so mag soviel daran stimmen, daß' gerade in anständigen jüdischen Häusern die Vorstellungen in Bezug auf „gute Herkunft“ u. s. w. oft übertrieben werden und nur zu häufig — besonders bei unehelichen Kindern — der Makel des Herkunftsmilieus dem Kinde selbst autgebürdet wird. tn welcher Weise wäre irgendeine Abhilfe zu leisten? Es ist klar, daß keinerlei Abhilfe die Wurzeln eines Uebels beseitigt. Diese sind politisch-sozialer und moralischer Natur. Dies alles sich ganz klar zu machen, müßte einsichtsvollen Menschen, die sozial, aber auch solchen, die volkserzieherisch im engeren Sinne tätig sind, von selbst eine Richtung ihrer Arbeit bestimmen, wenn diese unter die Oberflächen hinabsteigen will. Solche allgemeine Fernblicke können andererseits nicht die Hilfe im einzelnen Falle ersetzen. In einem Artikel in der Prager „Selbstwehr“, der diesem Gegenstände gewidmet ist, appelliert Frau Dr. Freund an des jüdische Herz. Private Fürsorge, welche vor allem einiger Menschen bedürfte, müßte Familien und Institute. ausfindig machen können, welche durch Adoption, bezw. Aufnahme in den ganz konkreten- Fällen Schwester Arendt von der Sorge für die jüdischen Kinder entlasten und diese dem Leben zurückführen würde. Wie die russischen Waisenkinder in Palästina können dann vielleicht auch die geretteten Opfer aus dem untersten Abgrund des jüdischen Lebens die Ersten sein, welche für das jüdische Volk auch in unseren Ländern lebendige Merkzeichen der Gesundung bedeuten. Dr. Ernst Müller. Ein Reis vom alten Stamme *) Die schweren Niederlagen der türkischen Armee, die wohl jeden Zionisten schmerzlich berühren, sind Folgen der inneren, seit Jahren die Türkei erschütternden Krisen. Die neue Konstantinopeler Regierung ist in last allen Provinzen des großen Reiches auf Widerstand gestoßen. Zu den Ländern, welche der Zentralgewalt seit der türkischen Herrschaft am allermeisten zu tun gaben, gehört S ü d a r a b i e n, wo kirchliche und weltliche Fürsten den Türken die Herrschaft strittig machten, sich aber gleichzeitig untereinander blutig befehdeten. Dieses Südarabien erweckt aber unser Interesse ganz besonders. Denn dort wohnen seit urdenklichen Zeiten J ude n. Wo aber in aller Welt gibt es ein Land, Wo Juden wohnen, wo um Macht gestritten wird Und wo dieser Streit nicht auf dem Rücken der Juden ausgefochten wird? Wer den Kampf zwischen Tschechen und Deutschen, oder Polen und Rüthenen kennt, wird im Jemen merkwürdige Analoga finden, nur mit dem Unterschiede, daß die Jemenitischen Juden trotz der Kulturdifferenz, sich bereits auf sich selbst besonnen haben, und zur Selbsthilfe schreiten. Die südarabischen Juden wenden ihrem Stiefvaterlande den Rücken und wandern in ihrer Gesamtheit ihrer Urheimat, Palästina, zu — Judenschicksal! Jetzt aber soll für dieses Reis vom alten jüdischen *) Die Jemenitischen Juden von Jehoschuah Feldmann, Jaffa. Preis 30 Heller. Zu beziehen durch die „Jüdische Zeitung“, Wien, II4., Karmeliterplatz 1. Der Reinertrag dieser Brochüre fließt dem Jüdischen Nationalfonds zu und wird für den Bau vön Jemenitenhäusern verwendet. Stamme ein gnädiges Schicksal sein. Das alte Land hat den alten Stamm so dringend notwendig, wie es für die jemenitischen Juden eine, die letzte Katastrophe wäre, wenn sie dort ihre Ruhe nicht finden würden. Diesen letzten Kampf der jemenitischen Juden um Sein oder Nichtsein, beschreibt Jehoschuah Feldmann (Jaffa) in einer soeben im Verlage des Jüdischen Nationalfonds erschienen