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Jüdische Zeitung · 1912-12-06 · 48 (6.12.1912) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
48 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Säte 2 JÜDISCHE ZEITUNG , ,... .... Jr. 48 'hält am 8. Dezember d. J. seinen ersten Kreisturntag ab. Noch ist kein Dezennium verflossen, seitdem in Berlin die Jüdische Turnerschaft von 3 Vereinen gegründet wurde und schon hat sich bei dem heuer in Berlin stattgefundenen Verbandsturntage die Notwendigkeit ergeben, die jüdische Turnerschäft in Kreise zu teilen. So wurden die in Oestrreich, mit Ausnahme Galiziens, und der Bukowina bestehenden Verbandsvereine zum Kreis West Österreich vereinigt. Die Kreisleitung hat für den 8. Dezember den ersten Kreisturntag angesetzt. Aus allen Teilen Westösterreichs werden jüdische Turner und Turnerinnen nach Wien kommen zu ernster Beratung und froher körperlicher Betätigung. Nicht gedrückte Menschen mit krummen Rücken und scheu blinzelnden Augen, sondern kraftvolle aufrechte Juden mit offenem geradem Blick werden der jüdischen Bevölkerung ein Bild jugendlicher Kraft, gepaart mit ernstem Streben, bieten. Im frohen Wettkampf werden die Besten um die Palme *des Sieges fingen und ein großes Schauturnen soll der breiten Oeffentlichkeit die Größe und Kraft der jüdischen Turnbewegung vor Augen führen. Wir heißen alle Turner und Turnerinnen, welche weder Mühe, noch Kosten scheuen, um dem Kreisturntage beizuwohnen und den Glanz des. Tages zu e-höhen, herzlich willkommen. Wir freuen uns, mit ihnen' in Kontakt treten und durch persönlichen Verkehr die Bande,- welche uns verknüpfen, enger schließen zu können. Wir richten gleichzeitig an alle, an unsere Freunde und Gönner, unsere Gegner und Widersacher, sowie an jene, die uns noch ferne stehen, die herzliche Einladung, unsere Veranstaltungen zu besuchen und aus eigener Anschauung die Arbeit, welche wir geleistet haben, kennen zu lernen. Rundschau. Die Stütze des Staates. In diesen bangen Tagen, wo es auf des Messers Schneide steht, ob Oesterreich in einen Krieg verwickelt werden wird, verwehrte man es den Sozialdemokraten, ein kräftiges Wort für den Frieden im Abgeordnetenhause zu sprechen. Die Interpellation, welche von ihnen wegen der Konfiskation des Manifestes der „Internationale“ eingebracht wurde, umi dessen Wortlaut zu immunisieren, wurde in eine geheime Sitzung verwiesen. Den Sozialdemokraten, die dagegen protestierten, schlossen siel) auch die Wiener Abgeordneten Hock und Ofner an. Gegen sie erstand aber dem durch dieses Manifest bedrohten Oesterreich ein Retter in Gestalt des getauften Wiener Abgeordneten Dr, «Wilhelm Neumann. Mit emphatischen Worten sprach dieser aus, daß Oesterreich sich jetzt nicht schwachmütig zeigen, sondern als efn starkes Reich auftreten solle, daß, wenn es angegriffen werde, auch seine Pflicht tun werde. Er fühlte sich als Patriot und das sei noch keine Schande. Wir können uns nicht helfen, es kommt uns bei allem Patriotismus, den die Juden Oesterreich gegenüber fühlen, ein bischen sehr deplaciert vor, wenn Herr Neumann die Rolle im Parlament spielt, die einem konservativen Feudalen' zukäme, daß von allen fünfhundertsechzehn österreichischen Abgeordneten gerade er mit dem Säbel rasselt und als patentierte Staatsstütze erscheint. - Herr Neumann als Sprecher des konservativen und imperialistischen Oesterreichertums — wir