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Jüdische Zeitung · 1912-11-29 · 47 (29.11.1912) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
47 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 47 vertreten sein einige Neölogengemeinden, die infolge der völligen Assimilation ihrer Mitglieder immer mehr und mehr an Halt verlieren und krampfhaft nach einem solchen suchen. Sie hoffen, diesen in Orthodoxen finden zu können. Die Orthodoxen, bis auf einige, werden sich völlig fernhalten. Und so wird es bloß beim guten Willen bleiben. Es wird beim guten Willen bleiben, weil man heutzutage auf Grundlage des Schulchan- Aruch keine Volksbewegung schaffen kann, die alle Schichten umfassen soll. Seit dem Jahre 1S69, wo der Schulchan-Aruch der Zankapfel, der ungarischen Judenheit war, haben sich' die Zeiten geändert, so gründlich' geändert, daß die Söhne der damaligen Kämpfer ihre Väter nicht mehr zu begreifen vermögen. Zu Beginn der 80-er Jahre des vorigen Jahrhunderts setzte in Ungarn die Assimilation mit aller Wucht ein, Zehntausende von Juden wanderten nach der Großstadt, wo sie den Boden unter den Füßen verloren und sich den Idealen der Väter entfremdeten. Diese jungen Juden, die heute die Moderne im magyarischen Schrifttum vertreten, die als die hervorragendsten magyarischen Literaten, Dichter und Künstler das .ungarische geistige Leben lenken, haben im Denken und Fühlen mit den Vätern nichts gemein. Insoferne sie sich noch nicht taufen ließen, betrachten sie die Religion’— das Judentum ist ja für sie t>Joß eine Religion — als eine lästige Bürde. Afc^r auch die Durchschnittsjuden der Großstädte, die Akademiker, die Kaufleute, die Beamten, sie alle haben das Judentum" — wie sie mit Emphase zu sagen pflegen — innerlich überwunden. Man geht manchmal versteckt zur Synagoge, aber bloß um das Andenken der Eltern zu ehren. „Mein Vater bat mich am Sterbebett, das Kaddischgebet nicht zu versäumen.“ Jene selben Juden, die ihren Söhnen 43 Jahre Jahre hindurch einzutrichtern bestrebt waren, daß das Judentum bloß eine Religion sei, sehen jetzt mit Entsetzen, daß die Kinder diese Religion überwunden und demzufolge am Judentum jegliches. Interesse verloren haben. Alles rächt sich auf Erden! Uhd so kommt es, daß es nicht möglich ist, eine gemeinsame Plattform ausfindig zu machen, Der alte Schulchan Aruch langt nicht mehr, und den Nationalismus wollen sie nicht gelten lassen. Und doch, er wird zur Geltung gelangen müssen, weil in ihm allein das Heil der ungarischen Juden zu suchen ist. Er allein ist im Stande die klaffende Kluft zu überbrücken zwischen den einander feindlich gegenüberstehenden Lagern und aus den ungarischen Juden ein einig Volk von Brüdern zu schaffen. Er allein kann die so sehr herbeigesehnte gemeinsame Plattform bieten. Er allein ist im Stande,, die durch religiöse, soziale, geistige und andere Verhältnisse so arg zerklüftete ungarische Judenheit zusammenzufassen. Und hierbei denke ich nicht nur an die Zukunft, sondern auch an die Gegenwartsarbeit. Ich denke an alle Zurücksetzungen der Juden im Staatsleben, an die papierne Emanzipation, an die kulturelle und hauptsächlich Schulfrage, da durch das neue Schulgesetz, wonach es den Schulen verwehrt wird, Schulgeld einzuheben, eine jüdische Schule nach der anderen die Tore zu schließen gezwungen ist, ich denke an die wirtschaftliche Lage der ungarischen Juden, an ihr tägliches Leben und an alles, was drum und dran hängt. Eine Verbesserung der Lage der Juden in der Diaspora ist nur auf nationalem Wege zu erreichen, auf konfessionellem niemals, schon aus dem