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Jüdische Zeitung · 1912-11-08 · 44 (8.11.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
44 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3 Nr. 44 JÜDISCHE ZEITUNG wig Baer nimmt den Zionismus (vor den Angriffen Dr. Breuers, des Initiators der Agudath Israel, in Schutz. Allerdings sieht diese Verteidigung wie eine Verdammung aus. Er nimmt den wahren Zionismus, der im Kampf gegen das Hineintragen des Fremden ins Judentum und gegen die Nichtachtung der eigenen Art seine Grundpfeiler habe, gegen das Ueberwuchern assimilatorischer Tendenzen in Schutz. Solche sieht er in einem Betrachten der jüdischen Schriften durch die Brille der protestantischen Bibelkritiker, in einer Veachtung des Ghettos und im Vergöttern des Fremden. In Paranfhese: Gott schütze den Zionismus vor jenen Kämpen aus allen Lagern, welche jals Priester der währen und reinen Idee auftreten, indes die einzige wahre Interpretation des Zionismus in den von der Organisation gefaßten Beschlüssen zutage tritt. Gegen diesen Zionspriester, der ihm eigentlich Recht gibt, hat Breuer .ein leichtes Spiel. Er tut die Hoffnung Baers, daß jene von ihm kritisierten, assimilatorischen Velieitäten nicht die Oberhand im Zionismus gewinnen werden, mit dem Hinweis auf die Beschlüsse des letzten Kongresses bezüglich des Kulturprogramms ab und sagt: „Reform ist Assimilation der Einzelnen an die Einzelnen. Zionismus ist Assimilation der Nation an die Nationen.“ Er meint das in dem Sinne, daß wir Zionisten die nationale Idee von den anderen Völkern' entlehnt haben. Dr. Breuer sagt damit nur etwas, was neulich Kurt Blurrtenfeld mit den Worten ausdrückte: „Der Zionismus ist ein Kulturgeschenk Europas an die Juden.“ Breuer hat also ganz recht darin, daß alle modernen Ideen vom Zionismus übernommen worden sind. Aber, was uns von ihm scheidet, sind zwei Dinge: Erstens sehen wir die nationale Idee als die Erhalterin des Judentums und auch die Religion als eine vorwiegend nationale an. Wir mußten daher die nationale Idee von anderen Völkern nur deshalb entlehnen, weil sie bei uns zwar latent, aber nicht mehr bewußt vorhanden war. Sie als etwas den Juden Wesensfremdes, also Assimilatorisches zu bezeichnen,;das ist-doch - nuF-ein orthodoxer. Rabbiner ..imstande, indes jeder wirkliche Kenner jüdischer Geschichte diese als den staunenswertesten Beweis von der Kraft nationaler Ideen ansieht. Auch die anderen Ideen, die wir von der modernen übernommen haben, sind im Grunde urjüdische, man denke nur an die soziale. Zum zweiten aber sehen wir alles jeweilig Jüdische als historisch geworden und nicht als für ewige Zeiten feststehend an. Die Lebens- und Denkformen der Juden waren zu verschiedenen Zei- Zeiten und in verschiedenen Ländern grundverschieden, sie ändern sich* fortwährend, selbst in den Religionsanschauungen hat eine unablässige Entwicklung stattgefunden. Die Orthodoxie war gewiß eine geschichtlich notwendige Form der Erhaltung, aber heute ist sie es nicht mehr. Der Zionismus ist gleichfalls nichts anderes, als eine historisch notwendige Entwickelungsstufe des Judentums und er wird nicht schwinden, bis er nicht sein Ziel erreicht hat. Ihn als „unjüdisch“ und „assimilatorisch“ zui brandmarken, obzwar er dem Geist der Zeit und den Notwendigkeiten des Volkes entspricht, nur aus dem Grunde, weil er nicht den Anschauungen einer anderen, älteren Daseinsform des Judentums entspricht, zeigt nur von engsinnigem Fanatismus. Mit anderen Worten: Herr Dr. Breuer, anstatt den Zionismus als unjüdisch zu verdammen, zeige uns einmal, wie die Orthodoxie der wirtschaftlichen, politischen, sozialen und moralischen Judennot abhelfen könne, wenn schon der Zionismus nichts taugt, dann wollen wir mit ihm weiter reden. Som&art wider Oppenheimer. Unser Bruderblatt die „Jüdische Rundschau“, Berlin, schreibt unter obigem Titel: Auf