hoffen, daß sich die Witzblätter diese dankbare Figur nicht entgehen lassen werden. * # ■M. Otto Brahta. Wieder ist ein Jude gestorben, der im deutschen Kultur- und Geistesleben eine wichtige Rolle gespielt hat: Otto Brahm. Er war kein gewöhnlicher Theaterdirektor, sondern ein geistiger Kämpfer, der in Deutschland gegen den Unverstand der Philister dem unerbittlichen Gesellschaftskritiker Ibsen die Bahn gebrochen und dem literarischen Naturalismus, der in den Neunzigerjahren mit ungestümer Macht gegen die damals herrschende fade klassizistische Richtung losging, in der von ihm gegründeten „Freien Bühne“ eine Heimstätte geschaffen hat. Diese und andere große Verdienste Brahms werden in den Nachrufen der Tagesblätter des Langen und Breiten gewürdigt. Daß aber der Mann mit dem so germanischen Name ein russischer Jude war, der ursprünglich Abramsohn hieß, ist natürlich nirgends zu lesen. Auch nicht bei dem Juden Blumenthal, der in der “N. Fr. P.“ ein Feuilleton über ihn schrieb. Herr Großmann, der Literaturjude der „Arbeiter - Zeitung“, schweigt sich natürlich darüber aus und nur seine Bemerkung über eine Schülerin Brahms, die , ,ein kleines Leopoldstädter Judenmädchen“ gewesen sei, zeigt, daß Großmann seine Renegatenart, das jüdische Moment immer nur in verächtlicher Art zu erwähnen, auch beim Tode dieses bedeutenden Juden irgendwie demonstrieren mußte. — Brahm war bis ins letzte Jahr Jude geblieben. Wie es heißt, hat er sich, 'in der Hoffnung, Burgtheaterdirektor zu werden, erst kurz vor seinem Tode taufen lassen. * * # Spanien für die Freiheit Salonikis. Bekanntlich strengen sich die spanischen Machthaber seit einigen Jahren an, die Sympathien der Spaniolen zu gewinnen, jener Juden, welche im Jahre 1492 unter den grausamsten Verfolgungen aus Spanien vertrieben wurden und jetzt,-hauptsächlich in der Türkei leben. Spanien hat ansehen müssen, wie Frankreich in dem Spanien nächstgelegenen Marokko dadurch Fuß fassen konnte, daß' durch die Schulen der Alliance die dort wohagnden Juden frankisiert wurden, wodurch plötzlich eine französische Einflußsphäre in Marokko geschaffen wurde, ähnlich wie es vorher in Algier und Tunis der Fall war. Nun wollen die Spanier nach diesem Rezept sich gleichfalls durch Juden Einflußsphären sichern. Die spaniolischen Juden sind ein handeltreibendes Element und Spanien, das in den letzten Jahren daranging, einen kommerziellen Aufschwung zu nehmen, möchte gerne durch Liebeswerbungen bei den Spaniolen diese für spanische Produkte interessieren. Sehr geschickt operierten die Spanier in dieser Richtung während des italienisch-türkischen Krieges, aber mit wenig Erfolg. Heute, wo durch den Balkankrieg eine neue Situation, namentlich bezüglich Salonikis geschaffen wurde, dessen Bevölkerung zu zwei Dritteln aus Spaniolen besteht und über dessen Zukunft noch, nichts beschlossen ist, agitiert man in Spanien lebhaft für die Unabhängigkeit dieser Stadt. Der „Heraldo“ in Madrid verlangt direkt eine Intervention Spaniens zugunsten der Unabhängigkeit Salonikis, damit es durch diesen Akt die Grausamkeiten von 1492 wieder gut-mache! Wie immer diese merkwürdige Affaire angesehen werden mag, sicher, ist, daß sich wieder einmal zeigt, welch wichtiger politischer und wirtschaftlicher Faktor die Juden sind, wenn sie irgendwo in größerer Anzahl beisammen wohnen. Ein schlagender Beweis für die Richtigkeit der zionistischen