einfachen Grunde, weil viele von unserem Volke diesen Weg gar nicht beschreiten wollen und 'sich auf 'diesem Gebiete eine Einigung nicht erzielen läßt Der völlige Zusammenbruch der Theorie vom Schulchan-Aruch gibt jetzt den Ausgleichsbestrebungen eine andere Richtung, es werden aber I wohl noch viele Jahre vergehen, bis die un- ] garische Judenheit so reif sein wird, um zum I einzigen Auskunftsmittel: zur nationalen Idee I greifen zu können. Vorläufig sollen andere Mit- I telchen an ihre Stelle treten. Die neologen I Führer faseln von einem „Bruderbünde“, den I die künftige 'Gesamtorganisation der ungarischen I Gemeinden darstellen soll. Es mögen hiernach alle religiösen Fragen’ ausgeschaltet und nur die organisatorischen und sozialen Angelegenheiten behandelt werden. ’ . Nun taucht wieder die Frage auf: wollen denn die offiziellen Kreise der ungarischen Judenheit, denen die heutige verwirrte Lage durchaus behagt, wirklich die Vereinigung? Die Herren von den Neologen, die im Parlament gegen die I armen Juden in Nordostungarn scharf machen I und im Namen der jüdischen „Intelligenz“ er- | klären, nichts Gemeines mit den Kaftanjuden zu haben, wollen sie ernstlich die Verbrüderung mit den jüdischen Volksmassen, mit jenen selben Massen, die sie auf Schritt und Tritt verfolgen? Und die Orthodoxen? Denken die ernstlich an die Vereinigung — selbst in sozialen und organisatorischen Fragen — mit Juden,^ die anders denken und sich einen Schluck Kopfbedeckung leisten? Jetzt zeigt sich die Lage der. ungarischen Juden in ihrer ganzen Jämmerlichkeit. Hier hilft' weder der Schulchan-Aruch, noch der Bruderbund. Einzigallein ein tiefwurzelndes Volksbewußtsein, eine endgültige Absage an die magyarisch-assimilatorische Politik kann hier Wandel schaffen und den nötigen Resonanzboden herstellen. Bis die. ungarischen Juden nicht zu dieser Einsicht gelängt sind, ist ihnen nicht zu helfen. Für einen, (fer die Verhältnisse iii Ungarn kennt, war die zumindest äußere Erfolglosigkeit der zionistischen Arbeit leicht zu verstehen. Jedoch die jahrelang mühsam in den dürren Boden gesenkte Saat geht auf, es beginnt auch im dunkelsten Ungarn zu dämmern. Der beste Beweis hierfür ist, da sich die ungarischen Juden allmählich dem Einfluß, ihrer konfessionellen Assimilantenpresse zu entziehen suchen. An unseren Freunden in Ungarn liegt es, die Konjunktur auszunützen und für den nationalen Gedanken werbend zu wirken. Die Arbeit ist schwer, doch dürfen sie niemals vergessen, daß sie allein den Schlüssel der verwirrten Lage der ungarischen Juden in den Händen haben. Es ist daher gar nicht zu verzweifeln. Im Lande liegen viele jüdische Energien aufgespeichert, die uns noch zugute kommen werden, nur darf man es an aufklärender Arbeit nicht fehlen lassen. Der Erfolg wird nicht ausbleiben. zwischen deutschen und magyarischen politischen Machern. Die Leute verdienen wirklich keinen anderen Titel, denn sie repräsentieren nur gewisse Schichten ihrer Nationen und nicht gerade die besten. Denn, was einerseits hinter Wolf, Stransky und Sylvester und andererseits hinter Tisza, LukaCz jund Heltai' steht,- ist nicht gerade der wertvollste Volksteil. Dann bestehen so tiefgehende .Differenzen, daß sie mit verbindlichen Phrasen, die -man über die Köpfe der Weinflaschen hinweg austauscht, nicht beseitigt werden. Die rücksichtslose Agrarpolitik, welche die magyarische Regierung befolgt, ihre wirtschaftliche feindselige Haltung, haben Oesterreich die schwersten Wunden geschlagen. Ein bloßes Wort des famosen Wolf und noch so saftige Artikel in den Tagesblätterh werden dies