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Jüdische Zeitung · 1912-12-06 · 48 (6.12.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
48 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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■ ■ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufhahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ — tätlich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester-M ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjätrr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 133.404. Telefon 22.075. Nr. 48. Wien, Freitag, den 6. Dezember 1912 BBBaSSBSSS VI. Jahrgang Volkstümliches Wetturnen in der Turnhalle des I. Wiener jüdischen Turnvereines, IX., Liechtensteinstraße 20; Sonntag, den 8. Dezember 1912 vormittag 8—10 Uhr. Schauturnen in den Sofiensälen, III., Marxergasse Sonntag, den 8. Dezember Beginn 9 Uhr abends. Chanuha. Von Julius Löwy, Wien. Das Lichtweihfest ist das Fest des jüdischen Hauses. Mit seinem mystischen Zauber, der rden Jahrhunderten leidvoller aber ruhmreicher Geschichte entsproß, ruht es tief in der Seele des Judentums. HinmaUaim^ähte Aidrd . diese Mystik lebendig Und spricfht aus Lichtern Und Versen laut und hell Zu den Kindern. Denn jedes Volk, 'das in sich Sehnsucht Und Träühi trägt, wird in Stunden der .Rüdeerinnerung, an deren Ende verlorene MaCht steht, zum naiv empfindenden Kind, 'das sich auf das Haus izurückzieht, um' einsam und ungestört zu sinnen. Alten verklungenen Historien nach, die man zusammengezogen, Entwicklungsgeschichte nennt. Und so bahnt sich durch die Patina der Geschichte das Lichtlein seine strahlende Bahn. Sieht in erwartend glänzende Kinderaugen, sieht durch das Fenster hinaus auf den dunklen Weg, es jedem vermeldend, der vorbeikommt, daß hier Sohne 'des ersten, des adeligsten Volkes hausen/ das die' Erde trägt. Unser Fest Ist das Fest des jüdischen Hauses. Die offizielle Kirche eht an ihm kalt und mattherzig vorei. Nicht der Prunk des-Neujahrstages, des Vefsöhnüngstages. In der kümmerlich erleuchteten Synagoge, an deren Wänden die Schatten sich heben, wird an dem1 Leuchter ein Licht angebrannt und bekommt von Abend zu Abend eine Woche lang neue Nachbarn. Bis. acht Lichter da sind; denn fromme Sage meldet, 'daß in dem neugeweihten Tempel zu Jerusalem' das heilige Licht acht Tage ununterbrochen SCh’ein gab. Und da hätte doch’, meine itih, die Kirche allen Grund, solchen Glauben zu hegen und zu erheben. Sie tat dies in jenen schicksalsschweren Zeiten, in denen 'die ■ Synagoge nicht bloße Glaubensstätte War, sondern, wie ihr griechischer Name es sagt, Versammlungsort. Und in dem Maße, als sich die Zusammenhänge zwischen Kirche und Haus lockerten, bis sie rissen, sank die Bedeutung des Chanukafestes bis auf das Niveau eines untergeordneten Rituales. Ja, mit der Zeit legte man auch, der Not der Tage weichend, die Hand an das einzigartige, von allen Schauern stürmischen Empfindens durchwehte Chänukalied und strich die Strophe, die „Rache für das vergossene Blut deiner Kinder!“ ersehnt. * Umso liebevoller und inniger wahrte das jüdische Haus, das letzte und unA’ zerstörbare Bollwerk unserer nationalen Existenz, die Erinnerung an die stolze. Zeit, in' der eine jüdische Familie, Hannah und ihre sieben Söhne, verblutete, in der aus ihren Gebeinen ein Rächer erwuchs, Math'atias, aus dem Geschlecht der Hasmonäer, der mit seinen Söhnen ein ganzes Volk mitriß zur letzten Erhebung, zum Einsatz von Leben und Blut — zur Freiheit. Eine tiefe, schmerzliche Erschütterung ist dieses Fest für uns späte Enkel, keine Lehre können wir daraus ableiten, die uns neue Werte bringt- Denn die Erinnerung — sagt Jean^Paul — ist das einzige Paradies, auS Gern’ wir nicht vertrieben werden können. Aber was kommt nach der Erinnerung? * Und doch war dieses Fest ein fester Halt ihi Stürm der Zeiten, ein Felsen, an dem die Hoffnung sich rankte, den die Sehnsucht erklommen, um hinauszusehen in eine