Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 45 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE 2E1TUKG Nr. 45 sein, um die tötlidh'en Messerstiche der deutschen Meuchelmörder als Notwehr erscheinen zu lassen? Sei dem wie immer; in diesem traurigen Vorfall wie in der ganzen „Russenhetze“ liegt für uns Juden ein trauriges Memento. Wir alle leben in Feindesland, mögen liberale Schwül’stigkeiten und assimilatorische Vertröstungen auf das Paradies kommenden Fortschritts auch diese Tatsache in Abrede stellen. * * * * Renegatenart. . Herr Maximilian H ar d en, alias Witkofsky. aus Posen, dessen Ruhm seit der unsäglich jämmerlichen Eulenburgaffäre im raschen Schwinden begriffen ist, kann doch noch mit seiner VielsChwätzerei in Wien Säle füllen. Wird er doch, von der Wiener Journaille dem1 sensationslüsternen Publikum seit Jahren als großes Lumen, hingestellt, obzwar einer seiner Zunftgenossen, Karl Kraus, die ganze Unfähigkeit Witkofsky-Hardens schon längst enthüllt hat. Wir würden uns um Herrn Harden, der in Politik ebenso züh'ause ist, wie in Theater, Literatur usw., nicht kümmern, würde er nicht immer und immer wieder die echte Renegatenart zeigen. Diesmal ironisierte er die Könige von Griechenland und Bulgarien, weil sie germanisches und nicht slavisches Blut in den Adern haben und sagte dabei wörtlich: „Wenn ein Privatmann seines Vorteils wegen, der ihm anderswo winkt, seine Nationalität aufgibt, so sind wir alle nicht gerade geneigt, Ihn besonders hoch zu schätzen.“ Der Jude Witkofsky aus Polen, der nunmehr als urdeutscher Harden eine europäische Landplage geworden ist, merkt gar nicht, wie gut gerade ihm die Verurteilung des Renegatentums ansteht. Ja, auch wenn er in seiner „Zukunft“ wie so oft, gegen „Sem-Samen“ loszieht, hat er nicht das mindeste Gefühl dafür, daß er sich nur selber beschimpft. Das ist echte Renegatenart. Hnsnahmsgesetze gegen Juden - \ für Deuff Aland beantragt. Wir haben jüngst die Auslassungen 'eines deutschen Assimilantenblattes glossiert, das sich entrüstet hätte, weil jüdischnotionale Studenten den deutschen Juden ständig zurufen, sie mögen siCh um' jüdische und nicht um deutsche Politik kümmern. Wir verstehen diese Entrüstung sehr wohl. In dem gemischtsprachigen Oester¬ Feufllefon. Jüdische Sprichwörter«) Solange es jemandem gut geht, gilt er für weise. Der Schlemiehl fällt auf den Rücken und ' schlägt sich ein Auge aus. * Wen Gott zum Narren machen will, dem nimmt er die Frau in jungen Jahren. * Was nützt mir meine Weisheit, wenn -die V Dummheit regiert. * Ein Narr spricht, was er weiß; ein Weiser . weiß, was er spricht. * Ein Narr geht ins Bad und vergißt, sich das Gesicht zu waschen. * Bist du jmeschugge, schlag den Kopf an die Wand, aber laß andere in Ruhe. * Wer fällt zur Last: Ein Narr den Klugen und ein Kluger den Narren. * Besser ein vielgevvanderter Narr als ein zu Hause hockender Weiser. *) Aus dem gleichnamigen Buche von Artur Landsberger, Leipzig, 1912. Verlag Ernst Rowohlt. Zu beziehen-durch die „Jüdische Zeitung.“ reich mit seinen ostjüdische« Massen mag noch eine jüdische Politik diskutierbar sein, was bedeutet aber im freien Deutschen Reich für die an Zahl so schwache Judenschaft das Schlagwort „jüdische Politik“? So mögen die deutschen Israeliten denken, bei .denendaher die zionistische Aufklärungsarbeit nur mühsam vordringt. Wir fürchten aber, daß diese politisch ahnungslosen Leute, die von dem in Deutschland grassierenden amtlichen und sozialen Antisemi-- tismus noch immer nichts zu merken scheinen, obzwar den Juden jetzt schon nicht mehr nur die Offizier- und Beamterisitellen, sondern auch die Lehrstellen für die „freie“ Wissenschaft gesperrt werden, sehr bald und sehr unsanft aus ihrem politischen Dusel aufgeschreckt werden dürften. Denn eine neue und gefährliche Spielart des Antisemitismus ist in Deutschland im ständigen- Vordringen begriffen. Er ist eine Konsequenz des wachsenden deutschen Notionalismus, und wissenschaftlich genährt von den Duhring und Chamberlain. Es wachsen in Deutschland jetzt „völkische Bünde“ aus der Erde, welche die Reinhaltung der deutschen Rasse und die Verdrängung aller Fremden vom deutschen Boden verlangen. Noch machen sich die israelitischen Blätter in Deutschland über diese Bünde lustig und erst kürzlich wurde ein solcher von ihnen unisono blutig verhöhnt. Aber die Bewegung ist ernst zu nehmen, denn es fangen ganz angesehene Männer in Deutschland an, sich in ihre Reihen zu stellen. Unter diesen befindet sich nebst dem Historiker Wirth auch der bekannte Schriftsteller Dr. Heinrich Pudor, der in weiten Kreisen durch1 seine Untersuchungen