Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 44 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 flfiademllctie Juöenhefte in Preuben. Das tolerante und allen menschlichen Gefühlen hohnsprechende Verhalten der. preußischen Behörden gegenüber jüdischen Aflsländern ist wohlbekannt, doch werden die Ursachen nicht richtig eingeschätzt. Man ist geneigt, dieses Verhalten einzig auf das Konto der Beamtenwillkür und des rückständigen preußischen Junkertums' zu setzen. Wie falsch dieses Urteil ist, beweist das Resultat einer Umfrage, die von einem großen Berliner Blatte jüngst in Kreisen der Professoren der Berliner Universität veranstaltet wurde. Die Petersburger offiziöse „Rossija“ brachte vor einiger Zeit scharfe Angriffe gegen die im Auslande lebenden russischen Studierenden. Sie behauptete unter anderem: „Die russischen Studierenden verbreiteten überall da, wo sie _ in größerer Anzahl auftauchen, eine Atmosphäre, die den Traditionen, Rechten und Begriffen der westeuropäischen Studentenschaft absolut widerspricht. Ihr Verhalten zu den Professoren, zur Wissenschaft, zur einheimischen Studentenschaft, ihr Verhalten untereinander und ihr Verhalten zu den elementarsten Forderungen des Anstandes empören und beleidigen, die einheimischen Studenten und auch die ganze Bürgerschaft. Die ständigen Skandale, schmutzigen Geschichten und wüsten Zusammenstöße, die Sittenlosigkeit, die so weit geht, daß sogar die ruhigeren und gleichmütigeren Gesellschaftskreise vor den Kopf gestoßen w-erden, das alles mußte zu dieser Bewegung gegen die Horden führen, die jetzt ihre Früchte ernten müssen. Diese Horden sind durchweg revolutionär. Die einen mit Worten, die anderen mit Taten.“ Auf diese Angriffe hat die „Vossische Zeitung“ sich an eine Reihe von Berliner Universitätsprofessoren mit der Bitte gewandt, sich über, die Erfahrungen, die sie an der Hochschule j mit russischen Studierenden gemacht haben, zu J äußern. Wir greifen aus den Antworten eine heraus, die so recht beweist, daß auch ein preußischer Gelehrter seinen gemeinen Instinkten freien Lauf läßt, daß er zum Denunzianten, Vertäuender und Polizeibüttel wird, wenn es sich um Juden handelt. Professor "Dr. Schiemann von der Berliner Universität schreibt: „Auf ihre Anfrage beehre ich mich zu erwidern, daß ich das harte Urteil.der .„Rossija“. in dieser Allgemeüih'eif "für stärk" übertrieben' halte. Die jungen Russen aus guter Familie, die an unsere Universität, meist nach Beendigung ihrer Studien kommen, um sich wissenschaftlich weiter auszubilden, haben hier keinerlei Anlaß zu Beschwerden gegeben, und werden wegen Aires Fleißes und ihrer Haltung vielmehr gern gesehen. 'Anders steht es mit den Elementen, die von Hause her keinerlei gesellschaftliche Bildung mitbringen, und deren Reifezeugnisse zwar formell nicht anfechtbar sind, aber den Voraussetzungen nicht entsprechen, die wir an eine abschließende Gymnasialbildung stellen. Es gilt zumeist von den aus Russisch-Polen kommenden jüdischen Studenten, die sich allerdings als lästige, in den Kreis unsererer deutschen Studentenschaft nicht hineinpassende Elemente erwiesen haben. Auch ist es richtig, daß in ihrer Mitte politisch bedenkliche Tendenzen vorwiegen. An anderen deutschen Universitäten scheint es damit schlimmer zu stehen als in Berlin.