Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1912-11-08 · 44 (8.11.1912) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
44 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438380-2438424--3282-2443034
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

öeite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 44 Ein Jude kann in Preußen nicht Professor werden. Hermann Cohen ist in den weitesten Kreisen aufs rühmlichste bekannt. Er ist Professor der Philosophie an der Marburger Universität und hat durch Gründung der neukantischen Schule eine große Bedeutung für die Entwicklung der Philosophie. Cohen ist aber auch ein überzeugter Jude und hat .Werke und Abhandlungen über die jüdische Ethik veröffentlicht. Wegen seines hohen Alters tritt Cohen vom Lehrstuhl zurück. Allgemein gilt einer seiner Schüler, Ernst Cassierer, als der berufendste Nachfolger Cohens in der von ihm gegründeten „Marburger Schule“. Aber Cassierer ist ein Jude und deshalb will und wird ihn die preußische Regierung nicht berufen. Der Fall ist deshalb interessant, weil er zeigt, daß heute auch der befähigste Jude in Preußen nicht Professor werden kann. Alle die jüdischen Ordinarii, welche an die preußischen Universitäten lehren, sind in früheren Zeiten ernannt worden. Von nun ab wird man damit rechnen müssen, daß kein Jude in Preußen ordentlich er Hochschulprofessor werden kann .... Der „Fortschritt“ ist unverkennbar, aber er geht eben mach einer anderen Richtung, als die Herren Fortschrittler glauben. Es ist ein Fortschritt zum AntisemEtismus, drüben, wie hüben. Der jüdisch-polnische Demokrat Herr von Löwenstein. Herr von Löwenstein, die Zierde der galizisch-jüdhchen Assimilation, kann wegen des Widerstandes seiner christlichen Klubkollegen nicht zur Geltung kommen. Zum Klubredner wird er nur in solchen Fällen designiert, wo nicht nur advokatorische Geschicklichkeit, sondern auch entsprechende Elastizität des Gewissens nötig sind, zum Delegierten wollen ihn seine demokratischen Klubkollegen nicht wählen, im galizischen Landtag hat man ihn ganz 'ausgeschaltet.' Herr von Löwenstein bemüht sich darum, auf andere Weise öffentliches Aergernis zu erregen. In Bestätigung dieser Absicht führte dieser sonderbare Demokrat vorige Woche eine Abordnung von Wechselstubenbesitzem zum Finanzminister und forderte, daß man dieser Geldmännerkategorie den Vertrieb der neueinzuführenden Klassenlotterie übergebe. Einige Tage vorher verlangte eine Deputation des österreichischen Trafikantenverbandes, daß man den Verkauf der Klassenlotterielose den durch Auflassung des kleinen Lottos geschädigten Kollektanten und Trafikanten überlasse. An dieser Deputation nahmen auch die Vertreter des galizischen Trafikantenverbandes, der 17.000 Mitglieder (darunter 15.000 Juden) zählt, teil. Trotzdem diese Tatsache Herrn Lö- . wenstein bekannt sein mußte, trat er, der Demokrat und „jüdische“ Vertreter, als Fürsprecher einer Forderung auf, -welche den Wünschen von tausenden Familien zuwiderläuft. Diese Lumperei charakterisiert das Wesen der jüdisch-assimilatorischen Demokratie in unzweideutiger Weise Herr von Löwenstein ist nicht nur ein Verräter an den Juden, er ist auch ein Feind demokratischer Interessen. Reinlich Scheidung. Ein polnisches Warschauer Blatt, der „Goniec“, veröffentlicht eine Zuschrift eines Juden- Polen, weicher im Namen einer größeren Assimilantengruppe erklärt, daß diese Gruppe wegen der ausgesprochen separatistischen Haltung der Warschauer Juden entschlossen sei, sich taufen zu