über die dänischen Bauerngenossenschaften bestens bekannt ist, und den wir selbst einmal im Hinblick auf Palästina zitiert haben. Pudor veröffentlicht Pamphlet auf Pamphlet gegen die Juden, und . in seiner neuesten Schrift „Deutschland für die Deutschen! Vorarbeiten zu Gesetzen gegen die jüdische Ansiedlung Deutschland“ spricht es klar aus; daß die Deutschen den Juden ihre Gastfreundschaft zu kündigen und dafür zu sorgen haben, „daß kein Jude mehr im deutschen Vaterland ansässig ist, wenn unsere Kinder groß sind“ (Seite 5). Die Schädlichkeit der Juden für das Deutsche Reich wird umständlich zu erweisen gesucht, aber beim besten Willen, objektiv zu sein, können wir die Ausführungen Pudors nur als Ein Esel schimpft deii andern „Sackträger!“ v Narren haben zumeist schöne Frauen. Wenn der Messias kommen wird, werden alle Kranken geheilt werden — nur der Narr nicht. * Wer ist reich? der Genuß von seinem Reichtum hat. » Wer ist ein Ignorant? wer seine Kinder nicht zum Lernen ahhält. * Wenn ein Geizhals leichtsinnig wird, ißt er zur Suppe Torte. * Wo ein Stein vom Himmel fällt, fällt er auf mich. * Wenn es draußen Dukaten regnet, dann sitzt der Arme in der Stube. * Wenn Kabzunim (arme Teufel) tanzen wollen, reißen die Saiten. *. Wenn man dem Feuer enteilt, gerät man ins Wasser. Wenn ich Kerzen Zielverkäufen hätte, würde die Sonne nicht untergehen. * Faule Fische und Schlag’ dazu. * Wenn ich mit Leinwand handelte, würde niemand sterben. Seite 3 Unsinn, gemischt mit paar Körnchen Wahrheit bezeichnen. Das Ziel der Juden ist nach Pudor die jüdisch internationale Verbrüderung zwecks Durchsetzung des von ihm verpönten Intellektualismus, Liberalismus und Sozialismus. Man traut seinen Augen nicht, wenn man liest, daß ein Schriftsteller, der früher ernst zu nehmen war, unter anderem zum Beweis für die internationalen Ränke der Juden die Masseneinwaader rüng europäischer Proletarier nach Amerika, als ein Werk der jüdischen Journalisten bezeichn net, welche von den amerikanischen Eisenbahagesellschaften gedungen waren, Reklame für diese Einwanderung zu machen, damit die Landstriche, durch welche diese Bahnen laufen, bevölkert werden. Diese Probe der Phantasie des Herrn Pudor mag genügen. Daß hie und da ein richtiges Wort gegen die Assimilanten gesagt wird; kann für solchen Unsinn nicht entschuldigen. * Aber auch dort, wo die Angaben Pudors an Hand der Statistik nachgewiesen werden können, haperts mit seinen Angaben. So sagt er, daß die Deutschen in den Städten einen starken Geburtsrüdegang haben,, indes die Joden sich lustig weiter vermehren. Jede statistische Tabelle gibt demgegenüber ausnahmslos an, daß gerade bei den Juden der Geburtenrückgang insbesondere in den Städten, ein weit größerer ist, als bei den Nichtjuden. In Hessen zum Beispiel hat die Geburtenziffer in 35 Jahren (1866—1910)- bei den Nidrtjuden um 25 Prozent abgenommen, bei den Juden um 44 Prozent, und genau so ist es andr in Deutschland und Oesterreich. Ebenso wahr“ haft ist die Angabe Pudors, daß die-nordischen Germanen sich gegen die Assimilation noch mehr sperren als die Deutschen. Das Umgekehrte ist der Fall, den denn höchsten Prozentsatz jüdi- : scher Mischehen auf der ganzen Welt (über 60 Prozent) weist gerade — Kopenhagen; auf, etwas, was gerade der über Dänemark so sehr informierte Herr Pudor wissen sollte.- Natürlich gehen die Ideale dieses Judenhassers auf. schwärzeste Reaktion: Das Zunftwesen soll wieder emgefflirt, die, Eidetkomm^se erhalten werden, die Hausmdusvtrie soll ip. die Dörfer zurückkehren, die Vorrechte des Feudkladels dürfen nidit angetastet werden, dehn der Minderwertige darf mit dem Höherwertigen nicht gleichberechtigt sein! Was soll nun mit den Juden geschehen? Nachdem sie nach Pudor das deutsche Volk von innen und außen zersetzen, so dürfen sie, auch Er klaubt eine Feder auf und läßt das Federbett fallen. * Ein Richter muß haben: König Salomos Weisheit, Aristoteles’ Verstand, Simsons Stärke, Methusalems Alter und Hilels Geduld. * Wenn der Weise irrt, irrt er gehörig. * Lieber von einem Klugen eine Ohrfeigei ak von einem Narren einen Kuß. „Ein dummer Schankwirt“, denkt der Trunkenbold, „er hat Schnaps und verkauft ihn.“ » Wenn man nicht schreiben kann, sagt man, daß die Feder schlecht ist. * Er ist kein großer Gelehrter, aber auch kein kleiner Ignorant. * Einen Ziegenbock fürchtet man von vorne, ein Pferd von hinten und einen Narren von allen Seiten. * Ein Meschuggener schlägt nur bei fremden Leuten die Fenster ein. * Wenn der Narr die Kuh bei den Hörnern hält, kann sie der Kluge melke». * Wem Gott viel Leid bescheren wilL dem gibt er viel Verstand.