Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 46 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 46 der tschechischen Juden, eröffnet, wo der Hauptredner unser Obmann Dr. Singer war, und nun folgte Schlacht auf Schlacht; Kolin, Pardubitz, Pilsen, Pfibram, Dobris, Humpolec, Deutschbrod, an den meisten Orten zwei-, drei-, viermal, um nicht nur zu erobern, sondern auch zu behalten. Wir .dürfen wohl sagen, daß der Zionismus in den tschechischen Gegenden nur diese unsere groß angelegte und zielbewußt durchgeführte Aktion neues Leben gewonnen hat Eines der wichtigsten Anliegen der inneren Arbeit ist die Belebung der hebräischen Sprache. Jede Bemühung in dieser Richtung stößt leider auf das große Hindernis, daß es noch so wenige, geeignete Lehrer des Hebräischen gibt. Immerhin gelang es, vor allem durch die große Anstrengung des Zentralkomitees, wenigstens noch einen Lehrer des Hebräischen außer dem seit l»/4 Jahren in Prag so verdienstvoll wirkenden Herrn Frumkin, und zwar nach Pilsen zu bekommen. An anderen Orten, vor allem in Aussig, wurden Kurse mit einheimischen Lehrern eingerichtet Einer der erfreulichsten Punkte in unserem Berichte ist das Verhältnis zu den zionistischen Oberbehörden. Seit der Einigung der ganzen westösterreichischen Organisation, die das schöne Resultat des Brünner Parteitages war, haben die alten Differenzen, die so viele, besser anders verwendbaren Energien verschlangen, gänzjich gänzlich aufgehört. Das Wiener Zentralkomitee und das Berliner Aktionskomitee sind mit Glück bemüht, einen engen Kontakt mit allen Teilen der Organisation zu erhalten und etwas von ihrem Feuer, ihrer Zielsicherheit, ihrem großen Wollen auch der letzten Ortsgruppe einzuflößen. Das Aktionskomitee hat uns durch direkte Einflußnahme, durch die direkte Ermöglichung der Bureaueinrichtung, vor allem durch die mehrmalige Entsendung unseres Freundes Blumenfeld eine nicht abzuschätzende Hilfe bei unserer Arbeit geleistet, ohne die wir auch keinen kleinen Teil dessen, was wir taten, hätten durchführen können.. "Das Wiener Zentralkomitee hat als Mittelstelle für all diese Wirkungen und durch eigene Arbeit einen großen Teil unserer Dankbarkeit. Der Bericht wird mit großem Beifall aufgenommen. Den Kassabericht erstattet Herr Emil Thein. Es wurden 2377 Kronen an Schekeln abgeführt (wobei noch ein größerer Nachtrag zu gewärtigen ist); an Landesparteisteuer gingen im ganzen 3137.45 Kronen ein. 'Der Vermögensstand des Distriktskomitees wird mit 1480.22 Kronen vorgetragen. Die Richtigkeit dieser Angaben bestätigt der Revisor Herr Ignaz Karpeles. Den Nationalfondsbericht, der durch die in unserer letzten Nummer veröffentlichte Tabelle illustriert wird, trägt Herr Professor J. Wertheimer vor. Im ganzen wurden 20877.86 K für nationale Zwecke abgeführt Aus dem Bericht -des Kassiers geht hervor, daß für den Zentralfonds 3049.09 Kronen aufgebracht wurden, somit Böhmen unter den westösterreichischen Distrikten an weitaus erster Stelle steht. In der Generaldebatte sprechen folgende Herren: Hirsch (Karlsbad), Ingenieur Slonitz (Prag), Pacovsky (Prag), Dr. Margulies (Leitmeritz), Moritz Löwy (Prag), Lieben (Prag), Dr. Engel (Prag), -Dr. IHirsch .