dem zweiten Deutschen Soziologentage, der in der vorigen Woche in Berlin stattfand, kam es zu einem recht scharfen Zusammenstoß zwischen Dr. Franz Oppenheimer und Prof. Werner Sombart — nicht wegen der Judenfrage, aber wegen des ihr zugrunde liegenden soziologischen Problems, der Rassenfrage. Natürlich kann es nicht anders sein, als daß, wenn man über „Rasse“ oder „Milieu“ streitet, die Judenfrage im gar nicht fernen Hintergründe lauert. Hätte jene Diskussion auf dem Soziologentage auch nur eine Stunde länger dauern können, so wäre man in die schönste Judendebatte hineingeraten. So hat’s die Sehnsucht nach dem heimatlichen Abendbrot für diesmal noch verhindert. . . Also die Rassenfrage: Oppenheimer hatte für den Soziologentag ein Referat über „Rassentheoretische Geschichtsphi’.osophie“ angekündigt, und man hatte sich davon etwas versprochen. Wurde aber leider ziemlich arg enttäuscht. Nachdem er sich recht breit in einer mit — an jener Stelle zumindest überflüssigen — höhnischen Bemerkungen und Witzen gespickten Verurteilung der „Rassentheorie“ ergangen, gab es einen ziemlich kurzen und ebenso schalen positiven Teil, der als eine Verteidigung der Milieu- Theorie aufgefaßt wurde, obwohl Oppenheimer sich später dagegen verwahrte, ein Anhänger dieser Theorie zu sein. Tatsache ist jedenfalls, daß Oppenheimer den sogenannten Rassenmerkmalen jede denkbare Veränderungsmöglichkeit infolge wechselnden Milieus zusprach und von irgendeiner Konstanz des Rassencharakters nichts wissen wollte. Es gab ein kleines Sensationellen: als Oppenheimer etwas reichlich boshaft — mehr im Ton als in Worten — von Houston Stewart Chamberlein sprach, verließen einige von dessen Anhängern, die bei Oppenheimers Auftreten von Anfang an etwas nervös geworden waren, den Saal; und am Nachmittag gab in der Diskussion dann einer von ihnen eine so alberne und persönliche Erklärung ab, daß man ihn — mit Recht — nicht weiter reden ließ. Aber in der Sache wandten sich auch alle anderen Diskussionsredner, Driesmans, Tönnies, Max Weber und vor allem Sombart, entschieden gegen Oppenheimer. Am. mildesten im Ton und am verbindlichsten in der Sache Weber, der nicht nur zugab, sondern immer wieder ausdrücklich hervorhob, daß von der ganzen Rassentheorie bis heute auch nicht ein Pünktchen wissenschaftlich bewiesen oder auch nur beweisbar j sei, daß man für die Vorzeit wohl für immer werde darauf verzichten müssen, exakte Beweise j beizubringen, wenn man bedenke, wie ungej heuerlich schwer selbst für unsere Zeit Beweismaterial zu erstellen sei. Das sagte Weber sehr kühl, sehr objektiv, obwohl er hervorhob, daß er selbst persönlich durchaus von der Existenz und Bedeutung konstanter Rassenfaktoren überzeugt sei. Nichtsdestoweniger müsse man es streng wissenschaftlich bei dem „Non liquet“ bewenden lassen. Das stach angenehm ab von Sombarts recht heftiger Philippika, in der er alle Thesen der Milieu-Theorie nicht nur, sondern in der er auch die ganze materialistische (lies: ökonomische) Geschichtsauffassung für überwunden erklärte. Oppenheimer hätte nicht nachweisen dürfen — meinte Sombart —, daß im Laufe einiger Jahrhunderte aus einer kleinen, schwächlichen Ochsenrasse eine große, kräftige geworden sei, er hätte beweisen müssen, daß aus den Ochsen — Schafe geworden seien, wenn seine Theorie von der Variabilität der Rasse bestehen wolle. Wie damit, so hat sich Sombart dann noch mehrfach verhauen in seiner Verteidigung der Rassenlehre, und es konnte niemanden wundernehmen, daß Oppenheimer, der aus dem Angreifer der Angegriffene worden war, sich recht temperamentvoll seiner Haut wehrte. Den alten Streit der Rassen- und der Milieutheorie hat also der zweite Deutsche Soziologentag seiner Lösung nicht nähergebracht, er hat ihn vielmehr zu einem so scharfen, pointierten Ausdruck gebracht, daß er nun wohl wieder in der Literatur neu aufleben wird-. Hier dazu in kurzen Worten Stellung zu nehmen, wäre zwecklos. Der Zionismus ist ja eine Art Stellungnahme: Eine Art Stellungnahme freilich nur — denn der Zionismus ist eine politische Partei, die, von bestehenden Pänomenen ausgehend, postuliert, was nach der Meinung ihrer An- ] bänger in Zukunft geschehen soll. Sie kann!