alles aus dem Gedächtnis und Empfinden der notleidenden österreichischen |Bevölkerung nicht löschen. Und mit der wirklichen Verbrüderung wirds noch )sein Bewenden haben, solange die ungarischen Fleisch- und Kornwudherer das Heft . in Händen haben. Schließlich ist das aber Gegenstand einer Auseinandersetzung ' zwischen Deutschen und Ungarn. Für uns Juden hat die Sache vorläufig nur insofern Bedeutung, als wir unsere Volksgenossen warnen möchten, bei diesem vorläufig noch sehr unklaren Handel Vermittler- und Statistendienste zu leisten, sich überhaupt dabei zu engagieren. Die ungarische Regierung baut ihre Herrschaft aufjderbrutalsten Vergewaltigung und barbarischesten Knechtung der slawischen Völker auf. Die österreichischen Juden würden den schwersten Fehler begehen, wenn sie mit den Vertretern dieses Systems irgendwelche Verbindungen eingehen würden. Die verderblichen Folgen würden sich bald in einem Aufflackern - des wütendsten und in diesem Falle berechtigten Judenhasses bei den Slawen einstellen. Die ungarischen Juden hinwiederum mögen sich die Freundeshand, welche von österreichischer Seite geboten wird, doch genau besehen. Es ist die Hand waschechter deutschnationaler Antisemiten, unversöhnlicher Feinde des jüdischen Volkes und .es liegt gewiß auch nicht im Interesse der ungarischen Juden durch Unterstützung solcher „Freunde“ den antisemitischen Gedanken in Ungarn zu stärken. Mögen die deutschnationalen Antisemiten und die magyarischen Gewaltspolilitiker allein mit ihren slavischen Gegnern ferttig werden. Wir Juden haben' absolut keinen Grund, aus der Reserve herauszutreten, wenn I die liberalen Zeitungen auch noch so locken und die liberalen assimilatorischen Bezirksmacher I auch noch so jubeln. I Eine zweite Verbrüderungsaktion, allerdings I im Zwergmaßstab, hat sich die 'Wiener deutsch- Rundschau. Verbrüderungen. Wir leben in der Zeit der Kriege und der Verbrüderungen. Inmitten des Streitgewühles finden sich Liebende und erbitterte Gegner fallen sich in die Arme. Auch im politischen Leben Oesterreichs sind solche Verbrüderungen zu verzeichnen. Die neueste ist die deutschmagyarische Annäherung. Mehrere deutschnationale Führer haben nach ausgiebiger Esserei und noch ausgiebigerer Trinkerei an den Tafeln ungarisch-jüdischer Kollegen ihr magyarenfreundliches Herz entdeckt und die Wiener’ Tagesblätter übergießen den geschlossenen Bund mit Strömen von Druckerschwärze. Völkerverbrüderung ist eine sehr schöne und besonders für Oesterreich sehr wünschenswerte Sache,'trotzdem ist der vorliegende Fall mit größter Zurückhaltung zu begrüßen. Vor allem handelt es sich .vorerst um kein Uebereinkommen zwischen den beiden Völkern, sondern lediglich um eine von der Presse aufgebauschte Verabredung Ein Schwarzer nach Tisch macht munter und frisch! Die Untersuchungen von Professor - Hollingworth haben erwiesen, weshalb es so ist. Wenn Sie sich dafür interessieren, wie man der Ermüdung hach den Mahlzeiten entgeht, so lesen Sie die kleine Broschüre: «Winke für Feinschmecker1* Gratis erhältlich in allen Geschäften der Firma JULIUS MEINL Gegr. 1862. NIEDERLÄNDISCHE WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais.—Uersuherfes Kapital zirka 380 Millionen. — Pramienreseroe zirba 113 Millionen.—Billigste Prämien unö kulanteste Baöingungen. Engagiert jederzeit tüditige, leistungsfähige Agenten gegen hohe Bezüge. HnsbQiifte erteilt die Generalagenlsdiaff Wien, I., flspernplalz 1 (heiter: David Hebenzahl). Fflr Ostgalizien n. Buhowina: SuMirehlion Mbl Taubes, Bemberg.

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