(Komotau), Weltsch (Prag) und Schiff (Aussig). Es erhält sodann das Wort Herr Generalsekretär Kurt Blumenfeld zu seinem Referat: „Die nächsten Aufgaben der Ortsgruppen/1 Blumenfeld legt in fast pineinhalbstündiger Rede, die mit gespanntester Aufmerksamkeit angehört wird, die Prinzipien und die Methode einer erfolgreichen zionistischen Propaganda dar. Trotzdem die „örtlichen Verhältnisse“ in Oesterreich nicht anders sind als überall, sei man hier noch in der Methode zurück. Man darf den Zionismus nicht apologetisdi darstellen, auch nicht durch Hinüberspielen der Agitation auf das gesellschaftliche Gebiet das Wesentliche verwischen. Wir müssen mit aller Entschiedenheit und allem Ernste den anderen entgegentreten, nur dann werden wir Respekt für unsere Sache erzielen. Die assimilatorischen „guten Juden“ haben die zionistische Terminologie von der „Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins“, ja selbst von der Notwendigkeit der Ansiedlung „russischer Juden“ in Palästina übernommen, sie sind dadurch unsere gefährlichsten Feinde geworden; Diesen 'Leuten gegenüber müssen wir das Entscheidende im Zionismus stets mit voller Klarheit fassen, wir dürfen nicht meinen, daß sie schon Zionisten sind, selbst wenn sie Geld für unsere"Zwecke geben, Zionist ist nur der," der die Gleichheit der Lage der Juden auf der ganzen Welt .einsieht, der unter den gegebenen Bedingungen selbst nicht leben kann, der sich innerlich unfrei fühlt, seine Wurzellosigkeit fühlt, der heraus will, neue Formen schaffen will, der, wenn er schon nicht selbst nach Palästina geht, nur im Zionismus leben kann, der gibt aus innerer Notwendigkeit, aus persönlichem Bedürfnis. Das Judentum geht zugrunde, 'wenn der Zionismus sein Ziel nicht erreicht Daher sprechen wir der Philantropie absolut nicht die Berechtigung ab, aber sie hat ja.nur dann einen Sinn, wenn der Zionismus sein .Ziel erreicht, sonst ist sie ja zwecklos. Der Erfolg hat diesen radikalen Theorien recht gegeben. Referent erzählt seine Erfahrungen aus Deutschland, wo durch energische Arbeit in seinem Sinne statt 5000 ganz locker organisierter Schekelzahler 10.000 bewußte Zionisten gewonnen wurden. Das Aktionskomitee besteht darauf, daß alle Ortsgruppen ihre Arbeit intensiver gestalten, und ist bereit, sie ausgiebigst zu unterstützen. Redner gibt sodann einige detaillierte Anweisungen zu zionistischer Arbeit. Solange die Zionisten nur Wert darauf legen, den andern klar zu machen, der Zionismus sei „n i ch t so s ch 1 i m m“, solange wird der Zionismus von den andern nicht geachtet werden. Respekt verschafft sich nur, der zeigt, daß er etwas kann. Während in einem Morgenblatt der „Neuen Freien Presse“ von den „Hammeldieben auf dem Balkan“ die Rede war, konnte man im Abendblatt desselben Tages schon etwas über das „Recht der kleinen Nationen“ lesen, weil zwischen Morgen und Abend die Siege der Balkanstaaten gemeldet wurden. Man mißt die Leistungen. Der Zionismus muß mit dem ganzen Elan einer geistigen Macht auftreten, mit der ganzen Entschiedenheit, mit allem Radikalismus kämpfen, so daß es für die Kämpfer eine befreiende Freude, eine Erholung ist, eine Lust zu leben. Das "Referat wird mit langanhaltendem Beifall aufgenommen. Schließlich schreitet der Vorsitzende