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Jüdische Zeitung · 1912-11-29 · 47 (29.11.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
47 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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for. 41 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 liberale Partei, richtiger gesagt die unter Kommando des Herrn Hofrates Kuranda und des ■getauften Renegaten Dr. N e u m a n n stehende israelitische Tischgesellschaft unter Assistenz zweier Paradearier geleistet. In allen Blättern war es groß und breit zu lesen, daß beim letzten Unterhältungsabend der „Fortschrittsfreunde“ rumänische Abgeordnete erschienen sind, und von den versammelten Juden und Jüdinnen enthusiastisch begrüßt wurden. K uranda erklärte, daß die Deutschliberalen schon längt die größten Sympathien für die Rumänen hegen und mit ihnen durch dick und dünn marschieren wollen. Es ist heute schon überflüßig, Kurandasche Schwabenstreiche ernstlich zu behandeln. Aber wir möchten doch den Herrn, weicher ausschließlich von Juden gewählt wurde, darauf aufmerksam machen, daß auch liberale Kriecherei ihre Grenzen haben muß. Weiß Herr Kuranda wirklich nicht, daß idie Rumänen die blutigsten Judenfeinde sind, daß in keinem Lande die Juden so grausam verfolgt werden, wie in Rumänien? Weiß er nicht, daß die erschienenen rumänischen Abgeordneten engste Parteifreunde der Christlichsozialen, Antisemiten vom reinsten Wasser sind und noch vor wenigen Monaten Hospitanten im christlichsozialen Klub waren? Und ausgerechnet mit diesen Leuten muß Herr Kuranda Schnäbeln! Krieg und Kriegsgefahr. Mag es sich um einen Krieg handeln, wie am Balkan, oder um eine drohende Kriegsgefahr wie in Oesterreich, die Hauptleidtragenden sind Juden. Während aus Saloniki Berichte von schrecklichen Judenexzessen eintreffen, melden die Tagesblätter von einer furchtbaren wirtschaftlichen Panik der jüdischen Kaufleute in Galizien und in der Bukowina, in welchen Provinzen die judenfeindliche Haltung der unter staatlicher oder Landeskontrolle stehenden Institute die Juden ebenso schwer schädigt, wie der brutale Antisemitismus der 'Griechen unsere Stammesgenossen in Saloniki. An anderer Stelle veröffentlichen wir eine Schilderung ,über das .Verhältnis zwischen Juden und Griechen aus der Feder eines in Saloniki jahrelange beschäftigt gewesenen Ingenieurs. Die in Konstantinopel erscheinende „Aurore“, sowie der „Independant“ aus Saloniki veröffentlichen in ihren Ausgaben vom 22. November detaillierte Berichte über die Schreckenherrschaft der Griechen in Saloniki, deren Opfer nicht nur türkische, . sondern auch österreichische und reichs deutsche Juden sind. Aus diesen Berichten geht nicht hervor, daß der Antisemitismus den Griechen unbekannt ist, wie der griechische Gesandte in Wien, Dr. Streit in der „N. Fr. Pr.“ behauptete. Vielmehr scheinen nicht nur Pöbel und Soldateska, sondern auch die griechischen Behörden und „Sicherheitsorgane“ ausgemachte Hallunken und Pogrombrüder zu sein. Angesichtsder traurigen Lage der Juden in Saloniki war die Interpellation des Abgeordneten Reizes an [den österreichischen Ministerpräsidenten, welche die gemeinsame Regierung aufforderte, sich der österreichischen Juden in Saloniki anzunehmen, nur allzu begründet. Man muß aber bezweifeln, ob sich das Protektoratsystem gegen die Willkür der griechischen Behörden als wirksamer Schutz erweisen wird. Die beste Lösung der Frage wäre, das Unrecht, welches die jüdische Majorität Salonikis der Raubgier der griechischen „Eroberer“ überläßt, durch die Ausgestaltung