■ naturgemäß nicht ebenso einheitliche Auffassung ä darüber vertreten, was zu diesen gegenwärtigen! Zuständen geführt hat, d. h. was in der Vergangenheit geschehen ist. Aber immerhin liegt doch deip Zionismus eine — innerhalb gewisser Grenzen bestimmte Auffassung — der Geschichte zugrunde. Und von dieser war in dem Referat Oppenheimers, der sich ja zu unseren Gesinnungsgenossen zählt, allerdings wenig zu entdecken. Darüber wird vielleicht noch einiges zu sagen sein, wenn Oppenheimers Referat gedruckt vorliegen wird. Die Beteiligung der Juden am Kriege auf sep&tfte Seite. (Privatkorrespondenz der „Jüd. Zeitung.) Belgrad, 2. November 1912. Von ungefähr 6000 jüdischen Einwohnern Serbiens sind ungefähr S00 eingerückt. Von diesen 800 sind 15 Reserveoffiziere und einer aktiver Hauptmann, alle anderen gewöhnliche Soldaten. Trotzdem die jüdischen Offiziere ’in Serbien nicht schlechter als die nichtjüdischen behandelt werden, widmen sich Juden selten der militärischen Laufbahn. Während des jetzigen Krieges haben sich die Juden glänzend bewährt. In Serbien existiert kein antisemitisches Blatt. Das am wenigsten judenfreundliche, das Regierungsblatt „Politika“, hat in einer seiner fetzten Nummern den Juden besonderes Lob gespen- | det. Es schrieb unter anderem, daß zwei Kompanien, die größtenteils aus Juden zusammengesetzt sind, tapfer gekämpft und zwei türkische Forts, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen, eingenommen naben. Einundzwanzig jüdische Aerzte sind am Schlachtfelde mit sehr großem Erfolge tätig. In den Spitälern in den Städten arbeiten auch jüdische Aerzte und zeichnen sich überall aus. So wurde z. B. einem unserer Gg., dem jungen Dr. Eszkenaz y, (Mitglied der Wiener zion. Vereinigung „Bar-Giora“) die Organisation und die Leitung der provisorischen Spitäler in Belgrad anvertraut. Fast sämtliche Juden und Jüdinnen haben sich freiwillig zum roten Kreuze gemeldet. Sie verrichten in den Spitälern nur die gröbsten Arbeiten. Unsere Gesinnungsgenossin Frau Dr. AJcalay und ihre Tochter haben gemeinsam mit einigen anderen Frauen die Oberaufsicht über die Küchen in den Spitälern. Gg. Oberrabbiner von Serbien Dr. Alcalay hat sich mit einem Vorstandsmitgliede der israelitischen Kultusgemeinde Belgrads in die neu eroberten Städte begeben, um dort durch Reden beruhigend auf die Einwohner zu wirken. Die Juden Belgrads besitzen zwei Kultusgemeinden, eine spaniolische und eine deutschjüdische. Die spaniolische hat der Regierung innerhalb von zehn Tagen schon zirka 20.000 K für Spitäler etc. gespendet. Die deutsch-jüdische hat unter Leitung ihres Rabbiners des Gg. Schlang ein provisorisches Spital mit 20 Betten und eine Ambulanz eingerichtet und versorgt die Verwundeten mit Lebensmitteln. Momentan sind in allen Spitälern Belgrads ungefähr fünf jüdische Verwundete untergebracht. Es heißt, daß bisher 50 serbische Juden gefallen sind. Man sieht also, 'daß die Juden, wenn es notwendig ist, mit voller Begeisterung ihrem Adoptiv - Vaterlande, ohne Murren, Gut und Blut opfern. Werden es angesichts solcher Tatsachen noch Leute zu erklären wagen, daß der Jude kein guter Patriot sei? ,S. A.‘ Bois ffip Einjäftrig-Erziwillige. Telefon: Stelle 6 von 3455. Witkowski & Nacht Nodif. Julius Nadifs Wien, 1X.> Berggasse 27. empfiehlt sämtliche Uniformierungs- und Ausrüstungs-Sorten für das k. k; Militär, Staats- und Eisenbahnbeamte, sowie für Einjährig-Freiwillige aller Branchen. Große Auswahl in Couleurbändern. Neuanschaffungen werden in kürzester Zeit effektuiect.

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