Dr. Engel in später Nachmittagsstunde zur Abstimmung, die unter großer Anteilnahme vor sich geht. Es werden folgende Anträge zur Abstimmung gebracht: 1. Resolution Singer-Weltsch: Alle Mitglieder der zionistischen Organisation Böhmens werden aufgefordert, die „Selbstwehr“ zu abonnieren. (Einstimmig angenommen.) * 2. Antrag Gütig-Margülies: Es ist eine Verpflichtung aller zionistischen Organisationen, für die Unterstützung der ,.Selbstwehr“ auf das tatkräftigste zu arbeiten. (Einstimmig angenommen.) 3. Antrag Markus: Das Distriktskomitee möge im Einvernehmen mit den tschechischsprachigen Organisationen die Vorarbeiten zur Herausgabe einer tschechischen zionistischen Zeitung treffen. (Abgelehnt.) 4. Antrag Goidstein: Der Distriktstag beauftragt das Distriktskomitee, die poalezionistische Zeitschrift „Zid. lid. list“ zu übernehmen, als Parteiblatt zu führen und im Einvernehmen mit den tschechischsprachigen Organisationen auszubauen. (Mit 24 gegen 17 Stimmen angenommen.) Als nächster Punkt . der Tagesordnung sind die Wahlen vorgesehen. Del. Schiff (Aussig) schlägt folgende Liste für das Distriktskomitee vor: Rieh. Brandeis, Prof. Viktor Freud, Dr. Ernst Gütig, Ing. Emmerich Hofmann, Dr. Ludwig Singer, Emil Thein, Prof. J. Wertheimer. Die Liste wird — gemäß Antrag Dr.. Herrmann durch Akklamation — angenommen. Zu Revisoren werden gewählt: Herr Ign. Karoeies und Dir. Karl Resek. Für das westösterreichische Zentralkomitee werden präsentiert die Herren: Ernst Bechert (Teplitz). Dr. Alfred Engel (Prag). Dr. Ernst Gütig (Prag), Dr. Hugo Herrmann (Aussig), Dr. Hermann Hirsch (Komotau), Dr. Emil Margulies (Leitmeritz), Ludwig Markus (Kuttenberg), Elisabeth Perutz (Teplitz), Dr. Ludwig Singer (Prag), Max Soudek (Kolin). Gesinnungsgenossen! Verkehret nur in jenen Lokalen, in denen die „Jüdische Zeitung“ aufliegt! ßus dem jüöitöien Geben. Austritte aus dem Judentum in Ungarn. Budapest. Nach dem Ungarischen Statistischen Jahrbuch sind im Jahre 1910 in Ungarn 512 Juden (263 Personen männlichen, 219 weiblichen Geschlechts) aus dem Judentum ausgetreten. In demselben Jahre traten 124 Personen (43 männlich, 81 weiblich) zum Judentum über; ln den letzten 15 Jahren sind im eigentlichen Ungarn insgesamt 5046 Personen aus dem Judentum ausgetreten, in Kroatien-Slavonien betrug die Zahl der Austretenden von 1898 bis 1910 285. Grundbesitz in Galizien. Der größte Grundbesitzer in Galizien ist der deutsche Baron L i e b i g, welcher 66.746 ha sein Eigen nennt. An zweiter Stelle befindet sich der polnische Graf Roman Potocki aus Lancut mit 50.000 ha Grundbesitz. Nach dem Erzherzog Stefan mit 44.000 ha,, dem Deutschen Wilhelm Schmidt mit 33.500 ha rangiert der jüdische Baron Popper mit 33.400 ha. Der gesamte Großgrundbesitz beträgt 2,385.500 ha, wovon auf-jüdische Besitzer 301.6Ö0 ha, das sind 14,4®-« entfallen. Es sei noch hinzugefügt,, daß die überwiegende Mehrheit der galizischen Gutspächter jüdisch ist. * ■ * Neue Judenausweisungen in Rußland. Moskau. Nachdem die Massenausweisungen von Juden in Kursk durch eine Verfügung des Ministeriums des Innern eingestellt worden war, wird jetzt aus Kursk gemeldet, daß der dortige Gouverneur von neuem 50 jüdische Hand werk erfamüien ausgewiesen