lassen, um alle Bande mit den „antinationalen Zionisten und Litwaken“ zu zerreißen. Diese Nachricht ist — erfreulich. Denn sie beweist, daßder Kampf zwischen Assimilation und Nationaljudentum in Warschau bereits entschieden ist — zu Gunsten des Nationaljudentums. Das Verhältnis zwischen beiden Richtungen ist nunmehr klar und unzweideutig. Die im letzten Wahlkampf niedqrgestampfte Assimilation, die nunmehr auch von der politisch verbündet gewesenen jüdischen Orthodoxie verlassen ist, zieht die letzten Konsequenzen ihrer Anschauungen und sagt sich vollständig vom Judentum los. Das Jonglieren mit den Worten jüdische Konfession und polnische Nationalität, die Ekelerregende (Heuchelei des Assimilantentums sollen ein Ende finden. Wir können mit diesem Ausgange nur zufrieden sein, denn die räudige Assimilation wird in Warschau nicht mehr .das Judentum verpesten. Die Scheidung wird reinigend wirken, und die Juden in Polen werden den gefährlichen inneren Feind los sein. Oie man uns behämpft. i. Der „rüde Ton“ der Zionisten. Bekanntlich ist es die Manier unserer Gegner hier zulande, sich dort, wo (sie unsere Kritik, mit Argumenten nicht bekämpfen können, über unseren „rüden Ton“ zu beklagen und uns salbungsvolle Lehren über das Verhalten gegenüber jüdischen Gegnern zu erteilen. Wiederholt wird auch die feine Unterscheidung zwischen der hehren Idee des. Zionismus und den bösen Buben des Zionismus gemacht. Bisher glaubten wir, dieses Pharisäertum sei ein spezifisch österreichisches Gewächs, während andererseits unsere Gegner hierzulande, versicherten, daß nur in Wien der „rüde Ton“ der Zionisten herrsche, draußen, in der weiten Welt, wäre das anders; die deutschen Zionisten wurden uns zerknirschten Sündern als leuchtendes Beispiel vorgehalten. Doch beide Teile haben sich arg getäuscht. Erscheint da ein „Israelitisches Gemeindeblatt“ in Köln und vergießt Krokodilstränen über die „Schattenseiten“ des Zionismus, dem „bekanntlich“ das Blatt durchaus objektiv gegenüberstehe, besonders über den „rüden Ton“ der Berliner Zionisten. Und .mit Behagen schlürfen wir den famosen Artikel, der jeine uns ach so bekannte Melodie variiert. Hören wir einmal, was von der „Taktik und Gebahrungsart der Berliner Spielart des Zionismus“ ausgesagt wird: „Wüste Agitation“, „übertemperamentvolles Eingreifen jugendlicher zionistischer Elemente“, „lärmender Tumult“, „wüste Szenen“, „rücksichtsloses Draufgängertum“, „Chuzpe Erscheinung“, usw. Das Blatt scheint dasselbe Lexikon zu benützen, wie alle ähnlichen Assimilantenblätter. Man muß aber auch hören, womit die Berliner Zionisten sich diese „wüsten Beschimpfungen des objektiven Blattes verdient haben; Als „Chuzpe Erscheinung“ wird z. B. bezeichnet, „daß kaum dem Jugendalter entwachsene Jünglinge der deutschen Judenheit zurufen dürfen, sie habe sich um deutsche Politik nicht zu kümmern und was dergleichen mehr ist.“ Das heißt mit anderen Worten: Es fist eine Chuzpe von Hochschulstudenten, eine nationale Gesinnung zu vertreten. Möge doch das „Gemeindeblatt“ dies einmal den deutschen oder den israelitischen deutschen Studenten sagen. Jüdischnationale werden sich diese „Chuzpe“ von ihm nicht gefallen lassen. Natürlich sieht sich das famose Blatt genötigt, zwischen „Zionisten und Zionismus eine Scheidelinie zu ziehen“. Wir schlagen vor, zu diesem Zwecke die Zionisten aus idem Zionismus auszuschließen und dessen Vertretung den deutschen Israeliten zu übergeben. Auch die Nuance fehlt nicht, daß der „Berliner Typ“ als Ausnahme, wie (sie nur in