weite ,urid große Zukunft wie in einen blühenden Garten. Wohin sein leidvoller Weg 'das jüdische Volk führte, überallhin folgte ihm dieses Licht. Keine Feuersäule in der Wüste, aber ein Stern an dem nächtlichen Himmel, rettungverheißend, Zielpunkt und Weiser zugleich. Und wie am Freitagabend der semitische Paria zum Herrn wurde, so schöpfte er im‘ Schein des Chanukalichtes Trost und Mut. Den Kern und die Bedeutung dieses Festes zu erfassen, war er nicht im Stande. Die Fähigkeit der Wertung des historischen Ereignisses, das aus 'der Menorah ftervorleücfttete, war ihm1 abhanden gekommen, weil ihn die Not der Zeit zermürbt und gebeugt hatte. Aber der Gebeugte richtete sich straff auf, denn er ahnte intuitiv sein Volkstum1, seine Geschichte. Wir aber sehen mit wissenden Augen in den Lichterschein. Wir müssen nicht mehr träumen, weil uns ein Großer, ein Mann mit Königsbewußtsein, gelehrt hat, an das wache Leben zn glauben. An die einzige, aber deshalb schwerste Mission des Judentums: frei zu werden vom G o 1 u s, in das Eisen zu greifen, das uns umkettet. Im Exil fällt unser Fest in die Zeit des Winters. In unserer Heimat aber ist es zur gleichen Stunde Sommer. Dorthin weist uns das Licht, das Symbol unseres- Strebens,' aus den Gebieten kalter Barbaren in das Land der Sonne, ans Meer zu kommen. Der Zionismus ist Machtstreben. Unser Volk wird* der Faktor werden, zu dem es sich1 selbst machen will. Es wird so viel gelten, als. es sein will. In dieser Ueberzeugung wurzelt unser Glauben und unsere . Kraft. Wir haben wieder etwas zu sorgen und zu streben, das uns hinaushebt über den Alltag. Wir haben wieder fordern gelernt. Wir verlangen unser Recht auf Entwick- lung unserer nationalen Individualität, uft£er gutes Recht, das uns mit Waffen germbt wujde. Niemand in unserer Um- 'gebun^yersteht' üns; in unserem Volk, das 'in allerF Himmelsstrichen leidet und sich nochAnicht zur Gänze zur Höfte unseres Ideals emporschwingen konnte, sind wir noch die Minorität. Aber dieses Hindernis ist nur da, um überwunden Zu werden. Und der Samen, den wir in Erez Jisrael gesät haben, ist Saat von Gott. Wie dort die Garben reifen, so reift in uns die Entschlossenheit, das Recht, das mit uns geboren ist, wenn es uns geweigert wird, zu nehmen, und wenns vonf Himmel wäre. Der Sonne zu, dem Licht entgegen, führt uns e.r Weg, aus dem. Golus in die Freiheit^ Das kaudini- Sche Joch, das im Jahre 70 aufgestelTf wurde, werden wir zerbredhen, weil wir es zerbrechen wollen und müssen. Es gibt unwägbare Empfindungen int Herzen eines jeden Volkes, Impöüerabilien, die sich vom rechnenden Verstand nicht erfassen lassen; an die aber auf die Dauer niemand ungestraft rühren darf. Wir fühlen diese Empfindungen, wir glauben daran, daß unser Volk, reiCh an Kraft, an Intelligenz, an Lebensmut, sich seine Zukunft selbst schaffen wird, mit seinen eigenen Händen zu seinem’ eigenen Wohle und zum Heil der ganzen Menschheit. Wir sehen um uns Völker einmütig und entschlossen, ihr letztes, ihre Jugend, an das Höchste wagen. Diese Entschlossenheit haben audft wir, so wie sie Juda Makkabi hätte, dessen Fäuste das eiserne Muß zum Hammer stählte. Auch wir wissen, daß blood is thicker then water! SChwing dich; auf, du Lied unseres Stammes, du rauschender Sang der Freiheit, im Klirren der Waffen geboren, als von Tib.eria bis zum Salzsee Juda die letzten Reste der Griechen und Syrer getilgt hatte; du Lied, in dem wir lernen, daß unser Stimm n aCn an sicii glaubt, weil er es durCh zwanzig Jahrhunderte treu wahrte, weil er in den Lidrtlein ein Fanal sah in dem; blutigen Geleise seines Schicksals! Moaus zur! Erster Rreisturnfas der Pifften turaerfdiaft. (Kreis Westösterreich.) Ein Ereignis von großer Tragweite, welches einen Markstein in der Geschichte der jüdischen Turnbewegung bilden soll, wird in den nächsten Tagen in Wien stattfinden. Der Kreis Westösterreich der jüdischen Tumerschaft

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