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Jüdische Zeitung · 1912-11-29 · 47 (29.11.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
47 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion. Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. — Sprechstunden ■ _ löslich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht znrBckgesteQt. — Abonnementspreise r Für Oester* _ ■ reich-Ungarn s Ganzjähr. K. 10.—, halbjähr. R 5.—, vierteljähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjahr. Mk. 10.—, halblähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ ' Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: GanzjShr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 133.404. Telefon 22.075. ■ Nr. 47.■Wien, Freitag, den 29. November 1912 V!. Jahrgang Technischer Schwierigkeiten wegen erscheint die vorliegende Hummer unseres Blattes um einen Tag "später. Das Ergebnis der Wiener Kulfuswahl. Bei der am 24. November 'durchgeführten Wahl wurden folgende zionistische Vertrauensmänner gewählt: In den Kultusvorstand: Oberingenieur Robert Stricker (öjähriges .Mandat) und Dr. Jakob Ehrlich (2jähriges Mandat). In die Bezirkskommissionen: Dr. Emil Krasny und J. H. Waltuch für den I. Bezirk; Herrmann. Plaschkes und Dr. Rudolf Glücklich für den II.; Dr. Egon Zweig für, den III. und XI.; Viktor Knie und Em. Schidrowitz für. den IV., V. u. X.; Dr. Max Bernhard und Markus Knöpfeimacher für den VI. und VII.; Börsenrat Adolf Brecher und' Oberingenieur Emil Fried für den VIII, und IXTf ^Xxnqld Reich für den XH. und'XV.; Dr. Gottlieb Stern für den XVI.! und XVII.; Dr. Jakob Kohn, Hugo Rechnitzer u. Moriz Müller für'den XVIII. und XIX.; Dr. Sam. Ruß für den XXI. Bezirk. Im ganzen wurden 1960 gültige Stimmen abgegeben, von welchen zwischen 1900 und 1935 auf die einzelnen Kandidaten entfielen. Die Wahlbeteiligung war im Vergleiche zu den früheren Jahren eine, schwächere. Das ist einerseits auf den Umstand zurückzuführen, daß diesmal kein Kampf geführt, sondern eine gemeinsame Liste präsentiert wurde, die Agitation also naturgemäß eine schwächere war, anderseits aber auch auf die zufolge der Balkankrise nervöse und (ängstliche Stimmung, welche insbesondere in den Kreisen der jüdischen Kaufmannschaft herrscht. Dieses Moment hat das Interesse an der Kultuswahl stark' herabgemindert.. Der Erwerb von Sitz und Stimme in der bedeutendsten Judengemeinde, bedeutet für die zionistische Arbeit in Oesterreich' einen Wendepunkt, er wird sowohl in das Leben der jüdischen Gemeinde als auch! in das Parteileben tief eingreifen. Dieser Wendepunkt ist umso bedeutsamer, als es sich gerade um den Einzug von Vertretern der Wiener Partei in den Kultusrat handelt. Unbedingtes Festhalten an dem' Programm, Unnachgiebigkeit in prinzipiellen und sachlichen Forderungen und vor allem die rücksichtslose Unterdrückung jeder persönlichen Politik, waren die ausgesprochen nen, Kennzeichen der Wiener Partei. Sie haben oft den Unwillen in manchen Kreisen erregt, schließlich aber dep Freunden und Feindien die unbedingte Achtung abgerungen. Die Arbeit, welche unsere gewählten Gesinnungsgenossen irn Kultusrat nunmehr zu verrichten haben, wird gleichfalls jeden persönlichen Charakters entbehren. Die WienlS* Partei hat zu hunderten Malen bewiesen, daß sie keine Protektoren und einflußreiche Vermittler will, die sich auf Grund von Verdiensten inner- oder außerhalb 'der Partei, eine Ausnahmsstellung anmaßen und Seiteu|rftampgp^erlauben. Sic hat mit dieser Ghettomanier endgültig gebrochen und will lediglich tüchtige, - ernste Arbeiter, die sich in jeder Beziehung dem Parteiwillen unterordnen. Sie hat sich beim! Abschluß des Wahlkompromisses und bei der Nominierung ihrer Vertreter auch1 nur von diesem Grundsätze, bestimmen; lassen und dadurch die: Gewähr erlangt, daß die zionistische Arbeit in der Wiener Kultusgemeinde eine progfammtreue tut# zielbewußte sein wird, «ne Arbeit, die in all ihren Phasen dem Urteil der breij testen Oeffentlichkeit wird standhalten können. Die Vereinigun{gstFeöungen in Von Ludwig B a 16. Zwischen den' beiden- Parteien der Judenheit, den Neologen und Orthodoxen, in der anderen Reichshältte werden abermals Wiedervereinigungsversuche angebahnt, auf gut deutsch: Zank und Streit sind von neuem im voHen Gange. Wie erinnerlich, fand im Frühjahr eine vorbereitende Konferenz des in der allernächsten Zeit abzuhaltenden Kongresses der jüdischen Gemeinden Ungarns statt, eine Konferenz, an der sich die Orthodoxen nur in ganz geringer Zahl beteiligt hatten. Die Orthodoxen, du lieber Gott! So ein ungarischer