Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 47 (29.11.1912)
- Date
- 1912-11-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 In den' Provinzstädten mit griechischer Majorität zu' Wohnen,'ist gerade für die Juden ein Martyrium. Es gelingt ihnen kaum mit Mühe und ^Not, ein Haus für Wohnung und Geschäft' zu finden, (vom Enverb;eines Grundstückes, um selbst Häuser zu bauen, ist gar nicht zu reden. Der fiaiL einer Synagoge .oder einer Schule ist zumeist unmöglich^ jiekanntdürften ja die blutigen Unruhen und der Boykott der Griechen gegen die Juden in Silvirie sein, bloß weil die Juden nicht so wählten, wie die Griechen wollten, wie denn überhaupt Ausschreitungen der Griechen gegen die Juden jn der europäischen Türkei nicht zu den Seltenheiten gehörten. Aelinlich werhält es sich in Saloniki. Obwohl griechisch erseits Saloniki als Stadt mit griechischer Majorität ausgeschrieen wird, ändert diese Großsprecherei doch nichts an der Tatsache, daß die Griechen dort kaum 10u/u der Bevölkerung ausmachen. In Saloniki ist nun der Jude alles, vom Schwerfuhrwerker, Lastträger und Fischer angefangen bis zum Großindustriellen und macht als Kaufmann dem Griechen erfolgreiche Konkurrenz. Um die Berufe, die schwere körperliche Arbeit erfordern, kümmert sich allerdings der Grieche nicht. Würde Saloniki griechisch werden, dann wehe den 100.000 Juden, denn der größte Teil würde in wenigen Jahren zum Auswandem gezwungen sein. Dieser Tatsache ist sich übrigens selbst der ärmste Jude in Saloniki bewußt. Zum Schlüsse sei noch bemerkt, daß wohl an der Objektivität des Salonikier Berichterstatters der Wiener Blätter der einer der angesehensten Mitglieder der österreichisch-ungarischen Kolonie und Nichtjude ist, in dieser Beziehung nicht zu zweifeln ist. Ing. E. St. Aus öer pildien Presse. Die jüdische Einwanderung in die Vereinigten Staaten im Jahre 1911/12. Arthur Meyerowitz-Berlin schreibt im „Familienblatt“: „Nach dem vorliegenden Geschäftsbericht des „General Commissioner of Immigration“ ist im abgelaufenen Geschäftsjahr vom 1. Juli 1911 bis 1. Juli 1912 80595 jüdischen Einwanderern- -der - Eintritt -in- ‘die> Vereinigten: .Staaten gestattet - worden, gegen 90.223 im Jahre 1910/11. Jn Prozenten ausgedrückt betrug die jüdische Einwanderung im Jahre 1911/12 9.4 Prozent der Gesamteinwanderung gegen 10.4 Prozent im Jahre 1910/1911. Die jüdische Einwanderung in die Vereinigten Staaten ist im abgelaufenen Jahre um 10.628 oder um 1 Prozent gesunken, während die Einwanderung der slavischen Völker sich ansehnlich vermehrt hat. Die deutsche Eimvanderung blieb auf derselben -Höhe des Vorjahres, -dagegen hat sich die englische, italienische, skandinavische Einwanderung bedeutend verringert und zwar in viel höherem Grade als die jüdische. Wenn man aber die Rückwanderungsstatistik berücksichtigt, so ergibt sich, daß die tatsächlich stattgehabte jüdische Einwanderung die größte gegenüber derjenigen aller anderen Nationalitäten ist Von den jüdischen Einwanderern sind im . ganzen 1064 oder 1.3 Prozent zurückgewiesen worden, gegen -1909 oder 2.2 Prozent im Jahre 1911. Die Zahl der zurückgewiesenen jüdischen Emigranten ist bedeutend kleiner, wie bei allen anderen Nationen. So wurden von Engländern 2.3 Prozent, Franzosen 3.6 Prozent, Griechen 4.4, Bulgaren und* Serben 5.1 Prozent zurückgewiesen. Nur die Zahl der zurückgewiesenen Deutschen ist etwas kleiner wie bei