Salonikis zu einer neutralen, internationalen Hafenstadt, aus der Welt zu schaffen. Dieser Gedanke wird besonders von englischen Blättern propagiert. Weil* das offizielle Griechenland mit dieser englischen öffentlichen Meinung rechnen muß, lanziert es judenfreundliche Kundgebungen in der europäischen Presse. Hinterrücks jedoch läßt es seine Räuberbanden gewähren. Es ist ein gutes Werk, das heuchlerische Doppelspiel des offiziellen Griechenland aufzudecken. __;_J_:_ Gesinnungsgenossen! Verkehret nur in jenen Lokalen, in denen die „Jüdische Zeitung“ aufliegt! Intermezzo. Nach reiflicher Ueberiegung hat die zionistische Partei anläßlich der Kultuswahlen mit dem> offiziellen Zentralkomitee ein Kompromis geschlossen, also eine Art Waffenstillstand proklamiert: im Hinblick auf und nur für die eben durchgeführten Kultuswahle n. Von einem Frieden zwischen den diametral gegenüberstehenden Anschauungen kann insolange keine Rede sein, bis sich nicht die Gegner der nationalen, zionistischen Judentums in Anhänger verwandelt haben, oder zu einer verschwindenden, bedeutungslosen Minorität zusammengeschmolzen sind. Darüber ist sich die zionistische Partei vollkommen klar gewesen und auch die offiziellen Juden haben sich keiner Täuschung über die Sachlage hingegeben. Einer der ihrigen, Herr Doktor Oswald Byk, ein Bruder des verstorbenen Dr. Emil Byk, hat denn auch in diesem Sinne das Kompromis in der „Oesterreichischen Wochenschrift“ glossiert. Da er aber bei dieser Gelegenheit trotz der im wesentlichen richtigen Abschätzung des Wesens und der Bedeutung des Kompromisses gewisse Tatsachen verkennt und falsche Behauptungen aufstellt, so sehen wir uns veranlaßt, folgendes zu bemerken: Herr Dr. Byk schreibt im ersten Absätze: „Ich gebrauche absichtlich das Wort „Kompromiß“ und nicht „Friede“, wie dies, offenbar in bester Absicht, von allen Fürsprechern des Zentralwahlkomitees im Munde geführt wurde. Denn ein Kompromiß ist nur ein Teil der Friedensherstellung zu einem bestimmten Zwecke, also ad hoc. Dieses ad hoc bedeutet in unserem Falle: die Wahlen in den Kultusvorstand.“ Im zweiten Absätze aber meditiert Dr. Byk folgendermaßen : „Die Hauptsache bleibt der erfolgte Teilfrieden, durch welchen den Zionisten zwei Mandate zugestanden wurdem Aber ein Bedenken drängt sich beim „Friedensschlüsse“ auf, ob denn der Friede vonseiten der Zionisten tatsächlich und ehrlich gehalten werden wird? Denn unseres Wissens besteht die Zusage der Zionisten in diesem Kompromisse nur darin, eine friedliche und ungestörte Wahl zu ermöglichen, aber nicht auch für eine friedliche Ein- und Unterordnung im Kultusvorstande.“ /Erkläret uns, Graf Öerindur, diesen Zwiespalt der Natur! Im ersten Absätze wird richtig ausgeführt, daß es sich um ein ad hoc geschlossenes Komprömis handelt und im zweiten Absätze zweifelt Dr. Byk daran, ob die Zionisten „tatsächlich und ehrlich“ Frieden (ohne Gänsefüßchen!) halten werden. Jm dritten Absätze hingegen beißt Dr. Byk in den sauren Apfel und erklärt, daß die zionistischen Elemente im Vorstande keine sanften Lämmer sein, daß sie nicht zu allem „Ja und Amen“ sagen werden und daß eine gesunde Opposition von Vorteil ist. Wozu also die Fragerei, ob die Zionisten „tatsächlich und ehrlich“ Frieden halten werden? Das sind aber schließlich belanglose Kleinigkeiten. Unverantwortlich und direkt 'den Tatsachen hohnsprechend sind die moralischen Sentenzen, welche Doktor Byk über den Mißerfolg der zionistischen Kandidaten bei den letzten -Reichsratswahlen verkündet. Er schreibt: „Diese unfruchtbare Sonderstellung der Zionisten im Parlamente hatte zur Folge, daß bei den Neuwahlen in Galizien nicht ein einziger von ihnen wiedergewählt wurde.