Schrift. Feldmann kennt die Jemeniten. Er ist bei ihnen, wenn sie ihren Fuß zum ersten Male auf Palästinas.heiligen Boden setzen; noch früher, denn er organisiert ihre Beförderung, er hat für die Ankommenden längst Beschäftigung, er begleitet sie zu ihren Ansiedlungen, er sorgt für ihre Unterkunft und-, wie er sich nur von jemenitischen Maurern sein Haus im Teil Awiw bauen ließ, so hilft er ihnen beim Bau ihrer Wohnstätten, Und nun schreibt er ihren Roman. Er läßt sich von ihnen ihre alten Sagen erzählen und baut daraus ihre Geschichte, er schildert die Not und die Verfolgungen, denen sie seit urdenklichen Zeiten ausgesetzt waren und die sie zwingen, ihr letztes Heil in Erez Israel zu suchen, wo sie berufen sind, der wertvollste Faktor zu werden. Zum Schlüße läßt er den Leser teilnehmen an den Sorgen, die die Unterbringung dieser zahlreichen Emigranten machen. Dieser Teil ist der wertvollste der spannenden Brochüre. Er läßt die ungeheuren Schwierigkeiten erkennen, die sich einer modernen Kolonisation entgegentürmen, die aber vom jüdischen Volke spielend überwunden werden können. Angenehm fügen sich in den Inhalt des Büchleins Reproduktionen der aus dem Verlage der „Jüdischen Zeitung“ bekannten Kannsch en - Pa läs tin abilder und Aufnahmen, die der Direktor des Jüdischen Nationalfonds in Palästina gemacht hat. So ist diese Arbeit wohl geeignet, die Sympathien, die sich die jemenitischen Juden in so kurzer Zeit unter ihren Stammesgenossen in aller Welt erworben haben, noch zu erhöhen. Mögen diese Sympathien auch Früchte tragen. Mögen die Juden der Diaspora an den jemenitischen Brüdern erkennen, daß. eine große latente Lebensenergie im jüdischen Volke schlummert. Dann wird nicht nur ein Reis vom alten Stamme, dann wird das ganze jüdische Volk neue Wurzeln fassen in dem Lande, das ihm diese Lebenskraft gab, in Palästina. Dr. Emil Stein. Die Zahl der Juden in Deutftbiand. ’ In der Zeitschrift für ‘Demographie und Statistik der Juden bringt Dr. Jakob Segall-Berlin nachstehende der Reichsstatistik für Deutschland entnommene Angaben. Absolute Zahl der Jahr Gesamt- Bevälkerung Israeliten Unter 100 Einwohner waren Israeliten 1871 41062 792 512 153 1,25 1875 42729360 520 575 1,22 1880 45286061 561 612 1,24 1885 40857704 563 172 1,20 1890 49428470 567 884 1,15 1900 56367178 586833 1,04 1905 60641278 607862 1,00 1910 64925993 615021 0,95 Seit 1880 hält die Zunahme der jüdischen Bevölkerung in Deutschland mit jener der übrigen Bevölkerung picht gleichen Schritt, sodaß wir seit dieser Zeit einen ununterbrochenen Rückgang des Anteils der Juden an der Gesamtbevölkerung konstatieren müssen. Im letzten Lustrum betrug er wieder 0.05 Prozent. Die Gründe für diese Erscheinung sind schon auseinandergesetzt worden. Sie liegen in dem absoluten Bevölkerungsverlust durch Abwanderung von 1880 bis , gegen die Mitte der Neunziger Jahre, dann aber vor allem in dem gleichzeitig einsetzenden Geburtenrückgang und dem Verlust durch Konfessionswechsel. Die Zuwanderung, welche Mitte der Neunziger Jahre einsetzte und in dem Jahrfünft 1900/05 ihren Höhepunkt erreichte, kann die Verluste nur zum Teil ersetzen. Die Stärke des Wachstums der Gesamtbevölkerung und der einzelnen Konfessionen in den einzelnen Jahrfünften (bezw. Jahrzehnten) war folgendermaßen : Gesamtbev. Israeliten in in 1871—75 4.06 <>/o l,64o/o 1875-80 5,87 „ 7,88 „ 1880—85 3,58 „ 0,21 „ 1885—90 5,49 „ 0,83 „ 1890—1900 13,59 „ 3,33 „ 1900—1905 7.58 _ 3,58 „ 1906—1910 7,09 „ 