den Juden, nämlich 1.2 Prozent. Dies widerlegt am besten die von Einwanderungsgegnern immer wiederholte Behauptung: die Juden stellten ein unerw-ünschtes, minderwertiges Einwanderungsmaterial dar. Aus dieser Zusammenstellung ergibt sich, daß die Juden unter den in den (Vereinigten) Staaten verbliebenen Einwanderern das größte Kontingent stellen. Während bei anderen Nationalitäten ein gewisser Ausgleich zu der Einwanderung stattfindet durch che Rückwanderung, bleiben die jüdischen Einwanderer fast sämtlich im Lande. Diese Erscheinung ist eine konstante und in den letzten 10 bis 15 Jahren zu beobachten. Sie ist darauf zurückzuführen, daß die Juden, selbst unter schlechten ökonomischen Verhältnissen, es vörziehen, in den Vereinigten Staaten zu bleiben, als nach ihren Heimatländern zurückzukehren, wo sie politischer und sozialer Verfolgung ausgesetzt sind. Das ist auch die Ursache, weshalb die jüdische Bevölkerung der Vereinigten Staaten viel schneller wächst, als diejenige aller übrigen Nationalitäten. Da die Juden ferner mit der ausgesprochenen Absicht, im Lande zu verbleiben, herüberkommen, ist JÜDISCHE ZEITUNG die Assimilationstendenz dieser Volksgruppe eine beabsichtigte, ihr Aufgeheff in die amerikanische Gesellschatt ein schnelleres, als bei allen übrigen Nationalitäten. Die neuerdings viel erörterten anthropologischen Erscheinungen der amerikanischen Juden — die zweite Generation weist bereits den. völligen amerikanischen Typus auf — hat zum Teil in der Nebenabsicht, Amerikaner zu werden, seinen Grund. Die politische und gesellschaftliche Stellung der Juden in den Vereinigten Staaten steht unter diesen Umständen eher in einem entsprechenden Verhältnis zu ihrer Zahl als bei den übrigen Rassen. Das tritt besonders deutlich hervor b.ei der Präsidentenwahl, wo die Juden im Staate New-York ausschlaggebend sind und jsomit indirekt auf den Verlauf der ganzen Wahlkampagne einen bedeutenden Einfluß ausüben. * Ein Opfer der Hetzer. Das Hamburger Isr. Familienblatt schreibt: „.Ein schwerer Studentenexzeß hat sich in Darmstadt vorige Woche in' einem Kaffehause abgespielt. Gegien 6 Uhr waren dort deutsche und polnische Studenten der Technischen Hochschule in Streit geraten, der sich beim Verlassen des Lokals in der Rheinstraße fortsetzte. Der jüdische jStudent Weiser aus Czenstochau, der zuerst angegriffen wurde, gab zu seiner Verteidigung mehrere Revolverschüsse ab, worauf seihe Gegnerüber ihn herfielen. Er erhielt Stichwunden am ganzen Körper und brach tot zusammen: Die tätliche Wunde war ihm durch einen Messerstich in die Schläfe beigebracht worden. Wie die Untersuchung der Leiche des erstochenen Studenten und die Vernehmungen ergaben, hat der Student Ew'ald Bahr aus Soldin Weiser den tötlichen Stich versetzt. Bahr wurde daraufhin verhaftet. Neben der Trauer und dem Mitleid über die frivole Vernichtung, eines hoffnungsvollen jungen Menschenlebens beherrscht uns bei der Kunde dieser Darmstädter Vorgänge das Gefühl der Empörung und der Scham , darüber, daß derartige rohe Szenen sidi unter den Hörern einer deutschen Hochschule abspielen konnten, unter jungen Leuten, deren Bildungsgrad und Lebensanschauung ihnen Ekel und Abscheu vor solchen Ausschreitungen einflößen müßten. Wenn man unter den- Pariser - Apachen, den Londoner Rowdies, kurz in der Hefe einer großstädtischen Bevölkerung solche Raufbolde findet, dann mag man es mit ihrer sittlichen