Theorie. Gesinnungsgenossen! Verkehret nur in jenen Lokalen, in denen die „Jüdische Zeitung“ aufliegt! Soziale Fäulnis. . Manchen sozialen Schäden gegenüber, die wenig in die laute Oeffentlichkeit dringen, vielmehr unter der sichtbaren Oberfläche wuchern, wird lange nicht die entschiedene Stellung eingenommen, welche ihnen gegenüber eingenommen werden müßte. Vor mir liegen einige kleine Schriften, deren Inhalt die scheußlichste Barbarei der Gegenwart behandelt: alles, was mit dem sogenannten „Kinderhandel“ zusammenhängt. Wem dies Entsetzliche unbekannt ist, der lese selbst in diesen Schriften nach. Verfasserin ist die besonders in Deutschland bekannte Schwester Arendt, welche überhaupt zuerst die Oeffentlichkeit in dieser Beziehung etwas aufgerüttelt hat. (Die Schriften sind „Erlebnisse einer Polizeiassistentin“, „Kleine, weiße Sklaven“, „Kinderhändler“ u. s. w. Ein eigentümlicher Lebenslauf hat diese Frau dazu prädestiniert, ihre ganze Lebenstätigkeit diesem dunkelsten Gebiete zuzuwenden. Nicht etwa als Philantropie, sondern dank einer ganz unglaublichen Energie und Spürkraft, die es ihr ermöglichten, in die scheußlichsten "Schlupfwinkel dieser Schandgewerbe in allen Ländern Europas einzudringen, vielfach selbst unter der Maske dieses Gewerbes, eine Zeitlang in - äußerer Stellung einer Polizeibeamtin, aber wiederholt mit der Polizei selbst in‘Konflikte geratend. So gelang es ihr, allerdings innerhalb von neun Jahren etwa 1100 verkaufte, verlorene, manchmal zu Bettelzwecken verkrüppelte Kinder den verbrecherischen Organisationen zu entreißen und sic hier und dort privat und in Versorgungsanstalten unterzubringen — und dies noch dazu, ohne daß irgendeine Organisation hinter ihr steht. Daß die öffentliche Fürsorgetätigkeit hier am allerwenigsten bis jetzt eingegriffen hat — so daß es eigentlich bis heute keine spezielle Organisation hiefür gibt — hat verschiedene charakteristische Gründe. Zu ihnen gehört vor allem, daß sich die Behörden' verschiedener Gegenden geradezu sträuben, diese Dinge an die Oeffentlichkeit gelangen, das heißt auch nur aufdecken zu lassen. So gesCheheh sie nur zu häufig unter den Augen der Polizei und selbst gerichtlichen Behörden. Daß aber eine seichte Philantropie, die in der Oeffentlichkeit Ehren erstrebt, ebensowenig in solche Schichten des Elends dringen kann, wie die warmherzige private Wohltätigkeit, ist nicht weiter verwunderlich. Leider ist nun dieses furchtbare Problem, seinem Charakter nach allerdings i n t e r n a t i onal mit manchen Gradabstufungen, auch ein jüdisches und dies vor allem insoferne, als Ein Schwarzer nach Tisch macht munter und frisch 1 Die Untersuchungen von Professor Hollingworth haben erwiesen, weshalb es so ist. Wenn Sie - sich dafür interessieren, wie man der Ermüdung nach den Mahlzeiten entgeht, so lesen Sie die kleine Broschüre: „Winke für Feinschmecker“ Gratis erhältlich in allen Geschäften der Firma JULIUS MEINL Gegr. 1862. NIEDERLÄNDISCHE ““SSST" Im eigenen Palais. — Versilbertes Kapital zirka 380 Millionen. — Prttaienreseroe zlrba 113 Millionen. — Billigste Prämien und bolaniesle Badingungen. Engagiert ieöerzeit tOAtige, leistungsfähige Bgenten gegen hohe Bezüge. Bnsbflnitegrteflt flie üeneralagentsilialt Wien, 1„ Bspernplatz 1 (Belief : Daoifl Hebcuzatsl)., jfiy Oslgalizjcji u. Buhotpina: SabaiFChtiqn ^ö61 Taubes, Lcrnberq.

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