1,17 „ Die Zunahme der Juden war in dem letzten Jahrfünft nur halb so stark, wie in dem vorangegangen. Sie bertug nur 1.17 Prozent, ist aber noch bedeutend höher als in den Jahrfünften 1880 bis 1885 und 1885 bis 1890. Die Zahl der Juden in den einzelnen Landesteilen des Deutschen Reiches für die Jahre 1900, 1905 und 1910 geht aus untenstehender Tabelle hervor. Sie enthält auch den relativen Anteil der Juden in den genannten Jahren und eine Berechnung der absoluten und prozentualen Zu-, bezw. Abnahme im letzten Jahrzent. Eine Zunahme haben aufzuweisen (von 1900 bis 1910): in Proz. Kgr. Preussen 6.02 Kgr . Bayern 0,25 Kgr. Sachsen 41.64 Kgr. Württemberg 0.55 Großherz. Sachsen-Weimar 11.36 Großherz. Oldenburg 12.21 Herzogt. Sachsen-Altenburg 95.95 Herzogt. Sachsen-Koburg-Gotha 28.78 Fürstent. Schwarzburg-Sondershausen 29.51 Fürstent. Schwarzburg-Rudolstadt 62.50 Fürstent. Reuß jüngere Linie 110.67 Bremen 30.80 Hamburg 4.48 Eine Abnahme zeigten: in Proz. Großherz. Baden 0.90 Großherz. Hessen 1.72 Großherz. Meklenburg-Schwerin 19.85 Großherz. Mecklenburg-Strelitz 23.26 Herzogt. Sachsen-Meiningen 15.84 Herzogt. Anhalt 13.83 Fürstent. Waldek 7.37 Fürstent. Reuß ältere Linie 8.75 Fürstent. Schaumbürg-Lippe 10.51 Fürstent. Lippe 11.26 Lübeck 7.01 Elsaß-Lothringen 5.52 Im letzten Jahrfünft wiesen außerdem eine Abnahme auf: Kgr. Bayern, Kgr. Württemberg, Großherz. Sachsen-Weimar, Fürstent. Schwarzburg-Rudolstadt, Hamburg. ttas weift man uon 6ali2ienl Unter dem Schlagworte „Was weiß man von Galizien?“ veranstaltete ein Komitee von polnischen Aristokraten, hohen Beamten und Industriellen in Wien eine Aktion zur Hebung des galizischen Fremdenverkehres. Den Anfang bildete ein kürzlich abgehaltener Lichtbildervortrag. Die landschaftlichen Reize, das bunte Völkergewimmel mit seinen malerischen Trachten und fröhlichen Festgebräueben und noch viel andere schöne Sachen wurden einem entzückten Publikum vorgeführt. Die Presse erwies sich zuvorkommend, kurz, die Sache ist im besten Gange. Auch wir begrüßen die Aktion, denn auch wir [sind der Ansicht, [daß man über Galizien im Westen viel zu wenig weiß. Nur müßten die Herren Veranstalter doch etwas realistischer arbeiten. Es ist ja nicht ausgeschlossen, daß man in Galizien hie und da .ünd dann und wann gutgekleidete und fröhliche Bewohner sieht, aber die Regel bildet das fürchterlichste Elend. Ausgehungert, zerlumpt und apatisch sind diese Polen, Rüthenen und Juden. Was das Landbietet, das verpraßt eine übermütige Herrenklasse, das raffen ihre Helfer zusammen und in heilen Scharen flüchtet das „gutgekleidete und fröhliche Völkchen“ auf die Auswandererschiffe. Galizien hat landschaftlich reizende Gegenden, das stimmt, aber warum führt man nicht auch die brachliegenden Aecker, die von Grundbesitzern und Spekulanten barbarisch verwüstete Forste vor? Das ist doch zumindest ebenso interessant. Bei Vorführung des Lebens und Treibens in Galizien dürften auch die „Wahlbilder“ nicht fehlen, denn das Volk in Galizien tanzt und trinkt nicht beständig, es geht auch wählen. Hei, .wären das effektvolle Films! Pulverdampf, Blut, Leichen, erschossene und aufgespießte Juden und Ruthenen, dann Bordellwirte, Hausjuden und Schlachzizen, welche das „gutgekleidete und fröhliche Völkchen“ mit Füßen treten. Man müßte ferner die polnischen Arrangeure, welche in Wien den Größten so prächtig die Honneurs erweisen, man müßte diese schönen Damen und eleganten Herren bei der Arbeit zuhause vorführen. Man