“ Wie erlogen diese Behauptungen Schiemanns sind, geht aus. dem Urteile seines Kollegen Geheimrat Prof. Waldeyer hervor, welcher schreibt: „Wenn in der „Rossija“ unter anderem steht, daß das Verhalten russischer Studenten in Westeuropa zu den Professoren und zur Wissenschaft die einheimischen Studenten und die ganze Bürgerschaft beleidige, so muß ich dem nach meinen Erfahrungen auf das entschiedenste widersprechen. An Achtung vor ihren Lehrern, an“ Dankbarkeit gegen sie und vor allem an Fleiß und redlichem Bemühen etwas zu .lernen, haben es die russischen Studenten und Studentinnen im Berliner anatomischen Institute nicht fehlen lassen. Davon erhalte ich noch jährlich rührende Beweise aus dem weiten russischen Reiche. Um bei der Größe des russischen Reiches und der Mannigfaltigkeit seiner Bevölkerung kein Mißverständnis aufkomnien zu lassen, bemerke ich, daß ich bei diesen Ausführungen diejenigen russischen Staatsangehörigen im Auge habe, welche russischen und jüdischen Stammes . sind, und die auch wohl die „Rossija“ in ihrem Artikel gemeint hat.“ Wir haben die Ausführungen Schiemanns gebracht, um zu zeigen, daß der rüde Antisemitismus kein Privileg des büdungsfeindlidhen Pöbels ist und auch die Zierden der Gelehrsamkeit ihm gerne huldigen. JODISCHEZEITUNG Von der R3R0. Die „Allgemeine jüdische Kolonisations- Organisation“, wie der schwerfällige Titel der von Dr. Nossig gerundeten Gesellschaft zur Interessierung nichtzionistischer reicher Juden für die Orientkolonisation lautet, hat am 10. d. M. ihre’ Generalversammlung abgehalten. Wir haben gegen die AJKO. anfangs schwere Bedenken geäußert, weil sie in ihren Methoden geradezu eine gefährliche Richtung verfolgte. Seither hat sie einsehen müssen, daß gegen den Zionismus nichts zu erreichen ist und eine loyalere Haltung eingenommen. Trotzdem waren wir in Bezug auf 'die zu erwartenden Erfolge der AJKO. stets skeptisch und es scheint, daß sie tatsächlich noch nichts erreicht hat. Auch der diesmalige Beridht enthält zwar viele Worte und Namen, aber keinen greifbaren Erfolg. Wieder wird die „Verbindung“ mit der Bialstoker Gruppe erwähnt, die nur in einem seinerzeitigen Wunsch der AJKO. bestand, daß diese kapitalkräftige Gesellschaft mit ihr kooperieren möge, was bekanntlich nicht geschah. Der Bericht spricht von „Vorbereitungen“ für die Bialystoker Kolonie, welche die AJKO. „gefördert“ habe. Ferner wurden Komitees in Wien, Petersburg und Moskau gegründet. Von einem Erwerb namhafter Mittel wird nicht ein Wort berichtet, die ganzen Einnahmen werden mit Mk. 16.000 beziffert, denen Ausgaben in gleicher Höhe gegenüberstehen. Freilich wird die AJKO. einwenden, daß die gezeichneten Beträge aus Aktien Ihagr Orientbank bestehen, aber sie läßt , kein Sterbenswörtchen über deren Höhe verlauten, obzwar die Generalversammlung am 30. September stattgefunden hat. . Es ist wirklich1 schade um die Anstrengungen des Herrn Nossig, die in mehereren Jahren nach unseren Informationen noch nicht einmal 200.000 Mk. zustande gebracht haben, wovon mehr als die Hälfte von dem Vorsitzenden der AJKO. gespendet sein sollen. Bus dem jüöifdien Beben. Zur Kiewer Knabenmordaffäre. Petersburg. 