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Jüdische Zeitung · 1912-11-22 · 46 (22.11.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
46 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 46. JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 die letzten zehn Jahre eine Verminderung der tschechisch Sprechenden in Wien um mehr als 10.000 Seelen! Wie ist diese Erscheinung möglich? Sie mit der starken Wirkung der deutschen Assimilation zu erklären, wagt nicht einmal die offizielle Statistik und ist genötigt, auch diese Erscheinung jenen beizuzählen, „für welche eine sachliche Erklärung nicht zu finden ist“. Für uns Juden haben die bisherigen Untersuchungen der österreichischen Statistik in bezug auf die Sprachenverteilung keinen Wert, weil unsere Sprache nicht anerkannt und wir sprachlich in gewalttätiger Weise an die Völker, unter denen wir leben, gekettet werden. Der heroische Kampf, den das galizische Judentum bei der letzten Volkszählung unter den größten Opfern für die Anerkennung der jüdischen Sprache geführt hat, ist vorderhand — wenngleich die historische Bedeutung dieses Kampfes hervorragend ist — ohne praktischen Erfolg geblieben. Aber das, was wir nicht aus eigener Kraft durchführen konnten, hat das Leben selbst zustande gebracht. Dank der veraltet-plumpen Methode, deren sich die Regierung bei der Sprachenzählung bediente, die mehr politische als wissenschaftliche Ziele im Auge hatte, ist um die Volkszählung ein heftiger nationaler Kampf ausgebrochen. Um die Richtigkeit der angegebenen „Umgangssprache“ irgendeiner Gruppe festzustellen, hat man zum gerinsten Teil, wie die offizielle Statistik selbst konstatiert, die alltägliche Wirklichkeit, sondern rein politische Momente in Betracht gezogen. Infolgedessen hat die letzte Volkszählung in bezug auf die Sprachenverhältnisse Absurditäten zutage gefördert, welche die offiziellen Gelehrten bei bestem Willen und mit größter Anstrengung nicht „erklären“ können. Die offizielle Statistik ist gezwungen worden, öffentlich ihre Unzufriedenheit mit der bisher angewandten Methode auszusprechen und auf ihre Nutzlosigkeit hinzuweisen, und wir wollen hoffen, daß diese Meinung, von einer so kompetenten und dabei offiziellen Anstalt wie der k. k. Zentralkommission (wenn auch sehr diplomatisch und vorsichtig) zum Ausdruck gebracht, -entsprechende Wirkung haben wird. Nicht einmal wurde vor der letzten Zählung der Vorschlag unterbreitet, den plumpen Begriff „Umgangssprache“ mit dem genaueren und entsprechenderen: „Muttersprache“ zu vertauschen oder diese neben der „Umgangssprache“ oder der „Nationalität“ anzugeben; diese Vorschläge wurden aber vom Herrenhaus abgelehnt. Wir glauben aber, daß die Absurditäten, welche die letzte Volkszählung in dieser Frage hervorgebracht hat, das österreichische Herrenhaus zum Nachdenken bringen und seine Hartnäckigkeit ^brechen werden. Die Frage der Reform der Volkszählungsbogen in bezug auf die Sprache wird gewiß binnen kurzem in den Vordergrund der österreichischen Gesetzgebung treten und wir müssen uns bemühen, dahin zu wirken, daß . die Frage in einer Weis'fege’öst werde, welche am besten unrere nationalen Interessen zu sichern imstande ist. Wien. B. Rubstein. Die jüöiirfiß Rasse und ihre gefihldits liiiie Bedeutung. Referat Dr. Fr. Oppenheimers, gehalten im Berliner „Verein für jüdi-che Geschichte und Literatur“. Aus Berlin schreibt die „Jüdische Rundschaus“: Der Vortrag, den Dr. Fr. Oppenheimer im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur“ hielt, war weniger ein Vortrag über das obige Thema, als vielmehr ein allgemeines nationalökonomisches Kolleg. Ausgehend von den teleologischen Deutungen des Weltgeschehens, die man heute vollständig aufgegeben habe, erwähnte er kurz die heute noch bestehenden kausalen Theorien und stellte den üblichen Formu'i'ring-n seine eigenen gegenüber. Die Rassetheorien gehörte*' zu den einseitigen Geschichtsauffassungen. M-n habe seine •Reden auf dem Soziologentag mißverständen; er habe nur gegen die Rassentheoretiker zu Felde ziehen wollen, die nichts kennen als Rasse, Rasse und noch einmal Rasse. Dagegen gebe er zu, daß vielleicht Kunst und Metaphysik auf spezieller Begabung beruhten. Die Rassentheorie aber, die die Wanderungen eines Volkes aus seinem Wandergeist, seinen Handel aus seinem Handelsgeist erkläre, stehe auf demselben Standpunkte, wie der olle Bräsig mit seinem Ausspruch: die große Armut komme von der großen pauvrete. Er, Oppenheimer selbst, habe verschiedene Erscheinungen des geschichtlichen Lebens, die man früher aus der Rasse erklärt habe, ohne Rasse erklärt. So sei z. B. das Entstehen des Kapitalismus nicht auf „kapitalistischen Geist“, wie Sombart meine, zurückzuführen, sondern der Kapitalismus trete überall dort auf, wo Freizügigkeit und Großgrundbesitz vorhanden seien. — Ebenso irrt Sombart in seiner Psychologie der Juden. Der jüdische Scharfsinn erkläre sich aus der Vielsprachigkeit der Juden. Wer mehrere Sprachen kennt (wie die Juden die Landes- und ihre heilige Sprache), der verstehe Wort und Begriff zu trennen, und das sei Scharfsinn. (Heute sind doch aber die Juden wenigstens in Deutschland nicht mehr vielsprachig, als die Umgebung, hebräisch können sie nicht mehr; Scharfsinn wird uns trotzdem noch nachgerühmt; also wird wohl die Vererbung mitspielen müssen. D. Ref.). Es bleibe nur noch der Rest zu erklären, warum sich die Juden nicht haben unterkriegen lassen, und darauf sei die Antwort, die Juden seien eine Herrenrasse, weil die Unterschicht untergegangen sei, und wer einmal von Kopfarbeit gelebt habe, lebe nie mehr von Handarbeit. (Hier spielt also wieder einmal die Vererbung mit. D. Ref.) Seine zionistischen Freunde hätten ihm vorgeworfen, er sei Anhänger der Milieutheorie; er weiche aber in wesentlichen Punkten von der alten Milieutheorie ab. Allerdings halte auch er an der absoluten .Abhängigkeit des Individuums von der Gruppe, und der Gruppe von der Umwelt fest. Doch habe er ein neues Moment in die Milieutheorie hineingeworfen, die höchst wichtige Unterscheidung zwischen ökonomischem Mittel und ökonomischem Ziel. Oppenheimer geht schließlich auf die Grundlagen der Rassentheorie ein. Zuerst glaubte man in der Sprache ein Rassenmerkmal gefunden zu haben, das hat man aber später aufgegeben. Auch die Schädeltheorie hat versagt, und schließlich ist man auf seelische Eigenschaften verfallen; aber Abneigungen bestehen nicht nur zwischen Rassen, sondern auch zwischen verschiedenen Gruppen derselben Rasse. Nach dieser „langen Einleitung“, wie Oppenheimer sagte, kommt er nun zur Nutzanwendung auf die Judenfrage. Die Stadien, die das jüdische Volk durchgemacht hat, seien, erstens das Nomadentum, zweitens der patriarchalische Agrarstaat, dann die typische Zersetzung durch Sklavenwirtschaft; nach Zusammenbruch des römischen Reiches sei plötzlich Europa von einem Netz jüdischer Händler durchzogen; das habe aber, wie gesagt, darin seinen Grund, daß die Juden außer der Landessprache noch ihre eigene Sprache hatten. Das sei das ganze Geheimnis. Wenn man überhaupt von Rassen sprechen wolle, so müsse man die Rasse nicht als Anfang der Entwicklung, sondern als das Ende ansehen. Rassen könnten sich aber in wenigen Generationen bilden (hier scheint Oppenheimer den Einfluß der Vererbung anzunehmen. Der Ref.), und ebenso schnell sich verändern. Gebe man aber das zu, dann habe das ganze „Rassegeschmuse“ keinen Sinn. (Doch! wenn auch nicht für die Germanomanie, so doch für eine vernünftig gefaßte nationaljüdische Theorie.) Oppenheimer geht in einer Beziehung tiefer als seine Gegner, indem er sich nicht mit der Konstatierung des Rassegeistes begnügt, sondern dafür Erklärungen sucht; und wenn man auch vielleicht mit seinen Erklärungsversuchen des jüdischen Scharfsinns, des „kapitalistischen Geistes“ nicht einverstanden sein mag — ich will es hier nicht entscheiden —, so ist doch das Streben