Verwahrlosung erklären. Der akademische Totschläger sitzt hinter Schloß und Riegel,- das- Opfer seines Dolches ruht im Grabe. Die Justiz wird ihres Amtes walten, sie wird die Vorgänge und ihre Motive klären, die Schükl äbwägeri, die sühnende Strafe verhängen. SchweiP^wiPd diese--äü'f,; dem---Verür-; teilten lasten. Seine Karriere Ist auf jeden Fall vernichtet. Schwefep Gewissensbissen ist er preisgegeben. Deshalb bleibe er seinen Richtern überlassen. Ueber seine Person hinaus aber besteht für die gesamte Oeffentlicfckeit die Frage: Werden durch die gerichtliche Untersuchung und Verhandlung auch uie ■ eigentlichen Schuldigen an der Darmstädter Bluttat an das Licht gezogen und def öffentlichen Verachtung überliefert werden? Man braucht den Ergebnissen der richterlichsen Untersuchung gegen den verhafteten Studenten Bahr in keiner Weise vorzugreifen, 'um doch schon heute festzustellen, daß seine Straftat aus dem Milieu, aus der Stimmung erwachsen ist, welchiid ie planmäßige, verhetzende Agitation gegen die jüdischen Studenten aus Rußland, die an deutschen Hochschulen studieren, geschaffen hat. Diese verwerfliche Agitation stellt . die Verdrängung dieser ausländischen Sturenden als eine Tat des deutschen Nationalbewußtseins und der nach antisemitischem Rezept konstruierten arischen Kultur hin. Eine schöne Kultur, die mit dem Messer des Bravo arbeitet! Das ist die Pogromkultur der „echt russischen Leute“. Zuerst behaupteten diese Agitatoren, die studierenden Ausländer nähmen den berechtigten deutschen .Studenten die Plätze in den Hörsälen und Laboratorien der Hochschulen ungebührlich weg. Diese unbegründeten Klagen sind verstummt. Dann gab die offiziöse russische „Rossija“ das Signal zu der Behauptung, die russischen Studenten, besonders diejenigen jüdischen Glaubens, übten auf die Sitten und die politische Gesinnung ihrer deutschen Kommilitonen einen jüblen Einfluß aus. Leider gaben ihr die öffentlichen Aeußerungen einzelner deutscher Hochschullehrer neue Nahrung. Der Kampf gegen diese „russisch-jüdischen“ Elemente sollte eine „deutsch-völkische“ Ruhmestat sein. Die Ruhmestat von Darmstadt! Der Schutz der guten Messerstechersitten!“ DOPPEL” MALZ BIER. Austria-Brauerei Wien-Neudorf. Nr. 47 Bus dem judifdien beben. Der Boykott gegen die Juden in Warschau. Die Warschauer Polen setzen ihre Drohungen in Taten um. Sie können esden Juden nicht verzeihen, daß die jüdische Majorität der Wahlmänner anläßlich der Dumawahlen nicht den Antisemiten Kucharzewski, sondern den Sozialisten Jagiello gewählt haben. Viele große christliche Fabriken entlassen ihre jüdisclmh Vertreter; die jüdischen Kaufleüte werden boykottiert, die polnische Presse hetzt in unverschämter Weise. Musterhaft ist angesichts dieser Situation das Verhalten der Juden, welche den Boykott gegen die Juden mit einem Boykotte gegen die Polen beantwortet haben. Diese energische Antwort wird die Boykotthetzer hoffentlich bald zur Besinnung bringen und sie zur Einstellung ihrer verbrecherischen Agitation bewegen. Ä * Theorie und Praxis. Die vom getauften . Juden Oswald Obogi und dem allpolnischen Hetzer Adam Nowicki herausgegebene „Polnische Post“ will selbstverständlich, wie alle polnischen Zeitungen, nichts von .einer jüdischen - Nationalität wissen. Die Juden existieren für die Polen nur dazu, um die Zahl der Polen im Statistischen Zentralbüro zu erhöhen und um durch ihre Steuerkraft