'Immer unerklärlicher und widerspruchsvoller wird die' Haltung der Untersuchungsbehörde. in der Justschinsky-Affäre. Seit den "Enthüllungen Brasul-BrusChkowskis glaubt in Rußland kein Mensch mehr ernsthaft an die Schuld des armen Beilis, und selbst die blutrünstigen „Verbändler“ und schwarzen Hundertschaften waren eine Zeit lang recht kleinlaut; geworden und rechnetenmit der Freilassung. , Beilis’.' Der Umstand,' daß das Justizministerium den Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angelegenheiten, Maschkewitsch, nach Kiew entsandte, um eine „ergänzende Untersuchung . vorzunehmen und die-Angaben Brasuls und Krassowskis nachzuprüfen, schien darauf hinzudeuten, daß die oberste Justizbehörde des Reiches die auf die Feststellung eines „Ritualmordes“ abzielende Tätigkeit des früheren Untersuchungsrichters denn doch zu blamabel fand und den in allen juristischen Kreisen des In- und Auslandes als Justizskandal empfundenen Beilis- Prozeß liquidieren wollte. Nachdem nun Maschkewitsch plötzlich für viele Wochen aus Kiew verschwunden war, 'erfährt man jetzt, daß er in Petersburg den Professor der Theologie Troitzky und einen bekannten antisemitischen Popen Pranaitis aufgefordert hat, sich gutachtlich zu äußern, ob der Talmud und das kabbalistische Schrifttum des Mittelalters Stellen enthielten, die auf den rituellen Gebrauch christlichen Blutes durch die Juden schließen lassen! Das Gutachten von Prof. Troitzky soll bereits vorliegen und das Vorhandensein derartiger Hinweise entschieden verneinen. Wie die „Nowoje Wremja“ zu berichten weiß, setzt jedoch Maschkewitsch' die Nachforschungen nach dieser Richtung fort und läßt (zu diesem Zwecke — die Ikabbalistischen Handschriften der kaiserlichen Akademie in Petersburg studieren. Der Ritualmordprozeß soll also zur höheren Ehre der russischen Justiz und zu Nutz und Frommen der „staatserhaltenden“ Parteien in der gegenwärtigen Wahlkampagne um jeden Preis weitergeführt werden. Ein Institut für jüdische Kulturarbeit in Palästina. Anläßlich der .anfangs September d. J. abgehaltenen Jahreskonferenz der zionistischen Organisation hat Herr M. Feldstein aus Warschau einen Betrag von 42.000 Franks gestiftet, mit der Bestimmung, daß 40.000 Frks. als Grundstock für die Errichtung eines Instituts zur Förderung der jüdischen Kulturarbeit in Palästina und 20.000 Frks. zur Durchführung der nötigen Vorbereitungsarbeiten dienen sollen. Herr Feldstein hat diese 42.000 Frks. bereits der Jüd. Kolonialbank in London .überwiesen. In den letzten Wochen haben“mehrfach Sitzungen des von der Jahreskonferenz eingesetzten Gründungskomitees stattgefunden, an denen Herr Feldstein Seilgenommen hat. Die Vorbereitunsarbeiten für das Institut sind soweit gefördert worden, daß der nächsten .Sitzung des Großen Aktionskomites bereits ein Plan für die formelle Begründung des Instituts vorgelegt werden wird. Nr. 44 Der Bau des Hafens von Haifa. Haifa. Die Veihandlungen dei* türkischen Regierung mit. der französischen Firma Schneider- Creusot, betreffend den Bau des Hafens von Haifa, sind zur beiderseitigen Zufriedenheit beendet worden. Der Bau des Hafens wird der genannten Firma übertragen werden. Ein hebräisches Lehrerseminar in Galizien. Lemberg. Ende Oktober d. J. wurde hier das von der Organisationhebräischer Schulen in Galizien und der Bukowina (Histadruth Bathe- Sepher) ins Leben gerufene hebräische Lehrerseminar eröffnet. Die Anstalt ist mit einem Internat verbunden, in dem 20 Lehramtskandidaten wohnen. Der Lehrplan sieht folgende Unterrichtsgegenstände vor: Bibel, Talmud, hebräische