nach derartigen Erklärungen durchaus als ein gesundes anzuerkennen. Oppenheimers Einseitigkeit besteht darin, daß er das Moment der Vererbung vollkommen ignoriert. Man kann zwar aus seinen Erörterungen zwischen den Zeilen gleichsam herauslesen, daß er gleichfalls von dem Einfluß der Vererbung Gebrauch macht, direkt .ausgesprochen hat er es nicht; und zu verlangen, daß man es sich selbst heraussucht, ist eine Zumutung an das Publikum. Ueberhaupt liegt der Fehler von Oppenheimer darin, daß er glaubt, das Publikum folge ihm in alle Einzelheiten seines Vortrags, während der assimilatorische Teil seiner Zuhörerschaft sich lediglich mit dem Fazit „es gibt keine jüdische Rasse“, auf das sie von Anfang an gewartet, begnügt, um dann auf Grund der „wissenschaftlichen Ergebnisse eines Gelehrten“ gegen die nationaljüdische Theorie und den Zionismus scharf zu machen, während in Wirklichkeit eine vernünftig gefaßte nationaljüdische Theorie .mit Oppenheimer gar nicht so sehr im Widerspruch steht. Der böfunifdie DistriMsfag. Der _ diesjährige De'egiertentag der böhmischen Zionisten wurde Sonntag den 17. November, um 10 Uhr vormittags, im Festsaale des jüdischen Rathauses vom Obmann de: Distriktskomitees, Herrn Dr. Ludwig Singer, e-öffnet. Dr. Singer gedenkt zunächst der in diesem Jahre verstorbenen Parteimitglieder und erwähnt auch den Tod des uns freundlich gesinnten großen Dichters Jaroslav Vrchlicky. Sodann begrüßt er alle De'egierten, insbesondere auch den Vertreter des Aktionskomitees, Herrn Sekretär Kurt Blumenfeld, sowie den Verteretc des Zentralkomitees, Vizepräsidenten Herrn Dr. Emil Margulies. Es sei dis Bes*re.ben des Distriktskomitees gewesen, trotzdem es im Vorjahre nur mit knapper Majorität gewählt worden sei, das Vertrauen aller zu gewinnen. Hierauf erteilt der Vorsitzende das Wort dem Schriftführer des Distriktskomitees, Herrn Dr. Hugo Herrmann, zum Rechenschaftsbericht des Distriktskomitees. Wir haben heute in Böhmen 25 zionistische Vereine, davon 7 in Prag. Im abgelaufenen Jahre neugegründet ist der Verein in Krummau. Dazu kommen neun Schekelzahlergruppen, davon neugegründet Mie°, Przibram, Dobrisi Wot+itz. Von der Zentralstelle aus wurde die Agitation vor allem gefördert durch die Vermittlung von Tourneen, in deren Verlauf Herr Blumenfeld in Aussig, Budweis, Komotau ünd Prag, Herr Dr. Theilhab-r in Brüx und Aussig, Herr Davis Trietsch in Trau^enau, Gablonz, Komotau und Prag sprachen. Eine größere Tournee Blumenfeld steht ja auch jetzt wieder unmittelbar bevor. Dazu haben wir den Vereinen sonstiges Agitationsmaterial in größtem Maße zur Verfügung gestellt, Ratsch'äge wegen Ausnützung der Versammlungen gegeben, einige Propagandaaktionen, vor allem für den Zentralfonds, selbst direkt durchgeführt. Seit Jahren ertönten auf den Distriktstagen die Klagerufe über die Vernachlässigung und den Untergang des Zionismus in den tschechischen Gegenden. Vermöge günstigerer persönlicher Verhältnisse und durch eine energische Ausnützung alles Günstigen gelang es uns, diesen Teil der zionistischen Propaganda aber einmal auf ein neuer Geleise zu bringen. Wir warfen eine tschechische Broschüre hinaus, die in zweiter Auflage hergestellt werden mußte, so schlug sic ein (viele Zustimmungs- Schreiben gaben uns Mut und Hoffnung); dann wurde eine Beratung der tschechischen Zionisten in Ko'in abgehalten, wo neue Freude an der zionistischen Arbeit in die Herzen aller Freunde zog; am selben Abend wurde die Kampagne mit einer Monstreversammlung in Pardubitz, der Hochburg Auls für Einjährig-Freiwillige. Telefon: Stelle 6 von 3455. Witkowski ft Nacht Nadif. Julius Nadit's Witwe Wien, IX., Berggasse 27. empfiehlt sämtliche Uniformterungs- und Ausrüstungs-Sorten für das k k. Militär, Staats- und Eisenbahnbeamte, sowie für Einjährig-Freiwillige aller Branchen. Große Auswahl in Couleurbändern. Neuanschaffungen werden in kürzester Zeit effektuiert

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