Orthodoxe ist ein gar wunderlicher Kauz. Er treibt die reinste Vogelstrauß-Politik, wenn es sich um die inneren Angelegenheiten, die zusehend abnehmende Frömmigkeit und die Skandale in gewissen orthodoxen Kreisen handelt, steht aber der Außenwelt gegenüber als der strengste Richter auf Gottes Erden da und — wiewohl er sich unausgesetzt auf den Schulchan Aruch beruft — es ist durchaus nicht ausgemacht, daß er den Schöpfer dieser Gesetzessammlung, Rabbi Joseph Karo, ohne weiteres als gleichwertigen Orthodoxen betrachten würde. Niemand ist ihm fromm genug. Und aus diesem Grunde wird er niemals an einer Bewegung, die das Wohl des Alljudentums anstrebt, mitarbeiten. Für Apikorsim und mit Apikorsim? Gott bewahre! Ja, selbst die Agudas-Jisrael- Bewegung ist ihm nicht genug koscher. Einige ungarische Delegierte nahmen an der Kattowitzer Tagung teil. Kaum waren sie ins schöne Ungarland zurückgekehrt, erklärten sie klipp und klar, nicht mitarbeiten zu können, da ein Redner an der Konferenz einen hebräischen Bibelvers ohne Kopfbedeckung zitiert und — rachmono Iizelan! — ein Delegierter im Kaffeehaus barhäuptig seinen schwarzen Kaffee geschlürft hätte! Sehr treffend bemerkt hierauf die nationalkonservative Preßburger jüdische Zeitung: Man hätte auch manches andere aussetzen können. So sprachen einige Delegierte in Kattowitz ein reines Deutsch, wo doch verschiedene orthodoxe Rabbinerkonferenzen in Ungarn all jene Juden mit dem Bann belegen, die es unterfangen würden, statt Jüdisch Hochdeutsch zu reden, ja, es gab sogar welche — schreibt die genannte Zeitung — die ein reines modernes Hebräisch sprachen, sicher das größte Verbrechen vom Standpunkte der ungarischen Orthodoxie. Ja, es präsidierten, sogar einige Bale-Batim, einfache Juden, die: nicht einmal den Sabbath entwdföfcn M.fAhsipielung auf die inneren Verhältnis?^ der Orthodoxen Juden in Ungarn!) ' Nun stelle man sich vor: Was taugen diese Juden für die Allgemeinheit, wenn sie mit einem anderen Juden, der unbedeckten Hauptes einen kleinen Schwarzen nimmt, nicht mitarbeiten wollen? Ich will beileibe nicht sagen, daß das ganze jüdische Volk in Ungarn so denkt wie diese Herren, sie sind aber die Führer, oder besser gesagt, die Irreführer des Volkes. Daß man mit den Führern nichts beginnen könne, sahen auch die Vorkämpfer der Vereinigung, die fast durchaus den neologen Kreisen angehören, ein. Um ihr Ziel zu erreichen, nähern sie sich daher dem Volke und trachten, es dem Bannkreise der orthodoxen offiziellen Kreise zu entziehen. Sic suchen vor allem, krampfhaft nach einer gemeinsamen Plattform, nach einer Plattform, auf der sie beide, die Neologen und Orthodoxen, Platz hätten. Nun ist diese Plattform sehr schwer zu finden, zumal die Herren ausschließlich von einer jüdischenKonfession reden und von einem jüdischen Volke oder jüdischen Nation nichts hören wollen. Vor 43 Jahren, als die Spaltung in der ungarischen Judenheit vor sich ging, war die gemeinsame Plattform noch vorhanden. Der Schulchan Aruch stellte diese Plattform dar und hat für die damaligen Zeiten und Verhältnisse hinlänglich ausgereicht. Aber heute? Vergebens sagen die Neologen: „Schön, wir wollen von neuem die Autorität des Schulchan Aruch anerkennen, kommt liebe orthodoxe Brüder, wir wollen uns wieder vereinigen!“ Vergebene Liebeswerbung! Vergebens, denn die neologen Massen bleiben bei der Erwähnung des Schulchan Aruch bis ans Herz kühl. Ob jetzt die Neologen die jüdischen Gesetze mit oder ohne Schulchan Aruch nicht beobachten, ist ja letzten Endes ein und dasselbe. Die orthodoxen Juden wissen das und trauen ihnen nicht. Und vergebens greifen die Apostel der Vereinigungsbewegung: der Szabadkaer Kultusvorsteher Dr. Adolf Klein und Rabbiner Dr. Bernhard Singer zu den zionistischesten Mitteln, zu den Volksversammlungen, die sie in verschiedenen jüdischen Zentren veranstalten, um auf diese Weise die orthodoxen Kreise zu umgehen, all dies hilft nichts! Diejenigen, die kein religiöses Interesse an der Sache haben, scheren sich den Plunder um diese konfessionelle Bewegung und die Frommen sind nicht willens, sich auf religiösem Gebiete mit Irreligiösen gemeinsam zu betätigen, was ihnen schließlich gar nicht verübelt werden kann. Wir haben bereits berichtet, daß auf der vorbereitenden Konferenz für die Schaffung einer gemeinsamen Organisation eigentlich gar nichts geleistet wurde. Und so wird der Kongreß, wenn er überhaupt zusammentreten wird, bloß ein Zerrbild der ungarischen Judenheit bieten. Die meisten werden zuhause bleiben. Es werden

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