Sprachlehre, hebräische Literatur nach Abschluß des Talmuds, Pädagogik, Arithmetik, Geometrie, Physik, Geographie, jüdische und allgemeine Geschichte, Turnen und Musik, ferner als fakultative Lehrfächer deutsche und polnische Sprache und Literatur. Eine jüdische Waisenanstalt und Ackerbauschule bei PethaCh-Tikwah. Aus der palästinensischen Kolonie Pethach- Tikwäh wird geschrieben: Das deutsch-jüdische Waisenhaus, das nahezu dreißig Jahre in Jerusalem bestanden hat, verlegte dieser Tage sein Domizil nach der Kolonie PethaCh-Tikwah, vor- - läufig in ein gemietetes Lokal, um später ein eigenes Heim zu beziehen, das im benachbarten Fedsche, auf dem Salvendischen Terrain aufgeführt werden soll. Das Waisenhaus wird von dem „Verein zur Erziehupg jüdischer Waisen in Palästina“, dessen Sitz' in Frankfurt ä. M. ist (Vorsitzende: Rabbiner Dr. Nobel und Fritz Sondheimer), erhalten. Ursprünglich hatte sich das Waisenhaus zur Aufgabe gemacht, seine Zöglinge zu Handwerkern zu 'erziehen. Dabei machte aber die Leitung die Erfahrung, daß die jungen Handwerker, von den höheren Löhnen, die im Auslande gezahlt werden, angelockt, vielfach auswanderten. Da nun' andererseits an einem tüchtigen, fachlich ausgebildeten Bauernstand in Palästina Mangel ist, nahm der Verein das Anerbieten des Herrn Rabbiner Dr. A. Salvendi, zurzeit in Karlsruhe, freudig an, das Waisenhaus, für das er unermüdlich tätig, ist, auf sein Gut nächst Pethach-Tikwah zu verlegen, um die Zöglinge zu Ackerbauern zu erziehen. Vorerst sollen sie die Feldarbeit unter Anleitung eines tüdhti-. gen Landwirts praktisch -lernen. Vorzugsweise soll Molkerei, Geflügelzucht und Gemüsebau :be- 2 trieben .und eine Musterfarm geschaffen werden. ' Für "die" effördeflichen Baulichkeiten r:ist ’'d'efp-Betrag von 80.000 bis 100.000 Franks vorgesehen. Versammlung jüdischer Landarbeiter in Palästina. Ende September fand in Jaffa der Delegiertentag der jüdischen Landarbeiterorganisation „Hapoel Häzalr“ statt. An der Tagung nahmen etwa 100 Delegierte aus den landwirtschaftlichen Kolonien. Judäas, " ferner eine Anzahl Ver- ' treter aus den galiläischen Kolonien teil. Es wurden verschiedene Beschlüsse zur wirtschaftlichen und geistigen Hebung der jüdischen Landarbeiterschaft gefaßt. 1 # Jüdische Gemeindewahlen in Jaffa. Jaffa. Die Organisierung unserer Gemeinde madht gute Fortschritte und nimmt immer festere Formen an. Die Wahlen für den Waad-Ha’ir (Gemeindevorstand) sind bereits beendigt. Gewählt wurden 22 Gemeindemitglieder, zu denen der Chachambaschi als Ehrenvorsitzender' hinzukommt. Die Zahl 23 ist wohl in Anlehnung an die Zahl des kleinen Synhedrions, wie es bei unseren Altvordern in Erez-Israel bestand, gewählt worden. Der Chachambaschi. eröffnete die konstituierende Versammlung. mit einer herzlichen Ansprache. Hierauf wurden in den engeren Gemeindevorstand gewählt: J. L. Abuhow (Vorsitzender), Scheinkin, Berlin, Dr. Metmann, Chanoch und von den Sephardim: Schiusch und DOPPEL-MALZ BIER. Austria-Brauerei Wien-Neudorf. - llel-Hiranl J. liiilli neo Wien, II., StelaniejtraBe Nr. 14. - Telephon interurban 13702. 70 modernst eingerichtete Zimmer von K 2.80 aufwärts. In nnmittelb. Nähe des Nord-u. Nordwestbahnhofes, 5 Minuten vom Stadtzentrum. , BADEN bei Wien, Antonsg. 13, Franzensstr. 34. 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