hat, darunter solche, die schon seit 15 Jahren in Kursk wohnhaft sind und deren Wohnrecht niemals angezweifelt wurde. * ' * Der erste jüdische Abgeordnete Serbiens. Belgrad. Vorige Woche wurde an Stelle des radikalen Abgeordneten M. Marjanovits, der sein Mandat riiedergelegt hatte, der Bankier Benzion Bully als Abgeordneter der Stadt Belgrad beeidet. Herr Bully legte den Eid nach jüdischem Ritus im Beisein des Großrabbiners Herrn Dr. J. Alcalay ab. * * Vom Beilis-Prozeß. Petersburg. Im Justizministerium hat man den Vertretern der Presse, die sich dort nach dem gegenwärtigen Stand des Beilis-Prozesses erkundigten, erklärt, daß die Frage der Freilassung des Angeklagten Bei'is in Kiew noch im Laufe des Monats November, entschieden werden wird. * Boykottdrohungen gegen die Juden in Warschau. W arschau. Die herrschenden polnischen Parteien können es noch immer nicht verwinden, daß die jüdische Bevölkerung Warschaus sich ihrem tyrannischen Machtgebot nicht fügen wollte und den antisemitischen Dumakandidaten der „polnischen Konzentration“, Herrn Kucharzewski, zu Falle brachte. Was jedem unbefangenen Menschen als ein Gebot des einfachsten Ehrgefühls und der elementarsten Selbstachtung erscheinen muß, das stellen die edlen Polen Warschaus als einen" „Kakatistischen“ Akt ' der Feindseligkeit gegen die polnische Gesellschaft dar. Die bürgerlich-polnische Presse Warschaus, die sonst eine mehr salonfähige Abart des Antisemitismus pflegte, schlägt jetzt den Ton der rüdesten russischen Pogromblätter von der Art der „Semstschina“ an. Die polnische Gesellschaft wird aufgefordert, alle geschäftlichen Beziehungen zu den Juden abzubrechen und nichts mehr in jüdischen Geschäften zu kaufen. Infolge dieser wüsten Hetze kam es bereits in einer Markthalle und vor einigen jüdischen Läden, wo polnische „Wachtposten“ aufgestellt waren, um christliche Kunden vom Einkauf abzuhalten, zu Zusammenstößen und Schlägereien, so daß die Polizei enschreiten mußte. Inzwischen setzt die judenfeindliche polnische Presse die Boykotthetze und die ganzehe’denhafte Kampagnj gegen die Juden ruhig und ungestört fort . . . # * Jüdische Farmer in Amerika. Sehr interessante Ausblicke eröffnet das soziale Leben der jüdisch-amerikanischen Farjner, das sich fast in allen Fällen — wie die gesamte jüdisch-amerikanische Kolonisation — aus sich, selbst heraus zu bilden beginnt, jedoch durch von außen kommende Hilfe gefördert wird. So entsendet zum Beispiel die New-Yorker Chautauqua Rabbiner auf. die Farmen, um Gottesdienste abzuhalten, oder die Landwirtschafts- und Hilfsgesellschaft errichtet, wie in South Jersey, Bibliotheken, Hör- und Versammlungssäle, schafft Turnvereine usw. Daneben entwickelt sich ein gesundes soziales Zusammenwirken unter den verschiedenen, über das Land verstreuten jüdischen Kolonien. So bildeten sich — angeregt durch das als Bindeglied dienende Organ „Jewish Farmer“ — eine Reihe von Vereinen, teils berufspraktischer, teils geselliger Natur, die sich 1909 zu der „Federation der jüdischen Farmer von Amerika“ zusammengeschlossen. Ihre erste Jahrestagung, verbunden mit einer landwirtschaftlichen Ausstellung, fand Sukkoth 1909 in New-York statt und erregte so großes Interesse, daß über 50.000