den Großstädten blüht, bezeichnet wird. Immerhin, das Vordringen der „wüsten Agitatoren“ ist ein so bedeutendes, daß die geängstigten deutschen Israeliten nach einem Mittel suchen, wie dem sieghaften Zionismus wirksam begegnet, werden . könnte. Und. da man der zionistischen Idee keine andere Idee entgegenzusetzen hat, so erinnert man sich daran, wie glänzend der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ seine Aufgabe, den Antisemitismus totzuschlagen, gelöst ■ hat und gründet nach seinem Muster einen „Verein zur |Abwehr des Zionismus“. Wir bemerken, daß dies nicht etwa ein schlechter Witz von uns ist, sondern daß diese Gründung eben geboren wird. Zeugnis davon legt der erwähnte Artikel des Kölner Blattes ab. Nachdem .es sich als „objektiv“ erklärt und den Zionismus vor den Zionisten in Schutz genommen hat, gerät es in eine etwas peinliche Lage, (da es die Notwendigkeit jener Gründung begründen soll. Es dreht sich daher die Sache so, daß jener Verein die Aufgabe hätte, den „rüden Ton“ der Zionisten zu bekämpfen. Er sagt (darüber — wir zitieren wörtlich, also bitten wir nochmals, nicht an einen schlechten Scherz zu denken — „zu einer Erziehung zu besseren Sitten und vornehmerer Lebensart sollte diese Gegenorganisation die Herren Zionisten führen.“ Es handelt sich also um folgendes: Die Zionisten haben keine Lebensart. Daher gründen die Antizionisten einen Verein zur Abwehr des Zionismus, um dem Zionisten eine vornehmere Lebensart beizubringen! Eine brillante Idee! Den Nobelpreis ihren Erfindern! Und wenn die bösen Zionisten auch durch den Abwehrverein von ihrem „rüden Ton“, mit dem sie die Dinge beim währen Namen nennen, nicht abgebracht werden sollten, dann könnte man’s vielleicht wieder einmal mit der famosen Denunziation bei den Staatsanwälten, daß die Zionisten keine Patrioten wären, versuchen! 1 II. Die Angriffe der Orthodoxie. Viel ernster als der hilflose Unsinn, den die Assimilanten unserer Idee entgegensetzen, sind die Angriffe der Orthodoxie zu nehmen. Das ist begreiflich. Die Assimilanten, die den Bestand des Judentums nicht wollen, haben uns auf dessen Boden nichts entgegenzusetzeri. 1 > Ein Atzt, der die Krankheit mit dem Tod kurieren will, ist noch schlechter, als einer, 'der eine falsche Diagnose stellt. Die Orthodoxen befinden sich in diesem Falle. Aber sie Jsind wenigstens im Besitze einer Therapie. Sie meinen, das Judentum sei zu kurieren, wenn ies zur Orthodoxie zurückkehren würde. Dies wir neuerdings klar durch eine Diskussion im .„Israelit“, die unter dem Titel „Jung-Zion“ geführt wird. Ein gewisser Lud- Energie überwindet alte Schwierig- " keilen. Eine noch nicht bewusst ausgenutzte Energiequelle ist das im Kaffee enthaltene Koffein. Es ist ein. Freund des Menschen, denn es regt seine gute Laune, seine Phantasie,- sein Gedächtnis und seine Tatkraft mächtig an. Aber nur richtig gerösteter Kaffee zeigt keine üblen Nachwirkungen. Richtig gerösteten und immer frischen Kaffee kauft . man bei Julius BÜ3S&. E.-!2ec-l2K»rl Gegründet 1862. 9nsns NIEDERLÄNDISCHE LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais.—Uersiihepfes Kapital zirka 380 Millionen. — Prämienreseroe zirka 113 Millionen.—Billigste Prämien und kulanteste Badingungen. Engagiert jeöerzeit tOöitige, leistungsfähige Bgenten gegen hohe Bezöge. Hushünfte erteilt Oie Generalagenlsdiaft tüien, i., Bspcrnplatz 1 (Leiter:. Daoifl Hebenzahl). Für Ostgalizien u. Bukowina: Subflirehtlon Lob! Taubes, Lemberg.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.