den Einfluß der Polen zu stärken. Es wirkt daher komisch, wenn viele polnische Zeitungen oft an die Nationalitätslosigkeit der Juden vergessen und. unvermittelt von drei Galizien-bewohnenden Nationen schreiben. Ein derartiger Lapsus widerfuhr der Polnischen Post im Feuilleton ihrer letzten .Nummer, in welchem ein Offizier von der innigen Harmonie zwischen Militär und Zivil aller „drei Nationalitäten und Religionen“ in Galizien berichtet. So ergeht es jedem, der gegen besseres Wissen eine Lüge vertritt: das bessere Wissen schlüpft trotz ärgeren Wolfens durch. * Das jüdische Volkslied. Mittwoch, den 4. Dezember 1912, findet im Festsaal des Hotel Continental, II., Taborstraße, ein jüdischer Volksliederabend statt. Es ist schon vor einem Jahrzehnt der Versuch unternommen worden, das Wiener Publikum mit den Schöpfungen der jüdischen Volksmusik bekanntzumachen. Diesmal wird der Abend von der- Petersburger Gesellschaft für jüdische Volksmusik veranstaltet, die sich seit Jahren“ mit Erfolg um die. Sammlung jüdischer Lieder bemüht und sich um die Verbreitung dieser Kunstgattung große Verdienst^ ervyorben^Jmt- Sejt drei Jahren wurden in verschiedenen Städten -Rußlands, Deutschlands und Oesterreichs solche Konzerte gegeben. Der Beifall, (der dort geerntet und der Erfolg, der ■ erzielt wurde, lassen mit Recht erwarten, daß sich auch bei uns großes Interesse für diesen Abend kundgeben wird. Die mitwirkenden Künstler sind Ewan Rosovsky-Medvvedjew und die Herren Medwedjew und Janovsky, die mit größter Subtilität die ursprüngliche naive Schönheit dieser Lieder wiedergeben. Die Konzertgeber verfügen über prächtige Stimmittel. und über einen distinguierten, diskreten Vortrag, so daß auch dem Zuhörer, dem die Texte nicht verständlich sind, die Musik großen Genuß bereiten wird. Eine neue zionistische Zeitung. Am 11. November erschien in Cairo (Aegypten) die erste Nummer der jüngsten zionistischen Zeitschrift „La Renaissance juive“. Die neue Zeitschrift erscheint in französischer Sprache und steht unter der Redaktion des Herrn S. Hasämsony. * Eine neue jüdische Sekte. Ein eigenartiger Prozeß spielte sich dieser Tage vor den Schranken des Kreisgerichtes zu Samara in Rußland ab. 32 Bauern saßen auf der Anklagebank, denen in der Anklageschrift zur Last gelegt wird, daß sie der religiösen Sekte Neu-Israel als Mitglieder angehören. Wie aus den Akten hervorgeht,- ist diese Sekte vor 10 Jahren durch Bauern aus dem Gouvernement WoronesCh, die vor den ewigen Schikanen der Beamten aus. ihren Dörfern geflüchtet sind, gegründet worden. Mit Hilfeder Bauerribank erwarben sich die Flüchtlinge ein größeres Ackerland und gründeten sich eine Kolonie, auf der sie unter eigener Verwaltung in - treuer Gemeinschaft und unter Beobachtung des Sabbath und vieler anderen .alttestamentärischen Gebote lebten. Nach dem neuen Erlaß der- Glaubensfreiheit im Jahre 19Ö3 wurde die Sekte auch amtlich legalisiert und;gelangte dadurch zu einer Blüte und zu einem Aufschwünge,. den die Geistlichkeit nicht mehr übersehen konnte. Diese unternahm einen erbitterten Kampf gegen die neue Gesellschaft und hatte auch bald die Administration für ihre Verfölgungspläne gewonnen. Man unterschob den friedsamen -Bauern revolutionäre Absichten und beschuldigte sie der Verbreitung von Lehren, die eine Gefahr für die religiöse Moral und Sittlichkeit enthalten. Endlich gelang es der - Synode, mit Hilfe der (Re-