“ Das ist denn doch zu stark! Es diene Dr. Byk zur Kenntnis, daß nicht die „ununfruChtbare Sonderstellung“ zur Folge hatte, daß kein Zionist gewählt wurde, sondern daß die Schreckensherrschaft der galizischen Landesregierung, die Wahlgaunereien der von Dr. Byk in Schutz genommenen galizischen Assimilanten, der brutale, auch vor Mordtaten nicht zurückschreckende Wahlterror der Polenklubhandlanger ä la Feuerstein, die zionistischen Kandidaten zu Fall gebracht haben. Wenn schließlich Dr. Byk der Ansicht ist, daß „die Assimilation ein dauerndes friedliches Zusammenleben ermöglicht“, so nimmt uns das nicht Wunder. Er bekennt sich zu den Anschauungen seines Bruders, der den großen Fehler beging, die Juden bedingungslos den Polen auszuliefern, und dadurch die bereits jahrzehntelang währende Präponderanz des oligarchischen, unmännlichen, die jüdischen Interessen schädigenden, jüdisch-polnischen Assimilantentum begründete. Wir können Herrn Dr. Oswald Byk und den ihm Gleichgesinnten die Versicherung geben, daß wir nie aufhören werden, unsere Ansichten zu propagieren und daß wir nur so lange Frieden halten wollen, als es unsere unverrückbaren Ueberzeugungen gestatten werden. Die Judenftraualle von SaloniM. (Von einem infolge des Krieges vor einigen Tagen aus Saloniki zurückgekehrten Gg.) Dieser Tage brachten mehrere Zeitungen Berichte über Ausschreitungen der Griechen gegen die Juden von Saloniki. Dem setzt nun der Wiener griechische Gesandte Dr. Streit ein salbungsvolles Dementi in der „N. Fr. Presse“ entgegen, das in den famosen Satz ausklingt, der Grieche kennt den Begriff Antisemitismus überhaupt nicht, sondern er trieft nur so von Judenfreundlichkeit. Beruhigt kann nun jeder Jude beim Genüsse seines Kaffees auch noch dieses Dementi genießen. Wie stehts nun aber wirklich mit dieser Judenfreundlichkeit? Nach dem' Gesetze ist der Jude in Griechenland wirklich gleichberechtigt, ln welchem Staate Europas, abgesehen von Rußland und Rumänien, ist er es aber nicht? Tatsächlich ist aber der Judenhaß bei den Griechen ärger, als vielleicht selbst in Rußland. Der freie Grieche duldet einfach keinen Juden, schon aus rein wirtschaftlichen Gründen. Denn der Grieche ist, wenn er nicht gerade Staatsbeamter oder Offizier ist, oder vom Straßenraub lebt, Kaufmann und nichts als Kaufmann. Als Kaufmann sucht er jede Konkurrenz zu vernichten. Und die Juden bilden diese Konkurrenz, zumindest in den Orten, wo sie keine kleine Minderheit bilden. Zu diesem .Moment kommt noch der religiöse Fanatismus. Aus diesen Gründen erklärt es sich, daß heute kaum 2000 Juden in Griechenland leben, die so arm sind, daß sie mit Ausnahme von Athen, keine Gemeinden bilden können und daß eine ununterbrochene Abwanderung nach der Türkei, speziell nach Saloniki und Monastir erfolgt. Bekannt ist ja der Leidensweg der. Juden von Korfu. .Oder glaubt Herr Dr. Streit, daß diese Juden aus purem Wandertrieb die Heimat, wo es ihnen angeblich so gut ging, verließen, um in der Fremde mit Schuhbändern zu handeln? Und nicht rosiger ist das Verhältnis der Griechen- und Juden in Mazedonien und Thrazien. Ruls (Br Elniabpig-Ereiuiillige. Telefon: Stelle 6 von 3455. Witkowski & Nacht Nadif. Julius Noi's Witwe Wien, IX., Berggasse 27. empfiehlt sämtliche Uniformierungs- und Ausrüstungs-Sorten für das k. k. Militär, Staats- und Eisenbahnbeamte, sowie für Einjahrig-Freiwillige aller Branchen. Große Auswahl in Couleurbändern. 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